Die Europaflagge zeigt zwölf goldene, fünfzackige Sterne im Kreis angeordnet auf blauem Hintergrund. Sie wurde 1955 vom Europarat als europäische Flagge eingeführt und 1986 von den Europäischen Gemeinschaften als Symbol für all ihre Institutionen übernommen. Heute ist sie als Symbol der Europäischen Union sehr bekannt, wird aber auch von anderen europäischen Staaten verwendet, die nicht Mitglied der EU sind.
Die Hintergrundfarbe wird im Deutschen offiziell als Azurblau bezeichnet. Meist wird ein ultramarinblauer Farbton verwendet. Die Anzahl der Sterne, zwölf, ist als Symbol der Vollkommenheit, Vollständigkeit und Einheit gedacht. Anders als in früheren Flaggen der EGKS steht sie nicht für eine Anzahl von Mitgliedstaaten. Ihrer symbolischen Bedeutung entsprechend bleibt die Zahl unverändert (die EG hatte 1986 zwölf Mitgliedsländer, der Europarat hat inzwischen 46 Mitgliedsländer, die EU 27).
Geschichte
miniatur|hochkant|Abgelehnte Flaggenentwürfe miniatur|Erster Entwurf von Duncan Sandys miniatur|Hertensteiner Kreuz
Der Europarat suchte seit seiner Gründung im Jahr 1949 nach einem Symbol für das zusammenwachsende Europa. Am 18. August 1950 beriet der Europarat erstmals über das Vorhaben einer offiziellen Flagge für Europa. In der Folgezeit erreichten mehr als 200 Vorschläge den Europarat. Das Generalsekretariat legte später zehn farbige Entwürfe zur Diskussion vor, unter anderem:
Die Flagge der Paneuropa-Union des Grafen Coudenhove-Kalergi, die eine goldene Sonne (Symbol für die Aufklärung) mit rotem Kreuz (Symbol für die Menschlichkeit)Paneuropäisches Manifest, Seite 7 (PDF; 359 kB) auf blauem Grund zeigt. Sie wurde von den meisten Mitgliedern favorisiert, konnte jedoch gegen den Widerstand der Türkei, die jeden Entwurf mit einem Kreuz ablehnte, nicht durchgesetzt werden. Ein Entwurf von Duncan Sandys, dem Schwiegersohn Winston Churchills, der ein grünes (ursprünglich rotes) „E“ auf weißem Grund zeigt. Die Flagge war erstmals 1949 bei einer europäischen Wirtschaftskonferenz in London gehisst worden und wurde zunehmend als europäisches Symbol verwendet und als offizielles Symbol wahrgenommen. Sie wurde abgelehnt, weil einem reinen Buchstabensymbol zu wenig emotionale Bindungskraft zugeschrieben wurde. Von Spöttern wurde sie als „Churchills Unterhosen“ bezeichnet. Sie ist heute Emblem der Europa-Union Deutschland und einiger Schwesterorganisationen in der Union Europäischer Föderalisten. Ab Juli 1984 konnte das „grüne E“ als Aufkleber für die Windschutzscheibe eines Kraftfahrzeugs verwendet werden, um anzuzeigen, dass sich nur Bürger aus der EWG im Fahrzeug befinden und keine zu verzollenden Waren mitgeführt werden. Seit Inkrafttreten des Schengener Abkommens ist diese Plakette obsolet. Ein Entwurf eines aus Politikern und Heraldikern bestehenden Komitees, der in Anknüpfung an das Olympia-Symbol acht silberne, ineinander verschränkte Ringe zeigt. Er wurde mit einer Kette aus lauter Nullen und einer Telefonwählscheibe verglichen und ebenfalls verworfen. Ein Entwurf von Carl Weidl Raymon, der einen einzigen goldenen Stern auf blauem Grund vorsah und zunächst von Paul M. G. Lévy, der als Direktor des Informations- und Pressedienstes im Europarat die Vorschläge sichtete, favorisiert wurde. Er wurde mit Blick auf die Ähnlichkeit insbesondere mit der damaligen Flagge des Kongo (Leopoldville) verworfen.
Die Union Europäischer Föderalisten verwendete bei ihrer Gründung 1946 das sogenannte Hertensteiner Kreuz, das die Schweizer Europa-Union bei ihrer Gründung 1934 eingeführt hatte. Im Februar 1949 wurde jedoch zusammen mit dem Rest der Europäischen Bewegung der o. g. Entwurf von Duncan Sandys übernommen. Ursprünglich von der „Sozialistischen Bewegung für die Vereinigten Staaten von Europa“ mit rotem Hintergrund als neues Symbol vorgesehen, änderte Duncan Sandys dies 1948 beim Europakongress in Den Haag nach Intervention seines Schwiegervaters Winston Churchill, dem das Rot der Flagge missfiel.Heinrich Kümmerle: Europa ist für alle da! Heilbronn 2020, Seite 185, ISBN 978-3-00-066061-0. Heute verwendet auch die Europäische Bewegung die Europaflagge. Das grüne E wird noch von den Europäischen Föderalisten verwendet.
Am 25. September 1953 beschloss die Beratende Versammlung des Europarates zunächst eine Flagge aus fünfzehn goldenen Sternen auf blauem Grund, die die Zahl der damaligen Mitglieder des Europarates repräsentieren sollten. Dem widersetzte sich jedoch Deutschland, weil damit das Saarland, eines der 15 Mitglieder, symbolisch als eigener Staat anerkannt worden wäre. Das Saarland und Frankreich wiederum wollten 14 Sterne nicht akzeptieren, da es im Saarland noch starke Tendenzen zu einer staatlichen Unabhängigkeit gab. Die Zahl von 13 Sternen schied aus, weil die 13 von vielen als Unglückszahl gesehen wurde. Auch die Zahl von zehn Sternen schied aus, weil man sie als Symbol der zehn Gründerstaaten betrachtete, was auch nicht gewünscht war. So einigte man sich schließlich auf die Zahl Zwölf als rein symbolisches Zeichen. Der Entwurf wurde vom irischen Heraldiker Gerard Slevin geprägt.
Die Beratende Versammlung empfahl die Annahme dieses Entwurfes durch das Ministerkomitee am 25. Oktober 1955 (Empfehlung 88 von 1955). Das Ministerkomitee beschloss die Flagge und die heraldische Beschreibung am 8. Dezember 1955 in der Resolution (55) 32. Am 13. Dezember 1955 wurde sie in Paris offiziell eingeführt.
Die Beratende Versammlung des Europarates forderte mit dem Annahmebeschluss von 1955 die anderen europäischen Institutionen auf, diese Flagge anzunehmen. Auf Initiative Ingo Friedrichs, CSU-Europaabgeordneter und langjähriger Vizepräsident des Europäischen Parlaments, stellten daraufhin am 31. Oktober 1979 achtzehn Abgeordnete des Europäischen Parlaments den Antrag „über die Schaffung einer Europa-Fahne für die Europäische Gemeinschaft“.
miniatur|hochkant|Flaggen vor dem Sitz der Europäischen Kommission
Im November 1979 beauftragte das Europäische Parlament den CDU-Europaabgeordneten Kai-Uwe von Hassel in einem offiziellen Parlamentsbericht, das Problem der Flagge zu lösen, und die bestehende Uneinheitlichkeit zu überwinden. Bis dahin hatten fast alle europäischen Organe eine eigene Flagge in Gebrauch.
Am 11. April 1983 wurde im Europäischen Parlament mit überwältigender Mehrheit eine Resolution zur Übernahme der vom Europarat verwendeten Flagge angenommen. Auch der Abschlussbericht des Adonnino-Ausschusses schlug die Übernahme der Europaratsflagge vor, was im Juni 1985 vom Europäischen Rat von Mailand angenommen wurde. Nachdem der Europarat seine Zustimmung signalisiert hatte und die übrigen Organe der Europäischen Gemeinschaft zugestimmt hatten, wurde die neue Flagge am 29. Mai 1986 erstmals feierlich vor dem Gebäude der Europäischen Kommission zu den Klängen der Europahymne gehisst.
In der inzwischen verworfenen europäischen Verfassung war die Europaflagge als offizielles Symbol der Union festgelegt. Auf Betreiben des Vereinigten Königreichs tauchen aber weder eine offizielle Hymne noch andere offizielle Symbole wie diese Flagge im EU-Reformvertrag auf, auf den sich der Europäische Rat im Oktober 2007 verständigt hat. Dennoch fungiert die Europaflagge auch weiterhin als (so gut wie offizielles) Symbol der EU.
Der Bundestagspräsident Norbert Lammert änderte 2011 mit Zustimmung des Deutschen Bundestags die Dienstanweisung zur Beflaggung der Dienstgebäude. Seit dem 9. Mai 2011 wird zusätzlich zur Bundesflagge je eine Europaflagge vor den Eingängen West und Ost des Reichstagsgebäudes gehisst. Eine weitere Europaflagge wird auf dem südöstlichen Turm des Reichstagsgebäudes gehisst, während die anderen drei Türmen mit der Bundesflagge beflaggt werden.PDF bei blogfraktion.de
Flagge der Montanunion
Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (kurz EGKS oder Montanunion) verwendete eine eigene Flagge, da die heutige Europaflagge damals noch spezifisch dem Europarat zugeordnet wurde. Die EGKS-Flagge bestand aus einem blauen und einem schwarzen Streifen mit jeweils einer Reihe Sterne darin. Der blaue Streifen stand dabei für das Eisen, der schwarze für die Kohle und die Sterne für die Mitglieder. Letzteres führte dazu, dass sich ihre Anzahl im Verlauf der Jahre änderte.Flagge der EGKS bei Flags of the World
Seit dem Auslaufen des EGKS-Vertrages 2002 ist die Flagge obsolet.
Flagge der Westeuropäischen Union
Auch die 1948 als Brüsseler Pakt (auch bekannt als Westunion) gegründete Westeuropäische Union hatte eine eigene Flagge.WEU-Flagge bei Flags of the World (englisch) Bei ihrer Gründung verwendete sie eine Flagge, die ein rotes, ein goldenes, ein schwarzes, ein weißes und ein blaues Rechteck ineinander zeigte. In dem inneren, blauen Rechteck befanden sich fünf ineinander verschlungene Ringe, die für die fünf Gründungsmitglieder (Frankreich, Vereinigtes Königreich, Belgien, Niederlande, Luxemburg) standen. Mit dem Ausbau zur Westeuropäischen Union wurde auch eine neue Flagge eingeführt. Diese hatte ein nun ein rein blaues Flaggentuch mit der französischen und englischen Abkürzung für Westeuropäische Union in der Mitte. Darum waren in einem Halbkreis neun Sterne angeordnet, welche für die inzwischen neun Mitglieder standen. Mit dem Beitritt Griechenlands 1995 wurde ein zehnter Stern hinzugefügt. Seit Auflösung der Westeuropäischen Union Ende Juni 2011 ist auch diese Flagge obsolet.
Urheberschaft Ein Mitarbeiter des Postdienstes des Europarates, Arsène Heitz, der eine Reihe von Entwürfen vorgelegt hatte, wird mitunter als Urheber der Flagge genannt, und behauptete in einem Interview auch selbst, Urheber zu sein. In den Archiven befinden sich viele Entwürfe von Heitz mit Sternen, allerdings mit 15, 16, 11 und 13 Sternen in unterschiedlicher Anordnung. Paul M. G. Lévy focht die Urheberschaft Heitzs in einem Interview an und behauptete, er selbst habe die Flagge mit zwölf Sternen schon vorgeschlagen, bevor sie vom Europarat so beschlossen wurde, und habe auch die endgültige Zeichnung angefertigt.Beitrag von Paul M. G. Lévy zur Schaffung der europäischen Flagge on CVCE website (mehrsprachig)
Anerkannt ist, dass Heitz und Lévy gemeinsam sowie Hanno F. Konopath wohl fast gleichzeitig den Entwurf mit 15 Sternen vorgelegt hatten, der zunächst von der Beratenden Versammlung beschlossen wurde. Ob Heitz oder Lévy Urheber der Flagge mit zwölf Sternen waren, ist ungeklärt.Carlo Curti Gialdino: I Simboli dell'Unione europea, Bandiera – Inno – Motto – Moneta – Giornata. Roma: Istituto Poligrafico e Zecca dello Stato S.p.A., 2005, S. 80–85. Daneben behauptet auch der ehemalige Chef-Grafiker der Europäischen Gemeinschaft Arthur Eisenmenger, eine blaue Europaflagge mit weißem Sternenkranz entworfen zu haben.Roland Kirbach: Wie der Euro zu seinem Symbol kam. In: Die Zeit, 14/1999. Abgerufen am 19. April 2011
Offizielle Symbolik In der amtlichen Erläuterung des Beschlusses des Ministerkomitees des Europarates vom 9. Dezember 1955 zur Annahme der Flagge heißt es zur Symbolik:
Inoffizielle Interpretationen miniatur|Carlo Dolci: Madonna mit Sternenkranz miniatur|Palazzo Barberini, Rom: Maria Immacolata mit Sternenkranz von Pietro da Cortona
miniatur|Die zwölf Olympischen Götter von Monsiau (spätes 18. Jh.)
Gelegentlich wird die Flagge vor einem christlich-biblischen Hintergrund gedeutet. So soll abweichend von der offiziellen Begründung, die allgemein auf die Zwölf als Symbol der Vollkommenheit und Vollständigkeit und das Blau als Farbe des Himmels verweist, eine bestimmte christliche Symbolik Pate gestanden haben. Arsène Heitz, einer der möglichen Gestalter der Flagge (s. o.), erklärte 2004 in einem Interview in der Zeitschrift „Lourdes“, er habe sich von der Offenbarung des Johannes inspirieren lassen, in der eine Krone von zwölf Sternen beschrieben wird.„The European Commission and religious values“, The Economist, 28. Oktober 2004
Die im Interview angesprochene Stelle der Bibel lautet: