Attributionstheorien sind allgemeine Ansätze der Psychologie, die beschreiben, wie Individuen Informationen nutzen, um kausale Erklärungen für Verhaltensweisen von Menschen vorzunehmen.Richard J. Gerrig, Philip G. Zimbardo: Psychologie. 18., aktualisierte Auflage. 2008, S. 637.

Der Begriff ist zu unterscheiden von Kausaltheorien; das sind Laienerklärungen für die Ursachen von Gefühlen und Stimmungen.E. Aronson, T. D. Wilson, R. M. Akert: Sozialpsychologie. 6. Auflage. Pearson Studium, 2008, ISBN 978-3-8273-7359-5, S. 137.

Als Attributionsstile bezeichnet man dabei „habituelle Voreinstellungen im Hinblick auf die Zuschreibung von Ursachen für bereits eingetretene Ereignisse“Hannelore Weber, Thomas Rammsayer: Differentielle Psychologie – Persönlichkeitsforschung. Hogrefe, Göttingen u. a. 2012, ISBN 978-3-8017-2172-5, S. 101. – woraus sich auch bestimmte Erwartungen ergeben können.

Heider Fritz Heider legte mit seinem Hauptwerk The psychology of interpersonal relations (1958)deutsch: Psychologie der interpersonalen Beziehungen. Klett, Stuttgart 1977, ISBN 3-12-923410-1. die Grundlage aller Attributionstheorien, indem er als Erster zwischen internen und externen Attributionen unterschied. Menschen seien „naive Wissenschaftler“ oder „Alltagspsychologen“, die sich das Verhalten anderer aufgrund lückenhafter Informationen zu erklären versuchten. Gelangt man zu dem Schluss, dass die Ursache des Verhaltens in der handelnden Person selbst liegt, also an seinem Charakter, seinen Überzeugungen oder anderen überdauernden Persönlichkeitseigenschaften, nennt er dies interne Attribution. Glaubt man jedoch, die Situation habe das Verhalten verursacht, spricht er von externer Attribution. Heider war überzeugt davon, dass wir zu oft intern und zu selten extern attribuieren, was Lee Ross später pointiert als fundamentalen Attributionsfehler bezeichnete.L. Ross: The intuitive psychologist and his shortcomings: Distortions in the attribution process. In: L. Berkowitz (Hrsg.): Advances in experimental social psychology. Vol. 10, Academic Press, Orlando, FL 1977, S. 173–220.

Attributionsstil und Partnerschaft Nach Studien von Frank Fincham und Mitarbeitern gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Gelingen einer Partnerschaft und dem persönlichen Attributionsstil: In glücklichen Ehen fand er signifikant häufiger eine dispositionale, also auf Persönlichkeitseigenschaften beruhende Ursachenzuschreibung von angenehmen Verhaltensweisen des Partners, während negative Verhaltensweisen des Partners eher situativ, also externen Umständen geschuldet, begründet wurden. In unglücklichen Ehen war es genau umgekehrt.F. D. Fincham u. a.: Marital violence, marital distress, and attributions. In: Journal of Family Psychology. 11, 1997, S. 367–372.

Kelleys Kovariationsprinzip 450px|mini|Veranschaulichung der Attributionstheorie nach Harold Kelley Laut dem Kovariationsprinzip von Harold Kelley analysiert der Mensch objektiv und logisch drei Informationen, um zu einer internen oder externen Attribution zu gelangen. Zunächst fragt er nach der Konsistenz des Verhaltens, also ob das Verhalten des Akteurs in ähnlichen Situationen über verschiedene Zeitpunkte hinweg auftritt und nicht etwa nur eine Ausnahme darstellt. Die Konsistenz ist hoch, wenn das Verhalten über verschiedene Zeitpunkte hinweg auftritt, und gering, wenn das Verhalten nur zu wenigen Zeitpunkten auftritt. Liegt Konsistenz, also ein Verhaltensmuster vor, hängt die interne oder externe Attribution von zwei Faktoren ab: Konsensus: Beschreibt, wie sehr auch andere Personen in derselben Situation in gleicher Weise reagieren wie der Akteur. Der Konsensus ist hoch, wenn viele andere Personen ähnlich reagieren und niedrig, wenn wenige andere Personen so reagieren. Distinktheit: Beschreibt, ob das Verhalten eine Reaktion auf einen spezifischen Stimulus ist. Die Distinktheit ist hoch, wenn sich die Person nur in wenigen Situationen so verhält, und niedrig, wenn sich die Person auch in vielen anderen Situationen so verhält.

Kelley nimmt an, dass der Mensch diejenigen Ursachen für ein Verhalten verantwortlich macht, die mit dem Verhalten kovariieren (s. Tabelle): {| class="wikitable" |- ! !! Konsensus !! Distinktheit !! Konsistenz |- | Interne Attribution (Akteur) || niedrig || niedrig || hoch |- | Externe Attribution (Situation) || hoch || hoch || hoch |- | Ausnahme || hoch oder niedrig || hoch oder niedrig || niedrig

Bei niedriger Konsistenz wird das Verhalten des Akteurs als Ausnahme eingestuft. Bei hoher Konsistenz wird wie folgt unterschieden: niedriger Konsensus und niedrige Distinktheit führt zu interner Attribution (die Ursache des Verhaltens läge im Akteur) hoher Konsensus und hohe Distinktheit führt zu externer Attribution (die Ursache des Verhaltens läge in der Situation)E. Aronson, T. D. Wilson, R. M. Akert: Sozialpsychologie. 6. Auflage. Pearson Studium, 2008, ISBN 978-3-8273-7359-5, S. 105 f.

Beispiel: Jemand gibt in einem Restaurant ein hohes Trinkgeld. Um entscheiden zu können, warum die Person das tut, benötigt das zuschreibende Individuum weitere Informationen, nämlich ob diese Person regelmäßig hohe Trinkgelder gibt (falls nicht, war dies eine Ausnahme), falls ja: ob auch andere Gäste hohe Trinkgelder geben und ob die Person nur in ganz bestimmten Situationen hohe Trinkgelder gibt.

Die Auswertung dieser Informationen liefert die gewünschte Kausalität­szuschreibung. Gibt die Person in vielen Situationen hohe Trinkgelder (niedrige Distinktheit) und geben andere Gäste keine hohen Trinkgelder (niedriger Konsensus), liegt die Ursache für das Verhalten höchstwahrscheinlich in der Person. Ist es hingegen so, dass die Person nur in diesem Restaurant regelmäßig hohe Trinkgelder gibt und andere Personen dasselbe tun, ist vermutlich das Restaurant die Ursache des Verhaltens.

Viele Studien haben Kelleys Theorie bestätigt.unter anderem P. A. White: Causal attribution from covariation information: The evidential evaluation model. In: European Journal of Social Psychology. 32, 2002, S. 667–684. allerdings werden Konsensusinformationen schwächer gewichtet als die beiden anderen.L. Z. McArthur: . The how and what of why: Some determinants and consequences of causal attribution. In: Journal of Personality and Social Psychology. 22, 1972, S. 171–193. Stehen Teile der benötigten Informationen nicht zur Verfügung, werden sie durch Vermutungen ersetzt.K. Fiedler u. a.: Covariation-based attribution: On the ability to assess multiple covariations of an effect. In: Personality and Social Psychology Bulletin. 25, 1999, S. 607–622. Dass einem Handelnden mehr Distinktheits- und Konsistenzinformationen zur Verfügung stehen als einem Beobachter, trägt zur Akteur-Beobachter-Divergenz bei.E. M. Hansen u. a.: Actors and observers: Divergent attributions of constrained unfriendly behavior. In: Social Behavior and Personality. 29, 2000, S. 87–104.

Seligman Martin Seligman, bekannt für seine Theorie der erlernten Hilflosigkeit, erweiterte Heiders Modell um zwei Dimensionen, um die Entstehung von Depressionen zu erklären. Neben „intern vs. extern“ unterscheidet er Ursachen, die „stabil vs. variabel“ und „generell vs. spezifisch“ sind.

Beispiel: Wie erkläre ich mir, dass ich bei einer Prüfung durchgefallen bin? intern extern stabil variabel stabil variabel generell Ich bin unfähig, Prüfungen zu bestehen. Ich bin immer zu schlecht vorbereitet. Prüfer verlangen immer zu viel. Ich hatte Pech und habe schwere Prüfungsfragen bekommen. spezifisch Das Prüfungsthema war zu schwierig für mich. Ich habe für diese Prüfung zu wenig gelernt. Dieser Prüfer war zu anspruchsvoll. Auf diese Prüfungsfragen war ich nicht vorbereitet.

Laut Seligman fördert ein bestimmter Attributionsstil die Entstehung von Depressionen, nämlich negative Erlebnisse als intern, stabil und generell verursacht anzusehen: Intern: Sie sehen (in) sich selbst als das Problem und nicht äußere Umstände. Stabil: Sie sehen das Problem als unveränderlich und nicht als vorübergehend. Generell: Sie sehen das Problem als allgegenwärtig und nicht auf bestimmte Situationen begrenzt.

Versagen in Leistungstests extern, variabel und spezifisch zu attribuieren, ist hingegen ein Zeichen für Resilienz.

Weiner Ähnlich wie Seligman hat auch Bernard Weiner, der hauptsächlich über Leistungsmotivation geforscht hat, ein dreidimensionales Klassifikationssystem entwickelt, in das sich Ursachen für Erfolg oder Misserfolg einordnen lassen: Lokation / Lokus (interne vs. externe Ursachen) Stabilität (stabile vs. variable Ursachen) Kontrollierbarkeit (kontrollierbare vs. unkontrollierbare Ursachen)

Dabei wird insbesondere die Stabilitätsdimension für Erwartungsänderungen verantwortlich gemacht. Relativ stabile Ursachen führen zu der Erwartung, dass vergangene Leistungsergebnisse auch in der Zukunft wieder erbracht werden, während instabile Ursachen darauf hindeuten, dass sich zukünftige Ergebnisse von vergangenen unterscheiden können.

Die Dimension der Kontrollierbarkeit dagegen wird insbesondere mit der Bewertung anderer Personen in Zusammenhang gebracht. So führt eine Attribution auf besondere Anstrengung in der Regel zu einer hohen Belohnung, während eine Attribution auf Faulheit zu einer Abwertung der Person führen kann.

Die Lokationsdimension wird insbesondere mit den emotionalen Auswirkungen von Attributionen in Zusammenhang gebracht. So kann eine Attribution auf Behinderung durch andere zu Aggressionen, eine Attribution auf eigene Leistung dagegen zu einem Schuld- oder geringerem Selbstwertgefühl führen.

Beispiel (s. Tabelle): Mögliche Ursachen für Erfolg und Misserfolg in einer Prüfung.B. Weiner: An attributional theory of achievement motivation and emotion. In: Psychological Review. 92, 1985, S. 548–573. internal internal external external stabil instabil stabil instabil unkontrollierbar Begabung Konzentrationsvermögen Aufgabenschwierigkeit Glück oder Zufall kontrollierbar Wissen Anstrengung dauerhafte Ressourcen (Hilfe eines Freundes) temporäre Ressourcen (Hilfe eines Fremden)

Neben ihrer Hauptanwendung im Bereich der Leistungsmotivation spielt die attributionale Theorie des Verhaltens auch in anderen Bereichen eine Rolle. Bernard Weiner postulierte unter anderem, dass die Bereitschaft zur Hilfeleistung unter anderem davon abhängig sei, inwieweit die hilfsbedürftige Person ihre Notlage selbst zu verantworten hat, wobei sich Verantwortlichkeit seiner Meinung nach, aus drei Faktoren ergibt: der kausalen Beziehung zwischen einer Ursache und der Handlung, die zur Hilfsbedürftigkeit führte, der Kontrollierbarkeit dieser Handlung, mildernden Umständen, wie beispielsweise Drogeneinfluss, der zu ebendieser Handlung geführt hat.

Die Emotionen der Person, die potenziell Hilfe leisten könnte, spielt hier eine entscheidende Rolle, da sie eine vermittelnde Funktion zwischen Kognition und Handlung haben. Die Wahrscheinlichkeit, dem Betroffenen zu helfen, steigt, wenn Mitleid für diesen empfunden wird, und sinkt, wenn Ärger über die Situation empfunden wird, in die sich der Betroffene manövriert hat. Mitleid mit einer Person wird insbesondere dann empfunden, wenn sie eine missliche Lage nicht selbst zu verantworten hat. Ärger wird hingegen empfunden, wenn die Hilfsbedürftigkeit der Person als selbst generiert empfunden wird. Es existiert nach Weiner dementsprechend kein direkter kausaler Zusammenhang von der subjektiven Verantwortlichkeit auf die Bereitschaft, Hilfe zu leisten, da sich empfundene Emotionen entweder hemmend oder fördernd auf die Hilfsbereitschaft auswirken. Analog hierzu lässt sich mit diesem Sequenzmodell auch das Verhältnis erklären, in dem Kognition, Emotion und aggressives Verhalten zueinander stehen.

Weitere Bereiche, in denen die Theorie eine Rolle spielt, sind Einsamkeit, Depressionen, erlernte Hilflosigkeit und Entscheidungen von Bewährungskommissionen im Strafvollzug.

Heckhausen