mini|Schwaz bei Dämmerung (März 2006)
Schwaz ist eine Bezirkshauptstadt mit Einwohnern (Stand ) im Bundesland Tirol in Österreich. Die Gemeinde liegt im Gerichtsbezirk Schwaz.
Geographie Lage Die Bezirkshauptstadt Schwaz liegt im mittleren Unterinntal etwa 30 km östlich der Landeshauptstadt Innsbruck am Fuß des Kellerjochs (Hausberg und Aussichtsberg, ) und des Eiblschrofens.
Die Gemeinde erstreckt sich über eine Fläche von 20,17 km². Die Ansiedlung ist seit Jahrhunderten vom Lahnbach bestimmt, der durch Schottertransport und Überschwemmungen den ortsbestimmenden Schuttkegel aufbaute und die Stadt in die Gebiete Markt und Dorf teilt. Gleichzeitig gibt es die Gliederung in die geografischen Siedlungsbereiche Ried, Pirchanger, Bleiberg, Ost, Sonnseite, Surheim und Falkenstein.
Nachbargemeinden
Geschichte Frühe Geschichte Der Raum um Schwaz war bereits in Jungsteinzeit (4000–2000 v. Chr.) und Bronzezeit (ab 1500 v. Chr., Funde bei St. Martin) besiedelt. Bis um 15 v. Chr. wurde die Gegend um Schwaz von den Fokunaten besiedelt und anschließend in den Augusteischen Alpenfeldzügen durch den römischen Kaiser Augustus unterworfen.
Die Örtlichkeit selbst wurde 930/31 erstmals urkundlich als „Sûates“Aussprache: [], also in etwa zwischen „Suátes“ und „Schuátesch“ in moderner Schrift. erwähnt.Schwaz – die Kulturstadt. In: schwaz.at, abgerufen am 3. April 2021.
Um 1170 errichteten die Fruntsberger (später Freundsberger) einen einfachen Wohnturm auf dem Hügel über Schwaz, den sie im 13. Jahrhundert zum Schloss Freundsberg ausbauten. Im 14. Jahrhundert wurde die erste Innbrücke errichtet.
Bergbau und Blütezeit
War das Ortsbild anfänglich bäuerlichen Charakters, stieß es nach der Entdeckung der Silber- und Kupfervorkommen bald in großstädtische Dimensionen vor. Bereits in der Bronzezeit war in den Bergen zwischen Schwaz und Kitzbühel Kupfer abgebaut worden, das gemeinsam mit Zinn zur Herstellung von Bronze benötigt wurde. Zur Blütezeit des Bergbaus im 16. Jahrhundert war Schwaz eine der großen Bergbaumetropolen Europas, mit über 12.000 Einwohnern nach Wien die zweitgrößte Ortschaft im Habsburgerreich. Mit der Übernahme der Erzgruben in Tirol steigt der Fuggersche Anteil am weltweiten Handelsvolumen von Kupfer von 40 auf 80 Prozent.
Der Silberabbau im Schwazer Bergbau begann einer unbestätigten Sage nach im Jahre 1409, als die Magd Gertraud Kandlerin beim Weiden eines Stieres auf dem Kogelmoos (Bereich oberhalb des Ortes) einen silbererzhaltigen Stein entdeckt haben soll. Bergbau bei Schwaz fand bereits in der Bronzezeit im größeren Umfang statt. Für das Jahr 1420 berichtet die Schwazer Chronik von Gruben am Falkenstein. Die Zuwanderung von bergmännischem Fachpersonal aus Böhmen und Sachsen begann. Innerhalb weniger Jahre wurde die Schwazer Metallproduktion ein europäischer Wirtschaftsfaktor, und der Falkenstein wurde zur Silber- und Geldquelle der Habsburger. Die Augsburger Handelsfamilien Fugger und PaumgartnerRichard Ehrenberg: Das Zeitalter der Fugger. Geldkapital und Kreditverkehr im 16. Jahrhundert. Band 1: Die Geldmächte des 16. Jahrhunderts. Gustav Fischer, Jena 1896; Nachdruck: Georg Olms, Hildesheim u. a. 1922; Digitalisat: ebenda 1990, ISBN 3-487-40062-6 (). waren über den Zeitraum des Silberbergbaus präsent. Auch der Arzt Paracelsus (Philipp Aureol Theophrast Bombast von Hohenheim in Egg an der Sihl) besuchte auf seinen Forschungsreisen zweimal (1516 und 1533/1534) Schwaz, um sich mit bergmännischen Krankheiten auseinanderzusetzen, und erhielt wahrscheinlich Informationen von dem Schwazer Arzt Johannes Milchtaler.Georg Burckhard: Ein bis jetzt unbekannter medizinischer Schriftsteller des 16. Jahrhunderts (Dr. Johannes Milchtaler aus Schwaz). In: Sudhoffs Archiv. Band 4, Heft 1 (Mai 1911), , S. 20–30, .
In einem Zeitraum von 1420 bis 1827 wurden ca. 2.300 Tonnen Silber und ca. 191.000 Tonnen Kupfer gewonnen. Schon vor dem endgültigen Ende für allen Bergbau 1999 wurde der Sigmund-Erbstollen 1989 für den Besucherverkehr hergerichtet und als Besucherbergwerk Silberbergwerk Schwaz eröffnet.
mini|Schwaz in einem kolorierten Kupferstich von Matthäus Merian (1649)
Georg Rösch von Geroldshausen verfasste 1558 folgenden Reim über den Schwazer Bergbau:Geschichte. Der Aufstieg – Aller Bergwerke Mutter. In: silberbergwerk.at, abgerufen am 23. Oktober 2017. Swatz ist aller perckhwerck muater zwar Davon nert sych ayn gar gross schar Ob treyssygh taussent, hab ich recht behalten Von mannen, frauen, yungh und altn. Übertragung ins Neuhochdeutsche: Schwaz ist aller Bergwerke Mutter zuwahr Davon ernährt sich eine gar große Schar [von Menschen] Dreißigtausend, wenn ich recht behalte [mich recht entsinne] Männer, Frauen, Junge und Alte.
Reformation und Gegenreformation Ab 1521 war der Schweizer evangelische Theologe Jacob Strauß (1480–1530) als Prediger in Hall und Schwaz tätig und hatte viele Zuhörer. Er kritisierte in seinen reformatorischen Predigten katholische Lehren und verurteilte Zins und Wucher. Der Bischof von Brixen konnte bewirken, dass er aus Tirol fliehen musste, obwohl eine Mehrheit evangelisch geworden war. Nur das Franziskanerkloster bildete ein letztes katholisches Bollwerk im Ort. In der Pfarrkirche Maria Himmelfahrt dagegen wurde die hölzerne Trennwand auch zur religiösen Spaltung: Auf der einen Seite feierten Bürger die lateinische Messe, auf der andern Knappen den deutschen lutherischen Gottesdienst.
1525 schlossen sich die Bergknappen den Bauernaufständen an, die jedoch niedergeschlagen und von Martin Luther verurteilt wurden. Danach erhielt die gewaltlose Täuferbewegung großen Zulauf. Jakob Hutter (1500–1536) war einer der charismatischen Anführer, und er zog durch das Pustertal, wo er einige täuferische Gemeinden gründete, die die Bekenntnistaufe und Gütergemeinschaft praktizierten. Als „Ketzer“ wurden sie sowohl von evangelischer und katholischer Seite verfolgt. In Schwaz, Rattenberg und Brixlegg wurden etwa 500 Täufer hingerichtet, und weitere Personen wurden des Landes verwiesen.
1532 gründete der evangelische Sänger und Dichter Hans Sachs (1494–1576) in Schwaz eine Meistersängerschule.
Mit der einsetzenden Gegenreformation ab 1575 wurde das katholische Bekenntnis wieder zwingend; wer evangelisch bleiben wollte, musste seinen Glauben im Verborgenen leben oder auswandern. Erst das Toleranzpatent 1781 von Kaiser Joseph II. erlaubte die erneute Gründung evangelischer Gemeinden. Noch 1837 wurden evangelische Christen aus dem Zillertal ins Exil gezwungen. So lebten auch 2017 in Schwaz nur etwa 230 evangelische Christen, die 0,7 Prozent der Bevölkerung ausmachten.
19. Jahrhundert Nach dem Niedergang des Bergbaus und der Zerstörung großer Teile des Orts in den Napoleonischen Kriegen wurde im 19. Jahrhundert durch folgende Einrichtungen ein Aufschwung eingeleitet: 1819 Kreishauptschule 1830 Errichtung einer Produktionsstätte für Tabakwaren (2005 geschlossen; abgerissen, heute Einkaufszentrum Stadtgalerien Schwaz) 1837 Eröffnung des Bezirksgerichtes 1858 Bahnhof 1871 gewerbliche Fortbildungsschule 1876 Altenheim 1889 erstes Schwazer Schwimmbad 1897 erste Stromanschlüsse 1898/99 Errichtung des Franz-Joseph-Krankenhauses (heute Bezirkskrankenhaus Schwaz) 1900 Handelsschule
Am 16. September 1899 wurde Schwaz mit Entschließung vom 28. April durch Kaiser Franz Joseph I. zur Stadt erhoben. Diese späte Erhebung ist darin begründet, dass Schwaz trotz und wegen seiner Größe nie über eine Stadtmauer verfügte. Aus dem gleichen Grund befand sich zur Zeit des Silberbergbaus unter Kaiser Maximilian I. die Münze nicht vor Ort, sondern im befestigten Hall, etwa 17 Kilometer westlich von Schwaz.
20. Jahrhundert mini|Gedenktafel für die Opfer der NS-Herrschaft Bis zum Ersten Weltkrieg war Schwaz Garnisonsstadt der k.u.k. Armee, 1914 lag dort das III. Bataillon des Salzburgischen Infanterieregiments Erzherzog Rainer Nr. 59.
Die kleine jüdische Bevölkerung von Schwaz wurde ab dem Anschluss Österreichs 1938 vertrieben. Ab 1944 befand sich auf der Straße zwischen Schwaz und Buch ein Zwangsarbeiterlager. Dort waren bis zu 400 ausländische Kriegsgefangene untergebracht, die ab Dezember 1944 im Wilhelm-Erb-Stollen des Schwazer Bergwerks für die Rüstungsindustrie des Deutschen Reiches arbeiten mussten. Nach Kriegsende machte die französische Besatzung daraus das Lager Oradour für ehemalige Nationalsozialisten, benannt nach Oradour-sur-Glane und in Erinnerung an das Massaker von Oradour.
Am 10. Juli 1999 kam es zu einem Felssturz vom Eiblschrofen. Danach wurde die Bewegung des Bergs viele Jahre lang mittels platzierter GPS-Sensoren vermessen. Panzerriegel und ein Damm wurden als Schutz für Siedlungsgebiete errichtet.Viktoria Waldegger: Chronik. Vor 20 Jahren entging Schwaz Katastrophe. 1999 sind riesige Felsstücke vom Schwazer Eiblschrofen ins Tal gestürzt. 300 Personen mussten für Wochen evakuiert werden. Der Berg ist heute immer noch in Bewegung, die Anrainer fühlen sich aber durch die Schutzbauten sicher. In: tirol.orf.at, 9. Juli 2019, abgerufen am 19. Juli 2019. Der Silberwald ist heute Biotop und Erholungsgebiet.Pflanzgarten u. Silberwald. In: schwaz.at, abgerufen am 8. Januar 2023.
21. Jahrhundert 2017 wurde Schwaz der Ehrentitel „Reformationsstadt Europas“ durch die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa verliehen.100. Reformationsstadt Europas: Schwaz in Tirol. In: reformation-cities.org, 20. Dezember 2017, abgerufen am 12. Februar 2020.Uli Jung: Reformationsstadt Schwaz. Österreich. Bergknappen, Täufer und Hutterer. In: reformation-cities.org/cities, abgerufen am 28. Februar 2018.
Im August 2017 wurde Schwaz als zweite Tiroler Gemeinde mit dem Titel „Fair-Trade-Stadt“ ausgezeichnet.Schwaz wird zur Fairtrade-Stadt. In: kommunal.at, 30. August 2017, abgerufen am 28. Mai 2019.
Im Herbst 2025 wurde in den Arkaden des Stadtparks eine Gedenktafel eingeweiht, in Erinnerung an jene zwölf Menschen aus Schwaz, die zwischen 1940 und 1942 im Rahmen des nationalsozialistischen „Aktion T4“-Programms ermordet wurden.
Bevölkerungsentwicklung
Quelle: Statistik Austria
Kultur und Sehenswürdigkeiten Kulturdenkmäler
Katholische Pfarrkirche Maria Himmelfahrt: Die Stadtpfarrkirche, eine 1460 erbaute Hallenkirche, wurde 1502 vierschiffig erweitert und ist heute die größte Hallenkirche Tirols. Links saßen die Bürger, rechts durch eine Holzwand getrennt die Knappen. Eine Besonderheit dieser Kirche sind die beiden Glockentürme, von denen einer rund 400 Jahre jünger ist. Er wurde 1911 errichtet, nachdem der ältere im oberen Drittel eine kritische Neigung aufwies und beim Läuten Einsturzgefahr bestand. Katholisches Pfarrzentrum St. Barbara (1984/1985) Das Franziskanerkloster Schwaz mit seinem sehenswerten Kreuzgang mit gotischer Wandbemalung wurde 1515 eingeweiht. Das Bischöfliche Gymnasium Paulinum ist aus einem im 19. Jahrhundert in Brixen gegründeten Gymnasium hervorgegangen und wurde wegen Repressionen dort durch das faschistische Italien 1926 in Schwaz neu gegründet. Schloss Freundsberg der Herren von Frundsberg auf einem Hügel 170 m oberhalb der Stadt. Im Turm der Burg ist das Museum der Stadt Schwaz untergebracht. Es zeigt unter anderem die Entwicklung der Stadt und den Bergbau in Schwaz. Im Rittersaal tagt monatlich das Fruntspergfähnlein. Das Fuggerhaus entstand um 1525 als Wohnsitz der Augsburger Handelsfamilie. Von hier aus leitete Anton Fugger zeitweise sein Imperium. Heute ist das Haus Sitz der Tertiar-Schulschwestern. Das Handelshaus ist ein spätgotisches Bürgerhaus, das 1500–1509 von den beiden Gewerken Hans und Jörg Stöckl erbaut wurde. Das große Gebäude umfasst einen dreistöckigen Arkadenhof und dient heute als Rathaus. Die Franz-Josef-Straße bildet die ehemalige Hauptstraße und ist heute eine Fußgängerzone. Sie wirkt trotz des Brandes von 1809 als geschlossener Straßenzug. Am Ende der Straße liegt das barockisierte Palais Tannenberg-Enzenberg.