mini|hochkant|Erich Loest, 2008

Erich Loest [] (* 24. Februar 1926 in Mittweida; † 12. September 2013 in Leipzig) war ein deutscher Schriftsteller. Er schrieb auch unter Pseudonymen.

Leben und Wirken Herkunft, Familie, Weg zum Schreiben mini|Erich Loests Elternhaus in Mittweida am Pfarrberg 12

Erich Loest wurde als Sohn von Alfred Loest (1897–1980) und Klara, geb. Reichenbach (1899–1946) in Mittweida geboren. Die Eltern besaßen eine Eisenwarenhandlung in der Weberstraße 44 und kauften 1933 das Haus Pfarrberg 12. Er besuchte ab 1932 in Mittweida die Volksschule und ab 1936 die Oberschule. 1936 trat er in die Hitlerjugend (HJ) ein und wurde im Jahr 1942 Fähnleinführer.Erich Loest: Pistole mit sechzehn. In: Pistole mit sechzehn. Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1981, ISBN 3-596-25061-7, S. 60. Diese persönlichen Erfahrungen thematisierte Loest 1981 in seinem autobiographischen Text Durch die Erde ein Riss – Ein Lebenslauf.Erich Loest: Durch die Erde ein Riss. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1981, ISBN 3-455-04523-5, u. a. S. 13 ff. Loest beantragte am 10. Februar 1944 die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 20. April desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 9.986.544).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/26281593Gegen den Mythos der Karteileichen Er wollte zur Waffen-SS, was aber an der fehlenden Genehmigung seines Schuldirektors scheiterte.„Wahrheit muss immer heraus“ – Erich Loest über seinen Freund Günter Grass und die Waffen-SS. In: Nordwest-Zeitung Online, 15. August 2006.

Loest wurde 1944 zur Wehrmacht eingezogen. Laut eigener Aussage war er gegen Kriegsende mit dem Werwolf hinter den amerikanischen Linien eingesetzt. Er kam dazu persönlich zu Wort in der ZDF-Serie „ZDF-History“ in der Folge „Organisation ‚Werwolf‘ − Hitlers letztes Aufgebot“. Er geriet am 6. Mai 1945 in der böhmischen Stadt Bischofteinitz in US-Kriegsgefangenschaft.Werner Liersch: SS-Vergangenheit – Erwin Strittmatters unbekannter Krieg. FAZ.net vom 8. Juni 2008.

Nach kurzer Gefangenschaft arbeitete Loest 1945 in der Landwirtschaft und als Hilfsarbeiter in den Leunawerken. Er holte sein Abitur nach und wurde 1947 Mitglied der SED. Von 1948 bis 1950 war er als Journalist bei der Leipziger Volkszeitung tätig. 1949 heiratete er Annelies, mit der er zwei Söhne und eine Tochter hatte.Jana Kučerová: Deutscher Wenderoman und Erich Loest. PDF, S. 27 & 45

Schriftsteller, Haft mini|hochkant|Erich Loest, 1955

Ab dem Erscheinen seines ersten Buches Jungen, die übrig blieben im Jahr 1950 war er freiberuflicher Schriftsteller. Mitte der 1950er Jahre studierte er am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig.

Ein prägendes Ereignis für Loest war der Aufstand vom 17. Juni 1953. Am 14. November 1957Matthias Biskupek: Die Leben der Männer. Rezensionen u. a. zu Prozesskosten. In: Eulenspiegel, 53./61. Jg., Nr. 11/07, , S. 52. wurde Loest wegen angeblicher „konterrevolutionärer Gruppenbildung“ im Zusammenhang mit Diskussionen über die Entstalinisierung verhaftet und am 22. Dezember 1958 zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Er saß im Gefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit in Halle und in der Sonderhaftanstalt („Zuchthaus“) Bautzen II ein. Während dieser Zeit hatte er keinen Zugang zu Papier und Stiften, was einem Schreibverbot gleichkam.Erich Loest über Bautzen II: „Eine unendlich nutzlose, verlorene, schädigende Zeit.“ MDR Fernsehen, (Ausschnitt aus: „Dresdner Gespräch“, 20. Dezember 2005) Durch die Haft erlitt er eine Magenerkrankung.Deutsche Welle 13. September 2013: Literatur: Erich Loest: Chronist deutscher Geschichte.

Nach seiner Haftentlassung im September 1964 – inzwischen (August 1961) war die Mauer gebaut worden – arbeitete Loest wieder als Schriftsteller. Er veröffentlichte in der DDR eine Reihe von Romanen (darunter sehr populäre Kriminalromane unter dem Pseudonym Hans Walldorf) und Erzählungen. Besondere Beachtung fanden der biografische Roman Swallow, mein wackerer Mustang über den von der DDR-Führung damals geschmähten sächsischen Schriftsteller Karl May und die ungewöhnliche Nazi-Satire Ich war Dr. Ley, geschrieben als Memoiren seines fiktiven Doppelgängers.

Aus Protest gegen die Zensur seines Romans Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene, der im April 1978 im Mitteldeutschen Verlag Halle und in der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart erschien, trat der Autor im Herbst 1979 aus dem Schriftstellerverband der DDR aus. Protagonist des Romans, der 1974/75 spielt, ist der Ingenieur Wolfgang Wülff, der mit Frau und Tochter im Leipziger Oktoberviertel lebt.

Ausreise in den Westen Weil Loest wegen seiner oppositionellen Haltung großen Repressalien ausgesetzt war, siedelte er im März 1981 in die Bundesrepublik über.Erich Loest gestorben. In: FAZ.NET vom 13. September 2013. Abgerufen am 13. September 2013. Er ließ sich zunächst in Osnabrück nieder und wohnte ab 1987 in Bonn-Bad Godesberg.

Im November 1988 war er erstmals wieder zu Besuch in der DDR (Leipzig). Seine Bücher veröffentlichte er, abgesehen von Swallow und den Nachauflagen, nur noch in westdeutschen Verlagen. In den 1980er Jahren engagierte er sich im westdeutschen Verband deutscher Schriftsteller (VS), dessen nachgiebige Haltung gegenüber den DDR-Machthabern er jedoch missbilligte. Am 15. Dezember 1989 las Loest erstmals wieder in Leipzig, im Gohliser Schlösschen.

Linden-Verlag 1987 gründete er mit seinem Sohn und seiner Schwiegertochter den Linden-Verlag in Künzelsau. Er publiziert vorwiegend Loests eigene Werke und hat seit 1989 seinen Sitz in Leipzig. Gegen seinen Sohn prozessierte Loest um Buchrechte, verlor jedoch vor Gericht.Leiden an der deutschen Teilung. Neue Presse Coburg, 14. September 2013

mini|hochkant|Erich Loest auf der Leipziger Buchmesse, 2006

Rückkehr nach Leipzig Loest, der nach der friedlichen Revolution vom Obersten Gericht der DDR im April 1990 voll rehabilitiert wurde, hatte seit 1990 seinen zweiten Wohnsitz in Leipzig. Von 1994 bis 1997 war er Vorsitzender des Verbandes deutscher Schriftsteller. „Sein schönster Erfolg im Amt war die Initiative zur deutsch-polnischen Aussöhnung, ein Stück Wiedergutmachung für die Versäumnisse seiner Vorgänger“, urteilte der Literaturwissenschaftler Hannes Schwenger.Hannes Schwenger: Aufrechter Gang und Fenstersturz. Auf tagesspiegel.de vom 13. September 2013. Abgerufen am 15. September 2013. Ab 1998 lebte Loest ausschließlich in Leipzig. Er war Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste und Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland sowie der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft. Außerdem engagierte er sich im Beirat der Fortbildungsseminare der Bertelsmann Stiftung für Autoren und Übersetzer.

Schriftstellerisches Werk Erich Loest war ein bedeutender Vertreter der realistischen deutschsprachigen Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In seinen Romanen und Erzählungen beschäftigte er sich auch mit historischen und legendären Gestalten seiner sächsischen Heimat, etwa mit dem Volkshelden Karl Stülpner. Ab Ende der 1980er Jahre waren Loests vorrangige Themen die Teilung Deutschlands und Wiedervereinigung sowie die Geschichte der Stadt Leipzig. Sein Drehbuch „Nikolaikirche“ (später auch als Roman verlegt) wurde als erfolgreicher Fernsehmehrteiler verfilmt. Neben seinen politischen Romanen verfasste Loest auch zahlreiche Kriminalromane und Reisefeuilletons.

Geschichtspolitisches Engagement Loest erhob seine Stimme bei politischen Fragen, die den Umgang mit dem kulturellen Erbe der DDR behandeln. Er setzte sich für die Neuerrichtung der Leipziger Paulinerkirche ein (diese war am 30. Mai 1968 gesprengt worden). Er sprach sich dafür aus, Kunstwerke der Zeit der DDR aus der Öffentlichkeit zu verbannen. So wandte er sich in offenen Briefen an Medien und Politiker gegen die Wiederaufstellung des Bronze-Reliefs Aufbruch an der Universität Leipzig und gegen das Gemälde Arbeiterklasse und Intelligenz von Werner Tübke; beide zählen zur Sammlung der Universitätskustodie. Für seine Verdienste um die Aufarbeitung der SED-Diktatur erhielt er 2012 den Hohenschönhausen-Preis des Fördervereins Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.

mini|Überführung von Loests Sarg nach Mittweida mini| Das Grab Erich Loests und seiner Ehefrau in Mittweida

Lebensende Am 29. September 2010 gab Loest anlässlich der Preisverleihung des Kulturgroschens in Berlin für sein „herausragendes künstlerisches wie politisches Engagement“ bekannt: „Der heutige Tag bildet den festlichen Abschluss meines künstlerischen und politischen Treibens.“ Von ihm seien nun keine Romane oder längeren Erzählungen mehr zu erwarten.ARD-Videotext S. 402 vom 29. September 2010. Sein 2011 erschienenes Buch Man ist ja keine Achtzig mehr enthielt Tagebucheinträge von August 2008 bis September 2010.taz.de

In seinen letzten Lebensjahren war Loest schwer krank.Schriftsteller: Autor Erich Loest ist tot. Die Zeit, 12. September 2013 Am 12. September 2013 starb Erich Loest, der bis zuletzt als so genannter „ostdeutscher“ Schriftsteller bezeichnet wurde, im Alter von 87 Jahren in der Universitätsklinik Leipzig nach einem Sturz aus dem Fenster; laut den polizeilichen Ermittlungen handelte es sich um einen Suizid. Website Focus Online. Abgerufen am 12. September 2013. Er hinterließ seine Lebensgefährtin Linde Rotta. Loest wurde in seinem Geburtsort Mittweida auf dem neuen Friedhof an der Seite seiner Frau Annelies (1930–1997) beigesetzt.knerger.de: Das Grab von Erich Loest Die Trauerrede hielt der Bürgerrechtler Werner Schulz in der Leipziger Nikolaikirche.

Die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig rief anlässlich seines 90. Geburtstags den Erich-Loest-Preis ins Leben, der ab 2017 in zweijährlichem Turnus jeweils am 24. Februar, Loests Geburtstag, vergeben wird. 2018 wurde an seinem letzten Wohnhaus in Gohlis eine Gedenktafel angebracht.

Werke Pseudonyme Erich Loest veröffentlichte zahlreiche Bücher unter den Pseudonymen Hans Walldorf und Waldemar Naß. Widersprüchlich ist die Zuschreibung der unter dem Namen Bernd Diksen verfassten Bücher. In der Überblicksdarstellung Die Kriminalgeschichte der DDR gilt die Autorschaft Loests als „hartnäckige, frei erfundene Legende“.Klaus Behling: Die Kriminalgeschichte der DDR. Berlin 2017, S. 298, Digitalisat Nachschlagewerke und Fachveröffentlichungen sprechen sich entweder für LoestKindlers Literaturgeschichte der Gegenwart. Die Literatur der Deutschen Demokratischen Republik. München/Zürich 1971, Ss. 349, 579. – Killy Literaturlexikon, Band 7, 2. Auflage 2010, S. 485, Digitalisat. – Walter Schmitz, Jörg Bernig (Herausgeber): Deutsch-deutsches Literaturexil. Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus der DDR in der Bundesrepublik. Dresden 2009, Ss. 588, 750. – Gerhard Schilling: Ostdeutsche Kriminalliteratur nach der Wende. Eine thematische und gattungsgeschichtliche Untersuchung. Dissertation, Marburg 2013, S. 218, Digitalisat oder für Werner DembskiKürschners deutscher Literatur-Kalender, 1984, Berlin/New York 1984, S. 207. – Wilhelm Kosch, Deutsches Literatur-Lexikon. Das 20. Jahrhundert. Band 6. Zürich/München 2004, Spp. 57, 259 f. – Jörg Weigand: Pseudonyme. Ein Lexikon. Decknamen der Autoren deutschsprachiger erzählender Literatur. Baden-Baden, S. 53. – Achim Saupe: Der Historiker als Detektiv – der Detektiv als Historiker. Historik, Kriminalistik und der Nationalsozialismus als Kriminalroman. Dissertation. Berlin 2007, S. 347, Digitalisat aus.

Bücher Titel unter dem Pseudonym Bernd Diksen erscheinen getrennt am Ende dieser Liste.

Jungen, die übrig blieben. Mitteldeutscher Verlag, Leipzig 1950, ISBN 978-3-95462-065-4. Nacht über dem See und andere Kurzgeschichten. Leipzig 1950. Liebesgeschichten. Leipzig 1951. Die Westmark fällt weiter. Halle (Saale) 1952. Sportgeschichten. Halle (Saale) 1953. Das Jahr der Prüfung. Halle (Saale) 1954. Aktion Bumerang. Halle (Saale) 1957. Sliwowitz und Angst. Berlin 1965. Ich war Dr. Ley. Berlin 1966 (unter dem Pseudonym Waldemar Naß).