Hunger bezeichnet eine alltägliche Empfindung, die sich durch Verlangen nach Nahrung auszeichnet. Der Begriff kann aber auch die dauernde Lage des Hungerns oder ein Leben einschließen, in dem man nicht das Nötige hat, um sich zu ernähren. Zudem kann unter Hunger auch der objektive, physiologische Hungerzustand des Körpers bei Nahrungsmittelmangel bzw. Unterernährung verstanden werden. Hunger ist ein Mangel an Nahrung.

Der Begriff Hunger bezeichnet ein physisches, soziales, gesellschaftspolitisches, geschichtswissenschaftliches, psychologisches, aber auch wirtschaftliches Phänomen, das je nach Betrachtungsweise unterschiedlich dargestellt werden kann. Weltweit bekämpft auf der politischen Ebene die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), insbesondere mit dem Welternährungsprogramm (WFP, erhielt Friedensnobelpreis 2020) den Hunger.

Die biologische Funktion des Hungerreizes besteht darin, die ausreichende Versorgung des Organismus mit Nährstoffen und Energie sicherzustellen. Reguliert wird das Hungergefühl unter anderem durch Neurotransmitter, die im Hypothalamus produziert werden.

Physiologische Vorgänge mini|Video: Warum haben wir Hunger? (1:44 min) Die Regulation von Hunger und Sättigung ist bei Menschen ein sehr komplexer Prozess, an dem zahlreiche Faktoren beteiligt sind. Viele von ihnen sind nach wie vor nicht komplett erforscht. Das trifft vor allem auf die beteiligten Hormone zu.

Ein wesentlicher Auslöser von Hunger ist nach aktuellem Forschungsstand das Glucoseniveau im Blut; dieser Wert wird von Rezeptoren in Leber und Magen an den Hypothalamus im Zwischenhirn gemeldet, in dem sich ein Hungerzentrum und ein Sättigungszentrum befinden. Bei Hypoglykämie werden Hungerreize ausgelöst. Außerdem spielt der Insulinspiegel eine wichtige Rolle, der ebenfalls permanent überprüft wird. Vom Gehirn berücksichtigt werden auch die im Körper gespeicherten Fettreserven in den Fettzellen; diese setzen permanent das Hormon Leptin frei. Je weniger Leptin im Blut vorhanden ist, desto häufiger treten starke Hungergefühle auf. Dies gilt jedoch nur für Menschen mit Normalgewicht, bei Adipositas ist stets eine große Menge Leptin im Blut, die jedoch nicht den erwarteten sättigenden Effekt hat, da in jenem Fall eine Leptin-Resistenz vorliegt. Wie stark die Esslust hier durch die Psyche bestimmt wird, ist noch ungeklärt. Bei Diäten sinkt die Leptinkonzentration generell deutlich, was nachfolgende Heißhungeranfälle erklärt. Erst Ende der 1990er Jahre wurde das Hormon Ghrelin entdeckt. (Entdeckung und erste Veröffentlichung über das Ghrelin) Seine Konzentration sinkt nach der Nahrungsaufnahme und steigt dann allmählich wieder an. Es wird im Magen-Darm-Trakt gebildet und wird vorwiegend vom Füllungzustand des Magens gesteuert (Mechanorezeptoren).

Neben diesen physiologischen Prozessen lösen aber auch eine Reihe von äußeren Einflüssen wie Geruch, Geschmack oder Aussehen der Nahrungsmittel Hunger oder Sättigung aus.Welt.de: Essen wenn der Hunger nagt ist die beste Diät

Heißhunger Der Heißhunger (Zynorexie) unterscheidet sich von normalen Hungergefühlen durch einen plötzlich einsetzenden extremen Drang nach sofortiger Nahrungsaufnahme, wobei mitunter körperliche Symptome wie Zittern und Schweißausbrüche hinzukommen. Häufig besteht ein starkes Verlangen nach Süßem oder nach bestimmten Nahrungsmitteln, das eher mit Appetit gleichzusetzen ist als mit Hunger. Mediziner unterscheiden drei Formen von Heißhunger: den körperlich bedingten, den psychisch bedingten und eine Mischform.

Der körperlich bedingte Heißhunger kann als Signal für eine akute Unterzuckerung auftreten, also einen starken Abfall des Blutzuckerspiegels, der nicht nur bei Diabetes mellitus auftreten kann. Am schnellsten steigt der Blutzuckerwert durch schnell resorbierbare Kohlenhydrate wie Traubenzucker an, da diese Zuckerart besonders schnell ins Blut aufgenommen wird. Heißhunger kann durch häufiges Essen von schnell resorbierbaren Kohlenhydraten wie Einfachzucker und Weißmehlprodukte begünstigt werden. Vollkornprodukte und fett- oder eiweißreiche Lebensmittel verzögern den Blutzuckeranstieg und halten den Zuckerspiegel nach einer Mahlzeit für längere Zeit konstant. Nach Diäten kann es zu Heißhungeranfällen kommen, da der Körper so den Kalorienverlust wieder auszugleichen versucht. Es gibt hormonell bedingte Heißhungeranfälle in der Schwangerschaft und bei einigen Frauen in einer bestimmten Phase des monatlichen Menstruationszyklus.

Der Heißhunger auf bestimmte Lebensmittel kann kulturell unterschiedlich interpretiert werden. Verspürt eine Frau einen Heißhunger auf Gewürzgurken, wird dies in Deutschland als Indiz für eine mögliche Schwangerschaft verstanden. In Frankreich wird dagegen beim Heißhunger auf Erdbeeren eine Schwangerschaft vermutet. Aufgrund ihrer Inhaltsstoffe gelten beide Nahrungsmittel als besonders geeignet zum Verzehr während der Schwangerschaft. , Karambolage 281

Psychisch bedingter Heißhunger wird nicht durch einen körperlichen Bedarf, sondern häufig durch Stress und negative Emotionen ausgelöst, wobei die Essgelüste zu einer Gewohnheit werden. Sättigungsgefühle werden von einer verstärkten Serotoninausschüttung durch den Hypothalamus begleitet (Serotonin gilt als stimmungsaufhellend). Viele Heißhungeranfälle stellen eine Mischform dar. Regelmäßige Essanfälle gelten als Essstörung und kommen sowohl bei Adipositas-Patienten als auch bei Bulimie und Binge-Eating-Störung vor. In diesen Fällen geht die Kontrolle über die Nahrungsaufnahme während eines Anfalls völlig verloren.Vox-Beitrag: Heißhunger

Hedonischer Hunger Die erwartete Freude am Essen kann einen positiven Anreiz geben, ohne dass ein Kaloriendefizit vorhanden ist. Besonderes besteht Appetit auf energiedichte, fettreiche und süße Lebensmittel. Ferner besteht ein Zusammenhang zwischen Emotionen - sowohl positiven (z. B. Freude) als auch negativen (z. B. Stress oder Depression) - und dem Essverhalten. Besonders in westlichen Gesellschaften mit reichlichem Nahrungsangebot kann emotionales Essen zu Übergewicht führen, insbesondere bei Kindern. Dies passiert besonders dann, wenn gesunde Nahrung wie Gemüse und Ballaststoffe vermieden werden. Kardiovaskuläre Krankheiten, Hypertonie und Typ-2-Diabetes können die Folge sein, selbst bei Jugendlichen.

Hunger-beeinflussende Darmflora Es besteht eine enge Wechselwirkung zwischen dem intestinalen Mikrobiom (Darmflora) und den Nährstoffsensoren auf der Darmoberfläche. Über die Kommunikation der Darm-Hirn-Achse werden diese Signale über den Vagusnerv, das periphere Kreislaufsystem oder das Immunsystem an das zentrale Nervensystem weitergeleitet und beeinflussen so den Appetit des Wirts. Die Bildung dieser „Mikrobiota-Darm-Gehirn“-Achse verdeutlicht die entscheidende Rolle der Darmflora bei der Appetitregulation. Die regulierenden Signale des Appetits beruhen in erster Linie auf Appetithormonen z. B. Ghrelin, und mikrobiellen Metaboliten wie kurzkettigen Fettsäuren.

Hungern und Fasten Bis in die Gegenwart müssen Menschen in einigen Weltregionen damit rechnen, Opfer einer Hungersnot zu werden und aus Nahrungsmangel zu verhungern. Es gibt daher die wissenschaftliche Theorie, dass das menschliche Gehirn im Laufe der Evolution genetisch so programmiert wurde, dass das Essverhalten dem Anlegen von Energiereserven für Notzeiten entspricht. Demnach wäre die Bevorzugung energiereicher Nahrungsmittel und übermäßiges Essen bei reichhaltigem Nahrungsangebot angeboren.Artikel Diäten, in: Udo Pollmer/Susanne Warmuth, Lexikon der populären Ernährungsirrtümer, München 2006, S. 91 f.Focus: Das Programm der Evolution Einige andere wissenschaftliche Erklärungsansätze widersprechen dieser These.

Bei stark reduzierter Nahrungszufuhr oder völligem Nahrungsentzug schaltet der Körper schon nach einem Tag auf den Hungerstoffwechsel um. Das gilt auch für niedrigenergetische Diäten. Das bedeutet, dass der Körper den Energieverbrauch stark senkt, was unter anderem dazu führt, dass der Blutkreislauf langsamer arbeitet und die Körpertemperatur etwas absinkt. Er gewinnt die nötige Energie zunächst aus der vorhandenen Glykogenreserve und danach aus dem Fett der Fettzellen, nach einigen Tagen zunehmend aus dem körpereigenen Eiweiß, wobei es hierfür keine Depots gibt, sondern die Muskelmasse abnimmt. Bei längerfristigem Nahrungsentzug, auch beim Fasten, kann u. a. der Herzmuskel geschädigt werden. Außerdem wird nach dem Fettgewebe auch anderes Körpergewebe allmählich abgebaut. Beim Hungerstoffwechsel kommt es zur Ketose. Der lang anhaltende Verzicht auf Nahrung oder lang anhaltende Hungerzustände führen letztendlich zum Hungertod.

Folgen Bei anhaltendem Hunger werden vom Gehirn eine Reihe von Stresshormonen ausgeschüttet, was zu psychischem Stress und innerer Unruhe führt. Gleichzeitig werden jedoch auch stimmungsaufhellende Hormone gebildet, vor allem Serotonin. Obwohl Fasten für den Körper physiologisch dieselben Auswirkungen hat wie Hungern, entfällt in diesem Fall der psychische Stress, da der Nahrungsverzicht freiwillig und geplant erfolgt. Das führt dazu, dass wesentlich mehr Endorphine als Stresshormone gebildet werden, die aufgrund des verlangsamten Stoffwechsels lange im Blut bleiben. Diese wirken als körpereigene Opioide und können einen leichten Rauschzustand erzeugen, der bis zu euphorischen Zuständen reichen kann. Die Belastung für den Körper vergrößert sich allerdings, wenn während des Arbeitsalltags gefastet wird, weswegen der Fastende sich aus dem Alltag zurückziehen sollte. Längerem Fasten wird von Medizinern daher ein Suchtpotenzial zugesprochen.Heike Schmoll: Fasten statt hungern, in: Tabula 01/1999 Dieser Rauschzustand spielt bei Magersucht eine Rolle. Ein Hungerstreik ist als freiwilliger Nahrungsverzicht psychisch mit dem Fasten vergleichbar.

Die bekannteste wissenschaftliche Untersuchung über die körperlichen und psychischen Auswirkungen unfreiwilligen Nahrungsentzugs ist die Minnesota-Studie aus dem Jahre 1944. Teilnehmer waren 36 gesunde Freiwillige, die in einem Camp ein halbes Jahr lang mit der Hälfte der üblichen Zufuhr an Nahrungsenergie auskommen mussten. Danach wurden sie drei Monate lang weiterhin beobachtet. Die Männer verloren im Schnitt 25 Prozent ihres Körpergewichts, der Grundumsatz verringerte sich um 40 Prozent. In der Hungerphase wurde Essen zum zentralen Thema der Probanden, mit dem sie sich auch außerhalb der Mahlzeiten ständig beschäftigten. Auf psychischer Ebene kam es zu starken Stimmungsschwankungen, Aggressionen, Depressionen, dem Rückgang des Sexualtriebes und zu Schlafstörungen. Nach dem Ende der Hungerphase traten bei vielen Teilnehmern Heißhungeranfälle auf, die Sättigungsregulation war gestört, so dass teilweise gar keine Sättigung mehr wahrgenommen wurde, und die Fixierung auf Essen blieb längere Zeit erhalten.

Eine 2011 vorgestellte Studie zeigte, dass noch ein Jahr nach einer niedrig-energetischen Diät mit 2300 kJ/Tag (550 kcal/Tag) über 10 Wochen und einem mittleren Gewichtsverlust von 13,5 kg die Hormone pathologisch verändert bleiben, die Appetit und Gewichtszunahme steigern. Ebenso blieb das Hungergefühl verstärkt.Abstract: Long-Term Persistence of Hormonal Adaptations to Weight Loss, NEJM 2001, abgerufen am 1. Januar 2012.

Leidet ein Kind bereits im Mutterleib unter Mangelernährung, hat es kaum die Chance, seinen Entwicklungsrückstand wieder aufzuholen. Es hat häufig ein geschwächtes Immunsystem und ist dadurch anfälliger für Infektionskrankheiten. Die körperliche und geistige Entwicklung des Kindes ist eingeschränkt, es kann sich schlechter konzentrieren und erbringt schlechtere Schulleistungen. Außerdem ist ein mangelernährtes Kind anfälliger dafür, im Erwachsenenalter chronische Krankheiten zu entwickeln. Beides führt in der Tendenz dazu, dass das Kind im Erwachsenenalter eine reduzierte körperliche und geistige Leistungsfähigkeit hat.

Spätfolgen

Siehe Unterernährung, Hungerstoffwechsel.

Tabelle der Formen des Hungers