Das Karakul oder Karakulschaf (in Namibia offiziell Swakara) ist eine Steppenschafrasse, die ursprünglich in Usbekistan beheimatet war. Neben Russland und Afghanistan ist heute auch Namibia eines der Hauptzuchtländer dieser Schafe. Regional genutzt wird vor allem das Fleisch, das Fell, die Wolle und das Schwanzfett. Bedeutung für den internationalen Handel hat das Karakulschaf, weil das Fell des jungen Lamms als Persianer vermarktet und nachgefragt wird.

Biologie, Ökologie und Entstehung der Rasse Das Karakulschaf ist ein schlankes Steppenschaf mittlerer Größe. In der Regel wirft das Muttertier pro Saison nur ein Lamm. Die Lämmer kommen schwarz, grau, braun oder goldfarben zur Welt. Ausgewachsene Tiere sind meist schwarz; graue und braune Tiere sind relativ selten. Die Beine sind vom Knie abwärts schwarz. Der Kopf ist länglich, schmal mit leicht nach außen gewölbter Nasenpartie (Ramskopf) mit zumeist breiten, langen Hängeohren. Die männlichen Tiere, Widder genannt, sind gehörnt, die weiblichen Tiere sind hornlos oder mit Hornstummeln. Das Gewicht der Widder beträgt 60 bis 70 kg, das der Muttertiere 40 bis 50 kg.

Der Wollertrag eines Muttertieres beträgt 2,5 bis 3 kg, vom männlichen Tier etwa 4 kg Schweißwolle. Die Wollqualität ist mäßig Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e. V. (GEH) und wird zumeist zur lokalen Gewinnung von Filz verwendet; auf dem Weltmarkt sind die Qualitäten kaum gefragt.

Die langlebige Rasse ist anspruchslos und widerstandsfähig, gut an die Gegebenheiten trockener Steppen- und Halbwüstengebiete angepasst und weniger für Gegenden mit feuchtem Klima geeignet. Traditionell ziehen die Hirten mit ihren Herden weiträumig umher. Gräser und Kräuter bilden die Hauptnahrung der Schafe im Frühjahr und Sommer, Laub und Zweige im Herbst und Winter. Inzwischen wird neben dem Herdenumtrieb auch die Stallhaltung praktiziert. Das Karakulschaf ist ein Fettschwanzschaf, das zur Überbrückung von Perioden ohne Futter ein besonderes Fettdepot anlegt.

Die ursprüngliche Heimat der Karakulschafe ist vermutlich Arabien. Abbildungen aus der Hethiterzeit (etwa 2650 v. Chr.) zeigen Könige mit gelockten Kopfbedeckungen, die auf die Nutzung Karakul-ähnlicher Schafe hinweisen. Die ersten Fettschwanzschafe dürften um 2000 v. Chr. in das heutige Gebiet von Syrien und Israel gekommen sein und wurden bald danach in Ägypten eingeführt. Erst im 8. Jahrhundert n. Chr. gelangten diese Schafe mit arabischen Hirtenvölkern nach Usbekistan, wo in den Khanaten Buchara und Chiwa eine Zucht aufgebaut wurde.

Etymologie und frühe Handelswege mini|links|Relief von männlichen Schafen des Karakultyps an der Apadana-Treppe in Persepolis (500 v. Chr.)Arthur C. Prentice (für die Reliefbeschreibung): A Candid View of the Fur Industry. Publishing Company Ltd., Bewdley, Ontario 1976, S. 201. (englisch). mini|hochkant|Persianer-Breitschwanz (Ärmel) in der Farbe „Sur“

Die Bezeichnungen, unter denen Karakulschafe bekannt sind, sind eng mit den Handelswegen der Felle dieser Schafsrasse verbunden.

Seit etwa 1000 Jahren ist in Europa bekannt, dass Lockenschafe hauptsächlich im zentralasiatischen Buchara und Chiwa gezüchtet werden, die heute zu Usbekistan gehören. Um 1850 setzte eine erhöhte Nachfrage nach karakulartig gelockten Lammfellen in Europa ein. Damals wurden die Felle auf Kamelen zunächst westwärts durch Kasachstan nach Astrachan transportiert, einem wichtigen Handelsplatz an der Mündung der Wolga in Nähe des Kaspischen Meers. Wolgaaufwärts wurden die Felle dann zur Pelzmesse in Nischni Nowgorod verschifft. Hier wurden sie anfangs von russischen und später auch von deutschen Fellhändlern gekauft.

1835 erwähnt der Engländer Alexander Burnes erstmals den Ort Karakul (Qorakoʻl) in Usbekistan: „… die Karawanen sammeln sich … sie waren mit kostbaren Fellen aus dem kleinen Bezirk von Karakool beladen, wo wir fast einen Monat mit Torkmanen und Schäfern verbracht hatten, die von nichts als Vliesen und Märkten sprechen …“. Es spricht einiges dafür, dass die Schafe nach diesem Ort (im Norden von Buchara) dann Karakulschafe genannt wurden. Eine andere Auslegung sagt, dass es ursprünglich von assyrisch „kara-gjull“ bzw. türkisch „kara gül“, übersetzt „Schwarze Rose“ stammt. Eine weiter verbreitete Deutung ist die Herkunft aus „kara kul“ und „kara köl(e)“, beides türkisch für „schwarzer Sklave“ oder „kara kül“ für „schwarze Asche“ bzw. „kara göl“ für „schwarzer See“ (das Haarbild des Lamms beschreibend, „Wellen“ und „Spiegel“).

Die Bezeichnung „Persianer“ für das gelockte Lammfell ist kein Ursprungsbegriff für Karakulschafe oder deren Felle. Die Bezeichnung weist eher auf die persischen Händler hin, durch deren Hände zeitweilig ein großer Teil der Felle auf die europäischen Märkte gelangte.

Die Bezeichnung „Breitschwanz“ für das Fell zu früh geborener Karakullämmer taucht gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den Prospekten großer internationaler Rauchwarenfirmen auf; bis dahin wurden diese Felle zum Verpacken der regulären Karakulfelle benutzt und hatten keinen weiteren Wert.Edythe Cudlipp: Furs - An Appreciation of Luxury, a Guide to Value. Hawthorn Books, New York, 1978, S. 22 (englisch), ISBN 0-8015-4310-X. Als Persianer-Breitschwanz wird das Fell eines besonderen Entwicklungsstadiums von Föten des Karakulschafs bezeichnet, wenn es sich durch eine besondere, weniger lockige als eher moirisierende Behaarung auszeichnet.Dr. H. E. Matter, Dr. Paul Schöps, Richard Maria Franke: Breitschwanz-Karakul - Legende und Wirklichkeit, Rifra-Verlag Murrhardt, 1973, S. 13, 15–16 Breitschwanz-Persianer dagegen ist das Fell des normal geborenen Lamms aus Namibia (Handelsbezeichnung Swakara). Die Felle namibischer Karakul zeigen ein dem Persianer-Breitschwanz ähnliches Fellmuster.

Neuere Geschichte der Karakulhaltung Zentralasiatische Ursprungsgebiete Die Karakulzucht wurde jahrhundertelang nur in Zentralasien, hauptsächlich in Buchara und Chiwa, betrieben. Die Stammesgemeinschaften hüteten die Zucht als Familiengeheimnis. Sie verbreiteten die Ansicht, dass die Qualität der Lockenbildung von den örtlichen Gegebenheiten abhinge.

Nach der Erfindung des Schwarzfärbens von Persianerfellen stieg die Nachfrage sprunghaft an. Die Züchter in Buchara kreuzten daraufhin echte Bucharaschafe mit Tieren benachbarter Bezirke. Die Qualität der Lammfelle der gekreuzten Tiere war jedoch geringer; gute Felle wurden immer seltener. Diese Kreuzzucht führte dazu, dass eine graue Buchara-Rasse, die so genannte Darnadar, deren Fell mit winziger Locke in Russland zu Kappen verarbeitet wurde, völlig ausgestorben ist.

Russisches Karakul und Nachfolgestaaten der Sowjetunion mini|hochkant|Hamburger Bürgermeister-Tracht aus russischem Persianer, 1905 Im Zuge der russischen Expansion nach Zentralasien gerieten die Ursprungsgebiete der Karakulzucht im 19. Jahrhundert zunehmend unter russischen Einfluss. Russland bzw. die Sowjetunion wurden somit Ursprungs- und Hauptproduktionsgebiet von Karakulschafen. Die Zuchtgebiete lagen in den 1970er Jahren weiterhin vor allem in Zentralasien: in Usbekistan (Buchara), Turkmenistan, Kasachstan, in Teilen von Tadschikistan, aber auch in Europa: in der Ukraine und in Moldawien. Um 1974 kamen 96 Prozent der damaligen Produktion aus den drei erstgenannten Gebieten. Der Bestand von reinrassigen Tieren betrug über 14 Millionen. Einzelne Großbetriebe hatten über 100.000 Tiere. 1974 kamen 8.300.000 Persianerfelle in den Welthandel (einschließlich UdSSR).

Russische Persianerfelle sind bekannt für ihre kleine Locke, deren wertvollste Felle eine röhrenförmige Lockenbildung mit schöner Zeichnung aufweisen. An Fellfarben werden unterschieden: Die Hauptfarben schwarz, grau und sur (goldbraun) braun in den drei Hauptnuancen: rot- und hellbraun, braun und dunkelbraun halali (chalili), zweifarbige, das sind braune Karakul mit schwarzen Seiten und Pumpf. Die Felle haben meist sehr glänzende, schöne, feste Locken kombar, gleichmäßig grau-blau-bräunliche Felle sedinoi, dunkel und schwarzgraue Karakul mit schmalem, grauen Rückenmittelstrich gulgas (guligas), braune und weiße Härchen verschiedener Farbabstufungen ergeben eine schöne helle oder dunkle beige/rosa Schattierung

Die russischen Persianerfelle kommen seit Ende der 1960er Jahre unter dem Markennamen „Buchara“ in den Handel.Der Spiegel 18/1966 vom 25. April 1966, abgerufen am 27. März 2013

Afghanisches Karakul mini|hochkant=1.5|Kürschnersortiment gefärbter afghanischer Karakulfelle

Im Gegensatz zur russischen dient die afghanische Schafzucht primär der Fleischgewinnung und nur sekundär der Pelzgewinnung. Das Fleisch der Karkulschafe, wie Schaffleisch überhaupt, wird im Land gern gegessen. Im Vergleich zu anderen Rassen liefert das Karakulschaf jedoch nur eine geringe Fleischmenge. Als Milchlieferant werden die Schafe außerdem stellenweise zweimal täglich gemolken. Die Milch wird hauptsächlich zu Butter und einem lange haltbaren Speise- und Bratöl verarbeitet. Weitere Milchprodukte sind Joghurt, das Getränk Dugh und die als Gewürz benutzten Kaschg und Gharaghurut. Im Frühjahr und Herbst werden die Schafe geschoren; die Wolle ist ein beliebtes Material für die Teppichknüpferei.

Bis zum Ersten Weltkrieg war die Karakulschafzucht in Afghanistan nur schwach entwickelt (700.000 bis 750.000 Schafe, Ausfuhr 300.000 Felle). Nach dem Einmarsch der Roten Armee im Jahr 1920 flüchteten der Emir von Buchara, Alim Khan, und seine Entourage aus dem vormaligen Emirat Buchara zusammen mit den Karakulschafen des Emirs nach Afghanistan. Die meisten Tiere stammten aus Buchara und dem Khanat Chiwa. In Afghanistan entwickelten sich daraus Herden von mehreren Millionen Tieren.Wolf Eberhard Trauer: Karakulschafe in aller Welt, in Das Pelzgewerbe, Jahrgang XVI, Neue Folge, 1965 Nr. 2, S. 59–66 Der Haupthandels- und Stapelplatz für diese Persianerfelle war die nordwestindische, heute pakistanische Stadt Peschawar.„Aus einem Bericht aus Peschawar“: Peschawar, der Persianer-Handelsplatz. In: Der Rauchwarenmarkt Nr. 40, Leipzig 22. Mai 1935, S. 3. Die Zucht ist vor allem verbreitet in den Provinzen Anhoi, Masar-i-Scherif, Maimene, Schiberghan, Achtscha, Taschkurghan, Kundus und Herat.

Die Art und Größe der Locken entspricht etwa der des turkmenischen Karakullamms (russische Karakulrasse), doch sind die Locken öfter unregelmäßig und von kleinen Haarspitzen bedeckt oder überwachsen, wodurch die Wirkung des Glanzes beeinträchtigt wird. Die Locken laufen meist weniger in die Bauchpartie hinein als bei den Turkmenen. Etwa 90 % der Felle sind schönfarbig grau. 1976 konnten 56 Arten grauer und 40 Varietäten schwarzer Karakulfelle produziert werden.Ohne Autorenangabe: Karakulzucht in Afghanistan. In Brühl November/Dezember 1976, VEB Fachbuchverlag Leipzig, S. 10 Pelzfelle werden für den Handel differenziert nach Farbe und Lockenart und Fellstruktur sortiert. Wichtige aus Hauptsortimente sind Black Afghan, Grey Afghan, Black Broadtail, Grey Broadtail, und Sur.Winckelmann International, Fur Bulletin 2437, Sales Report 568, Winckelmann Communication Frankfurt am Main, 23. Dezember 1997, S. 2–3 (englisch)

1967 wurde im Nordosten der iranischen Provinz Chorasan, 18 Kilometer von der Hauptstadt Schiraz der Provinz Fars entfernt, die Versuchsstation Sarachs vom Landwirtschaftsministerium errichtet, ausschließlich als Karakulversuchsstätte. Die Karakulschafe der Provinz Fars gehören weitgehend der grauen Variante an, der Handelsname „Schirasi“ für graue Persianer ist offensichtlich vom Namen der Hauptstadt abgeleitet. Die Karakulschafe im Raum Ghom, das 140 Kilometer von Teheran entfernt liegt, sollen von Tieren abstammen, die in der Zeit der Sassaniden-Dynastie [„Sandii-Dynastie“] von Schiraz hierher gebracht wurden. Diese ebenfalls grauen Karakuls sind dort unter dem Namen Sandischafe bekannt.