mini|„Vaterland, nur dir!“ Losung der Schweizer Turnerbewegung auf einem Sockel an der Zürcher Seepromenade

Vaterland ist ein Land, aus dem man stammt, dessen Volk oder Nation man sich zugehörig fühlt. Synonyme sind Geburtsland, Heimat bzw. Heimatland. Seit dem späten 18. Jahrhundert wurde der Begriff sakralisiert. Von Männern wurde verlangt, in seinem Namen notfalls ihr Leben zu opfern. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird dem Vaterland immer seltener eine identitätsstiftende Wirkung zugeschrieben.

Etymologie Das mittelhochdeutsche Wort vaterlant ist zum ersten Mal gegen Ende des 11. Jahrhunderts im Summarium Henrici, einer verkürzten Version des Etymologiae belegt. Es handelt sich um eine Übersetzung des lateinischen Wortes patria.Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 7. Auflage, bearbeitet von Walther Mitzka. Walter de Gruyter, Berlin 1957, ISBN 978-3-11-154374-1, S. 812 (abgerufen über De Gruyter Online). Die Grundbedeutung war „(väterliches) Grundstück“.vaterland, n. patria. In: Deutsches Wörterbuch online, Zugriff am 19. Dezember 2019. Den heutigen Bedeutungsgehalt erhielt das Wort erst im Humanismus.Duden Etymologie. Bibliographisches Institut, Mannheim/Wien/Zürich 1963, S. 735. Die Bezeichnung „Mutterland“ ist kein Antonym zur Bezeichnung „Vaterland“.

Ideologie Die „Erfindung der Nation“ Einen nicht nur geographischen, sondern eminent politischen Sinn erhielt das Wort erst mit der „Erfindung der Nation“ (Benedict Anderson) seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.Christian Jansen mit Henning Borggräfe: Nation – Nationalität – Nationalismus. Campus, Frankfurt am Main 2007, S. 92–98 u. ö. Vorher konnte es auch das ewige Leben im Himmel bedeuten, wie etwa in Friedrich Spees Adventslied O Heiland, reiß die Himmel auf aus dem Jahr 1622, in dessen sechster Strophe Jesus Christus gebeten wird: „Ach komm, führ uns mit starker Hand / vom Elend zu dem Vaterland“.Ähnlich hatte schon Martin Opitz (1597–1639) über Christus gedichtet, „der unsre seelen führet / hin in das vaterland, / da er an gottes hand / sitzt, herrschet und regieret“ (vaterland, n. patria. In: Deutsches Wörterbuch online, Zugriff am 19. Dezember 2019), und Paul Gerhardt (1607–1676) reimte: „Ich bin ein Gast auf Erden / Und hab hier keinen Stand / Der Himmel soll mir werden / Da ist mein Vaterland“ (Reinhard Mawick (Hrsg.): Paul Gerhard. Geh aus, mein Herz. Sämtliche deutsche Lieder. Faber und Faber, Leipzig 2006, ISBN 3-936618-77-1, S. 110). Friedrich Schiller ließ 1784 in Kabale und Liebe noch seinen Protagonisten Ferdinand ausrufen: „Mein Vaterland ist, wo mich Luise liebt!“Zitiert nach Peter Zudeick: Heimat. Volk. Vaterland.: Eine Kampfansage an Rechts. Westend Verlag, Frankfurt am Main 2018, ISBN 978-3-86489-109-0, S. 179, Anm. 1.

Dass die Definition des Vaterlands durchaus nicht selbstverständlich war, zeigt etwa Ernst Moritz Arndts Gedicht Des Deutschen Vaterland aus dem Jahr 1813. Darin wird immer wieder gefragt, was „des Deutschen Vaterland“ denn nun eigentlich sei, bis in der siebten Strophe endlich die Antwort gegeben wird: Des Deutschen Vaterland wird im Sinne der Kulturnation gleichgesetzt mit dem deutschen Sprachraum: „So weit die deutsche Zunge klingt / und Gott im Himmel Lieder singt, / das soll es sein!“.Juliane Fiedler: Konstruktion und Fiktion der Nation: Literatur aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. J.B. Metzler, Stuttgart 2017, S. 18.

Zuvor waren andere politische Gebilde als Vaterland (bzw. lat. patria) bezeichnet worden: In der Frühen Neuzeit nannte man zunächst die eigene Stadtgemeinde, die Heimatregion, die einzelnen deutschen Territorialstaaten, in Zeiten äußerer Bedrohung und inneren Streits wie während der Türkenkriege oder im Dreißigjährigen Krieg auch das ganze Heilige Römische Reich oder die lateinische Christenheit.Alexander Schmidt: Ein Vaterland ohne Patrioten? Die Krise des Reichspatriotismus im 18. Jahrhundert. in: Georg Schmidt (Hrsg.): Die deutsche Nation im frühneuzeitlichen Europa. Politische Ordnung und kulturelle Identität? Oldenbourg, München 2010, ISBN 978-3-486-59740-0, S. 35–63, hier S. 37 (abgerufen über De Gruyter Online). 1644 etwa hatte es Kaiser Ferdinand III. in einem Zirkular „unser geliebtes Vaterland deutscher Nation“ genannt.Reinhart Koselleck und Karl Ferdinand Werner: Volk, Nation, Nationalismus, Masse. In: Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Bd. 7, Klett-Cotta, Stuttgart 1992, S. 150 und 297. Die Aufklärer hatten den Begriff in den Kosmopolitismus integriert: Die Zeitschrift Der Patriot definierte 1724 einen Patrioten als jemanden, der „die gantze Welt als sein Vaterland, ja als eine eintzige Stadt“ begreife.Holger Böning: Das „Volk“ im Patriotismus der deutschen Aufklärung. In: Otto Dann, Miroslav Hroch und Johannes Koll (Hrsg.): Patriotismus und Nationsbildung am Ende des Heiligen Römischen Reiches. SH-Verlag, Köln 2003, S. 63–98, hier zitiert nach der [www.goethezeitportal.de/db/wiss/epoche/boening_volk.pdf online-Fassung auf goethezeitportal.de], S. 4, Zugriff am 10. Juli 2020

1761 bezeichnete der Philosoph Thomas Abbt dagegen Preußen als sein Vaterland.Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen, Bd. 1: Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik. C.H. Beck, München 2000, S. 47 f. 1813 wurde dort das Landwehrkreuz gestiftet, dessen Devise lautete: „Mit Gott für König und Vaterland“. Auch hier war nicht, wie bei Arndt, das ganze Deutschland gemeint, sondern Preußen. Die Vorstellung, dass die Muttersprache das Vaterland schaffe und Preußen somit kein Nationalstaat sei, setzte sich in Deutschland erst mit der Revolution von 1848 gänzlich durch.Christian Jansen mit Henning Borggräfe: Nation – Nationalität – Nationalismus. Campus, Frankfurt am Main 2007, S. 58 f. Die Vorstellung eines gemeinsamen deutschen Vaterlandes überwölbte die von verschiedenen Vaterländern in den einzelnen Territorien, verdrängte sie aber nicht.Reinhart Koselleck: Volk, Nation, Nationalismus, Masse. In: derselbe, Otto Brunner und Werner Conze (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Band 7, Klett-Cotta, Stuttgart 1992, S. 150.

Der Historiker Heinrich Luden ethnisierte 1814 den Vaterlands-Begriff: Für ihn mussten die Grenzen des Volks und des Staats zusammenfallen, sonst könne man nicht von einem Vaterland sprechen. Als Gegenbeispiel nannte er die, wie ihm schien, vaterlandslosen Juden, die er als bemitleidenswert stigmatisierte.Christian Jansen mit Henning Borggräfe: Nation – Nationalität – Nationalismus. Campus, Frankfurt am Main 2007, S. 45 f. Die Behauptung, Juden hätten kein Vaterland, wurde im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu der Verschwörungstheorie einer „jüdischen Internationale“ ausgebaut. Diese Bezeichnung, mit der die abwertenden Merkmale „undeutsch“, „vaterlandslos“ und „subversiv“ assoziiert wurden, fand später Eingang in die NS-Propaganda.Svetlana Burmistr: Jüdische Internationale. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 3: Begriffe, Ideologien, Theorien. De Gruyter Saur, Berlin 2008, ISBN 978-3-598-24074-4, S. 164 f. (abgerufen über De Gruyter Online). Der antisemitische Publizist Paul de Lagarde schließlich hielt das Vaterland weder für eine kulturelle noch für eine politische noch für eine ethnische Angelegenheit. Er definierte es 1875 moralisch als „die Gesammtheit aller deutsch empfindenden, deutsch denkenden, deutsch wollenden Deutschen“. Es sei Pflicht jedes Einzelnen sich „für die Existenz, das Glück, die Zukunft des Vaterlandes jeden Augenblick seines Lebens persönlich verantwortlich“ zu fühlen. Ein so verstandenes Vaterland liege nachgerade „auf dem Wege zum ewigen Leben“.Ina Ulrike Paul: Paul Anton de Lagarde. In: Uwe Puschner, Walter Schmitz, Justus H. Ulbricht (Hrsg.): Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ 1871–1918. Κ. G. Saur, München/New Providence/London/Paris 1996, ISBN 978-3-11-096424-0, S. 45–93, hier S. 59 (abgerufen über De Gruyter Online).

Wann diese Aufwertung des Vaterlandes erfolgte, ist in der Forschung umstritten. Gegen die häufige These, dies sei erst während der Befreiungskriege geschehen, vertritt die Historikerin Ute Planert die Ansicht, dass bereits seit der Zeit des Siebenjährigen Krieges 1756–1763 das Vaterland als „exklusive und homogene Gemeinschaft“ konstruiert worden sei, die den Anspruch erheben konnte, gegenüber anderen Gemeinschaften wie Religion oder Familie höherrangig zu sein und die fortan als oberste Legitimationsinstanz galt.Ute Planert: Wann beginnt der „moderne“ deutsche Nationalismus? Plädoyer für eine nationale Sattelzeit. In: Jörg Echternkamp und Oliver Müller: (Hrsg.): Die Politik der Nation. Deutscher Nationalismus in Krieg und Krisen 1760 bis 1960. Oldenbourg, München 2002, ISBN 3-486-56652-0, S. 25–60, das Zitat S. 51 (abgerufen über De Gruyter Online)

Französische Revolution mini|Nicolas-Guy Brenet: Ludwig XVI. schwört Treue zur Verfassung am Altar des Vaterlands. Gemälde um 1790 Ihren Ausgang hatte diese Aufwertung des Vaterlands im revolutionären Frankreich genommen. 1748 hatte der Aufklärer Charles de Montesquieu in seinem Esprit des lois die Liebe zum Vaterland noch als Tugend der Selbstverleugnung allein für eine Republik beschrieben. Treibende moralpsychologische Kraft in Monarchien sei dagegen die Ehre.Alexander Schmidt: Ein Vaterland ohne Patrioten? Die Krise des Reichspatriotismus im 18. Jahrhundert. In: Georg Schmidt (Hrsg.): Die deutsche Nation im frühneuzeitlichen Europa. Politische Ordnung und kulturelle Identität? Oldenbourg, München 2010, S. 35–63, hier S. 41 (abgerufen über De Gruyter Online). Noch vor deren Abschaffung wurde aber bereits zentraler Anker der Identität. Seit 1789 erhob sie höhere Ansprüche an den Einzelnen als Dorfgemeinschaft, ständisches Bewusstsein, kirchliche, regionale oder dynastische Verwurzelungen. Dies zeigt sich etwa beim Föderationsfest zum Jahrestag des Sturms auf die Bastille, als Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord am 14. Juli 1790 vor Hunderttausenden Zuschauern eine Heilige Messe am Altar des Vaterlands zelebrierte und König Ludwig XVI. auf die Verfassung schwören musste.Albert Soboul: Die Große Französische Revolution. Ein Abriß ihrer Geschichte (1789–1799). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1983, S. 227. Nach Ausbruch des Ersten Koalitionskrieges verabschiedete die Gesetzgebende Nationalversammlung am 11. Juli 1792 die Erklärung La Patrie en danger („Das Vaterland ist in Gefahr“), in der sie die Bürger aufrief, sich freiwillig zu melden. 15.000 Franzosen folgten diesem Aufruf.Hans-Ulrich Thamer: Die Französische Revolution. C.H. Beck, München 2004, S. 58. In der Marseillaise, einem Kriegslied aus dem Jahr 1792, das 1795 zur französischen Nationalhymne erklärt wurde, werden die Franzosen als „enfants de la Patrie“ („Kinder des Vaterlandes“) angesprochen, die Liebe zu ihm wird als „heilig“ bezeichnet („amour sacré de la Patrie“). Im Prozess gegen Ludwig XVI. führte der jakobinische Politiker Maximilien de Robespierre das Vaterland als übergeordnete Begründungsinstanz ein, hinter dem alles andere, auch seine grundsätzliche Ablehnung der Todesstrafe, zurückzutreten habe: «Louis doit mourir, parce qu’il faut que la patrie vive» – „Ludwig muß sterben, weil das Vaterland leben muß.“Procès du roi – discours de Robespierre auf der Website der Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne, Zugriff am 8. März 2021; zitiert bei Max Gallo: Robespierre. Klett-Cotta, Stuttgart 2007, S. 167. Anders als in Deutschland wurde das Vaterland aber nicht kulturell oder ethnisch definiert, sondern republikanisch als Staatsnation, in der die Bürger ihre gemeinsame Freiheit verteidigen.Michel Vovelle: Die Marseillaise. Krieg oder Frieden. In: Pierre Nora (Hrsg.): Erinnerungsorte Frankreichs. C.H. Beck, München 2005, S. 63–112.

Sterben für das Vaterland