mini|hochkant|Der Begründer der Lobotomie, der portugiesische Neurologe und Nobelpreisträger António Egas Moniz Die Lobotomie (von und ) oder Leukotomie ist eine neurochirurgische Operation, bei der die Nervenbahnen zwischen Thalamus und Frontallappen sowie Teile der grauen Substanz durchtrennt werden (Denervierung). Sie wurde ursprünglich zur Schmerzausschaltung und bei extrem schweren Fällen psychischer Erkrankungen angewendet, etwa bei Psychosen und Depressionen mit starker Unruhe. Als Folge der Lobotomie tritt eine Persönlichkeitsänderung mit Störung des Antriebs und der Emotionalität auf.
Der Begründer des Verfahrens, der portugiesische Neurologe António Egas Moniz, erhielt 1949 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für die „Entdeckung des therapeutischen Wertes der Leukotomie bei bestimmten Psychosen“. Die Lobotomie gehörte zu einer Reihe von radikalen und invasiven Therapien, die zu jener Zeit in Europa entwickelt wurden, und gilt heute als Beispiel für die medizinische Barbarei und Missachtung von Patientenrechten zu jener Zeit.
Ab den frühen 1940er Jahren und bis in die 1950er Jahre hinein nahm die Anwendung des Verfahrens dramatisch zu; bis 1951 wurden in den Vereinigten Staaten fast 20.000 Lobotomien durchgeführt und im Vereinigten Königreich proportional mehr. Ab den 1950er Jahren wurde die Lobotomie allmählich aufgegeben, zunächst in der Sowjetunion, dann in Europa. Eine Studie aus dem Jahr 1951 ergab, dass fast 60 % der amerikanischen Lobotomie-Patienten Frauen waren, während die Mehrheit der Patienten in psychiatrischen Einrichtungen Männer gewesen sind.
Begriff Mit dem Ausdruck Lobotomie wird ein chirurgischer Eingriff mit Schnitt in einen Hirnlappen bezeichnet. Gemeint ist die Trennung der neuralen Verbindung eines Teils der Großhirnrinde, eines Abschnitts des Neocortex, von anderen Hirnregionen. Strenggenommen handelt es sich dabei um eine Schädigung des Gehirns durch funktionelle Abtrennung eines Areals der grauen Substanz des Cortex cerebri von seinen benachbarten Rindenregionen.
Im Unterschied dazu bezieht sich der Ausdruck Leukotomie – zu – auf die Weiße Substanz des unter der schmalen Rinde (Cortex) liegenden Marklagers des Großhirns. Die Bezeichnung wäre verallgemeinert für alle Faserverbindungen zutreffend, welche die weiße Substanz des Zentralnervensystems bilden und durch einen Schnitt unterbrochen bzw. zerstört werden. Da bei dem in Rede stehenden Operationsverfahren sowohl graue als auch weiße Substanz zerstört wird, werden die Ausdrücke Lobotomie und Leukotomie praktisch synonym zueinander verwendet und benennen so beide den gleichen Begriff.
Geschichte Diese Hirnoperationstechnik wurde von Mario Fiamberti (1894–1970) in Italien und António Egas Moniz (1874–1955) in Portugal gleichzeitig entwickelt. 1936 wurde sie erstmals am Menschen ausgeführt. Moniz, der mit seinen Leukotomien zur Behandlung psychischer Störungen die Psychochirurgie begründete,Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 67. wurde dafür 1949 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet.Florian Freistetter: Lobotomie: Ein gefährlicher Irrtum, gekrönt mit dem Nobelpreis, Der Standard, 13. Februar 2018 Von 1936 bis 1937 führten der US-amerikanische Psychiater Walter Freeman (1895–1972) und der Neurochirurg James Winston Watts (1904–1994) die ersten 20 Operationen durch und entwickelten die Methode zu einer populären Standardtechnik der Psychiatrie.Gesellschaft: Frontale Lobotomie, eine Methode, die das Leben vieler Patienten zerstört hat, Ärztezeitung, 1. August 2005Ronald D. Gerste: Die Lobotomie: Wie ein Relikt aus finsterer Zeit, Dtsch Arztebl 2008; 105(18): A-945 / B-821 / C-809Dr. James Watts, 90, Pioneer In Use of Frontal Lobotomy, The New York Times, 11. November 1994 Im Jahre 1941 ließ Joseph Kennedy von Freeman an seiner 23 Jahre alten Tochter Rosemary, Schwester des späteren US-Präsidenten John F. Kennedy, eine solche Operation durchführen, welche sie schwerbehindert und bis an ihr Lebensende im Jahr 2005 pflegebedürftig überlebte.Rosemary Kennedy: „Was haben wir dir angetan?“ einestages, 21. Oktober 2015; abgerufen am 21. Juli 2017 Freemans und Watts Hirnoperationstechnik wurde unter dem Namen Lobotomie bis ca. 1955 in den meisten Industriestaaten, insbesondere jedoch im anglo-amerikanischen Raum, eingesetzt.
Walter Freeman schrieb ohne Beschönigung: „Die Psychochirurgie erlangt ihre Erfolge dadurch, dass sie die Phantasie zerschmettert, Gefühle abstumpft, abstraktes Denken vernichtet und ein roboterähnliches, kontrollierbares Individuum schafft.“P. R. Breggin: Elektroschock ist keine Therapie. Urban & Schwarzenberg, 1989, S. 175.
Freeman wird oft im Zusammenhang mit der exzessiven, übertriebenen und schädlichen Durchführung der Lobotomie genannt. Anfangs übernahm er die Technik von Egas Moniz und verfeinerte sie gemeinsam mit Watts. Später entwickelte er die transorbitale Operationsmethode, die von nur einer Person, die nicht einmal eine neurochirurgische Qualifikation benötigte, ausgeführt werden konnte. Damit wollte Freeman die massenhafte Verbreitung der zeit- sowie kostengünstigen Methode vorantreiben. Als die Weltwirtschaftskrise und der Zweite Weltkrieg in den USA zu einem sprunghaften Anstieg psychischer und psychiatrischer Erkrankungen führten, wurde die von vielen Experten von Anfang der 1940er bis Mitte der 1950er Jahre als Wundermittel gepriesene Lobotomie in Tausenden von Fällen in den USA – oft mit negativen Folgen – durchgeführt. Zudem waren noch keine wirksamen Medikamente gegen diese Erkrankungen verfügbar – mit Chlorpromazin wurde 1952 das erste wirksame Psychopharmakon massenhaft auf den Markt gebracht. Wegen der erheblichen Nebenwirkungen geriet die Lobotomie bereits ab Mitte der 1950er Jahre in Verruf.
Walter Freeman ließ jedoch auch nach der Einführung von Psychopharmaka und der weitgehenden Ablehnung der irreversiblen operativen Methoden in der Praxis nicht von seiner transorbitalen Lobotomie ab. Sein Wille, die Methode zu verbreiten und Kollegen zu überzeugen, erreichte dabei bizarre Auswüchse: So operierte er vor den Augen zahlreicher Zuschauer sowohl im Fernsehen als auch in Hörsälen Patienten im Akkord (mehrere Dutzend pro Tag). Des Weiteren reiste er in einem Wohnmobil, später von Kritikern „Lobotomobil“ getauft, von Klinik zu Klinik durch die USA und operierte einen Patienten nach dem anderen. Zeit seines Lebens pries er die Lobotomie als optimale Behandlungsform und operierte insgesamt ca. 3600 Patienten, bis man ihm 1967 die Operationslizenz entzog, nachdem eine Patientin an einer von ihm durchgeführten Lobotomie gestorben war.
Bürgerrechtsbewegungen begannen um 1960, gegen die Lobotomie vorzugehen. Ken Keseys einflussreicher und bedeutender Roman Einer flog über das Kuckucksnest zeigte 1962 drastisch die Auswirkungen der Operation auf psychiatrische Patienten. Der Roman wurde bereits im folgenden Jahr auf die Bühne gebracht und 1975 von Miloš Forman erfolgreich verfilmt.
Im Jahre 1967 lokalisierten die Harvard-Autoren V. Mark, F. Ervin und W. Sweet in einem Leserbrief im Journal of the American Medical Association, dem offiziellen Organ der amerikanischen Ärztevereinigung, eine der Ursachen der Rassenunruhen von Detroit in individuellen Hirnfunktionsstörungen. Im Jahr 1970 erschien Marks und Ervins Buch Violence and the BrainVernon H. Mark, Frank R. Ervin: Violence and the Brain. Harpercollins College Div, 1970, ISBN 978-0-06-141698-9. (Gewalt und das Gehirn), in dem die beiden die Psychochirurgie als endgültige Lösung für das Problem der Gewalt vorschlagen, beispielsweise bei unbelehrbaren Gefängnisinsassen. Der Psychiater L. G. West nannte diesen Ansatz 1969 in einem Artikel den „biosozialen Humanismus“. Der kalifornische Psychiater H. Brown empfahl 1979 die Psychochirurgie zur „Rehabilitation“ jugendlicher Straftäter. In der Londoner Times und der Washington Post wurden Browns Vorschläge diskutiert – mit dem Hinweis darauf, dass diese Art der Resozialisierung mit nur 6000 US$ weitaus kostengünstiger sei als eine lebenslange Verwahrung, die um 100.000 US$ an Kosten verursache.
Eine historische Untersuchung aus den 1980er Jahren berichtet über Lobotomien in der Sowjetunion, den Vereinigten Staaten, dem Vereinigten Königreich, Frankreich, (West-)Deutschland, Spanien, den Niederlanden, Indien, Australien, Japan, Kanada, Argentinien und der Tschechoslowakei. In Schweden sind bis 1963 laut einem Bericht des staatlichen schwedischen Fernsehsenders SVT vom April 1998 etwa 4500 Menschen lobotomiert worden, viele davon gegen ihren Willen.Der Kurier, Wien, 7. April 1998 Mindestens 500 von ihnen waren nach heutiger Lesart keine psychiatrisch Erkrankten, sondern u. a. hyperaktive oder entwicklungsgestörte Kinder. In Finnland waren es bis 1969 etwa 1500 Menschen, die lobotomiert wurden. In Norwegen wurden von 1941 bis 1981 zwischen 3000 und 4000 Personen lobotomiert.mat & helse, Nr. 3/06, S. 18. In Dänemark als dem Land mit den, im Verhältnis zur Einwohnerzahl, meisten lobotomischen Operationen, wurden bis 1983 etwa 4500 Eingriffe durchgeführt.Jesper Vaczy Kragh: (PDF; 664 kB) In: Dansk Medicinhistorisk Årbog, 2007 Weltweit werden die durchgeführten Operationen auf etwa eine Million geschätzt.E. S. Valenstein: The psychosurgery debate. Freeman & Co., San Francisco 1980.
In (West-)Deutschland erschien bereits 1949 eine Übersetzung des Standardwerks Psychosurgery von Freeman und Watts durch Anton von Braunmühl. Auch stellte Freeman persönlich die Lobotomie in Freiburg vor, die Methode wurde jedoch nur vereinzelt angewendet.Hans Bangen: Geschichte der medikamentösen Therapie der Schizophrenie. Berlin 1992, ISBN 3-927408-82-4, S. 66.
Technik Ursprüngliche Methode Die ursprüngliche, von Moniz entwickelte und von Freeman und Watts in den USA verfeinerte Methode wird auch als Präzisionsmethode bezeichnet. Sie erfordert die Teilnahme von mindestens zwei Personen an der Operation: einem Neurologen und einem (Neuro-)Chirurgen.
Dabei ging man folgendermaßen vor: Es wurde bilateral (auf beiden Kopfseiten) ein etwa zwei Zentimeter großes Loch in den Schädel gebohrt, wobei man sich an der vorderen Schädelnaht (Sutura koronalis) und weiteren Punkten orientierte. Die Löcher befanden sich in etwa drei Zentimeter vor und fünf Zentimeter oberhalb des Ohres – also im Bereich des präfrontalen Kortex. Anschließend wurden die beiden Bohrlöcher manuell um einige Millimeter erweitert. Nun führte der Chirurg auf (etwa) horizontaler Ebene ein längliches Messer oder ein spezielles Leukotom in den Schädel ein. Ihm gegenüber, auf der anderen Seite des Kopfes, befand sich der Neurologe, welcher die Vordringungsrichtung des Leukotoms dirigierte. Zunächst wurde dieses vom Chirurgen unter Anpeilen der gegenüberliegenden Schädelbohrung bis kurz vor die Mitte des Schädels bzw. Gehirns (vor Erreichen der fissura longitudinalis) geschoben. Die Orientierung erfolgte dabei zudem an weiteren, innenliegenden Schädelpunkten. An diesem Punkt führte der Chirurg die eigentliche Lobotomie durch, bei welcher weite Teile der Faserbahnen in der weißen Substanz sowie einige Bereiche der grauen Substanz im Gebiet des präfrontalen Kortex irreversibel zerstört wurden. Dazu schwenkte er das eingeführte Leukotom in vorgeschriebenen Winkeln in der koronaren Ebene nach oben und unten. Somit wurden Teile des Gehirns einfach „zerschnitten“. Anschließend wurde die gleiche Prozedur in der anderen Hirnhemisphäre durchgeführt.
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