Josef Wilhelm BrandlIm Taufregister der erste Vorname als „Joseph“, in späteren Dokumenten „Josef“. So Thomas Raithel/Niels Weise: „Für die Zukunft des deutschen Volkes“. Das bundesdeutsche Atom- und Forschungsministerium zwischen Vergangenheit und Neubeginn 1955–1972. Wallstein, Göttingen 2022, ISBN 978-3-835-35075-5, S. 287. Raithel und Weise beziehen sich dort in Fußnote 4 auf das Archiv des Bistums Passau, Taufbuch Osterhofen 027~0026. 17. Eintrag. (* 30. April 1901 in Osterhofen; † 13. August 1991 in Passau) war ein deutscher Verwaltungsjurist. Während der deutschen Besetzung Polens 1939–1945 leitete er im Generalgouvernement die Wirtschaftsabteilungen im Distrikt Krakau und im Distrikt Galizien. Noch 1944 wurde er im Distrikt Galizien kommissarischer Amtschef der Zivilverwaltung. Seiner strafrechtlichen Verfolgung in der Volksrepublik Polen entzog er sich durch Flucht.
Brandl lebte bis 1950 als „Karl Müller“ in der Illegalität. In dieser Zeit wurde 1947 gegen Josef Brandl in Abwesenheit ein Entnazifizierungsverfahren mit der Einstufung „Mitläufer“ durchgeführt. 1954 kam Brandl über das Amt Blank in das Bundesministerium der Verteidigung und wurde dort Regierungsdirektor. Er wechselte 1956 in das Bundesministerium für Atomfragen und war dort als Ministerialrat auch für das Kernforschungszentrum Karlsruhe zuständig, dessen Geschäftsführer er anschließend von 1961 bis 1968 war. 1967 vertuschte er dort mehrere Störfälle.
Leben Brandl war der Sohn des Lehrers Joseph Brandl und seiner Ehefrau Sophie. Nach dem Besuch der Volksschule in Osterhofen wechselte er auf die Oberrealschule im nahegelegenen Passau. Schon als 18-jähriger Oberrealschüler schloss er sich am 14. März 1920, einen Tag nach Beginn des Lüttwitz-Kapp-Putschs, als Freiwilliger dem Freikorps Epp an. Im Juli 1920 legte er dann die Abiturprüfung ab.Thomas Raithel/Niels Weise: „Für die Zukunft des deutschen Volkes“, S. 287–291.
Brandl studierte zunächst im Wintersemester 1920/21 am Lyzeum Passau, ehe er schon zum Sommersemester 1922 an der Ludwig-Maximilians-Universität München ein Studium der Rechte aufnahm. 1922 wurde er Mitglied im pflichtschlagenden Corps Bavaria München, einer besonders traditionsbewussten und strikten Korporation, die keine Doppelmitgliedschaften, Freundschaften oder Kartelle mit anderen Verbindungen zuließ. Im Wintersemester 1923/24 wechselte er an die Julius-Maximilians-Universität Würzburg, an der er 1924 die Erste Juristische Staatsprüfung ablegte und 1926 mit einer Arbeit über Das abgekürzte Verfahren vor dem Einzelrichter im Strafprozess cum laude zum Dr. iur. promoviert wurde. Den juristischen Vorbereitungsdienst leistete Brandl am Amts- und Landgericht Passau und war beim Stadtrat und Bezirksamt Passau tätig. Im November 1927 legte er die zweite juristische Staatsprüfung ab und war anschließend von 1928 bis 1938 als am Landgericht Passau zugelassener Rechtsanwalt tätig. Während dieser Zeit heiratete er am 26. August 1930; er wurde Vater von drei 1931, 1936 und 1944 geborenen Kindern.Thomas Raithel/Niels Weise: „Für die Zukunft des deutschen Volkes“, S. 291 f.;Raithel und Weise vermuten, dass er sein kurzzeitiges Studium am Passauer Lyzeum (1923 dann in Philosophisch-Theologische Hochschule Passau umbenannt) mit der ursprünglichen Absicht begann, katholischer Priester zu werden.
Politischer und beruflicher Werdegang bis zum Kriegsbeginn 1939 In die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) trat Brandl zum 1. Mai 1933 ein.Bernd-A. Rusinek: Der Fall Greifeld, Karlsruhe – Wissenschaftsmanagement und NS-Vergangenheit (= Veröffentlichungen aus dem Archiv des Karlsruher Instituts für Technologie 5). KIT Scientific Publishing, Karlsruhe 2019, S. 291. Dabei deutet seine Mitgliedsnummer 2.526.738 darauf hin, dass er schon bald nach der sogenannten „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten im Frühjahr 1933 seinen Antrag auf Mitgliedschaft gestellt hatte.Thomas Raithel/Niels Weise: „Für die Zukunft des deutschen Volkes“, S. 294; Raithel und Weise beziehen sich dabei in Fußnote 42 auf eine Vergleichsgruppe anderer Neumitglieder mit demselben Aufnahmedatum aus dem ministeriellen Führungspersonal, die teilweise Mitgliedsnummern hatten, die um 700.000 Ziffern höher lagen. Im Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK) war er seit 1936 Mitglied.Dieter Pohl: Nationalsozialistische Judenverfolgung in Ostgalizien, 1941–1944. Oldenbourg, München 1997, ISBN 3-486-56233-9, S. 412; Bernd-A. Rusinek: Der Fall Greifeld, Karlsruhe – Wissenschaftsmanagement und NS-Vergangenheit, S. 292. Er bekleidete dort den Rang eines NSKK-Obertruppführers, was dem Rang eines Oberfeldwebels bei der Wehrmacht entspricht. Vorher gehörte Brandl von 1933 bis 1936 der SA-Reserve an, die er aber 1936 zugunsten der NSKK-Mitgliedschaft aufgab, da erstere mittlerweile, und eigentlich schon seit dem gescheiterten Röhm-Putsch 1934 „für einen Akademiker nicht mehr karriereförderlich“ war. Zudem war er Mitglied der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) und gehörte dem Nationalsozialistischen Rechtswahrerbund an.Thomas Raithel/Niels Weise: „Für die Zukunft des deutschen Volkes“, S. 295. Privat widmete sich Brandl dem Rudersport, war aktiver Leistungsruderer und gleichzeitig Vereinsfunktionär. So bekleidete er von 1934 bis 1936 das Amt des ersten Vorsitzenden beim Passauer Ruderverein 1874 e. V. Während seiner Amtszeit hieß es in der Festschrift zum 60-jährigen Jubiläum des Rudervereins: „[...] kerndeutsches Fühlen und Handeln war die Voraussetzung für die Aufnahme im Verein seit allen Zeiten, vor allem seit die Kriegsgeneration am Steuer des Vereins stand, seit 1919.“Thomas Raithel, Niels Weise: Für die Zukunft des deutschen Volkes, S. 292 f.
1936 gab Brandl seine Rechtsanwaltspraxis auf und ging zur Reichsumsiedlungsgesellschaft (RUGes). Dort leitete er bis 1938 die Zweigstellen Eschenbach in der Oberpfalz und Amberg. Zu seinem Aufgabenbereich gehörte die Beschaffung von Grundstücken für die Wehrmacht. Brandl war für die Umsiedlungsmaßnahmen zuständig, die für die Erweiterung der oberpfälzischen Truppenübungsplätze Hohenfels und Grafenwöhr durchgeführt wurden. Dabei mussten alleine im Fall Grafenwöhr mehrere Tausend Menschen ihre Heimat aufgeben. Bei den folgenden Entschädigungs- und Enteignungsverfahren der Landwirte, die Haus und Grundstück verloren, schloss Brandl Ende 1938 teilweise Vergleiche; verwaltungsgerichtliche Verfahren, die Enteignete wegen zu geringer Entschädigungen anstrengten, führte er aber auch bis zur Revision beim Preußischen Oberverwaltungsgericht. Das Dienstzeugnis der RUGes vom 12. Dezember 1938 bescheinigte ihm, er sei „einer der besten Zweigstellenleiter der Reichsumsiedlungsgesellschaft“ gewesen.Thomas Raithel/Niels Weise: „Für die Zukunft des deutschen Volkes“. S. 296.
Ein dreiviertel Jahr nach dem Anschluss Österreichs wechselte er im Dezember 1938 in die wehrwirtschaftliche Abteilung beim Reichsstatthalter in Wien und arbeitete als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter unter Otto Wächter, der die Wiener Dienststelle leitete und Brandls weitere Karriere entscheidend förderte.Bernd-A. Rusinek: Der Fall Greifeld, Karlsruhe – Wissenschaftsmanagement und NS-Vergangenheit, S. 292 f. Die Arbeit, die Brandl in dieser wehrwirtschaftlichen Abteilung leistete, wird von den Historikern Bernd-A. Rusinek wie auch Thomas Raithel und Niels Weise übereinstimmend als die eines „Kriegsertüchtigungsmanager[s]“ eingeschätzt, der die österreichische Wirtschaft, insbesondere die Rüstungsindustrie, für einen bevorstehenden Krieg optimieren sollte.Bernd-A. Rusinek: Der Fall Greifeld, Karlsruhe – Wissenschaftsmanagement und NS-Vergangenheit, S. 297; Thomas Raithel/Niels Weise: „Für die Zukunft des deutschen Volkes“, S. 296 f.
Funktionen im Generalgouvernement Nach dem Überfall auf Polen leistete Brandl zunächst Kriegsdienst als Wehrmachtsbeamter bei der in Wien aufgestellten 14. Armee. Mit dem Stab des Armeeoberkommandos, dem auch Verwaltungsfachleute aus der Wehrwirtschaftsabteilung des Reichstatthalters in Wien angehörten, kam Brandl nach Polen. Aus diesen und anderen Verwaltungsbeamten wurden Ende Oktober 1939 die zivilen Distriktverwaltungen im besetzten Polen gebildet. Konkret wurde aus der Dienststelle „Chef der Zivilverwaltung beim AOK 14“ nun die Distriktverwaltung Krakau, der Otto Wächter als „Gouverneur“ vorstand. Brandl leitete unter Wächter die Abteilung Wirtschaft. Im Juli 1940 wurde er zum Regierungsrat ernannt.Thomas Raithel/Niels Weise: „Für die Zukunft des deutschen Volkes“, S. 297ff.
Die deutsche Besatzung des Generalgouvernements war dadurch charakterisiert, dass die jüdische und große Teile der polnischen Bevölkerung umgebracht wurden. In diesem Gebiet wurde, nachdem kein schneller Sieg im Osten zu erwarten war, parallel zu den Vernichtungsaktionen (Vernichtung durch Arbeit) eine wirtschaftliche Ausbeutungspolitik forciert, die den kriegsbedingten Arbeitskräftemangel in der deutschen Wirtschaft kompensieren sollte. An der Nahtstelle von Vernichtungs- und Ausbeutungspolitik agierte Brandl und kooperierte eng mit der die wirtschaftliche Ausplünderung Polens organisierenden Haupttreuhandstelle Ost (HTO). Die Treuhandstelle im Generalgouvernement gründete im Herbst 1941 eine eigene „Treuhandverwertungsgesellschaft m.b.H.“ in Krakau, deren zweiter Geschäftsführer Brandl wurde. Sie war für die Veräußerung von beweglichem Vermögen wie Firmeninventar, Möbel und Ausrüstungsgegenstände zuständig und wurde, so Thomas Raithel und Niels Weise, „zu einem wichtigen Akteur in der nationalsozialistischen Raub- und Enteignungspolitik“. Bis Februar 1942 führte Brandl seine Dienstgeschäfte im Distrikt Krakau, anschließend im Zuge der Erweiterung des Generalgouvernements in Lemberg, Distrikt Galizien, wo er außerdem ab Februar 1944 nach dem Partisanenanschlag auf den bisherigen Amtsinhaber Otto Bauer kommissarischer Amtschef war.Bernd-A. Rusinek: Der Fall Greifeld, Karlsruhe – Wissenschaftsmanagement und NS-Vergangenheit, S. 299 f. und 309; Thomas Raithel/Niels Weise: „Für die Zukunft des deutschen Volkes“, S. 311f.