mini|hochkant|Lawrenti Beria (um 1939)

Lawrenti Pawlowitsch Beria (; /Lawrenti Pawlowitsch Berija; wiss. Transliteration ; * in Mercheuli bei Sochumi; † 23. Dezember 1953 in Moskau) war ein kommunistischer Politiker (KPdSU) und von 1938 bis 1953 Chef der Geheimdienste der Sowjetunion.

Seine Position machte ihn zu einer Schlüsselperson des Terrors der „Stalinschen Säuberungen“, wobei er sein Amt erst in deren Spätphase übernahm. Neben zahlreichen weiteren Verbrechen und Massenmorden wie dem Massaker von Katyn war er maßgeblich verantwortlich für die Deportationen mehrerer sowjetischer Volksgruppen in den 1940er Jahren, in deren Folge mindestens eine halbe Million Menschen starben. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Lawrenti Beria auch der Cheforganisator des sowjetischen Atombombenprojekts. Bald nach Stalins Tod 1953 wurde Beria auf Betreiben einiger sowjetischer Führungspersonen verhaftet und erschossen. Die Todesumstände sind nicht vollständig geklärt. Beria gilt, neben Stalin selbst, als Personifizierung der innenpolitischen Gewaltexzesse in der Sowjetunion der Stalin-Ära, auch wenn der Große Terror bereits unter seinem Vorgänger Nikolai Jeschow stattfand.

Leben Lawrenti Beria wurde 1899 im Russischen Kaiserreich als Sohn einer armen mingrelischen Bauernfamilie mit vier Kindern in einem Dorf bei Sochumi in Kaukasien geboren. Lawrenti Berias Mutter war zweimal verheiratet.Boris Lewytzkyj: Vom Roten Terror zur Sozialistischen Gerechtigkeit. Der sowjetische Sicherheitsdienst. München 1961, S. 107. Beria erhielt seine Schulausbildung an der städtischen Lehranstalt zu Suchumi. Es gab in der Schule keinen Diebstahl oder keine Zuträgerei, an denen Beria nicht direkt oder indirekt beteiligt war. Einmal stahl er die Mappe mit den Beurteilungen der Schüler und organisierte über Strohmänner den Verkauf dieser gestohlenen Unterlagen. Er bewirkte die Entlassung seines Klassenlehrers.A. Antonow-Owsejenko: Der Weg nach oben. In: Vladimir F. Nekrassow (Hrsg.): Berija. Henker in Stalins Diensten. Berlin 2016, S. 13–14.

Er zog 1915 nach seinem Schulabschluss nach Baku und begann am Polytechnikum Architektur zu studieren. Beria erwarb im Sommer 1917 sein Diplom. Er wurde im Sommer 1917 zur Kaiserlich Russischen Armee eingezogen und im Ersten Weltkrieg an der rumänischen Front eingesetzt. Mit einem amtlichen Dokument wurde er nach einem halben Jahr aus gesundheitlichen Gründen ausgemustert und ging zurück nach Baku.

Geheimdienstler in Aserbaidschan und Georgien 1919–1938 Zur Zeit des russischen Bürgerkriegs schloss sich Beria den Bolschewiki an, indem er sich 1919 der Partei als Informant beim Müsavat-Geheimdienst anbot. Später ließ Beria seinen Parteieintritt auf März 1917 rückdatieren. Diese Rückdatierung wurde später fälschlicherweise immer wieder in Medien übernommen. Im gleichen Jahr wurde ihm die erste offizielle Geheimdiensttätigkeit beim sowjetrussischen Sicherheits- und Geheimdienst Tscheka übertragen, als er als Spion in die in Georgien regierende Partei eingeschleust wurde. Er entkam einer Hinrichtung nur durch Zufall und wurde mehrfach verhaftet. Schon bald wurde er durch Grigori Ordschonikidse gefördert. Ordschonikidse stellte ihn 1926 dem Generalsekretär der Partei, Stalin, vor. In Aserbaidschan unterstand Beria Mir Dschafar Bagirow, der durch blutige Strafaktionen bekannt geworden war. Die Freundschaft zwischen beiden war eng, kannten sie sich doch schon aus den Zeiten des Bürgerkriegs. Die Tscheka war zu dieser Zeit in Aserbaidschan für ihre Grausamkeit berüchtigt, Berias übergeordnete Abteilung führte unter anderem den Kampf gegen Konterrevolutionäre und Spione. Seine Arbeit wurde gelobt, auch wenn es zum Konflikt mit der Partei über den zunehmenden Einfluss der Tscheka kam.

Schließlich wurde Beria nach Georgien versetzt, wo er eine Gruppe loyaler, hauptsächlich einheimischer Leute um sich sammelte. Als er seinen Dienst in Georgien antrat, waren repressive Maßnahmen wie Verhaftungen durch die Tscheka gegen die breite Opposition bereits in vollem Gange. Im Zusammenhang mit der Niederschlagung dieses Aufstandes erwähnte Beria laut einem Zeugenbericht erstmals, dass die Tscheka – und damit er selbst – in Georgien für Massenverhaftungen und -hinrichtungen verantwortlich war.D. Charachidze, Henri Barbusse: Les Soviets et la Georgie. Paris 1930, S. 147–150.

Nach der Umbenennung der Tscheka in GPU wurde Beria ihr Chef in Georgien. Er sorgte dafür, dass ab 1929 keinerlei politischer Widerstand in Georgien mehr zu erwarten war. Mit dem Beginn der Zwangskollektivierung und der Politik zur Vernichtung der Kulaken begannen im selben Jahr die Zwangsmaßnahmen gegen die ländliche Bevölkerung, die zur massenweisen Verbannung oder Deportation in Konzentrationslager führten. Widerstände wurden, wie überall in der Sowjetunion, durch Miliz, Armee oder GPU blutig niedergeschlagen. In einem Brief an Stalin forderten Beria und der Führer der übergeordneten transkaukasischen GPU Stanislaw Redens erfolgreich, dass die Terrormaßnahmen ausgeweitet und die Verantwortung vornehmlich der GPU- und nicht der Partei-Führung zufallen sollte. Dieser politische Machtgewinn steigerte Berias Ansehen. Um seine Karriere weiter voranzutreiben, sammelte er Informationen über andere Parteimitglieder und nutzte diese zu seinem Vorteil, so auch über Redens, dessen Posten er schließlich übernahm.

mini|Swetlana Stalina mit Lawrenti Beria und ihrem Vater Stalin (sitzend im Hintergrund); von Beria teilweise verdeckt wird Nestor Lakoba, 1936. Unbekannter Autor, 35-mm-Film. 1931 wurde Beria auf Wunsch von Stalin und unterstützt durch den abchasischen Parteichef Nestor Lakoba schließlich zum Vorsitzenden der kommunistischen Partei in Georgien ernannt. Anfängliche Widerstände konnte er durch das Aufdecken angeblicher wirtschaftsfeindlicher Gruppierungen innerhalb der Kommissariate beseitigen und Posten durch ihm hörige Geheimdienstleute aus den Reihen der GPU ersetzen. Ihm missliebige Parteimitglieder ließ er dabei erschießen. 1932 übernahm er den Vorsitz der KP in der Transkaukasischen Föderativen Sowjetrepublik und gab dafür sein georgisches Amt auf, ab Januar 1934 hatte er sogar beide Posten inne. Während seiner Amtszeit konnte er diverse wirtschaftliche Erfolge verbuchen, so im Bereich der Teeproduktion, der Ölförderung und der Schwerindustrie, musste allerdings auch mit geringen Ernteerträgen und zu hohen Plansolls kämpfen. Außerdem war Beria verantwortlich für den verstärkten Personenkult um Stalin und schrieb ein propagandistisches Geschichtswerk über Transkaukasien. Auch einen eigenen Personenkult erschuf er und praktizierte diesen in zunehmender Weise vornehmlich in Georgien.

Im Zuge des Großen Terrors gewann der georgische Leiter der 1934 in NKWD umbenannten Geheimpolizei an Bedeutung. Beria folgte den Anweisungen aus Moskau zur Anwendung von Folter, veranstaltete Schauprozesse, ließ Angehörige der Intelligenz, Parteimitglieder wie Nestor Lakoba, Arbeiter und Bauern zu Tausenden inhaftieren, foltern und hinrichten. Er nutzte den willkürlichen Terror,Warlam Schalamow: Major Pugatschews letzte Schlacht. Kurzgeschichte. In: Kolyma Tales. (Engl. Ausgabe, ISBN 0-14-018695-6): „The arrests of the thirties were arrests of random victims on the false and terrifying theory of a heightened class struggle accompanying the strengthening of socialism.“ um persönliche Feinde aus dem Weg zu schaffen. Durch seinen Arbeitseifer hatte er bald einen guten Ruf bei Stalin. Dieser machte ihn im Juli 1938 zum Assistenten des Chefs des gesamtsowjetischen NKWD, Nikolai Jeschow. Im August 1938 wurde Beria Erster Stellvertretender Vorsitzender des NKWD und am 29. September 1938 dann Chef des Staatssicherheitsdienstes (GUGB) im NKWD. Jeschow ahnte, dass er von Beria abgelöst werden sollte, und begann, genau wie sein Gegenpart, belastende Informationen über diesen zu sammeln. Der Machtkampf beider kulminierte, als Jeschow plante, Beria verhaften zu lassen. Beria, der vor der drohenden Verhaftung gewarnt wurde, konnte jedoch unmittelbar vorher bei Stalin vorsprechen und ihn von seiner Loyalität überzeugen.

Chef des NKWD 1938 Schon am 25. November 1938 löste Beria Jeschow ab, der am 4. Februar 1940 hingerichtet wurde. Beria wurde Volkskommissar des Inneren (NKWD), dem die Inneren Streitkräfte, die Miliz, die Gefängnisse und das Lagersystem des Gulag zugeordnet waren. Von Beria wurde der staatlich organisierte Terror ausgeführt. Sein Machtantritt beendete den Großen Terror.

Vom 22. März 1939 bis zum 19. März 1946 war er Kandidat des Politbüros der Kommunistischen Allunions-Partei (Bolschewiki) (WKP (B)). Erst nach sieben Jahren stieg er in das höchste politische Gremium der UdSSR auf: Beria wurde am 19. März 1946 Vollmitglied im Politbüro der WKP (B) bzw. KPdSU und blieb es bis zur Amtsenthebung am 26. Juni 1953.

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 bildete Beria am 30. Juni 1941 zusammen mit Stalin, Molotow, Woroschilow und Malenkow das Staatliche Verteidigungskomitee, das für die Zeit des Krieges den Rat der Volkskommissare als oberstes Regierungsorgan ablöste.

Terror und Verbrechen 1938–1945 Die stalinistischen Säuberungen wurden von Beria weiter betrieben. Stalin soll Beria 1945 in Jalta als „unseren Himmler“ bezeichnet und ihn oft auch als „Der Ankläger“ (Vorbild war Andrei Januarjewitsch Wyschinski) tituliert haben. Wsewolod Merkulow (1946 NKGB-Chef), Wiktor Abakumow (1946–1951 MGB-Chef), Bogdan Kobulow, Schalwa Zereteli sind die Namen einiger seiner Helfer. 1939 überwachte Beria persönlich die Erschießung von 413 prominenten Häftlingen, darunter Politbüromitglieder und bedeutende Militärs, und 1940 auch die von Jeschow.

Die große Terrorwelle endete, der Terror selbst blieb:

Beria unterstand das Laboratorium Nr. 12 – damals unter der Leitung des Toxikologen Grigori Moissejewitsch Mairanowski –, in dem unter Anwendung von Menschenversuchen die Entwicklung von Giften vorangetrieben wurde.Michael S. Voslensky: Das Geheime wird offenbar. Moskauer Archive erzählen. 1917–1991. Langen Müller, München 1995, ISBN 3-7844-2536-4, S. 56–58. Im ersten Jahr des Zweiten Weltkrieges fasste das Politbüro auf Berias Vorschlag am 5. März 1940 den Beschluss, 26.500 bei der sowjetischen Aggression gegen Polen im September 1939 gefangene polnische Offiziere und verhaftete Führungspersönlichkeiten ermorden zu lassen. Der Beschluss über seine Tischvorlage, der die Polen als „Konterrevolutionäre“ und unversöhnliche Feinde des Sowjetsystems hinstellte, führte zum Massaker von Katyn. Ein Faksimile des von Beria stammenden Dokuments wurde vom russischen Präsidenten Boris Jelzin im Oktober 1992 dem polnischen Staatspräsidenten Lech Wałęsa überreicht. 1941, als die Gefahr der Eroberung Moskaus bestand, ließ Beria tausende Häftlinge seiner Moskauer Gefängnisse töten. Beria ließ gemeinsam mit Iwan Serow im Frühjahr 1944 rund 500.000 Tschetschenen und Inguschen aus Tschetscheno-Inguschetien nach Kasachstan und Kirgisistan verschleppen. 1944 veranlasste Beria die Zwangsumsiedlung weiterer 300.000 bis 400.000 Menschen. Diesmal waren Balkaren, Kalmücken und Karatschaier betroffen. Es folgten 160.000 Krimtataren und Mescheten. Von den über 1,5 Millionen Zwangsdeportierten verloren nach NKWD-Berichten bis zu 500.000 ihr Leben. Beria verfügte in jedem Moskauer Gefängnis über ein Büro, in dem er Folterungen von Verhafteten beiwohnte. Mit Wissen Stalins gingen diese Folterungen in Berias Privathaus weiter und wurden von Beria persönlich vorgenommen. 1980 wurden in einem unterirdisch verlaufenden Gang zwischen seinem Haus und der Unterkunft seiner Leibwächter menschliche Skelette aufgefunden.Michael S. Voslensky: Sterbliche Götter. Die Lehrmeister der Nomenklatura. Ullstein, Frankfurt/Berlin 1991, ISBN 3-548-34807-6.