mini|284px|Normales menschliches Herz und Herz mit abweichender Form des linken Ventrikels am Ende der Systole bei Broken Heart Syndrom
Die Stress-Kardiomyopathie (auch Gebrochenes-Herz-Syndrom, Tako-Tsubo-Kardiomyopathie, Tako-Tsubo-Syndrom, transiente linksventrikuläre apikale Ballonierung oder Broken-Heart-Syndrom) ist eine seltene, akut einsetzende und oft schwerwiegende Funktionsstörung des Herzmuskels, die vorwiegend bei älteren Frauen auftritt. Die Symptome gleichen denen eines Herzinfarktes und treten meist unmittelbar nach einer außerordentlichen emotionalen oder körperlichen Belastung auf. Die Ursache der erst in den 1990er Jahren als eigenständige Erkrankung beschriebenen Störung ist unklar; den meist deutlich erhöhten Blutspiegeln von Stresshormonen, insbesondere den körpereigenen Katecholaminen wie Adrenalin und Noradrenalin, scheint eine entscheidende Bedeutung zuzukommen.
Eine neuere Fall-Kontroll-StudieAdzar Radfar et al.: Stress-associated neurobiological activity associates with the risk for and timing of subsequent Takotsubo syndrome. European Heart Journal 00 (2021), S. 1–11. Doi:10.1093/eurheartj/ehab029 (engl.). Zitiert nach „Deutsches Ärzteblatt.“ „zeigt, dass die Patienten in den Jahren vor der kardialen Krise in der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) eine vermehrte Aktivität in den Corpora amygdaloideum haben, den Angst- und Stresszentren des Gehirns.“PET zeigt, wo das „Gebrochene Herz“ im Gehirn entsteht. Deutsches Ärzteblatt, News (16. April 2021).
Die Prognose ist bei den meisten Patienten günstig, nach einigen Wochen ist die Herzfunktion bei der Mehrzahl von ihnen normalisiert. Im Akutstadium allerdings sind ernste und auch lebensbedrohliche Komplikationen häufig.
Geschichte mini|284px|Japanische Tintenfischfallen, nach deren Form das Krankheitsbild benannt ist Das Krankheitsbild wurde 1991 erstmals beschrieben, Namensgeber war eine japanische Tintenfischfalle in Form eines Kruges mit kurzem Hals (Tako-Tsubo,: „octopus trap, foxhole“Andrew N. Nelson: Japanese-English Character Dictionary. Tuttle: Rutland, Tokyo 1962, S. 796 s. Abbildung). Die daran erinnernde eigentümliche Form der linken Herzkammer (linker Ventrikel) am Ende der Systole wurde von den Erstautoren als Folge einer Durchblutungsstörung des Herzmuskels angesehen, verursacht durch die krampfartige Verengung mehrerer Herzkranzgefäße (Koronarspasmen).K Dote et al.: Myocardial stunning due to simultaneous multivessel coronary spasms: a review of 5 cases. In: J Cardiol, 1991 21, S. 203–214. PMID 1841907.
In der im März 2006 aktualisierten Definition und Klassifikation der Kardiomyopathien der US-amerikanischen American Heart Association (AHA) ist die „Stress (‚Tako-Tsubo‘) Cardiomyopathy“ neben der Myokarditis als erworbene primäre Kardiomyopathie klassifiziert.BJ Maron et al.: Contemporary Definitions and Classification of the Cardiomyopathies. An American Heart Association Scientific Statement From the Council on Clinical Cardiology, Heart Failure and Transplantation Committee; Quality of Care and Outcomes Research and Functional Genomics and Translational Biology Interdisciplinary Working Groups; and Council on Epidemiology and Prevention. In: Circulation, 2006, 113, S. 1807–1816. PMID 16567565.
Epidemiologie Verlässliche epidemiologische Daten fehlen, das Wissen über die Stress-Kardiomyopathie stützt sich auf Einzelfallschilderungen und die Beschreibung von „Kleinstserien“ mit wenigen Patienten. Bis Mitte 2006 sind weltweit erst etwa 700 Patienten mit einer Tako-Tsubo-Kardiomyopathie beschrieben worden, davon etwa 400 in Japan und jeweils etwa 150 in Europa und Nordamerika. Seit 2004 wurde auch über Patienten in Australien und Südamerika berichtet, so dass von einer weltweiten und bislang unterschätzten Verbreitung ausgegangen wird.B Schneider: Tako-Tsubo-Kardiomyopathie – was steckt dahinter? In: Kardiologie up2date, 2006, 2, S. 131–136.
Anhand jeweils geringer Patientenzahlen ist bislang festgestellt worden, dass in Japan 1,2 bis 2,2 %, in den USA etwa 2,2 % und in Deutschland 2,3 bis 2,6 % aller Patienten mit einem akuten Koronarsyndrom an einer Stress-Kardiomyopathie litten, unter den weiblichen Patienten betrug dieser Anteil immerhin etwa 7,5 %.H Wedekind et al.: Tako-Tsubo-Kardiomyopathie. Inzidenz bei Patienten mit akutem Koronarsyndrom. In: Herz, 2006, 31, S. 339–346. PMID 16810474. Mehr als 90 % der beschriebenen Patienten waren Frauen,D Donohue, MR Movahed: Clinical characteristics, demographics and prognosis of transient left ventricular apical ballooning syndrome. In: Heart Fail Rev, 2005, 10, S. 311–316. PMID 16583180. das mittlere Alter lag bei 62–75 Jahren.J Weil et al.: Transiente linksventrikuläre apikale Ballonierung, Differentialdiagnose des akuten Koronarsyndroms. In: Intensivmed, 2006, 43, S. 213–218.
Auch extrem scharfe Speisen können eine Tako-Tsubo-Kardiomyopathie auslösen.
Pathophysiologie Entstehung und Entwicklung der Erkrankung (Pathogenese) sind nicht vollständig geklärt. Bei vielen Patienten mit einer Stress-Kardiomyopathie sind deutlich erhöhte Blutspiegel der körpereigenen Katecholamine festgestellt worden. Adrenalin, Noradrenalin, Metanephrine (Metanephrin und Normetanephrin) und Vanillinmandelsäure sind in höheren Konzentrationen gefunden worden als bei schweren Herzinfarkten. Die hohe Konzentration dieser auch als Stresshormone bezeichneten Substanzen wird als Ursache der Stress-Kardiomyopathie diskutiert, was durch mehrere Einzelfallbeobachtungen von Tako-Tsubo-ähnlichen Ereignissen bei Patienten mit Phäochromozytom, einem katecholaminproduzierenden Tumor der Nebenniere, gestützt wird.C Spes, A Knape, H Mudra: Recurrent tako-tsubo-like left ventricular dysfunction (apical ballooning) in a patient with pheochromocytoma – a case report. In: Clinical Research in Cardiology, 2006, 95, S. 307–311 2004 wurde erstmals über zwei Schwestern mit apical ballooning berichtet, was eine genetische Veranlagung vermuten lässt.L Pison: Apical ballooning in relatives. In: Heart, 2004, 90, S. e67. PMID 15547001Göttinger Forscher entschlüsseln wichtige funktionelle Aspekte des Broken-Heart-Syndroms. Universität Göttingen Humangenetik, 4. September 2017 Anlässlich des Nachweises einer Infektion mit dem Cytomegalievirus bei einem Patienten mit Tako-Tsubo-Syndrom wurde 2006 auch über eine mögliche Verursachung durch Viren diskutiert.C Greco et al.: Tako-tsubo syndrome: a potential role for cytomegalovirus infection. In: J Cardiovasc Med, 2006, 7, S. 623–627. PMID 16858242.
Hinsichtlich der Pathophysiologie wird vermutet, dass die stark erhöhte Katecholaminkonzentration die Aktivität des Herzmuskels dahingehend verändert, dass es zu einer Verkrampfung der Wandungen von Herzkranzgefäßen oder zu einer Überladung mit Calcium kommt. Ursache der erhöhten Katecholaminspiegel könnte nach bisherigen Erkenntnissen eine Überaktivität des autonomen Nervensystems sein, das durch die plötzliche Stresssituation zu viele Stresshormone produziert. Ein relativer Mangel an Östrogenen nach der Menopause trägt möglicherweise zur verstärkten Aktivierung des Sympathikus bei. Die für andere Durchblutungsstörungen des Herzens ungewöhnliche Betroffenheit besonders der spitzennahen Muskelregionen könnte auf eine unterschiedliche Dichte von Beta-Adrenozeptoren zurückzuführen sein, die zumindest bei Hunden nachgewiesen ist.H Mori et al.: Increased responsiveness of left ventricular apical myocardium to adrenergic stimuli. In: Cardiovasc Res, 1993, 27, S. 192–198. PMID 8386061.
Auch eine Thyreotoxikose kann eine Takotsubo-Kardiomyopathie auslösen, und eine multizentrische Beobachtungsstudie hat nachgewiesen, dass eine normale Schilddrüsenfunktion bei von einer Stress-Kardiomyopathie Betroffenen eher die Ausnahme als die Regel darstellt. Schilddrüsenhormone könnten dabei über eine Hochregulation von Betarezeptoren die Empfindlichkeit des Myokards für Katecholamine erhöhen. Daten des internationalen GEIST-Registers haben gezeigt, dass eine Hyperthyreose mit einer signifikant höheren Letalität einhergeht, während eine Hypothyreose eher mit einer günstigen Prognose assoziiert ist.
Krankheitsbild Akutphase Die Symptome der Stress-Kardiomyopathie gleichen denen eines Herzinfarktes. Charakteristisch sind plötzlich beginnende heftige Brustschmerzen (Angina Pectoris) und Luftnot (Dyspnoe). Im Akutstadium ist eine Unterscheidung zum Herzinfarkt ohne Herzkatheteruntersuchung nicht möglich, so dass das Ereignis zunächst als akutes Koronarsyndrom bezeichnet und behandelt wird.
Fast allen Patienten ist gemeinsam, dass die Symptome kurz nach einem emotional belastenden Ereignis wie beispielsweise dem Tod einer nahestehenden Person, der Trennung vom Partner, einem Unfall, einem Überfall, einer Naturkatastrophe,M. Sato et al.: Increased incidence of transient left ventricular apical ballooning (so-called ‘takotsubo’ cardiomyopathy) after the mid-niigata prefecture earthquake. In: Circ J., 2006, 70, S. 947–953. PMID 16864923. einem heftigen Streit, dem Verlust der materiellen Existenz oder der Diagnose einer schweren Erkrankung einsetzen, durchaus aber auch nach erfreulichen Überraschungen wie der Nachricht von einem größeren Lottogewinn. Entgegen ersten und auch heute noch verbreitet geäußerten Vermutungen ist die Tako-Tsubo-Kardiomyopathie nicht ungefährlich. Besonders in den ersten Stunden ist die Gefahr von ernsthaften Komplikationen hoch. Angaben über deren Häufigkeit schwanken zwischen 18,9 % und bis zu 46 %. Ein kardiogener Schock tritt bei etwa 15 %, eine ernste Herzrhythmusstörung (ventrikuläre Tachykardie oder Kammerflimmern) bei etwa 9 % der Patienten auf.
Verlauf und Prognose Die Veränderungen am Herzmuskel bilden sich in der Regel innerhalb von Wochen vollständig zurück, auch das EKG normalisiert sich meist. In einer 2005 publizierten Übersicht aller bis dato veröffentlichten Fälle wird eine Mortalität von 3,2 % angegeben. Nach überstandener Akutphase scheint das Risiko für ein erneutes Auftreten (Rezidiv) des Syndroms gering zu sein.KA Bybee et al.: Systematic review: transient left ventricular apical ballooning: a syndrome that mimics ST-segment elevation myocardial infarction. In: Ann Intern Med, 2004, 141, S. 858–865. PMID 15583228.
284px|mini|EKG (Ableitungen V1-V6) mit normalen T-Wellen (grüne Pfeile) etwa eine Stunde nach Schmerzbeginn und negativen T-Wellen (rote Pfeile) etwa vier Stunden später
Diagnostik Als diagnostische Kriterien für die Stress-Kardiomyopathie gelten: eine vorübergehende Bewegungsstörung der linken Herzkammer, die nicht dem Versorgungsgebiet eines Herzkranzgefäßes entspricht, der Ausschluss von höhergradigen Verengungen der Herzkranzgefäße, neu aufgetretene EKG-Veränderungen ähnlich denen eines Herzinfarktes und der zeitliche Zusammenhang mit einer vorausgegangenen Stresssituation.
Die körperliche Untersuchung kann normale Befunde ergeben oder Zeichen der Herzinsuffizienz wie einen dritten Herzton oder Rasselgeräusche über der Lunge aufdecken.
Differentialdiagnostisch gilt es, die Stress-Kardiomyopathie abzugrenzen einerseits von einem akuten Koronarsyndrom auf der Basis einer koronaren Herzkrankheit und andererseits von einem Phäochromozytom oder auch drittens von einer hypertroph-obstruktiven Kardiomyopathie.
EKG Das EKG zeigt in der Akutphase Hebungen der ST-Strecke (vgl. EKG-Nomenklatur) oder diffuse Veränderungen der T-Welle, innerhalb der ersten 48 Stunden oft auch eine Verlängerung der QT-Zeit. Die EKG-Veränderungen sind jenen bei einem Herzinfarkt ähnlich und treten häufig in mehreren EKG-Ableitungen auf.IS Wittstein et al.: Neurohumoral features of myocardial stunning due to sudden emotional stress. In: N Engl J Med, 2005, 352, S. 539–548. PMID 15703419.
Bildgebende Verfahren mini|284px|Ventrikulografie der linken Herzkammer bei einer Tako-Tsubo-Kardiomyopathie 284px|mini|Konturen der linken Herzkammer in Diastole (schwarz) und Systole (grau). Schematische Darstellung.A Stress-KardiomyopathieB Normalperson