mini|Fortgeschrittene Katarakt im menschlichen Auge
Die Katarakt (IPA: [], ), auch grauer Star, Linsenstar und Linsentrübung genannt, bezeichnet eine meist erworbene, selten angeborene Trübung der Augenlinse. Bei manchen Menschen mit fortgeschrittener Katarakt kann man den Grauschleier hinter der Pupille erkennen; daher kommt die Bezeichnung „grauer Star“, nicht zu verwechseln mit dem grünen Star, dem Glaukom. In der Regel werden die befallenen Strukturen mittels einer sogenannten Spaltlampe untersucht und beurteilt, was letztlich zur Diagnose führt. Subjektives Hauptsymptom ist der fortschreitende Verlust an Sehschärfe. Ist eine medizinische Indikation gegeben, besteht die Therapie der Wahl meist im operativen Ersatz der trüben Linse durch ein künstliches Linsenimplantat.
Wortherkunft Das grammatisch männliche Wort Katarakt bedeutet „Wasserfall“Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24. Auflage. oder eine durch Blöcke oder Felsriegel gegliederte „Stromschnelle“ und ist im Deutschen seit dem 16. Jahrhundert nachweisbar. Speziell für medizinische Zusammenhänge behielt das entlehnte Wort als Teil der Gelehrtensprache das grammatische Geschlecht der weiblichen lateinischen Form , die ihrerseits von der (männlichen) griechischen Substantivierung (altgriechische Aussprache ) ‚der Herabstürzende‘, diese zu attisch , ‚herabstürzen‘, entlehnt wurde.cataract. auf: dictionary.reference.com (englisch) (vergleiche auch den Katarrh).
In einem um 1160 in Toledo oder Sevilla entstandenen „Augenbüchlein“ (einer Augenheilkunde)Julius Pagel: Neue litterarische Beiträge zur mittelalterlichen Medicin. Berlin 1896, S. 121–192. nennt Alkoatim (oder Alcoatim)Karl Felsch: Die Augenheilkunde des Alcoatim (1159) zum ersten Male ins Deutsche übersetzt und mit Anmerkungenen begleitet. Medizinische Dissertation, Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin 1898.Friedrich Schlepckow: Die Augenheilkunde des Alcoatim aus dem Jahre 1159, Theil III. Zum ersten Male ins Deutsche übersetzt und mit Anmerkungen versehen. Medizinische Dissertation Berlin 1899. (Suleimān ibn Ḥāriṯ al-Kuwaitī; ) die für das Leiden als verantwortlich angesehene und als vom Hirn herabgetropft gedachte Substanz cataracta.Gundolf Keil (2012/2013), S. 14, Anm. 70.
Geschichte Antike In der Antike nahmen die Menschen an, bei der Entstehung des grauen Stars würden (im Sinne der hippokratisch-galenischen Humoralpathologie) Substanzen hinter der Pupille herabfließen und den Sehvorgang stören. Dabei galt eine Abkühlung und Verfestigung des vom Gehirn statt in den Nasen-Raum ins Auge als Tropfen (gutta cataracta) herabgetropften überschüssigen Phlegmas (Schleim beziehungsweise Rotz) als ursächlich.Gundolf Keil (2012/2013), S. 14, Anm. 70, und S. 67–76. So begann auch der byzantinische Arzt Paulos von Aigina (um 640) seine Abhandlung über den Star mit folgenden Worten: „Der Star ist eine Ansammlung von zäher Flüssigkeit an der Hornhaut im Bereich der Pupille, die das Sehen oder das deutliche Sehen behindert. Er entsteht aber vor allem infolge von Abkühlung und Schwäche des Sehpneumas […]“.Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus den medizinischen Schriften der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 771); 6. Auflage ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 145–147 (Paulos von Aigina, Buch VI, Kap. 21. Über Starerkrankungen). Die Beschreibung einer Operation des grauen Stars (mittels Starstich) durch den Chirurgen Heliodoros bereits im 2. Jahrhundert n. Chr. wird in der Enzyklopädie des Oreibasios erwähnt.Wolfgang Uwe Eckart: Byzanz. Hüter des Wissens. In: Medizin im Mittelalter. Zwischen Erfahrungswissen, Magie und Religion (= Spektrum der Wissenschaften. Spezial: Archäologie Geschichte Kultur. Band 2.19), 2019, S. 20–27, hier: S. 22. Auch soll Chrysipp (280–206 v. Chr.) in Simplicii in Aristotelis categorias commentariumKarl Kalbfleisch (Hrsg.): Simplicii in Aristotelis categorias commentarium (= Commentaria in Aristotelem Graeca. Band 8). Georg Reimer, Berlin 1907. eine Staroperation erwähnt haben.Carl Hans Sasse: Geschichte der Augenheilkunde in kurzer Zusammenfassung mit mehreren Abbildungen und einer Geschichtstabelle (= Bücherei des Augenarztes. Heft 18). Ferdinand Enke, Stuttgart 1947, S. 56. Der Begriff Star ist bereits im 8. Jahrhundert im Deutschen vorhanden und bezieht sich auf die „Erstarrung“ der eingeflossenen Masse, die dann medikamentös oder operativ behandelt werden sollte. Eine andere Erklärung leitet den Begriff von „Starren“ ab, wodurch die betroffene, von einem starrenden BlickFrank Krogmann: Star, grauer (Katarakt). In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1355. gekennzeichnete Person als „mit offenen Augen blind“ beschrieben werden soll.Klaus Müller (Hrsg.): Lexikon der Redensarten. Orbis, Niedernhausen/Ts. 2001 (Original: Bertelsmann, München), ISBN 3-572-01296-1, S. 573.
Bereits in vorchristlicher Zeit versuchte man den grauen Star operativ zu heilen. Die älteste Operationsmethode ist dabei das Hinunterdrücken (die Depression bzw. Reklination) der Augenlinse in das Auge mittels einer Nadel (etwa aus Bronze).Franz Krogmann: Staroperation. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1356 f. Seit babylonischer Zeit (um 2000 v. Chr.)Carl Hans Sasse: Geschichte der Augenheilkunde in kurzer Zusammenfassung mit mehreren Abbildungen und einer Geschichtstabelle (= Bücherei des Augenarztes. Heft 18). Ferdinand Enke, Stuttgart 1947, S. 9. soll der Starstich bekanntOmid Kermani: Defining dysfunctional lens syndrome. Clinical entity of DLS has been overlooked, inadequately characterised. In: Ophthalmology Times Europe. Jahrgang 13, Nr. 3, April 2017, S. 6. gewesen sein, was jedoch auch umstritten war.A. Peters: Die Pathologie der Linse. In: O. Lubarsch u. a. (Hrsg.): Ergebnisse der Allgemeinen Pathologie und Pathologischen Anatomie des Menschen und der Tiere. Springer, Berlin 1933, S. 1–120, hier: S. 31 (Google Books). (Im um 1550 v. Chr. entstandenen Papyrus Ebers ist die Erkrankung am Star nicht eindeutig erwähnt.Carl Hans Sasse: Geschichte der Augenheilkunde in kurzer Zusammenfassung mit mehreren Abbildungen und einer Geschichtstabelle (= Bücherei des Augenarztes. Heft 18). Ferdinand Enke, Stuttgart 1947, S. 10 f.) Davon abgeleitet ist die Redewendung „jemandem den Star stechen“ mit der Bedeutung „jemandem die Wahrheit offenbaren, jemanden über etwas aufklären“. Mittelalter Gemäß Rhazes (um 900) erfand bereits Antyllos eine Methode, nach dem Starstich eine Ansaugung der Linse und damit die Starabsaugung mittels einer gläsernen Röhre vorzunehmen.Carl Hans Sasse: Geschichte der Augenheilkunde in kurzer Zusammenfassung mit mehreren Abbildungen und einer Geschichtstabelle. 1947, S. 28–29.
Neben der chirurgisch-operativen Herangehensweise fanden auch konservative, auf humoralpathologischer Grundlage entstandene Behandlungsansätze Verwendung, etwa bei einem kleinen Katarakt-Traktat eines Magister Narcissus, dessen diagnostische und therapeutische AnweisungenBernhard Dietrich Haage, Wolfgang Wegner, Gundolf Keil, Helga Haage-Naber: Deutsche Fachliteratur der Artes in Mittelalter und Früher Neuzeit. Berlin 2007 (= Grundlagen der Germanistik. Band 43), S. 206 f. zwischen 1450 und 1475 von einem schwäbischen Schreiber zu Papier gebracht wurden. In einem, wie der Narcissus-Text in einer schlesischen Sammelhandschrift zu findenden, Olmützer Arzneimittel-Handbüchlein kommt, von einem augenheilkundlich bewanderten Chirurgen verfasst, ebenfalls die konservative Star-Therapie als äußerlich aufzutragende Salbenbehandlung mit der als erwärmend und erweichend (und somit humoralpathologisch kausal gegen die kalte und harte Katarakt-Masse wirksam) gedachten Marciaton-Salbe (lateinisch Unguentum Marciaton)Die Marciaton-Salbe kommt bereits bei Aëtios, Alexander von Tralleis sowie Paulus von Aegina vor und ist als unguentum marciaton auch im Antidotarium Nicolai verzeichnet. Vgl. Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes. (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960), S. 421.Wouter S. van den Berg (Hrsg.): Eene Middelnederlandsche vertaling van het Antidotarium Nicolaï (Ms. 15624–15641, Kon. Bibl. te Brussel) met den latijnschen tekst der eerste gedrukte uitgave van het Antidotarium Nicolaï. Hrsg. von Sophie J. van den Berg, N. V. Boekhandel en Drukkerij E. J. Brill, Leiden 1917, S. 171 („unguentum marciaton magnum a Martiato peritissimo medico dicitur, a quo fuit inventum“) und 275. zum Einsatz.Gundolf Keil (2012/2013), S. 11–16, 46.
Dass der graue Star nicht in der Augenlinse lokalisiert ist, sondern durch ein Häutchen oberhalb bzw. vor der Linse verursacht sei, war (so bei Andreas Vesalius, 1543) bis ins 18. Jahrhundert eine allgemein verbreitete Lehrmeinung, obwohl bereits 1651 die Franzosen Quarré und Lasnier ihren Fachkollegen vor dem Pariser Ärztekollegium geschildert hatten, dass sie bei der Operation des Stars kein Häutchen aus der Pupille, sondern die Linse selbst in den Glaskörper versenkt hätten.
Neuzeit Auch Werner Rolfinck hatte in Jena 1656 die Richtigkeit dieser Erkenntnis anatomisch nachgewiesen.Carl Hans Sasse: Geschichte der Augenheilkunde in kurzer Zusammenfassung mit mehreren Abbildungen und einer Geschichtstabelle (= Bücherei des Augenarztes. Heft 18). Ferdinand Enke, Stuttgart 1947, S. 36 f. und 56 f. Dass die Trübung der Linse ursächlich für den grauen Star ist, hatte 1705 der französische Militärarzt Michel Brisseau (1676–1743), der die getrübte Linse nach einer von ihm durchgeführten Staroperation an einem Toten unterhalb des Glaskörpers vorfand, dann nochmals bewiesenAloys Henning: Zum Paradigmenwechsel bei der Staroperation, speziell in Berlin ab 1755. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 18, 1999, S. 271–296, hier: S. 276–280. (und kommentierte „Der verdunkelte Krystall bildet den Star!“) und Antoine Maître Jan 1725 ebenfalls publiziert. Die akademische Ausarbeitung dieser, die wahre Natur des grauen Stars aufklärenden Theorie gelang 1712 Lorenz Heister, was schließlich zum Ende eines langen Gelehrtenstreits führte, wobei die Weiterverbreitung der neuen Lehre auch Wissenschaftlern wie Herman Boerhaave (seit 1708), Valsalva, Morgagni, William Cheselden und Jean-Louis Petit sowie St. Yves (1667–1736) zu verdanken ist, der 1722 (in Neue Abhandlung über die Augenkrankheiten) schrieb „Unter wahrem Star verstehe ich mit der Mehrzahl der Modernen die veränderte Kristallinse und nicht eine Haut, die sich im Kammerwasser bildet, wie es die Alten gewollt.“Carl Hans Sasse: Geschichte der Augenheilkunde in kurzer Zusammenfassung mit mehreren Abbildungen und einer Geschichtstabelle (= Bücherei des Augenarztes. Heft 18). Ferdinand Enke, Stuttgart 1947, S. 36–39.