Stopfkuchen. Eine See- und Mordgeschichte ist der Titel des im Mai 1890 abgeschlossenen und 1891 publizierten Romans von Wilhelm Raabe, der von Romano Guardini für bedeutender als seine Jugendwerke eingeschätzt wird.Romano Guardini: Über Raabes „Stopfkuchen“. In: Romano Guardini: Sprache, Dichtung, Deutung. Würzburg 1962, S. 91–140. Der Autor greift darin eine aus Abu Telfan bekannte gesellschaftskritische Thematik auf. Er stellt dem geistig engen deutschen Provinzialismus des 19. Jahrhunderts eine mit naiver Abenteuerromantik und KolonialismusFlorian Krobb: Die Enttäuschungen der Heimkehr. In: Erkundungen im Überseeischen: Wilhelm Raabe und die Füllung der Welt. Würzburg 2009, S. 161 ff. (Leseprobe, books.google.de). verbundene Utopie gegenüber, die desillusioniert wird. Im Stopfkuchen liegt der Schwerpunkt, im Gegensatz zum Abu-Telfan-Rückkehrer Leonhard Hagebucher, auf der Geschichte des daheimgebliebenen Helden Heinrich Schaumann und seiner Frau Tinchen, die sich in ihrer Wallanlage ein idyllisches Rückzugsgebiet und eine nur auf notwendige soziale und wirtschaftliche Kontakte beschränkte eigene Welt geschaffen haben. Verfasst wurde die Erzählung im Zeitraum vom 4. Dezember 1888 bis zum 9. Mai 1890. Die erste Ausgabe erschien in der Deutschen Roman-Zeitung.

Inhaltsangabe Der Ich-Erzähler Eduard hat sich nach abenteuerlichen Reisen als Schiffsarzt am Oranjefluss in Südafrika niedergelassen und züchtet dort Schafe. Nun besucht er nach langer Zeit noch einmal sein Heimatstädtchen in einem ländlichen Gebiet irgendwo zwischen Lausitz und Harz, um alte Freunde, v. a. Heinrich Schaumann, wiederzusehen und die Jugenderinnerungen mit der Gegenwart zu vergleichen. Dabei wird er mit zwei Überraschungen konfrontiert. Auf der Rückfahrt (Rahmenhandlung) in „das ödeste, langgedehnteste, wenn auch nahrhafteste Fremdenleben“ schreibt er an Bord der nach der Abu-Telfan-Hauptfigur benannten Leonhard Hagebucher die Geschichten vom „sogenannten heimischen, vaterländischen Philisterleben“Wilhelm Raabe: Stopfkuchen. In: Wilhelm Raabe: Gesammelte Werke. 2. Band. München 1980, S. 327. auf, die ihm sein Freund, Raabes Sprachrohr,Karl Hoppe: 1. Entstehung des Werks, 2. Veröffentlichung und Aufnahme. In: Wilhelm Raabe. Sämtliche Werke. Braunschweiger Ausgabe Band 18, Göttingen 1963, Anhang S. 419–435. erzählt hat.

Die Romanhandlung spielt auf zwei Zeitebenen, zum einen in der Kindheit und Jugend der Protagonisten etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts, zum anderen am Jahrhundertende. Vor allem zwei Personen interessieren Eduard bei seiner Rückkehr. Er möchte noch einmal mit dem Landbriefträger Friedrich Störzer, seinem geistigen Führer, sprechen, doch dieser ist gerade gestorben. Als Zwölfjähriger begleitete er ihn oft auf seinen Gängen von der Stadt zu den umliegenden Dörfern, vorbei am von kläffenden Hunden bewachten Gehöft auf der Roten Schanze, wo ihn der Briefträger bat, dem verwahrlosten, kratzbürstigen Bauernmädchen Valentine die Post zu bringen. Mit dem väterlichen Freund träumte er von Reiseabenteuern rund um die Welt. Störzers Lieblingsbuch François Levaillants Reisen in das Innere von Afrika wurde für seinen Lebensweg bestimmend. Am Ende des Romans erzählt Heinrich dem Besucher, dass Störzer den Viehhändler Kienbaum, seinen ehemaligen schikanösen Mitschüler, nach erneuter Demütigung im Affekt durch einen unkontrollierten Steinwurf am Kopf tödlich getroffen hat. Dieser brachte, obwohl er sein restliches Leben lang an der Schuld litt, nicht den Mut auf, zu seiner Tat zu stehen und den fälschlicherweise des Mordes beschuldigten Andreas Quakatz, Valentines Vater, zu entlasten. Heinrich enthüllt die Zusammenhänge des vom Opfer zum Täter gewordenen fleißigen Briefträgers, der auf seinen Dienstwegen fünfmal den Erdball hätte umrunden können, erst nach dessen Tod.

Sein Kontrastschicksal begegnet Eduard dann in Gestalt Heinrichs auf dessen Bauernhof. Dieser litt als Kind an seiner Ausgrenzung und wurde wegen seiner Gefräßigkeit und seines Phlegmas Stopfkuchen genannt. Da er sich wenig für die Schule und für das von den Eltern gewünschte Studium interessierte und schlechte Noten hatte, hielt man ihn für dumm und erkannte nicht seine praktische Intelligenz und sein in der Körperfülle verstecktes sensibles, mitfühlendes Wesen. Dem Besucher klagt Heinrich seine Leidensgeschichte, wirft ihm mangelnde Unterstützung vor und präsentiert ihm gleichzeitig mit Genugtuung die Erfolgsgeschichte zweier Außenseiter zum Eheglück und Wohlstand. Nach abgebrochenem Studium kehrte er nach Hause zurück und arbeitete als Knecht und Verwalter zusammen mit seiner damals eingeschüchterten und gesellschaftlich isolierten Freundin Valentine auf dem heruntergekommenen Hof ihres kranken Vaters. Er sorgte wieder für Ordnung beim undisziplinierten Dienstpersonal, packte tatkräftig zu, stabilisierte zunehmend den Betrieb und gestaltete Haus und Hof wohnlich aus. Er Auch nahm er öffentlich seinen wegen des Mordes an Kienbaum angeklagten Schwiegervater in Schutz. Zwar hatte dieser seine Unschuld beteuert und das Gericht musste ihn mangels Beweisen freisprechen, doch wurden er und seine Tochter von den Dorfbewohnern von Maiholzen vor Heinrichs Eingreifen geächtet. Am Abend vor der Abreise des Freundes und der Beerdigung Störzers enthüllt Schaumann öffentlich in einem Gasthaus in der Stadt die Tatumstände, erklärt, wie er die Wahrheit herausfand, und stellt somit den Ruf seines inzwischen verstorbenen Schwiegervaters endgültig wieder her.

Während Eduards halbtägigem Besuch auf der Schanze erscheint ihm sein Freund überraschenderweise als selbstbewusster Mensch, der mit seiner Frau ein kultiviertes, glückliches Leben führt und sich als Hobby die Paläontologie gewählt hat. Den Respekt der Dorf- und Stadtbewohner erwarb er sich durch seine erfolgreiche Marktorientierung am Zuckerrübenanbau, seine Beteiligung an einer Zuckerfabrik und sein geschäftstüchtiges Auftreten. Aber die Eheleute bleiben als gebrannte Kinder auf Distanz zum gesellschaftlichen Umfeld und zu dessen spießbürgerlichen Verhaltensweisen wie Gerüchteverbreiten, Mobbing und Ausgrenzung unangepasster Menschen, Neid und Schadenfreude. Symbolisch sichtbar wird dieser Abstand durch die alte Wallanlage aus dem Siebenjährigen Krieg, die das Gehöft hoch oben über der Stadt und den Dörfern abschottet, aber es Heinrich ermöglicht, „[s]eine Welt und die der übrigen im Auge zu behalten“.Wilhelm Raabe: Stopfkuchen. In: Gesammelte Werke. 2. Band. 1980, S. 357. Der Erzähler erkennt nach seinem Heimaturlaub, dass sein Freund immer schon ein eigenständiger Charakter war und „ganz und gar nach seiner Natur gelebt hat“. Er „hat getan und gelassen, was er tun oder lassen mußte“. Und merkwürdigerweise kam „in irgendeiner Weise doch etwas Vernünftiges dabei heraus […]“.Wilhelm Raabe: Stopfkuchen. In: Gesammelte Werke. 2. Band. 1980, S. 338. Raabes Botschaft richtet Schaumann an Eduard: „[E]s läßt sich leben auf Quakatzenburg, und man sehnt sich so leicht nicht fort […] Das kann man im Grunde überall haben […] Man muß nur von jedem Ort den von Rechts und Ewigkeits wegen dranhaftenden Spuk auszutreiben verstehen und man sitzt immer gut.“Wilhelm Raabe: Stopfkuchen. In: Gesammelte Werke. 2. Band. 1980, S. 358.

Die Charaktere Neben dem Konflikt zwischen Reisesehnsucht und Heimat wird die zweite zentrale Thematik des Romans daran deutlich, dass vier Hauptpersonen Außenseiter sind: Stopfkuchen, Quakatz, Valentine und Störzer.

Eduard Eduard ist in Maiholzen aufgewachsen, Sohn eines Postbeamten. In der Jugend wurde ihm der Landbriefträger Fritz Störzer ein väterlicher Freund, den er oft auf seinen Arbeitswegen begleitete. Dabei wuchs Eduards Begeisterung für die Natur und für fremde Länder, über die Störzer am liebsten las. Außerdem war er halb und halb ein Freund Heinrich Schaumanns, den er gegen die anderen jedoch nie entschlossen verteidigte, was Stopfkuchen durchaus erwähnt. Eduard verließ die Heimat für das Studium und arbeitete danach als Schiffsarzt, bevor er ein erfolgreicher Schafzüchter im Oranje-Freistaat wurde. Er heiratete dort und bekam zahlreiche Kinder. Aus ihm selbst nicht ganz klaren Motiven hat er jetzt die Heimat wieder aufgesucht. Was er dort als zweiten Blick auf seine eigene Kindheit und Jugend erfährt, bewegt ihn so sehr, dass er seine Niederschrift unternimmt.

Andreas Quakatz Andreas Quakatz war – zur Jugendzeit Eduards – Bauer auf der Roten Schanze mit seiner Tochter Valentine und einigen Knechten. Er galt als der Mörder des Viehhändlers Kienbaum, weil er sich mit ihm gestritten hatte, kurz bevor Kienbaum erschlagen worden war. Diese Beschuldigungen machten ihn argwöhnisch, er hatte Wutausbrüche, trank und führte immer wieder Gerichtsprozesse gegen Leute, die behaupteten, er wäre der Mörder Kienbaums. Er duldete allein Stopfkuchen als Freund seiner Tochter auf der Roten Schanze. Während dessen Studiums erlitt Quakatz einen Schlaganfall und wurde hinfällig. Er sprach nur noch von den Anschuldigungen gegen ihn. Als Stopfkuchen seine Tochter heiratete, durfte der Bauer miterleben, wie die Bewohner der Gegend das Fest mitfeierten und ihn in der Folge auch wieder grüßten.

Valentine Quakatz Valentine Quakatz war das einzige Kind von Quakatz und Erbin der Roten Schanze. In ihrer Kindheit wurde sie oft als „Wildkatze“ bezeichnet, war struppig und scheu, fremdenfeindlich wie ihr Vater, ohne Kinderfreundschaften, und bewachte mit ihren bissigen Hunden den Hof. Als erwachsene Frau dagegen ist sie – erstaunlich für Eduard – freundlich und „proper“, kümmert sich liebevoll um ihren Mann und geht verständnisvoll mit seinen Eigenheiten und seiner Redseligkeit um.

Kienbaum Kienbaum war ein geschäftstüchtiger Viehhändler, er wuchs in wesentlich besseren Verhältnissen auf, und Störzer beschreibt ihn als hochfahrend – er war mit Kienbaum auf der Schule und beim Militär gewesen und hatte dort unter ihm gelitten. In seiner Militärzeit schwängerte Kienbaum eine Frau, verweigerte ihr aber jede Unterstützung. Nach einem Streit mit Quakatz wurde er im nahen Wald erschlagen.

Fritz Störzer Fritz Störzer kam aus sehr einfachen Verhältnissen. Während seines ganzen Lebens als Landbriefträger in Wind und Wetter war er nie einen Tag krank und nahm sich keinen Tag frei. Er war mit Eduard schon befreundet, als der noch ein Junge war und seine großen einsamen Touren mit ablief, und begeisterte ihn durch Literatur für fremde Länder – obwohl er selbst betonte, Maiholzen nicht verlassen zu wollen. Er ging mit Kienbaum zur Schule und zum Militär und hatte unter dessen Spott zu leiden.

Heinrich Schaumann Heinrich Schaumann, in Jugendjahren unter dem Spitznamen „Stopfkuchen“ bekannt, ist dem Erzähler als der dickste und faulste Kamerad des Freundeskreises in Erinnerung geblieben. Eduard nennt ihn rückblickend „nicht nur […] den Dicksten, Faulsten und Gefräßigsten […], sondern auch […] den Dümmsten unter uns“. Er hatte schlechte Schulnoten und wurde oft gehänselt und verprügelt. Als Eduard ihn bei seinem Heimatbesuch wiedersieht, ist er überrascht, einen in seinen Augen völlig veränderten Heinrich vorzufinden. Inzwischen scheint er nicht mehr der faule und unscheinbare dicke Junge, sondern strahlt eine Stärke aus, die von seiner geistigen Überlegenheit herzurühren scheint. Eduard, der Erzähler, ist sich bewusst, dass diese Seite schon immer Teil seines Freundes gewesen sein muss, im Freundeskreis jedoch nie zum Vorschein kam, da keiner der dominanten Kameraden den Raum für diesen Teil Heinrichs zuließ.

Es ist Stopfkuchen, der für die Aufklärung des Mordes an dem Viehhändler Kienbaum verantwortlich ist. Er lernt den Registrator Schwartner näher kennen, durch den er die Geschichte der Roten Schanze erfährt und für sich entdeckt. Heinrich verbrachte in den Sommermonaten viele Stunden dort und beobachtete die Welt. Schon als Kind träumte er von der „Roten Schanze“ und davon, Bauer auf jenem Überbleibsel des Krieges zu sein.