mini|hochkant|Pierre Bourdieu, 1996
Pierre Félix Bourdieu [] (* 1. August 1930 in Denguin; † 23. Januar 2002 in Paris) war ein französischer Soziologe und Sozialphilosoph. Er gehört zu den einflussreichsten Soziologen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und wirkte an der Pariser Elite-Hochschule École des hautes études en sciences sociales (EHESS) sowie am Collège de France.
Leben mini|hochkant|Pierre Bourdieu, 1969
Pierre Bourdieu, Sohn des Landwirts und späteren Postangestellten Albert Bourdieu und dessen Ehefrau Noémie Bourdieu, geb. Duhau, besuchte zunächst das Lycée de Pau in seiner Heimatstadt Denguin im Département Pyrénées-Atlantiques. 1948 wechselte er an das Lycée Louis-le-Grand in Paris. Ab 1951 studierte Bourdieu im Hauptfach Philosophie an der Elitehochschule École normale supérieure (ENS), wo er 1954 die Agrégation erhielt. Während seines Studiums im Jahrzehnt des französischen Existentialismus hörte Bourdieu unter anderem Logik und Wissenschaftsgeschichte bei Gaston Bachelard und Georges Canguilhem; er befasste sich mit Hegel und schrieb eine Abhandlung über Leibniz.
Bourdieu begann noch im Jahr 1954 mit einer Dissertation bei Canguilhem. Sein Doktorvater vermittelte ihm eine Stelle als Gymnasiallehrer in der Auvergne, die er etwa für ein Jahr von 1954 bis 1955 innehatte. 1955 zum Militärdienst eingezogen, wurde er für kurze Zeit in Versailles stationiert, aus disziplinarischen Gründen jedoch schnell im Algerienkrieg eingesetzt. 1957 brach er seine Dissertationsarbeit ab, um sich ethnologisch-soziologischer Feldforschung in Algerien zu widmen. Die Methoden der Ethnologie hatte er sich selbst angeeignet.Joseph Jurt: Einleitung. In: Gerhard Fröhlich, Boike Rehbein (Hrsg.): Bourdieu-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart/Weimar 2009, S. 3.
Im Anschluss an seinen Militärdienst führte er von 1958 bis 1960 in der Region Kabylei im nördlichen Algerien Feldforschungen zur Kultur der Berber durch. Hier arbeitete Bourdieu mit den pères blancs zusammen, katholischen Missionaren aus dem Orden der Afrikamissionare, die seit langem in der Kabylei ansässig waren.Jürg Altwegg: Pierre Bourdieu oder Die Schule der Soziologen. In: Jürg Altwegg, Aurel Schmidt: Französische Denker der Gegenwart. Zwanzig Porträts. Beck, München 1988, S. 56f. Er unterrichtete in der philosophischen Abteilung der Universität von Algier. Bereits 1958 erschien seine erste Veröffentlichung über Algerien: Sociologie de l’Algérie.Pierre Bourdieu: Sociologie de l’Algérie. Presses Universitaires de France, coll. Que sais-je? (Nr. 802), Paris 1958.
Von 1962 bis 1983 war Bourdieu mit der Kunsthistorikerin Marie-Claire Brizard verheiratet. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Jérôme Bourdieu, Emmanuel Bourdieu und Laurent Bourdieu.
Akademische Laufbahn Von 1960 bis 1961 war Bourdieu Assistent Raymond Arons an der philosophischen Fakultät der Sorbonne. Anschließend unterrichtete er bis 1964 Soziologie als Dozent an der Universität Lille. Er beschäftigte sich unter anderem mit Émile Durkheim, Max Weber und Alfred Schütz, mit amerikanischen Soziologen, der britischen Anthropologie sowie mit dem Linguisten Ferdinand de Saussure.
Gleichzeitig betrieb er Studien der arabischen und berberischen Sprache, die er bereits in Algerien begonnen hatte. Bis 1964 verbrachte Bourdieu seine unterrichtsfreie Zeit jeweils in Algerien, um seine ethnologischen Feldstudien fortzusetzen. In der Zeit zwischen 1958 und 1964 entstanden rund 3000 Fotos über den Krieg und das Alltagsleben in Algerien, insbesondere in Algier, von denen nur noch ein Teil vorhanden ist. Erst kurz vor seinem Tod wurden die Fotodokumente veröffentlicht – einzelne Fotos hatten zuvor als Titelbilder seiner Bücher gedient. In den Deichtorhallen in Hamburg wurde 2006 eine Ausstellung mit Fotoarbeiten Bourdieus gezeigt.
1963 publizierte er gemeinsam mit Alain Darbel, Jean-Paul Revet und Claude Seibel Abhandlungen über die Entstehung der Lohnarbeit und eines städtischen Proletariats in Algier. 1964 erschien eine Arbeit über die Krise der traditionellen Landwirtschaft, die Zerstörung der Gesellschaft sowie die Umsiedlungsaktionen durch die französische Armee, die er gemeinsam mit Abdelmalek Sayad verfasst hatte.
Auch andere Werke Bourdieus beziehen sich teilweise auf seine ethnologischen und soziologischen Forschungsergebnisse in Algerien, insbesondere seine Veröffentlichungen Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft im Jahr 1972, Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft aus dem Jahr 1980 sowie seine späte Arbeit Die männliche Herrschaft von 1998.
mini|257x257px|Im Jahr 1964 wechselte Pierre Bourdieu an die Pariser Elite-Hochschule École des hautes études en sciences sociales (EHESS) und prägte die Institution in den darauffolgenden Jahren entscheidend mit. Bourdieu wechselte 1964 an die École des hautes études en sciences sociales (EHESS). Mit dem Soziologen Jean-Claude Passeron verband ihn eine lange Zusammenarbeit. Sie publizierten im selben Jahr gemeinsam das Werk Die Illusion der Chancengleichheit. Untersuchungen zur Soziologie des Bildungswesens am Beispiel Frankreichs, das große Aufmerksamkeit in der Fachöffentlichkeit erregte und Bourdieu als Soziologen bekannt machte.
1968 gründete er an der EHESS mit Hilfe Raymond Arons, der dafür eine Förderung durch die Ford Foundation erhielt, das Centre de sociologie européenne (CSE).
Hauptwerk 1979 und Lehrstuhl am Collège de France 1981 Sein Hauptwerk Die feinen Unterschiede, das auf jahrelangen empirischen Untersuchungen in Frankreich beruht, wurde 1979 veröffentlicht; in deutscher Übersetzung erschien es 1982.
Seit 1981 hatte Bourdieu einen Lehrstuhl für Soziologie am Collège de France inne, eine der höchsten Positionen im französischen Universitätssystem. 1985 wurde er Direktor des CSE am Collège de France und der EHESS in Paris. Im selben Jahr bat ihn Staatspräsident François Mitterrand, Vorschläge zur Reform des französischen Bildungswesens auszuarbeiten.
Politisches Engagement mini|hochkant|Bourdieus Grab auf dem Friedhof Père-Lachaise
Bourdieu war auch, vor allem in späteren Jahren, ein politischer Intellektueller. Die Tendenz zu politischen Stellungnahmen ist jedoch keine Spätentwicklung, sondern äußert sich bereits in seinen frühen Schriften zu Algerien. Bekannt wurde seine Solidarisierung mit streikenden Bahnarbeitern auf einer Betriebsversammlung im Gare de Lyon am 13. Dezember 1995. Im Jahre 1998 erschien sein Buch Gegenfeuer, das den Neoliberalismus kritisierte. Er wandte sich „in der Rolle eines Typus der Sozialfigur des ‚Intellektuellen‘ an die Öffentlichkeit“, bei dem dezidiert „von dem bis dahin vorherrschenden Bild eines ‚totalen Intellektuellen‘“ Abstand genommen wurde, das durch Jean-Paul Sartre verkörpert wurde. Diesem setzte Bourdieu „den realutopischen Entwurf eines kollektiven, auf wissenschaftlicher Expertise basierenden politischen Engagements“ entgegen (Franz Schultheis).
1998 unterstützte Bourdieu auch die Arbeitslosenbewegung in Frankreich, war Mitbegründer der globalisierungskritischen Bewegung Attac und trat im Mai 2000 für eine Vernetzung der sozialen Bewegungen in Europa gegen den Neoliberalismus ein.
Obwohl ins Zentrum der akademischen Macht in Frankreich – das Collège de France – vorgedrungen, blieb er, selbst aus einfachen Verhältnissen stammend, zeit seines Lebens dem Gebaren und den Gepflogenheiten dieser Institution gegenüber innerlich distanziert. Seine kritisch-ironische Antrittsvorlesung Leçon sur la leçon und die großangelegte Studie Homo academicus zeugen von dieser Distanz.
Tod Bourdieu starb am 23. Januar 2002 in Paris im Alter von 71 Jahren infolge einer Krebserkrankung.
Forschung In der damaligen westdeutschen Soziologie gab es besonders seit den 1980er Jahren eine intensivere Rezeption von Bourdieus Werken. Als schwierig gestaltete sich die Übertragung bei der Rezeption seiner Theorien ins Deutsche. Bourdieus soziologische Forschungen, zumeist im Alltagsleben verwurzelt, waren vorwiegend empirisch orientiert und können der Kultursoziologie zugeordnet werden. Anknüpfend an den Strukturalismus versuchte Bourdieu, subjektive Faktoren mit objektiven Gegebenheiten zu verbinden. Wissenschaftstheoretisch vertrat er unter anderem die Aufhebung des Dualismus von Subjektivismus und Objektivismus, zwischen Idealismus und Materialismus. Auch zum mittelalterlichen Universalienstreit nahm Bourdieu eine vermittelnde Position zwischen Nominalismus und Realismus ein.
Soziologie ist für Bourdieu viel mehr als die Rekonstruktion objektiver Beziehungen. Sie orientiert sich ebenso an den subjektiven Erfahrungen und Orientierungen. Bourdieu geht davon aus, dass ein Individuum in seinen Entfaltungsmöglichkeiten begrenzt ist. Das Individuum bezeichnet er selbst als Habitus-Träger.Annette Treibel: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart. 5. Auflage. Leske + Budrich, Opladen 2000, ISBN 3-8100-2756-1, S. 210.
Bourdieu entwickelte seine theoretischen Begriffe unter Einbeziehung der Erfahrungen von Individuen. Er verwendete Leitbegriffe wie Habitus, sozialer Raum, soziales Feld, Kapital und Klasse. Alle diese in der Soziologie und Ökonomie verwendeten Begriffe entwickelte er so weiter, dass sie in der Zusammenschau eine neue empirisch begründete soziologische Theorie ergeben, die in den heutigen soziologischen Diskursen von großer Bedeutung ist und häufig als „Theorie der Praxis“ bezeichnet wird. Mit seinem Konzept einer praxeologischen Erkenntnisweise, das er aus seiner Kritik an der theoretischen Vernunft – den Erkenntnismöglichkeiten eines rein theoretisch arbeitenden Wissenschaftlers – formulierte, wollte er objektive Erkenntnis nicht negieren, sondern überschreiten.
Die Kulturtheorie Bourdieus vergleicht Interaktionen des Alltagslebens mit einem Spiel. Die Individuen besitzen unterschiedlich viele Potentiale verschiedener Art, die sie einsetzen und teilweise umwandeln können: ökonomisches Kapital, soziales Kapital, symbolisches Kapital und kulturelles Kapital. Dabei gilt: „Und jeder spielt entsprechend der Höhe seiner Chips.“ So kann der Erwerb kulturellen Kapitals beispielsweise zur Erhöhung des ökonomischen Kapitals dienen.
Das soziale Feld differenziert er weiter und unterscheidet das politische und das literarische Feld (Literatursoziologie). Die jeweiligen Felder sind mit einem bestimmten Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschema – also einem Habitus – verknüpft, worüber Individuen wiederum auf soziale Felder zurückwirken. Bourdieu vertritt somit weder einen Strukturdeterminismus noch einen individualistischen Ansatz.
Schon in seinen frühen Schriften legte Bourdieu eine Theorie der symbolischen Formen und der symbolischen Gewalt vor, die er in seinen weiteren Studien verfeinerte. In Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft stellte er seine Theorie und Begrifflichkeit umfassend dar. Er prägte die Bezeichnung Distinktionsgewinn für die erfolgreiche Durchsetzung eines neuen vorherrschenden Geschmacks und Lebensstils als Mittel im Kampf um gesellschaftliche Positionen. Diese Kulturkämpfe zwischen den gesellschaftlichen Klassen finden in einem sogenannten Raum der Lebensstile statt. Dabei reproduzieren sich die hegemonialen Klassen in der Regel an die jeweiligen neuen Bedingungen angepasst.
Nach Bourdieu gibt es für die menschliche Freiheit vielfältige Begrenzungen, unter anderem durch unbewusste verinnerlichte Faktoren, Illusionen, durch sozioökonomische Strukturen, historische Gegebenheiten, Geschlecht, Nationalität und Weltanschauung. Jedoch hat jeder Mensch innerhalb seiner Grenzen einen individuellen Handlungsspielraum, der umso größer ist, je komplexer die Gesellschaft organisiert ist. Nur vor diesem beschränkten Hintergrund gibt es sozialen Wandel und Innovation.