mini|Spaltlampenuntersuchung, 2008
Die Augenheilkunde oder Ophthalmologie (auch Augenmedizin, fachsprachlich auch Ophthalmiatrie; von , auch ‚Sehen‘) ist die Lehre vom Bau, der Funktion und den Erkrankungen und Funktionsstörungen des Sehorgans, seiner Anhangsorgane sowie des Sehsinnes und deren Prävention, Diagnostik und Therapie. Sie ist eine der ältesten medizinischen Teildisziplinen. Augenarzt (Synonym: Ophthalmologe) ist die (als ougenarzt erstmals 1401 belegte)Gundolf Keil: „blutken – bloedekijn“. Anmerkungen zur Ätiologie der Hyposphagma-Genese im ‚Pommersfelder schlesischen Augenbüchlein‘ (1. Drittel des 15. Jahrhunderts). Mit einer Übersicht über die augenheilkundlichen Texte des deutschen Mittelalters. In: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 8/9, 2012/2013, S. 7–175, hier: S. 8 und 10. Berufsbezeichnung des Facharztes, der sich mit der Augenheilkunde beschäftigt. Früher wurden Augenheilkundige auch als Okulisten bezeichnet.
Die anatomischen Grenzen der Augenheilkunde bilden vorn die Lid- und Gesichtshaut und hinten die Knochen der Augenhöhle. Mit den Untersuchungsmöglichkeiten der Sehbahn und der Sehrinde reichen sie darüber hinaus bis an die Rückseite des Schädels. Es bestehen enge Beziehungen zur Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, zur Dermatologie und zur Neurologie. Wegen der häufigen Beteiligung des Auges an Allgemeinerkrankungen und der Möglichkeit, mikroskopische Untersuchungen an lebendem Gewebe vorzunehmen, werden ophthalmologische Befunde häufig zur Diagnosefindung für die Innere Medizin und die Neurologie (Neuroophthalmologie) herangezogen.
Moderne ophthalmologische Untersuchungsmethoden erfordern eine umfangreiche und kostspielige technische und apparative Ausstattung. Wichtigstes Untersuchungsgerät ist heute die Spaltlampe, ein mit spezieller Steuer- und Beleuchtungsmechanik versehenes, starkes Stereomikroskop.
Die Augenheilkunde zählt zu den chirurgischen Teildisziplinen, obwohl ihr zahlreiche, wirksame und hochentwickelte Medikamente und Hilfsmittel zur Verfügung stehen. Mit der Operation der Katarakt (grauer Star) stellt die Augenheilkunde die am häufigsten durchgeführte und in der Summe kostenträchtigste Operation der Medizin weltweit.
Geschichte mini|Schematische Darstellung des „Starstichs“ (1764) mini|Augenoperation (Starstich) im Mittelalter; der Text besagt: „Die weißlichen Trübungen der Augen werden so entfernt.“
Bereits in babylonischen Keilschrifttexten ist eine altorientalische, insbesondere babylonische und mesopotamischeMartha Haussperger (Hrsg.): Die mesopotamische Medizin aus ärztlicher Sicht (= DWV-Schriften zur Medizingeschichte. Band 12). Baden-Baden 2012 (= Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Beiheft 1), S. 9 und 14. Augenheilkunde belegt.Jeanette C. Fincke: Augenleiden nach keilschriftlichen Quellen. Untersuchungen zur altorientalischen Medizin. Würzburg 2000 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 70). In den Gesetzestafeln des Hammurapi vor über 3600 Jahren wurden Vorschriften für Augenoperationen erlassen: Der babylonische bzw. assyrische Arzt sollte für eine erfolgreiche Operation eine Belohnung von 10 Schekel erhalten, wohingegen ihm bei Misserfolg (durch augenärztliche Kunstfehler) beide Hände abgehackt werden sollten.
Aus der ägyptischen Medizin der Zeit von 2500 bis 500 v. Chr., als es bereits Spezialärzte für Augenbehandlungen gab, sind einige Papyri, wie etwa der Papyrus EbersCarl Hans Sasse: Geschichte der Augenheilkunde in kurzer Zusammenfassung mit mehreren Abbildungen und einer Geschichtstabelle (= Bücherei des Augenarztes. Heft 18). Ferdinand Enke, Stuttgart 1947, S. 9–12. oder der Papyrus Carlsberg VIII, mit augenheilkundlichen Therapieanweisungen bekannt.Frank Krogmann: Ophthalmologie. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1069–1075, hier: S 1069. Auch um 280 v. Chr. bis etwa 200 n. Chr. waren in Alexandria, dem seinerzeit medizinischen Zentrum der oberägyptischen, griechischen, indischen und vorderorientalischen Welt, Rezeptsammlungen zur Behandlung der in Ägypten häufigen Augenleiden entstanden.Frank Krogmann: Frauen in der Ophthalmologie. In: Andreas Mettenleiter (Hrsg.): Tempora mutantur et nos? Festschrift für Walter M. Brod zum 95. Geburtstag. Mit Beiträgen von Freunden, Weggefährten und Zeitgenossen. Akamedon, Pfaffenhofen 2007, ISBN 978-3-940072-01-6, S. 363–367, hier: S. 363. Um 500 v. Chr. verfasste der indische Arzt Sushruta ebenfalls ophthalmologische Texte,Frank Krogmann: Ophthalmologie. 2005, S. 1069. deren Inhalt sich zum Teil im altes Lehrgut zusammenfassenden augenheilkundlichen Werk Bhavamisra (Bhāvamiśra) von Bhavaprakasa (Bhāvaprakāśa)Albert Esser: Die ophthalmologische Therapie des Bhãvaprakãśa. In: Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin. Band 25, 1932, S. 184–213. aus dem 16. Jahrhundert wiederfindet. Die altindische Medizin unterschied 78 Augenleiden, deren Entstehung von bestimmten Körpersäften (Doshas) abhing.Carl Hans Sasse: Geschichte der Augenheilkunde in kurzer Zusammenfassung mit mehreren Abbildungen und einer Geschichtstabelle. 1947, S. 12 f.
Im biblischen Buch Tobit ist die Behandlung einer nach Hornhautverätzung durch warmen Schwalbenkot entstandenen Macula durch Fischgalle genannt.Carl Hans Sasse: Geschichte der Augenheilkunde in kurzer Zusammenfassung mit mehreren Abbildungen und einer Geschichtstabelle. 1947, S. 15.
Antike In den vor allem Hippokrates (um 460–370) zugeschriebenen Werken im Corpus Hippocraticum des alten Griechenlands (5. Jahrhundert vor bis 1. Jahrhundert n. Chr.), welche die Grundlage der wissenschaftlichen Medizin darstellen, wird die Augenheilkunde zwar nicht eingehend geschildert, doch finden sich auch hier einige Hinweise auf ophthalmologische Therapien.John Lascaratos, Spyros Marketos: Ophthalmological lore in the Corpus Hippocraticum. In: Documenta ophthalmologica. Band 68, 1988, S. 35–45. Schriften zur Augenanatomie (beruhend auf TieraugenzergliederungenCarl Hans Sasse: Geschichte der Augenheilkunde in kurzer Zusammenfassung mit mehreren Abbildungen und einer Geschichtstabelle (= Bücherei des Augenarztes. Heft 18). Ferdinand Enke, Stuttgart 1947, S. 18 f.) verfassten Alkmaion aus Kroton (um 500 v. Chr.), der als Erster den Sehnerv beschrieb, und Herophilos von Chalkedon (um 300 v. Chr.).Frank Krogmann: Ophthalmologie. 2005, S. 1069. Kenntnisse zur Augenanatomie der alexandrinischen Griechen sind vor allem bei Galenos (um 129–201) überliefert, der bereits in jungen Jahren eine „Diagnostik der Augenkrankheiten“ verfasst hatte. Seine augenanatomische Beschreibung des retractor bulbi zeigt, dass seine Beschreibungen auf der Tieranatomie fußen.Carl Hans Sasse: Geschichte der Augenheilkunde in kurzer Zusammenfassung mit mehreren Abbildungen und einer Geschichtstabelle (= Bücherei des Augenarztes. Heft 18). Ferdinand Enke, Stuttgart 1947, S. 23 und 56.
Als erste optische Korrektur wird von Plinius dem Älteren berichtet, dass Kaiser Nero 66 n. Chr. wegen seiner Kurzsichtigkeit als Zuschauer bei einem Fechtwettkampf einen geschliffenen Smaragden vor das Auge hielt, wobei unklar bleibt, ob der Smaragd mehr als Zier oder tatsächlich als optisches Hilfsmittel diente und ob er konkav oder konvex geschliffen war.Gotthold Ephraim Lessing: Briefe antiquarischen Inhalts, Brief 45. Zitiert nach: Sämmtliche Werke in Einem Bande. Göschen, 1841, S. 684. Für das antike Rom ist die Behandlung von Augenerkrankungen bzw. -verletzungen nachgewiesen.Harald Nielsen: Ancient ophthalmological agents. A pharmaco-historical study of the collyria and seals for collyria used during Roman antiquity, as well as of the most frequent components of the collyria. Odense 1974 (= Acta historica scientiae naturalis et medicae, 31)Ludwig Limmer: Augenheilkunde im Rom der frühen Kaiserzeit nach den Darstellungen des A. C. Celsus. Medizinische Dissertation Würzburg 1991. Der seinerzeit bedeutende griechische Chirurg Antyllos soll um 140 n. Chr. in Rom den grauen Star operiert sowie chirurgische Eingriffe zur Behandlung von Tränenfisteln und Rolllidern durchgeführt haben. Um 40 n. Chr. beschrieb Aulus Cornelius Celsus die typische Färbung der Lederhaut des Auges bei Gelbsucht.Frank Krogmann: Ophthalmologie. 2005, S. 1069.
Die sich in Gallien als Augenärzte betätigenden Heilkundigen waren sehr von der griechischen Medizin beeinflusst. Eine nicht bei griechischen und römischen ÄrztenVgl. M. P. Geste: L’ophtalmologie gallo-romaine d’après l’exemple bourguignon, thèse dactylographiée. Université de Dijon, facultße de médecine, 1981. zu findende Praxis der Rezeptverschreibung der gallischen Spezialisten waren vor allem vom 2. bis 4. Jahrhundert als Stempel benutzte Plättchen, die den Namen des Augenarztes, die Namen der verschriebenen Augentropfen und die zu erwartende Heilwirkung enthielten.D. Chabard (Hrsg.): Medizin im gallisch-römischen Altertum. La médecine dans l’antiquité romaine et gauloise. Exposition par le Museum d’histoire naturelle et le Musée Rolin dans le cadre du Bimillénaire de la Ville d’Autun. Musée d’Histoire Nauturelle, Ville d’Autun 1985 / Stadt Ingelheim/Rhein 1986, S. 14–16 (Die Augenärzte).
Mittelalter Im 9. Jahrhundert schuf Hunain ibn Ishāq (ein auch Johannitius genannter christlich-arabischer Arzt) ein zehngliedriges Werk über Augenheilkunde, welches das älteste arabische Lehrbuch der AugenheilkundeVgl. Carl Hans Sasse: Geschichte der Augenheilkunde in kurzer Zusammenfassung mit mehreren Abbildungen und einer Geschichtstabelle (= Bücherei des Augenarztes. Heft 18). Ferdinand Enke, Stuttgart 1947, S. 30. darstellt, in Salerno von Konstantin von Afrika lateinisch bearbeitet und als Liber de oculis Constantini Africani zur Grundlage der an abendländischen Hochschulen gelehrten Augenheilkunde wurde.Gundolf Keil: „blutken – bloedekijn“. Anmerkungen zur Ätiologie der Hyposphagma-Genese im ‚Pommersfelder schlesischen Augenbüchlein‘ (1. Drittel des 15. Jahrhunderts). Mit einer Übersicht über die augenheilkundlichen Texte des deutschen Mittelalters. In: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 8/9, 2012/2013, S. 7–175, hier: S. 8. Ebenfalls im 9. Jahrhundert soll Yuhanna ibn Masawaih seinen augenheilkundlichen Traktat Kitāb Daġal al-ʿain („Die Fehlerhaftigkeit des Auges“) verfasst haben.Curt Prüfer, Max Meyerhof: Die Augenheilkunde des Jûḥannā ben Māsawaih (777–857 nach Christus). In: Der Islam, Band 6, 1916, S. 348–356.
Bedeutende mittelalterliche Verfasser weiterer arabischer ophthalmologischer Texte waren Rhazes (9./10. Jahrhundert), der die Pupillenreaktion bei Lichteinfall erwähnte, und Jesu Haly (11. Jahrhundert) als Verfasser eines dreiteiligen Lehrbuches der Augenheilkunde sowie Avicenna im 11. JahrhundertJulius Hirschberg, Julius Lippert (Übers.): Die Augenheilkunde des Ibn Sina. Leipzig 1902; Nachdruck in: Fuat Sezgin (Hrsg.): Studies on Ibn Sīnā (d. 1037) and his medical works. 4 Bände. Frankfurt am Main 1996 (= Publications of the Institute for the History of Arabic-Islamic Science. Hrsg. von Fuat Sezgin, Band 10–13: Islamic Medicine.) Band 2, S. 161–354. und Averroes, der im 12. Jahrhundert erkannte, dass das Licht von der Netzhaut aufgenommen wird, und der im 13. Jahrhundert wirkende Augenarzt und Mediziner-Biograf Ibn Abī Uṣaibiʿa.Frank Krogmann: Ophthalmologie. 2005, S. 1069–1070.