mini|Heinrich Heine zur Zeit der Winterreise 1843/44 Deutschland. Ein WintermärchenIn der originalen Orthographie lautete der Titel: Deutschland. Ein Wintermährchen. (1844) ist ein satirisches Versepos des deutschen Dichters Heinrich Heine (1797–1856). Den äußeren Rahmen dafür bildet eine Reise, die der Autor im Winter 1843 unternahmDie Reise begann am 21. Oktober und endete am 16. Dezember 1843. und die ihn von Paris nach Hamburg führte.Zur genauen Reiseroute vgl. unten die „Übersicht“ zum „Inhalt“.
Der Untertitel Ein Wintermärchen spielt auf William Shakespeares Alters-Romanze The Winter’s Tale (1623) an und weist darauf hin, dass Heine seinen Gedichtzyklus als Gegenstück zu dem drei Jahre früher entstandenen Versepos Atta Troll. Ein Sommernachtstraum verstand, das seinen Untertitel ebenfalls einem Werk Shakespeares verdankt: der Komödie A Midsummer Night’s Dream (1600). Die formale Verwandtschaft der beiden Epen zeigt sich zusätzlich darin, dass auch das Wintermärchen, wie der Atta Troll, genau 27 Capita umfasst, deren Strophen ebenfalls aus Vierzeilern bestehen.Beim Metrum endet allerdings die Ähnlichkeit, denn der Atta Troll benutzt Trochäen, das Wintermärchen dagegen Jamben und Anapäste.
Entstehungsgeschichte Unzufrieden mit den politischen Verhältnissen im Deutschland der Restaurationszeit, die ihm als getauftem Juden keine Möglichkeit für eine juristische Tätigkeit boten, und auch um der Zensur zu entgehen, emigrierte Heine 1831 nach Frankreich.
mini|130px|Abdruck in „Neue Gedichte“ 1844
1835 verbot ein Beschluss des deutschen Bundestags seine Schriften zusammen mit den Veröffentlichungen der Dichter des Jungen Deutschland. Ende 1843 kehrte er noch einmal für wenige Wochen nach Deutschland zurück, um seine Mutter und seinen Verleger Julius Campe in Hamburg zu besuchen. Auf der Rückreise entstand, zunächst als Gelegenheitsgedicht, der erste Entwurf zu Deutschland. Ein Wintermärchen, den er im Laufe der nächsten drei Monate zu einem höchst humoristischen Reiseepos weiterentwickelte, zu versifizierten Reisebildern, die eine höhere Politik atmen als die bekannten politischen Stänkerreime.So Heine in einem Brief an seinen Verleger Campe am 20. Februar 1844. Sein damaliger Verleger allerdings fand das Werk von Anfang an zu radikal und warnte seinen Schützling:
Das fertige Versepos erschien 1844 beim Verlag Hoffmann und Campe in Hamburg. Nach der Zwanzig-Bogen-Klausel, einer Zensurrichtlinie der Karlsbader Konferenz von 1819, unterlagen Manuskripte von mehr als zwanzig Bogen, also mehr als 320 SeitenEin Bogen entspricht 16 Druckseiten., vor dem Druck nicht der Zensur. Daher brachte der Verlag Deutschland. Ein Wintermärchen zusammen mit anderen Gedichten im Band Neue Gedichte heraus. Trotzdem musste sich Heine zu seinem Bedauern vor der Veröffentlichung seines Werkes „dem fatalen Geschäfte des Umarbeitens“ unterziehen und den Versen zahlreiche „Feigenblätter“ anheften, um dem voraussehbaren allgemeinen „Naserümpfen“ etwas vorzubeugen und sich gegen den Vorwurf zu wehren, ein „Verächter des Vaterlands“ und parteiischer „Freund der Franzosen“ zu sein.Vorwort zu Deutschland. Ein Wintermärchen.
Schon am 4. Oktober 1844 wurde das Buch in Preußen verboten und beschlagnahmt. Am 12. Dezember 1844 erließ König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen einen Haftbefehl gegen Heine. In der Folgezeit wurde das Werk wiederholt von den Zensurbehörden verboten. In anderen Teilen Deutschlands war es zwar in Form einer – ebenfalls bei Hoffmann und Campe erschienenen – Separatausgabe erhältlich, doch musste Heine es kürzen und umschreiben.
Inhalt mini|Erste Separatausgabe
Übersicht Der folgende Überblick der Kapitel zeigt den groben Verlauf und die Hauptstationen der literarischen Kutschfahrt: Capita I – II: Französisch-deutsche Grenze; Caput III: Aachen; Capita IV – VII: Köln; Capita VIII – XIII: Westfalen (Mülheim, Hagen, Unna, Paderborn); Capita XIV – XVII: Exkurs über Kaiser Barbarossa; Caput XVIII: Minden; Caput XIX: Bückeburg und Hannover; Capita XX – XXVI: Hamburg; Caput XXVII: Epilog.
Die tatsächliche Hinreise, die nicht „im traurigen Monat November“ (Caput I, erste Strophe), sondern bereits im Oktober stattfand und „welche höchst langweilig und ermüdend war“So schreibt Heine am 28. Oktober 1843 an Mathilde Heine und fährt fort: „Ich bin ganz erschöpft. Ich hatte viel Ungemach und schlechtes Wetter.“, nahm jedoch den kürzeren Weg über Brüssel, Münster, Osnabrück und Bremen nach Hamburg.Vgl. Fritz Mende: Heine Chronik. Hanser, München 1975, S. 169. Erst die Rückfahrt (vom 7. bis 16. Dezember) verlief über die oben angegebenen Stationen.
Heine verknüpft seine Reisebeschreibung anhand regionaler, historischer und autobiografischer Fakten mit politischen und philosophischen Betrachtungen. Dabei stellt der Ich-Erzähler seine „illegalen“ Gedanken in den Vordergrund, die er sozusagen versteckt als „Konterbande“ (Schmuggelgut), wider das Verbot, mit sich führte.
Deutschland. Ein Wintermärchen zeigt Heines bilderreiche poetische Sprache in enger Verbindung mit sarkastischer Kritik an den Zuständen in seiner Heimat. Der Autor stellt seine liberale gesellschaftliche Vision dem trüben „Novemberbild“ des reaktionären Heimatlandes gegenüber. Er kritisiert vor allem den deutschen Militarismus und reaktionären Chauvinismus gegenüber den Franzosen, deren Revolution er als Aufbruch in ein sozialeres Europa versteht. Er bewundert Napoleon als Vollender der Revolution und Verwirklicher der Freiheit. Sich selbst sieht er nicht als Feind Deutschlands, sondern als patriotischen Kritiker aus Vaterlandsliebe: Pflanzt die schwarz-rot-goldne Fahne auf die Höhe des deutschen Gedankens, macht sie zur Standarte des freien Menschtums, und ich will mein bestes Herzblut für sie hingeben. Beruhigt euch, ich liebe das Vaterland eben so sehr wie ihr.Aus Heines Vorwort zu Deutschland. Ein Wintermärchen.
Zu den einzelnen Kapiteln Caput I: Nach dreizehn Jahren im Exil steht H.Obwohl, streng literaturwissenschaftlich genommen, der Reisende und der Autor des Versepos nicht deckungsgleich sind, ist doch einerseits der autobiografische Charakter des Textes so offensichtlich und sind andererseits Begriffe wie Erzähler, lyrisches Ich und Protagonist ebenfalls so wenig zutreffend, dass es im Folgenden, schon der formalen Einfachheit halber, ausnahmsweise erlaubt sein soll, Autor und Erzähler als mehr oder weniger identisch anzusehen und zu einem neutralen „H.“ zu verkürzen. nicht ohne Rührung zum ersten Mal wieder an der deutschen Grenze und fühlt sich wie durch Zaubersäfte wunderbar erstarkt. Angesichts eines kleinen Harfenmädchens, das mit wahrem Gefühl und falscher Stimme die alte Leier vom irdischen Jammertal singt, verspricht er seinen deutschen Freunden (mit dem nun folgenden Versepos) ein neues Lied, besseres Lied: Wir wollen hier auf Erden schon / Das Himmelreich errichten.
Caput II: Bevor H., voller Euphorie, im Gepäck nur Hemden, Hosen und Schnupftücher, doch im Kopf ein zwitscherndes Vogelnest / Von konfiszierlichen Büchern, deutschen Boden betreten kann, wird sein Gepäck von den preußischen Zöllnern visitieret und beschnüffelt: Ihr Toren, die Ihr im Koffer sucht! / Hier werdet Ihr nichts entdecken! / Die Contrebande, die mit mir reist, / Die hab ich im Kopfe stecken.
Caput III: Im langweiligen Nest Aachen begegnet H. erstmals wieder preußischen Soldaten: Noch immer das hölzern pedantische Volk, / Noch immer ein rechter Winkel / In jeder Bewegung, und im Gesicht / Der eingefrorene Dünkel. H. lästert über deren Schnurrbärte (Der Zopf, der ehmals hinten hing, / Der hängt jetzt unter der Nase) und macht sich ironisch lustig über den Helm, die Pickelhaube: Ein königlicher Einfall wars! / Es fehlt nicht die Pointe, die Spitze! / Nur fürcht ich, wenn ein Gewitter entsteht, / Zieht leicht so eine Spitze / Herab auf Euer romantisches Haupt / Des Himmels modernste Blitze! mini|Der unfertige Kölner Domzur Zeit Heinrich Heines
Caput IV: Auf der Weiterreise nach Köln spottet H. über die anachronistische deutsche Gesellschaft, die lieber rückwärtsgewandt den seit dem Mittelalter unvollendeten Kölner Dom fertig baue, als sich der neuen Zeit zu stellen. Dass die Arbeiten an dem mittelalterlichen Bauwerk im Zuge der Reformation eingestellt wurden, bedeutet für den Dichter den eigentlichen Fortschritt: Die Überwindung des traditionellen Denkens und das Ende der geistigen Unmündigkeit. H. ersetzte in der Separatausgabe die letzte Strophe aus der Edition Neue Gedichte durch fünf neue, in denen er Kritik an der Heiligen Allianz übte.
Caput V: H. trifft auf den Rhein, als Vater Rhein deutsche Ikone und deutscher Erinnerungsort. Der Flussgott zeigt sich aber als unzufriedener alter Mann, des deutschtümelnden Geschwätzes überdrüssig. Er sehnt sich nach den fröhlichen Franzosen zurück, fürchtet jedoch deren Persiflage wegen Nikolaus Beckers politisch kompromittierenden Rheinlieds, das den Fluss als reine Jungfrau darstelle, die sich ihren Jungfernkranz nicht rauben lassen wolle. Doch da kann ihn H. beruhigen: Die Franzosen seien inzwischen noch ärgere Philister geworden als die Deutschen. Sie singen nicht mehr, sie springen nicht mehr und tränken jetzt Bier und läsen Fichte und Kant.
Caput VI: H. bringt die Überzeugung zum Ausdruck, dass einmal gedachte Gedanken nicht wieder verloren gehen können und revolutionäre Ideen sich auf Dauer auch in der Realität durchsetzen. Als ausführendes Organ seiner revolutionären Gedanken lässt H. einen Dämon auftreten, der wie ein Liktor ein Beil vor sich hertrage und ihm schon lange als schattenhafter Begleiter folge, immer präsent und auf ein Zeichen wartend, um das Urteil des Dichters sofort zu vollstrecken: „Ich bin die Tat von deinem Gedanken.“
Caput VII: Gefolgt von seinem stummen Begleiter wandert H. durch Köln. Zuletzt erreicht er den Dom mit seinem Dreikönigenschrein und zerschmettert die armen Skelette des Aberglaubens. Die Heiligen Drei Könige können dabei als Anspielung auf die reaktionäre Heilige Allianz der Großmächte Preußen, Österreich und Russland gesehen werden. Deutsche sind souverän alleine noch im Luftreich des Traums.„Franzosen und Russen gehört das Land, / Das Meer gehört den Britten, / Wir aber besitzen im Luftreich’ des Traums, / Die Herrschaft unbestritten.“
Caput VIII: H. fährt mit der Kutsche über den Postkurs von Köln nach Hagen. Die Reise führt zunächst durch Mühlheim (jetzt Köln-Mülheim), das in H. seine frühere Begeisterung für Napoléon Bonaparte in Erinnerung ruft. Dessen Umgestaltung Europas hatte auch in H. die Hoffnung auf Vollendung der Freiheit wachgerufen. mini|links|150px|Hermannsdenkmal bei Detmold
Caput IX: In Hagen genießt H. die altgermanische Küche mit Sauerkraut, Kastanien, Grünkohl, Stockfischen, Bücklingen und Würsten, gewürzt mit satirischen Spitzen gegen metaphorische Schweinsköpfe – Noch immer schmückt man den Schweinen bei uns / Mit Lorbeerblättern den RüsselAnspielung auf literarische Lohnlakaien. – und eine allzu fromme Gans: Sie blickte mich an so bedeutungsvoll, / So innig, so treu, so wehe! / Besaß eine schöne Seele gewiß, / Doch war das Fleisch sehr zähe.Anspielung auf den mit Heine befreundeten Rechtsphilosophen Eduard Gans.
Caput X: H. singt ein gutmütiges Loblied auf die lieben, guten WestfalenWährend seiner Göttinger Studentenzeit hatte sich Heine der Landsmannschaft (später Corps) Guestphalia angeschlossen.: Sie fechten gut, sie trinken gut, / Und wenn sie die Hand dir reichen / Zum Freundschaftsbündnis, dann weinen sie; / Sind sentimentale Eichen.