mini|Münze der Stadt Achulla in der Provinz Africa mit Porträt des Varus Publius Quinctilius Varus (* 47/46 v. Chr. in Cremona, Römisches Reich; † 9 n. Chr. in Germanien) war ein Senator und Feldherr der augusteischen Zeit. Obwohl er zuvor eine glänzende Karriere hatte, ist sein Name vor allem mit der römischen Niederlage in der nach ihm benannten Varusschlacht verbunden, bei der unter seiner Führung drei römische Legionen ihren Untergang fanden, als sie von Germanenstämmen unter der Führung des Cheruskerfürsten Arminius angegriffen wurden. Varus selbst nahm sich noch auf dem Schlachtfeld das Leben.

Leben

Frühe Jahre

Varus wurde als Sohn des Quästors Sextus Quinctilius Varus († 42 v. Chr.) geboren und entstammte einer der vornehmsten und ältesten Familien der römischen Nobilität, die ihre Abstammung bis auf die Könige von Alba Longa zurückführte. Sein Vater war überzeugter Republikaner und stand im Bürgerkrieg aufseiten der Gegner des Gaius Iulius Caesar, wurde aber von diesem begnadigt. Nach dessen Ermordung floh er mit den Caesarmördern nach Griechenland und beging nach der Niederlage von Philippi Selbstmord. Seinem Sohn schadete diese Abkunft jedoch nicht. Er scheint eine gute Erziehung genossen zu haben und gehörte seit Beginn seiner politischen Laufbahn zum engeren Anhängerkreis des Augustus.Grundlegend: Walther John: P. Quinctilius Varus. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XXIV, Stuttgart 1963, Sp. 907–984. Vgl. a. Reinhard Wolters: Die Schlacht im Teutoburger Wald. Arminius, Varus und das römische Germanien. München 2017, S. 75f.

Bereits um 21/20 v. Chr. wurde Varus als ein von diesem persönlich ausgewählter quaestor Augusti auf Tenos öffentlich geehrt.Hermann Dessau, Inscriptiones Latinae selectae, Nr. 8812 = Inscriptiones Graecae 12, 5, Nr. 940: „das Volk [ehrt] Publius Quintilius Varus, den Quästor des Imperator Caesar Divi f. Augustus, den Patron [und Wohltäter]“. Eine weitere Ehrung erhielt er in Pergamon.Athenische Mitteilungen. Band 29, 1904, S. 175, Nr. 18. Vgl.

Zusammen mit dem etwa fünf Jahre jüngeren Tiberius, der damals ebenfalls Quästor war, begleitete Varus den Augustus auf dessen Orientreise (22–19 v. Chr.). Einige Jahre später wird er die Prätur bekleidet haben. Vermutlich war er während der Eroberung des Alpenraums im Jahr 15 v. Chr. prätorischer Legat der später in Germanien mit ihm untergegangenen Legio XIX, wie eine neue Lesung der Inschrift auf einer Bleischeibe zeigt, die im Legionslager Dangstetten gefunden wurde.Hans Ulrich Nuber: P. Quinctilius Varus siegte … In: 2000 Jahre Varusschlacht: Imperium. Theiss, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-8062-2278-4, S. 106–113. Auch hier hätte er im Umfeld des Tiberius gewirkt. Er war demnach, anders als lange Zeit angenommen, schon vor seiner Statthalterschaft mit den Verhältnissen im keltisch-germanischen Raum vertraut. Hans Ulrich Nuber vermutet zudem, dass Varus im folgenden Jahr 14 v. Chr. vor der Übernahme des Konsulats prätorischer Statthalter einer Provinz war, möglicherweise des neu eroberten Rätien.

Konsulat und Statthalterschaft in Africa und Syrien

Varus’ bedeutende Stellung und seine Zugehörigkeit zu dem von Augustus geförderten Kreis von Patriziern verdeutlicht die vermutlich altersgemäße (in suum annum) Übernahme des Konsulats im Jahre 13 v. Chr. Auch dieses Amt übte er gemeinsam mit dem späteren Princeps („Kaiser“) Tiberius aus, was eine zusätzliche Auszeichnung darstellte. Möglicherweise ist er neben Tiberius auf dem Fries der Ara Pacis dargestellt.John Pollini: Ahenobarbi, Appuleii and some others on the Ara Pacis. In: American Journal of Archaeology. Band 90, 1986, Nr. 4, S. 453–460, besonders S. 459–460. Auch verwandtschaftlich war Varus eng mit Augustus verbunden: Wohl in zweiter EheReinhard Wolters: Die Schlacht im Teutoburger Wald. Arminius, Varus und das römische Germanien. München 2017, S. 77. heiratete er Vipsania, die Tochter von Augustus’ Vertrautem Agrippa und Claudia Marcella der Älteren. Ihre ältere Halbschwester war Vipsania Agrippina, die erste Frau von Tiberius. Nach Vipsanias Tod war Varus in dritter Ehe mit deren Cousine Claudia Pulchra, der Tochter des Marcus Valerius Messalla Appianus und der Claudia Marcella der Jüngeren, verheiratet. Beide Ehefrauen waren beide Großnichten des Augustus. Mit Claudia Pulchra hatte er einen Sohn, den Senator Publius Quinctilius Varus Minor († 27 n. Chr.). Eine von Varus’ SchwesternZu Varus Schwestern siehe Ronald Syme: The Augustan Aristocracy. Clarendon Press, Oxford 1986, S. 315–318. heiratete Lucius Nonius Asprenas, der in einem Giftmordprozeß, an dem Augustus teilnahm, freigesprochen wurde. Eine weitere Schwester war vermutlich Frau von Sextus Appuleius, einem Neffen des Augustus,Inschriften von Kyme 18. Vgl. eine dritte Schwester war mit einem Cornelius Dolabella verheiratet.Tacitus, Annales 4,66; entweder ein Sohn des Konsuls von 44 v. Chr. (so etwa Ronald Syme: The Augustan aristocracy. Clarendon Press, Oxford 1986, S. 316) oder der Suffektkonsul von 35 v. Chr. Vgl. Patrick Tansey: The Perils of Prosopography: The Case of the Cornelii Dolabellae. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik, Band 130, 2000, S. 267–271 (online).

In einem der folgenden Jahre (zwischen 13 und 2 v. Chr.) war Varus senatorischer Statthalter (Prokonsul) der Provinz Africa, vermutlich im Amtsjahr 8/7 v. Chr.Bengt E. Thomasson: Fasti Africani. Senatorische und ritterliche Amtsträger in den römischen Provinzen Nordafrikas von Augustus bis Diocletian. Paul Åströms, Stockholm 1996, ISBN 91-7042-153-6, S. 22 f. Über seine dortige Amtszeit ist nur wenig bekannt,Walther John: P. Quinctilius Varus. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XXIV, Stuttgart 1963, Sp. 909–911. doch war Africa nach Asia die wichtigste senatorische Provinz und für die Getreideversorgung Roms von großer Bedeutung.Walther John: P. Quinctilius Varus. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XXIV, Stuttgart 1963, Sp. 909. Varus’ Statthaltertätigkeit ist durch undatierte Münzen belegt, auf denen er sich gemeinsam mit Augustus und dessen Enkeln und designierten Nachfolgern Gaius und Lucius Caesar abbilden ließ. Diese Loyalitätsadresse an Augustus ließe sich als Indiz einer möglichen Entfremdung gegenüber Tiberius vor oder während des siebenjährigen Exils ab 6 v. Chr. lesen, in das dieser sich aus Enttäuschung über die Zurücksetzung durch seinen Stiefvater Augustus zurückzog.Reinhard Wolters: Die Schlacht im Teutoburger Wald. Arminius, Varus und das römische Germanien. München 2017, S. 82.

Wohl von 7/6 v. Chr. bis 5/4 v. Chr. war Varus kaiserlicher Statthalter von Syrien (legatus Augusti pro praetore provinciae Syriae), wo er einen der stärksten Heeresverbände des Reiches mit drei Legionen befehligte.Walther John: P. Quinctilius Varus. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XXIV, Stuttgart 1963, Sp. 911ff. Er löste damit Gaius Sentius Saturninus ab. In SyrienÜber die Tätigkeit des Varus vgl. den Bericht des Flavius Josephus, Jüdischer Krieg 1,617 ff.; 2,1 ff.; Derselbe, Jüdische Altertümer 17,89 ff. war Varus mit den besonderen Herausforderungen der vorderorientalischen Welt konfrontiert. Als Statthalter von Syrien übte Varus auch eine Kontrollfunktion über das benachbarte Königreich Judäa aus, wo Herodes der Große herrschte. Zusätzliche Brisanz erhielt die Situation durch den wachsenden römischen Einfluss in Judäa. Der polytheistische Götterkult widersprach dem jüdischen Bilderverbot und den strengen, monotheistischen Glaubensvorstellungen.Karoline Resch: Moderne Ansätze zu Fragen des Kontrollverlusts einer Besatzungsmacht - Rom und Judäa. Österreichische Militärische Zeitschrift, 6/2013, S. 3–14 (online). Varus war Richter, als Herodes seinen Sohn Antipatros wegen versuchten Vatermordes anklagte. Nach dem Tod des Herodes im Jahr 4 v. Chr. schlichtete Varus die Erbauseinandersetzung von dessen drei Söhnen, indem er alle drei nach Rom schickte, so dass Augustus persönlich die Entscheidung treffen konnte. Währenddessen untersagte er dem Procurator Syriae Sabinus, den Staatsschatz des Herodes zu konfiszieren, solange die Rechtslage nicht geklärt war. Der von Velleius Paterculus später erhobene Vorwurf, Varus habe sich in Syrien unrechtmäßig bereichert (Als armer Mann betrat er das reiche Syrien, als reicher Mann verließ er das arme Syrien),Velleius Paterculus, Historia Romana 2,117,2. wird daher von Ralf-Peter Märtin und anderen Forschern als unglaubwürdig eingeschätzt. Doch es kam zur Eskalation, als eben der römische Finanzbeamte Sabinius trotz anderslautender Befehle des Varus nach Jerusalem reiste. Dort beschlagnahmte Sabinius das Vermögen des Herodes, plünderte den Tempelschatz und setzte die Hallen auf dem heiligen Tempelberg in Brand. Als Sabinius und seine Truppen von aufgebrachten Juden belagert wurden, musste ihm Varus militärisch zur Hilfe eilen. Mit zwei Legionen zog er nach Jerusalem und nahm viele der Belagerer gefangen, so konnte er den allgemeinen Aufstand durch energischen Militäreinsatz innerhalb eines halben Jahres niederwerfen. An den Rädelsführern statuierte Varus ein Exempel: Auf Varus’ Befehl wurden 2000 Juden ans Kreuz geschlagen, eine Strafe, mit der Rom schwere Verbrechen wie Rebellion oder Hochverrat bei Peregrinen ahndete.

Statthalter in Germanien Von 7 bis 9 n. Chr. war Varus dann legatus Augusti pro praetore in Germanien, wobei umstritten ist, ob das Gebiet bis zur Elbe damals, wie etwa Werner Eck annimmt, bereits Provinzstatus besaß.Werner Eck: Augustus und seine Zeit. München 2003, S. 97; Werner Eck: Eine römische Provinz. Das augusteische Germanien links und rechts des Rheins. In: 2000 Jahre Varusschlacht. Imperium (Katalog zur Ausstellung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe in Haltern am See, 16. Mai – 11. Oktober 2009). Stuttgart 2009, S. 188–195. In dieser Rolle hatte Varus auch das Oberkommando über die fünf am Rhein stationierten Legionen. Offensichtlich sollte er als Verwaltungsfachmann das militärisch scheinbar unterworfene Gebiet organisieren. Er setzte den Provinzialisierungsprozess beispielsweise durch die Errichtung von Kastellen fort, befriedete das Land, sprach Recht und ließ Steuern eintreiben. Es ist anzunehmen, dass insbesondere die römische Rechtsprechung sowie die Steuererhebung in Form von Naturalien bei den Germanen zunehmenden Unmut auslöste. Möglicherweise verhielt sich Varus dabei besonders undiplomatisch.

Im Frühsommer des Jahres 9 n. Chr. zog Varus mit den drei Legionen XVII, XVIII, XIX – insgesamt etwa 15.000 bis 20.000 Legionäre und Hilfstruppen – von Vetera (Xanten) entlang der Lippe zur Weser in das Sommerlager, um weiter östlich römische Präsenz zu zeigen. Die beiden anderen Legionen blieben in Mogontiacum (Mainz). Für den Rückweg wählte Varus im Herbst auf Veranlassung von Arminius und Segimer eine andere Route, nachdem Arminius ihm von einem angeblichen Aufstand berichtet und gebeten hatte, diesen unterwegs niederzuschlagen. Segestes und einige andere sollen Varus zwar vor einem Verrat des Arminius gewarnt haben, Varus entschied sich aber dafür, dem Vorschlag des Arminius zu folgen. Vermutlich hoffte Varus, auf diese Weise leicht militärischen Ruhm erlangen und so seine Karriere krönen zu können.