Rouen (, altfränkisch/ Rodomo, Rudaburg, , ) ist eine Gemeinde und Hafenstadt mit Einwohnern (Stand ) im Norden Frankreichs. Sie ist der Sitz der Präfektur des Départements Seine-Maritime, der Region Normandie und des Erzbistums Rouen, des Primas der Normandie und des Kommunalverbands Métropole Rouen Normandie.
Geografie Rouen liegt in Nordwestfrankreich am Unterlauf der Seine, etwa 80 Kilometer landeinwärts, 110 Kilometer nordwestlich von Paris und 68 Kilometer südöstlich von Le Havre auf einer mittleren Höhe von 77 Metern über dem Meeresspiegel. Die Mairie steht auf einer Höhe von 15 Metern über Null. Nachbargemeinden von Rouen sind Mont-Saint-Aignan im Norden, Bois-Guillaume und Bihorel im Nordosten, Bonsecours im Südosten und Le Petit-Quevilly im Südwesten. Das Gemeindegebiet hat eine Fläche von 2138 Hektar. Der Cailly, der Robec und die Aubette sind Nebenflüsse der Seine, die auf dem Stadtgebiet in die Seine münden.
Die Gemeinde ist einer Klimazone des Typs Cfb (nach Köppen und Geiger) zugeordnet: Warmgemäßigtes Regenklima (C), vollfeucht (f), wärmster Monat unter 22 °C, mindestens vier Monate über 10 °C (b). Es herrscht Seeklima mit gemäßigtem Sommer.
Bevölkerung Rouen hat Einwohner (Stand ). Die Geburtenrate in Rouen betrug in den Jahren von 1999 bis 2009 13,8 Promille, die Sterberate 8,2 Promille. Die Anzahl der Haushalte betrug im Jahr 2009 67.558, davon waren 60.271 Hauptwohnsitze, 1.202 Zweitwohnsitze und 6.085 Wohnungen standen leer.
Geschichte Erste Besiedlung Für die Jungsteinzeit lassen sich ab dem 9. bis 6. Jahrtausend v. Chr. erste Spuren menschlicher Besiedlung nachweisen. Ackerbau und Viehzucht sind in der Zeit ab dem 5. Jahrtausend v. Chr. nachgewiesen. Die hier befindliche Allée couverte von Mauny ist das einzige Galeriegrab im Département Seine-Maritime. In den 1990er Jahren entdeckte man den Einbaum von Rouen.
mini|Kathedrale und Bischofssitz
Gallo-Römische Zeit Während der gallo-römischen Zeit (52 v. Chr. bis 486) war Rouen unter dem Namen Rotomagus die civitas des keltischen Stammes der Veliocasses.La Normandie avant les Normands. Editions Ouest-France 2002 Vom römischen Straßennetz lässt sich der Cardo maximus noch in den Straßen rue Beauvoisine, rue des Carmes und der rue Grand-Pont wiederfinden. Er kreuzte mit dem weniger sichtbaren Decumanus bei der Kathedrale. Ein Amphitheater lag am nördlichen Ende der rue Jeanne d’Arc in der Nähe des Jeanne-d’Arc-Turmes. Seit dem 4. Jahrhundert ist die Stadt Bischofssitz. Die Liste der Erzbischöfe von Rouen wurde im Mittelalter bis in das 3. Jahrhundert zurück rekonstruiert. Der erste urkundlich belegte Bischof von Rouen ist Avitianus. Er nahm im Jahr 314 am Konzil von Arles teil.
Mittelalter Ab dem Jahr 841 wurde Rouen von Wikingern überfallen. Im Jahre 911 erhielt ein Jarl (Fürst) der Wikinger namens Rollo im Vertrag von Saint-Clair-sur-Epte vom französischen König Karl dem Dritten die spätere Normandie als Grafschaft Rouen zum Lehen. Rouen wurde zur Hauptstadt.
Um 1160 schenkte Kaiserin Mathilde Rouen den Pont de Pierre, die erste Brücke über die Seine in der Stadt.
1204 wurde Rouen, das damals unter der Herrschaft des englischen Königs Johann Ohneland stand, während eines Französisch-Englischen Kriegs durch die Truppen des französischen Königs Philipp-August erobert.
Am 19. Januar 1419 während des Hundertjährigen Krieges (1337–1453) eroberte Heinrich V. von England die Stadt Rouen und unterstellte die Normandie der britischen Krone. In diesem Zusammenhang wurde Jeanne d’Arc verurteilt und am 30. Mai 1431 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. 1449 wurde Rouen durch Karl VII. für Frankreich zurückerobert.
Reformation und Frühe Neuzeit mini|Triumphaler „brasilianischer“ Einzug Heinrichs II. in Rouen im Jahr 1550
Die Bewohner von Rouen nahmen die Ideen der Reformatoren Martin Luther (1483–1546) und Johannes Calvin (1509–1564) positiv auf. Die Hafenstadt war offen für Veränderungen. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts war Rouen zu einem wichtigen Hafen des Handels mit Brasilien geworden. Die Stadt war wohlhabend, das Bildungsniveau relativ hoch und der Anteil der Lese- und Schreibkundigen ebenfalls. Auch einige der in Rouen verstärkt ausgeübten Handwerksberufe erforderten ein gewisses Maß an Bildung, zum Beispiel die Goldschmiedekunst. Die Schriften Luthers wurden daher von relativ vielen Einwohnern gelesen, und Rouen wurde eine Hochburg des Protestantismus. Bis etwa 1545 war die protestantische Gemeinde von Rouen evangelisch-lutherisch, danach calvinistisch.
1528 wurden im Verlauf der Reformation Bilder beschädigt. Im selben Jahr wurde Pierre Bar als erster Protestant in Rouen unter dem Vorwurf der Häresie auf dem Marktplatz verbrannt. Die protestantischen Schriften wurden daraufhin heimlich verbreitet, trotzdem wurden bis 1550 weitere Protestanten als Häretiker angeklagt. In den Jahren 1541, 1545 und 1551 wurden vereinzelt religiöse Kunstwerke, besonders Statuen, beschädigt.
1550 besuchte König Heinrich II. die Stadt, um den Protestantismus zu bekämpfen. Dennoch erreichte die Ausbreitung des Protestantismus erst danach, 1561, ihren Höhepunkt. 20 Prozent der Einwohner waren zu dieser Zeit Protestanten, was etwa 15.000 Personen entspricht. Die Eroberung Rouens, das von Montgomery verteidigt wurde, war 1562 einer der ersten Erfolge, welche die katholische Partei in den Hugenottenkriegen davontrug. Heinrich IV. belagerte Rouen 1591–92 vergebens und erhielt es erst 1594 durch Kapitulation.
Der Puy namens Confrérie de la Conception de Notre Dame (‚Bruderschaft von Mariä Empfängnis‘) wurde im 12. Jahrhundert als religiöse Gemeinschaft gegründet, entwickelte sich aber im Laufe der Jahrhunderte zu einer literarischen Gruppe. Der Puy bestand bis zur Französischen Revolution (1789–1799). In den Jahren 1521 und 1522 verfasste der Puy zahlreiche Kampfschriften gegen die Werke Luthers.
1557 wurde die erste offizielle calvinistische Kirche eingerichtet, nachdem seit 1546 inoffizielle Treffen im Süden Rouens stattgefunden hatten. Sie bestand bis zur Aufhebung des Edikts von Nantes mit dem Edikt von Fontainebleau im Jahr 1685. Die Stadt, die 1633 von einem schweren Orkan verwüstet worden war, verlor infolge der Aufhebung des Edikts von Nantes drei Viertel ihrer 80.000 Einwohner durch Auswanderung.Rouen, in: Brockhaus’ Konversations-Lexikon, 14. Auflage, 1892-96, Bd. 13, S. 1032.
1774 wurde Rouen von einer großen Feuersbrunst heimgesucht.
mini|Blick auf Rouen, um 1836
19. Jahrhundert 1793 erhielt Rouen während der Französischen Revolution den Verwaltungsstatus einer Gemeinde und 1801 durch die Verwaltungsreform unter Napoleon Bonaparte das Recht auf kommunale Selbstverwaltung.
Während der Julirevolution von 1830 kamen zahlreiche Abteilungen bewaffneter Einwohner Rouens nach Paris, um Karl X. zur Räumung Frankreichs zu nötigen.Rouen. In: Heinrich August Pierer (Hrsg.): Universal-Lexikon der Gegenwart und Vergangenheit, 4. Auflage, 1857–65, Bd. 14, S. 404. 1843 wurde die Eisenbahnlinie Paris–Rouen eröffnet.
Am 25. Februar 1848 wurden bei einem Tumult in Rouen die Fabrikstätten der englischen Spinnereien demoliert. Am 27. und 28. April 1848 fand hier ein Aufstand und Barrikadenkampf wegen der Wahlen statt.
Während des Deutsch-Französischen Krieges war Rouen vom 6. Dezember 1870 bis 22. Juli 1871 von preußischen Truppen besetzt.
20. Jahrhundert Am 29. Oktober 1932 eröffneten die Inhaber des Pariser Kaufhauses Galeries Lafayette den ersten Monoprix-Laden, aus dem die große heutige französische Discounter-Warenhauskette hervorging.
Ab dem 12. April 1939 galt in Frankreich für alle männlichen Ausländer zwischen 20 und 40 Jahren eine Arbeitspflicht.
Im Zuge dieser Entwicklung wurden die Männer in sogenannten Compagnies de Travailleurs Étrangers (CTE, Fremdarbeiterkompagnien) zusammengefasst. In Rouen wurde zu diesem Zweck die CTE 139 stationiert, die von 1939 bis Juni 1940 bestand.AJPN – Anonymes, Justes et Persécutés durant la période Nazie dans les communes de France: 139e CTE Rouen Wer dort interniert wurde, ist nicht bekannt. Bekannt ist aber, dass im Mai 1940 auch deutsche Frauen, die bis dahin von Verhaftungen verschont geblieben waren, interniert wurden. Sie wurden in einer Ausstellungshalle in Rouen untergebracht. Alle diese Lager sollen im Juni 1940 in der Folge der Niederlage der französischen Armee aufgegeben worden sein.Laurent Ridel: 1939-1940 : des civils enfermés dans des camps normands. Bei dem Artikel handelt es sich um eine Rezension des Buches von Thierry Marchand, Gérard Bourdin: Exils normands. Les « ressortissants ennemis » internés dans les centres de rassemblement des étrangers de Normandie (1939–1940). Société historique de Lisieux, 2014.
Zweiter Weltkrieg Am 9. Juni 1940 besetzte die deutsche Wehrmacht Rouen. Sie konnte auch nicht dadurch aufgehalten werden, dass von französischer Seite vorher alle Brücken gesprengt und zur Abwehr ein Brand gelegt worden war. Dieser verwüstete weite Teile der Stadt südlich der Kathedrale, da die Deutschen den Feuerwehrleuten zwei Tage lang ein Eingreifen verweigerten.Rouen-Histoire: Le patrimoine photographique de Rouen (1940-1950). Auf der Webseite werden viele historische Aufnahmen des stark zerstörten Rouens gezeigt.
Von Juni 1940 bis Ende August 1944 stand Rouen unter deutscher Besatzung. In dieser Zeit war die Stadt auch Standort mehrerer Lager für Kriegsgefangene. Von Oktober bis Dezember 1940 befand sich hier der Frontstalag 171.Moosburg Online: Liste der Kriegsgefangenenlager Bis August 1942 bestand auch noch ein Ilag, ein Internierungslager für Zivilisten aus Ländern, mit denen sich Deutschland im Krieg befand und die in Frankreich von der Besetzung überrascht worden waren.Pegasus Archive: Ilag & Moosburg Online: Kriegsgefangenenlager: Liste
Ein weiteres Lager, das Rouen zugeschrieben wird, sich aber tatsächlich in Sotteville-lès-Rouen befand, und zwar auf dem Gelände einer früheren Pferderennbahn, dem heutigen Parc du Champ des Bruyères, war ein sogenanntes Heilag, ein Heimkehrerlager.Auf einer Webseite des Bundesarchivs heißt es, der Frontstalag 356 sei in Heilag Rouen umbenannt worden. (Deutsche Digitale Bibliothek: Durchgangslager (Dulag) 375, 376, Front-Stammlager (Frontstalag) 351, 356, Mannschafts-Stammlager (Stalag) 352, 354, 357–360, 362–364, 366–373, 380–382, 384, 385, 387, 388, 391, 397). in der Liste von Moosburg Online erscheint ein Stalag 356Z, bei dem es sich wohl um eine Nebenstelle des Stalag 356 in Compiègne handelte. Stalag 356Z ab August 1942 existiert haben. Dorthin wurden Anfang Oktober 1941 1.500 britische Soldaten verlegt, die zuvor in Deutschland gefangen gehalten worden waren und gegen deutsche Kriegsgefangene in England ausgetauscht werden sollten. Der für den Zeitraum 4. bis 7. Oktober 1941 angesetzte Austausch wurde jedoch von den Deutschen abgesagt.Escapers from the Heilag at Rouen Das Lager selber bestand bis April 1943.
Am 8. Februar 1942 verkündete der Chef des Militärverwaltungsbezirk A in Nordwestfrankreich in St. Germain, Generalleutnant Friedrich von der Lippe (* 13. Mai 1879 in Berlin; † 6. Dezember 1956 in Krefeld), folgende „Bekanntmachung an die Bevölkerung“:
Ob es zu diesen Vergeltungsmaßnahmen kam, ist nicht überliefert. Die Fondation pour la Mémoire de la Déportation vermeldet lediglich für 1944 die Inhaftierung politischer Gefangener im Maison d’arrêt im Prison Bonne Nouvelle. Sie seien als Widerstandskämpfer kommunistischer, terroristischer oder subversiver Aktivitäten beschuldigt worden.Fondation pour la Mémoire de la Déportation: Prison Bonne Nouvelle