Gestalt (bereits mittelhochdeutsch seit dem Ende des 13. Jahrhunderts gestalt im Sinne von ‚Aussehen‘ oder ‚Beschaffenheit‘Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Herausgegeben von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 254.) bezeichnet umgangssprachlich die äußere Form, den Umriss, Wuchs oder die Erscheinung von Personen, Skulpturen oder allgemein von Lebewesen (und deren Darstellung), aber auch deren Wirkung und Präsenz, beispielsweise als „Lichtgestalt“. Als Fachbegriff ist er ein Topos der deutschsprachigen Geistesgeschichte, der das klassische Problem des Übergangs von äußerlich wahrnehmbarer Welt zur inneren Vorstellungswelt als eine Gestalt auflöst. In ihm verbindet sich die Aktivität der Handlung mit der Passivität der Wahrnehmung zu einer Einheit, in welcher der Übergang zwischen Anschauung und Bedeutung verschmilzt.

Besondere Bedeutung gewann der Begriff im 20. Jahrhundert schließlich durch den George-Kreis mit der Idee der „charismatischen Führergestalt“.

Philosophie Hintergrund Aufgrund der speziellen Bedeutung wurde die Gestalt in andere Sprachen als Lehnwort übernommen. Ins Englische wurde er durch die jüdische Diaspora 1933 mit der Gestaltpsychologie und -theorie und die Gestalttherapie in die USA eingebracht. In Anlehnung an Edmund Husserl wird the gestalt auch als figural moment, living form oder product of organization erläutert. Im Französischen kommt der Begriff gleichfalls mit der Psychologie de la forme vor, die gestaltisme gilt als eine Verbindung von Psychologie, Philosophie und Biologie.

Ideengeschichte Das Verhältnis von extramentaler sinnlich wahrnehmbarer Wirklichkeit und mentaler innerer Vorstellung stellt bis heute ein zentrales erkenntnistheoretisches Problem dar. Zusätzlich wirken in die Wahrnehmung noch Fragen der Ästhetik hinein. Der Gestaltbegriff tradiert diese Problemhistorie. Anfangs noch ein Grundbegriff der Ästhetik, wurde er zu einer denkerischen und holistischen Kategorie, bevor er schließlich als psychophysischer Begriff die Grundlage für die Gestalttheorie und Gestaltpsychologie bildete. Die Grundlage bot die Verknüpfung von Form und Biologie als eine Gestalt.

Winckelmann und Herder Johann Joachim Winckelmann idealisierte 1725 die vorab formale Kategorie der äußeren Gestalt zur abstrakten und entmaterialisierten, reinen bloßen Gestalt als Inbegriff der höchsten, in Gott angeschauten Schönheit. Winckelmann sah diese in den griechischen Plastiken der Götter und identifizierte die Menschenfigur als Bild höchster Schönheit, eben als schöne Gestalt.

Die Auslagerung der Ästhetik in die göttliche Transzendenz kehrte Johann Gottfried Herder um, indem er die Fähigkeit der sinnlich-körperlichen Manifestation in der bildenden Kunst als ihre eigentliche Tiefe hervorhebt. So führt Herder mit Blick auf die Plastiken der alten Griechen aus, dassdie bildende Kunst eine beständige Allegorie sei, denn sie bildet Seele durch Körper, und zwei größere αλλα kanns wohl nicht geben, insonderheit wenn man die Philosophen der Gelegenheit und der prästabilierten Harmonie um Rath frägt. Der Künstler hat das Vorbild von Geist, Charakter, Seele in sich und schafft diesen Fleisch und Gebein: er allegoriert also durch alle Glieder. […] Dies ist Seele, die sich Form schafft, und wo beide, Form und Seele, vom Verhältnis gelinde abzuweichen befehlen, kann er nicht blos sondern muss abweichen, wie bei Apollo’s längeren Schenkeln, bei Herkules dickerm Halse, u.f. Leibhafte Form ist der Tempel und Geist die Gottheit, die ihn durchhauchet.Für Herder ist die Gestalt nicht länger eine bloße Anschauung, sondern eine mit den Sinnen erfahrbare und leibliche Tiefe der Körperlichkeit, die selbst den Hauch des Lebens in sich trägt. Die Plastiken der Bildhauerei drücken diese Sinnlichkeit aus, „ein lebendes, ein Werk voll Seele, das da sei und daure.“ deren äußerster Ausdruck sich in der Skulptur des Pygmalion findet. Durch Herder gewinnt der Begriff der Gestalt die Spezifikation einer verbindenden Kraft zwischen dem innersten Seelenleben und der äußeren Welt.

Schiller und Goethe Friedrich Schiller etablierte im ausgehenden 18. Jahrhundert den Gestaltbegriff mit seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen endgültig im Diskurs der deutschen Gelehrten. Er spricht von der Gestalt als „ein Begriff, der alle formalen Beschaffenheiten der Dinge und alle Beziehungen derselben auf die Denkkräfte unter sich faßt“ die ihrerseits Gegenstand des Formtriebes sind. Dieser verbindet sich mit dem Sinnestrieb und wird zur lebenden Gestalt, „mit einem Worte, dem, was man in weitester Bedeutung Schönheit nennt, zur Bezeichnung dient“. Die Gestalt ist das Wechselspiel von Leibhaftigkeit und Intention, eine Verbindung:„Durch diese Erklärung, wenn es eine wäre, wird die Schönheit weder auf das ganze Gebiet des Lebendigen ausgedehnt, noch bloß in dieses Gebiet eingeschlossen. Ein Marmorblock, obgleich er leblos ist und bleibt, kann darum nichts desto weniger lebende Gestalt durch den Architekten und Bildhauer werden; ein Mensch, wiewohl er lebt und Gestalt hat, ist darum noch lange keine lebende Gestalt. Dazu gehört, daß seine Gestalt Leben und sein Leben Gestalt sei. So lange wir über seine Gestalt bloß denken, ist sie leblos, bloße Abstraktion; so lange wir sein Leben bloß fühlen, ist es gestaltlos, bloße Impression. Nur, indem seine Form in unsrer Empfindung lebt und sein Leben in unserm Verstande sich formt, ist er lebende Gestalt, und dies wird überall der Fall sein, wo wir ihn als schön beurteilen.“Johann Wolfgang von Goethes euphorische Nutzung entwickelte den Gestaltbegriff in zwei Richtungen weiter, die verstärkt durch die im 19. Jahrhundert intensiv einsetzende Goetherezeption im Fin de siècle, insbesondere durch Georg Simmels Werk Goethe von 1913 in die Breite der Wissenschaften transportiert wurden. Einerseits verdichtete Goethe die holistischen Implikationen des Begriffes, anderseits überträgt er ihn in die Morphologiestudien seiner Naturphilosophie und ermöglicht somit die spätere Nutzung der Gestalt in den Naturwissenschaften. In seiner Schrift Von deutscher Baukunst von 1772 benutzt Goethe den Gestaltbegriff, um die Erbauung des Straßburger Münsters durch Erwin von Steinbach bewundernd zu idealisieren: Eine einheitliche, in jedem Detail vorhandene und doch das Ganze durchdringende Gesamtkomposition, die beharrlich verfolgt wird. Auf jeder Betrachtungsebene und in jedem Teil dringt kontinuierlich die Gestalt des Ganzen durch. Sprachlich verbindet Goethe das Organische der Natur mit dem überirdisch Sakralen, welche durch die mit göttlicher Inspiration geführte Hand des Gestalters entsteht:„Er [Steinbach] ist der erste, aus dessen Seele die Teile, in ein ewiges Ganze zusammengewachsen, hervortreten […] der zuerst die zerstreuten Elemente in ein lebendiges Ganzes zusammenschuf. […, Er] vermannigfaltige die ungeheure Mauer, die du gen Himmel führen sollst, daß sie aufsteige gleich einem hocherhabenen, weitverbreiteten Baume Gottes, der mit tausend Ästen, Millionen Zweigen und Blättern wie der Sand am Meer ringsum der Gegend verkündet die Herrlichkeit des Herrn, seines Meisters. […] Ein ganzer, großer Eindruck füllte meine Seele, den, weil er aus tausend harmonierenden Einzelheiten bestand, ich wohl schmecken und genießen, keineswegs aber erkennen und erklären konnte. Sie sagen, daß es also mit den Freuden des Himmels sei, und wie oft bin ich zurückgekehrt, diese himmlisch-irdische Freude zu genießen, den Riesengeist unsrer ältern Brüder in ihren Werken zu umfassen. Wie oft bin ich zurückgekehrt, von allen Seiten, aus allen Entfernungen, in jedem Lichte des Tags zu schauen seine Würde und Herrlichkeit.“In den morphologischen Untersuchungen erfasst er phänomenologisch die biologischen Prozesse von Pflanzen, Tieren und Menschen mit dem Begriff der Gestalt und richtet sich gleichzeitig ausdrücklich gegen atomistische Methoden – die Addition gesonderter Betrachtungen der Funktionsweisen einzelner Bestandteile zu einem Ganzen – der Naturwissenschaften. Seine Untersuchungen richten sich auf die Urpflanze, eine „Harmonia Plantarum wodurch das Linnaische System aufs schönste erleuchtet wird, alle Streitigkeiten über die Form der Pflanzen aufgelößt, ja sogar alle Monstra erklärt werden … die allgemeine Formel … [die] auf alle Pflanzen anwendbar ist. Ich kann schon die eigensinnigsten Formen z. E. Passiflora, Arum, dadurch erklären und mit einander in Parallel setzen.“Einer solchen biologischen Urgestalt zugrundeliegendes Gesetz der Genese von Formen soll gleichermaßen für die Ästhetik und die Natur anwendbar sein. Die enthaltene ästhetische Tradition der Gestalt wurde auf die Natur erweitert: Das Natürliche ist das Schöne, dessen lebendige Form als Gestalt sichtbar wird und dessen Teile als ein einheitliches Ganzes wachsen. Dem Unschönen wird jede Gestalt abgesprochen.

Die Morphologie beschreibt die Wandlungsfolge als historischen Prozess von der Urgestalt bis zum gegenwärtigen Genotypen. Dabei sind die Urgestalten besser, reiner und hochwertiger als ihre Abbilder. Die Urgestalten zu erkennen zeichnet für Goethe das Genie aus. Gestaltseher erkennen das Ursprüngliche, die Urbilder, sie erfassen das Ganze als Ganzes und leiten aus dieser Inspiration die Legitimation für das eigene künstlerische Gestalten ab. Der Gestalt-Seher wird selbst in dem Gestaltbegriff integriert, er ist als Person hervorgehoben und selbst besondere Gestalt geworden. Der Betrachter, die Ästhetik, die Natur und die Geschichte verbinden sich im Begriff der Gestalt.

Übergang ins 20. Jahrhundert Durch die Verschiebung weg von der ästhetischen Beschreibung hin zur Bewertung von Ursprünglichkeit und Reinheit gewann der Gestaltbegriff eine dramatische sozialethische Dimension. Goethes Morphologien wurden durch die zeitgleiche Entwicklung der Evolutionstheorie auf die Menschen anwendbar. Der ästhetische Maßstab misst nun auch die biologische Erscheinung des Menschen: Schönheit wird zum Ausdruck der Nähe zu den Urgestalten und zum Ursprung; durch diese Nähe wird eine Reinheit und eine ethische Aufwertung abgeleitet. Zusätzlich wird das im Gestaltbegriff enthaltene Wechselspiel von innen und außen – vorher bei den Plastiken der Griechen – als Physiognomie auf den Menschen angewandt: Charakter und Physis werden unmittelbar einander gekoppelt und von der körperlichen Beschaffenheit wird auf den Geist geschlossen. Aus der Überlegenheit leitet sich ein Führungsanspruch innerhalb der sozialen Hierarchie ab, eine Vorstufe der Theorie vom Übermenschen und der Rassenideologie.