mini|Johann T’Serclaes von Tilly, Stich von Pieter de Jode d. Ä. nach Anthonis van Dyck.Tillys Unterschrift: rahmenlos|klasse=skin-invert-image
Johann T’Serclaes Graf von Tilly (auch Johann Tserclaes Graf von Tilly, , ; * Februar 1559 auf Schloss Tilly, Brabant, Spanische Niederlande; † 30. April 1632 in Ingolstadt, Bayern) war ein Brabanter Feldmarschall, der während des Dreißigjährigen Kriegs die Truppen der Katholischen Liga und der Kaiserlichen Armee führte.
Herkunft und Familie
Johann T’Serclaes Tilly wurde im Februar 1559 auf Schloss Tilly im Herzogtum Brabant geboren, das seit 1522 Teil der Spanischen Niederlande war. Der etwa 30 km südöstlich von Brüssel gelegene Ort gehört heute zur Gemeinde Villers-la-Ville in der Provinz Wallonisch-Brabant im Königreich Belgien. Sein Vater war Martin T’Serclaes auf Montigny und Balatre († 1597), Seneschall der Grafschaft Namur, General und kaiserlicher Hofkriegsrat. Seine Mutter Dorothea von Schierstedt war Tochter Meinhards des Älteren von Schierstedt, eines königlich ungarischen Hofmarschalls, und der Dorothea von Gersdorff. Seine Eltern hatten am 12. Oktober 1552 in Görzke geheiratet.
Die Familie der T’Serclaes de Tilly war ein altes niederländisches Adelsgeschlecht vom Stammhaus Tilly im Herzogtum Brabant, das mit Johann dem Älteren T’Serclaes auf Tilly († 1473) eine ununterbrochene Stammreihe begann. Johanns Großvater väterlicherseits war Jakob T’Serclaes auf Montigny († 1555), Erb-Seneschall der Grafschaft Namur, Ehemann der Maria de Bossime (Bossimel) auf Balatre, Tochter des Sieur de Bossimel, eines Erb-Seneschalls der Grafschaft Namur und der Mabille de Crehen. Johann hatte drei Geschwister: Margareta († 1634), in erster Ehe verbunden mit Jobst Heinrich von Witzleben, Vicomte d’Upigny; in zweiter Ehe mit Edmund Freiherr von Schwarzenberg auf Bierset. Eine weitere Schwester, Maria, starb 1642.Die Grafen und Fürsten von Tilly a. d. H. der Herren T´Serclaes Die „Bayerischen“ Tillys, PDF-Archiv (Tafel 88) des Historischen Vereins Alt-Tilly e. V. Sein älterer Bruder war Jakob T’Serclaes de Tilly (* Schloss Tilly, um 1555; † 1624), Erb-Seneschall der Grafschaft Namur, der mit Johann am 13. September 1622 in den Reichsgrafenstand erhoben wurde.Antoine-Charles Hennequin de Villermont: Tilly oder der dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1632 Schaffhausen 1860, S. 180. Übersetzung des französischen Originals: Tilly ou la Guerre de Trente Ans Paris/Tournai 1860, S. 213.
Jakob war verehelicht mit Dorothea Gräfin von Ostfriesland, Tochter von Barbara de Lalaing und Maximilian Graf von Ostfriesland, dessen Vater Graf Johann I. von Ostfriesland und dessen Mutter Dorothea eine Tochter Kaisers Maximilian I. war. Jakobs Sohn und Johanns jüngerer Neffe, Werner T’Serclaes Graf von Tilly zu Breitenegg (* um 1595; † 30. Januar 1651), erhielt nach dem Tod von Johann T’Serclaes von Tilly dessen Besitz in Bayern und das böhmische Inkolat. Werners Nachfahren starben 1724 mit Ferdinand Lorenz von Tilly in männlicher Linie aus. Letzte weibliche Nachfahrin war dessen Schwester Maria Anna Katharina, welche 1692 Anton Graf von Montfort (* 1635; † 1706) ehelichte und am 21. Juli 1744 auf Schloss Tilly in Breitenbrunn (Oberpfalz) starb.Roman von Procházka: Genealogisches Handbuch erloschener böhmischer Herrenstandsfamilien, Ergänzungsband. Herausgegeben vom Vorstand des Collegium Carolinum (Institut) Forschungsstelle für die böhmischen Länder, R. Oldenbourg Verlag München 1990, ISBN 3-486-54051-3, Tilly (in Böhmen), S. 136, Berichtigungen zu Roman von Procházka: Genealogisches Handbuch erloschener böhmischer Herrenstandsfamilien, Neustadt an der Aisch 1973, ISBN 3-7686-5002-2, S. 320 und 321, Stammfolge: Tilly (in Böhmen) (T’Serclaes de Tilly). Die Söhne des gleichnamigen älteren Neffen Johann T’Serclaes († 1669), Herrn von Montigny usw., Seneschall von Namur, waren der Generalfeldmarschall Albert Octave t’Serclaes de Tilly, der zum Fürsten ernannt wurde, und der Feldmarschallleutnant Claude Frédéric t’Serclaes van Tilly.
Militärische Laufbahn Nach seiner Ausbildung an einer Jesuitenschule wählte Tilly die Soldatenlaufbahn. Als gebürtiger Untertan der spanischen Krone trat er zunächst in deren Kriegsdienste, wo er unter Alessandro Farnese (1545–1592) das Kriegshandwerk erlernte. Später wechselte er unter die lothringische Fahne, 1598 zur kaiserlichen Armee. Er kämpfte 1600 als Oberstleutnant in Ungarn unter General Giorgio Basta gegen Aufständische und in den Türkenkriegen gegen die Osmanen; 1601 stieg er zum Generalfeldwachtmeister auf und wurde Obrist eines Wallonenregiments. 1604 erhielt er die Ernennung zum Feldzeugmeister, im Jahr darauf jene zum Feldmarschall. Unter Ernennung zum Generalleutnant übertrug ihm 1610 Herzog Maximilian I. von Bayern die Führung der ligistischen (d. h. zur katholischen Liga gehörenden) Heereskontingente sowie die Reorganisation des bayerischen Heerwesens.
Im November 1630 erhielt Tilly neben seinem Kommando als Heerführer der katholischen Liga die Ernennung zum Generalleutnant der kaiserlichen Truppen. Damit trat er die Nachfolge Wallensteins an, der im August als kaiserlicher Generaloberstfeldhauptmann abgesetzt worden war. Trotz der gesteigerten Machtfülle besaß Tilly jedoch nie die militärische Entscheidungsfreiheit eines Generalissimus, wie sie Wallenstein innegehabt hatte (und der sie nach Tillys Tod, 1632, erneut innehatte); Tilly blieb stets den Weisungen der Kriegsräte in Wien und München unterworfen.
Im Dreißigjährigen Krieg mini|Porträt des Johann T’Serclaes von Tilly, vor 1632, Schwedisches Nationalmuseum
Oberster Heerführer der Katholischen Liga bis 1630 Beim Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) begann für Tilly eine steile Karriere als Feldherr der Katholischen Liga. Er kämpfte am 8. November 1620 in der Schlacht am Weißen Berg gemeinsam mit dem kaiserlichen Feldmarschall Charles Bonaventure de Longueval und unterwarf das westliche Böhmen mit der Eroberung von Pilsen im März 1621. Dann wandte er sich mit einem Söldnerheer gegen Graf Peter Ernst II. von Mansfeld, der die evangelischen Pfälzer Stammlande (zunächst die Oberpfalz) gegen den kaiserlich-bayerisch-katholischen Gegenschlag verteidigte. Nachdem Tilly im Sommer 1621 monatelang von Mansfeld bei Waidhaus im Oberpfälzer Wald aufgehalten worden war,Dazu ausführlich Walter Krüssmann: Ernst von Mansfeld. S. 277–291, 295–303 und 308–311. folgte er seinem Gegner im Herbst 1621 in die Rheinpfalz nach. Am 27. April 1622 wurde Tilly in der Schlacht bei Mingolsheim von Peter Ernst II. von Mansfeld geschlagen, besiegte dann aber den Markgrafen Georg Friedrich von Baden-Durlach am 6. Mai in der Schlacht bei Wimpfen.
Am 20. Juni triumphierte er in der Schlacht bei Höchst über Herzog Christian von Braunschweig-Wolfenbüttel und eroberte Heidelberg, Mannheim und Frankenthal (Pfalz). Es folgte ein erneuter Sieg über den „tollen Halberstädter“ am 6. August 1623 in der Schlacht bei Stadtlohn. Daraufhin gab Bayerns Herrscher, Maximilian I. (seit Februar 1623 Kurfürst) dem bis dahin ohne Besitz gebliebenen Tilly am 2. Mai 1624 die Oberpfälzer Grundherrschaft über Breitenegg mit dem Markt Breitenbrunn als Lehen (ab 1635 Reichsgrafschaft Breitenegg).
Zunächst blieb Tilly mit seinem Heer in Niedersachsen, wo er die gewaltsame Restitution (Rekatholisierung) der evangelisch-lutherischen Bistümer und Klöster an die katholische Kirche und die Jesuiten ins Werk setzte und den niedersächsischen Reichskreis zum Kampf zwang. Er belagerte und eroberte in dieser Zeit mehrere Städte. Am ergriffen Tillys hungernde Söldner plündernd und mordend von der Stadt Münden Besitz.Wilhelm Lotze: Geschichte der Stadt Münden. S. 68 ff. Kurz darauf ließ er Göttingen belagern und beschießen, um Lösegeld zu erpressen. Harzer Bergleute zwang er, die Leine umzuleiten, und er versuchte, alle Wasserzufuhren zu sperren. Anfang August 1626 war die Belagerung erfolgreich abgeschlossen und Tilly konnte als Sieger einziehen.
Am 27. August 1626 schlug er das Heer des Dänenkönigs Christian IV. in der Schlacht bei Lutter am Barenberge. Nachdem schon 1627 der kaiserliche Feldherr Wallenstein die dänischen Festlandterritorien, Schleswig-Holstein und Jütland, besetzt hatte, zwangen Tilly und Wallenstein den Dänenkönig schließlich am zum Abschluss des Friedens von Lübeck.
Doppelkommando für Liga und Kaiser Nach der Entlassung Wallensteins übernahm Tilly Ende 1630 eine Doppelrolle als ligistischer und kaiserlicher militärischer Oberbefehlshaber. Damit verbunden waren zum Teil widersprüchliche Befehle durch seine zwei Kriegsherren Maximilian von Bayern und Kaiser Ferdinand II., was Tillys Kriegsführung erschwerte. In einem Winterfeldzug gelang es ihm nicht, den in Pommern gelandeten Schwedenkönig Gustav II. Adolf zur Schlacht zu stellen. Im nächsten Frühjahr konzentrierte sich Tilly deshalb auf die Belagerung der Stadt Magdeburg, bisher einziger Verbündete der Schweden im Reich, um König Gustav II. Adolf zum Entsatz der Stadt zu zwingen. Dazu vereinigte er sich mit den Truppen von Gottfried Heinrich zu Pappenheim, die Magdeburg bereits seit mehreren Monaten eingeschlossen hatten.
Am 20. Mai 1631 eroberten Tillys und Pappenheims Truppen Magdeburg im Sturm. Ein Brand verwandelte die Stadt in einen Trümmerhaufen, was sie auch als Stützpunkt für Tilly unbrauchbar machte. Die Verwüstungen gingen so weit, dass Magdeburg als Sinnbild für Zerstörung und Grausamkeit mit dem Begriff „Magdeburgisieren“ in die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges einging. Bei der Erstürmung Magdeburgs, den anschließenden Gewaltexzessen und Bränden verloren 20.000 Bürger ihr Leben. Nach der Katastrophe wurden von den einst 35.000 Einwohnern noch 449 gezählt. Dieses als Magdeburger Hochzeit bezeichnete Massaker gilt als das größte und schlimmste des Dreißigjährigen Krieges und bildete damit zugleich einen Wendepunkt in der Kriegsführung. Die Ereignisse lösten eine bis dahin nicht da gewesene Gewalteskalation im weiteren Kriegsverlauf aus.Jan N. Lorenzen: Die Großen Schlachten – Mythen, Menschen, Schicksale, Campus Verlag, Frankfurt / New York, 2006.Matthias Puhle (Hrsg.): „… gantz verheeret!“ Magdeburg und der Dreißigjährige Krieg, Mitteldeutscher Verlag, Halle, 1998.Hannes Schuler, Anne Roerkohl: Die großen Schlachten 2/4: 1631 – Das Massaker von Magdeburg, Fernsehdokumentation, WDR, 2006, abgerufen am 30. September 2015.
Niederlagen und Tod mini|hochkant|Sarkophag Tillys in der Tilly-Gruft der Stiftskirche Altötting
Tilly konnte sich an der Niederelbe gegen die Angriffe des Königs der Schweden nicht behaupten, fiel in das Kurfürstentum Sachsen ein und ließ Leipzig und Umgebung durch seine Söldner plündern und verwüsten. Hierdurch wurde der sächsische Kurfürst Johann Georg I. als Initiator des Leipziger Konvents zur Mobilmachung des neu aufgestellten sächsischen Heeres unter Arnim veranlasst und in das Bündnis mit dem Schwedenkönig Gustav Adolf getrieben. Gegen das vereinigte schwedisch-sächsische Heer erlitt Tilly am 17. September 1631 in der Schlacht bei Breitenfeld eine verheerende Niederlage, die den Verlust der gesamten Artillerie und den fast vollständigen Verlust seines Heeres zur Folge hatte. Die Niederlage leitete eine neue Phase des Krieges ein und wurde damit nicht nur zu einem Umbruch im Kampf der Konfessionen, sondern auch zu einem Umbruch im Verlauf des Krieges und im Lebenslauf von Tilly. Der bis dahin über viele Jahre erfolgreichste Feldherr des Krieges war mit dieser Niederlage zu einem der großen Verlierer in der Geschichte des Dreißigjährigen Krieges geworden.
Im Jahr 1631 erschienen an evangelische Christen gerichtete „Lieder“, worin angelehnt an Tillys Niederlage Beglückwünschungen an die Schweden bekundet wurden.