mini|Karl-Eduard von Schnitzler (1956)

Karl-Eduard Richard Arthur von Schnitzler (* 28. April 1918 in Dahlem, heute zu Berlin; † 20. September 2001 in Zeuthen) war ein deutscher Journalist. Als Chefkommentator des DDR-Fernsehens sowie Autor und Moderator der politisch-agitatorischen Fernsehsendung Der schwarze Kanal war er unter der Bevölkerung der DDR der umstrittenste Journalist.

Leben Herkunft Karl-Eduard von Schnitzler war jüngster Sohn des Legationsrates Julius Eduard von Schnitzler (1863–1934) aus der Kölner Bankiersfamilie Schnitzler und dessen Ehefrau Margarethe Julia Luise (1880–1959), geborene Gillet.„Sudel-Ede“ ist tot. In: Manager Magazin. 20. September 2001. In seiner Autobiografie behauptete Schnitzler, seine Großmutter väterlicherseits sei eine außereheliche Tochter des „99-Tage-Kaisers“ Friedrich III. gewesen,Karl-Eduard von Schnitzler: Meine Schlösser oder Wie ich mein Vaterland fand. Edition Nautilus, Hamburg 1995, ISBN 3-89401-249-8. er selbst ein Urenkel des Kaisers und ein Großneffe Kaiser Wilhelms II. Schnitzlers Vater war seit 1898 als Vizekonsul in Shanghai tätig. Am 20. September 1913 wurde er gemeinsam mit seinen Brüdern Paul und Richard durch den preußischen König in den erblichen Adelsstand erhoben und trug seitdem das Adelsprädikat „von“.

Sein älterer Bruder war Hans Schnitzler. Zu seinen Vettern zählten der Verkaufsdirektor der I.G. Farben, Georg von Schnitzler, und der Botschafter Herbert von Dirksen. Der Bankier Kurt Freiherr von Schröder war durch Einheirat verwandt. Zu Schnitzlers großbürgerlicher Familie gehörten spätere NS-Kriegsverbrecher.Jenni Zylka: Der Kläranlagenchef. In: taz. 22. September 2001.

Jugend und Ausbildung Schnitzler trat mit 14 Jahren in die Sozialistische Arbeiter-Jugend (SAJ) ein.Torsten Hampel: Das Ende vom schwarzen Kanal. In: Der Tagesspiegel. 26. Oktober 2014. Nach dem Abitur in KölnBiographische Angaben aus dem Handbuch 'Wer war wer in der DDR?' in: Bundesstiftung Aufarbeitung, abgerufen am 18. Juni 2022 brach Schnitzler 1937 nach zwei Semestern das in Freiburg im Breisgau begonnene Medizinstudium ab.HDG, Lebendiges Museum Online, Karl-Eduard von Schnitzler Er hatte Kontakt zur verbotenen KPD. Von 1938 bis 1940 absolvierte er in den Kabelwerken Felten & Guilleaume in Köln eine kaufmännische Lehre.

Zeit des Nationalsozialismus 1939 wurde Schnitzler Inhaber einer Speditionsfirma und leistete dann im Zweiten Weltkrieg von 1939 bis 1944 Kriegsdienst; MDR vom 29. September 2016. er wurde in einer Nachrichtenabteilung der Wehrmacht eingesetzt.Als Karl-Eduard von Schnitzler der Ton abgedreht wurde. Bei: saechsische.de. 30. Oktober 2014. Abgerufen am 9. Dezember 2018. Von 1940 bis 1944 war er Soldat in Frankreich, Jugoslawien, der UdSSR sowie im August 1941 nach einer Verwundung im Afrikafeldzug eingesetzt, wo er erneut verwundet wurde. 1943 knüpfte er in Frankreich Kontakte zur Résistance und wurde im April 1944 in Paris verhaftet. Schnitzler floh aus der Untersuchungshaft und betätigte sich im militärischen Widerstand bei den Maquis. Im Juni 1944 kam er in britische Kriegsgefangenschaft. Ab Jahresende 1944 machte er in der Deutschlandabteilung der BBC Propagandaarbeit.

Journalist in der britischen Besatzungszone In der britischen Kriegsgefangenschaft erfolgte die Vorbereitung auf seine Arbeit beim deutschen Nachkriegsrundfunk: Er wurde bei der BBC-Sendung Hier sprechen deutsche Kriegsgefangene zur Heimat beschäftigt, und später beim Rundfunk in der britischen Besatzungszone, dem Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) in Hamburg. Im Oktober 1945 trat er dort als Leiter des Frauenfunks in der NWDR-Zentrale seinen Dienst an und verfasste auch Beiträge für die Sendereihe Sind wir auf dem richtigen Wege?, die Peter von Zahn leitete. Am 1. Januar 1946 wurde er Leiter des Politikressorts beim NWDR Köln. Seine später oft zitierte Aussage, er sei dort „amtierender Intendant“ gewesen, bezieht sich offenbar darauf, dass er als stellvertretender Intendant maßgeblich am Aufbau des NWDR in Köln beteiligt war.Schnitzler, Karl Eduard von – Eintrag beim Verein Film- und Fernsehmuseum Hamburg in Zusammenarbeit mit Studierenden der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Der britische Chief Controller des NWDR, Hugh Carleton Greene, urteilte rückblickend über ihn: „Schnitzler wurde versuchsweise von Köln nach Hamburg versetzt, wo er weiter politische Kommentare lieferte; er war ein guter Rundfunkpublizist und ein gescheiter Kopf, den ich nicht unbedingt verlieren wollte. Da er in seine Kommentare indes fortgesetzt kommunistische Propaganda einfließen ließ, kam ich zu dem Schluß, daß er gehen müsse.“Sir Hugh Greene: Mit dem Rundfunk Geschichte gemacht. Eine Biographie. Quadriga Verlag Severin, Berlin 1984, ISBN 3-88679-114-9, S. 113. Zum 31. Dezember 1947 erhielt er die Kündigung.

Übersiedlung in die sowjetische Besatzungszone mini|Von Schnitzler (2. v. links) bei der Ankunft des Sonderzuges mit dem Außenminister der DDR, Lothar Bolz, 1959 in Genf

Ende 1947 ging Schnitzler in den Sowjetischen Sektor von Berlin, wo er 1948 in die SED eintrat und Kommentator beim Berliner Rundfunk und 1949 beim Deutschlandsender wurde. 1952 wurde er Leiter der Kommentatorengruppe des Staatlichen Rundfunkkomitees und später Chefkommentator des DDR-Fernsehens.

Den Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR kommentierte Schnitzler folgendermaßen:

Autor, Moderator und Rezeption der Propagandasendung Der schwarze Kanal mini|Titelbild der Sendung in den 1980er Jahren

Autor und Moderator

Ab 1960 (Erstsendung am 21. März) moderierte er die Propagandasendung40 Jahre Mauer – 1519 mal Karl-Eduard von Schnitzler. In: Manager Magazin. 10. August 2001. Der schwarze Kanal, in der er Ausschnitte aus dem Westfernsehen im Sinne der DDR-Führung kommentierte. Am 27. August 1962 bezeichnete er den 18-jährigen Maurergesellen Peter Fechter, der bei einem unbewaffneten Fluchtversuch vor laufender Kamera am Checkpoint Charlie verblutete, als „einen angeschossenen Kriminellen“.Das Mauermuseum am Checkpoint Charlie.

Sein westlicher Gegenspieler wurde 1969 der Journalist Gerhard Löwenthal, der in der Sendung ZDF-Magazin die Menschenrechtsverletzungen in der DDR thematisierte.

Schnitzler war – abhängig von der jeweiligen politischen Großwetterlage – in seiner Tätigkeit weisungsgebunden: So war er während und nach Anbahnung des Milliardenkredits für die DDR in der ersten Jahreshälfte 1983 gehalten, sich wegen der Darstellung des bisherigen Lieblingsfeindes Franz Josef Strauß als „Kommunistenfresser“ zurückzuhalten.Regina Mönch: Rettungsschirm für einen Feind. Wie die Bundesrepublik einmal das DDR-Regime rettete – „Der Milliardendeal – Strauß und die DDR“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 6. Oktober 2014, S. 17.

Propagandist des Antizionismus und Antisemitismus in der DDR Ein zentraler Bestandteil von Schnitzlers Agitation war die antizionistische Propaganda der DDR, die sich gezielt gegen Israel richtete. In seinen Sendungen stilisierte er den jüdischen Staat zum Aggressor und verbreitete Feindbilder, die Historiker als bewusst antisemitisch einstufen. Seine Rhetorik folgte einem Muster, das an die Propaganda des Nationalsozialismus erinnerte: Israel wurde als „faschistisch“ und „rassistisch“ diffamiert, jüdische Politik als globaler Unruhestifter dargestellt und die Existenz des Staates als illegitim angegriffen. Diese Argumentationsweise knüpfte an die NS-Darstellung von Juden als angeblich fremde, verschwörerische Macht an, der es nicht um nationale Selbstbestimmung, sondern um Kontrolle und Unterdrückung anderer Völker gehe. Während die Nationalsozialisten von einer jüdischen Weltverschwörung sprachen, behauptete Schnitzler, Israel agiere als „zionistischer Kriegstreiber“ im Auftrag des Westens und bedrohe den Weltfrieden. Zudem bestritt er jeden Vertretungsanspruch Israels für jüdische NS-Opfer.Raiko Hannemann: Antisemitischer Antizionismus von links? Nahost-Berichterstattung im „Neuen Deutschland“ in den 1980er Jahren Seite 90. Hinweis auf dortige Fußnote Nr. 528

Seine Agitation übernahm zentrale Elemente klassischer Verschwörungstheorien und setzte die Dämonisierung jüdischer Gemeinschaften in neuer Form fort. Israel wurde als Instrument des Imperialismus diffamiert und mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt, während die DDR-Propaganda palästinensische Organisationen aktiv unterstützte und deren terroristische Anschläge als „antifaschistischen Widerstand“ legitimierte.

Schnitzlers Sendungen schürten nicht nur antiisraelische Ressentiments, sondern trugen dazu bei, dass antijüdische Vorurteile in der DDR trotz offizieller Distanzierung vom Nationalsozialismus fortbestanden und sich weiter verfestigten. In der Forschung gilt er als zentraler Akteur der feindbildorientierten Propaganda des SED-Staates, der die antiisraelische Staatsdoktrin medial umsetzte und den politischen Diskurs über Israel in der DDR dauerhaft prägte.Sven-Felix Kellerhoff: So hetzte der „Goebbels der SED“ gegen Juden. In: Die Welt. 17. November 2021.Clemens Escher: Israel im Schwarzen Kanal. In: Deutschland Archiv. 29. Januar 2019.

Rezeptionen in der DDR Schnitzler bezeichnete seine Arbeit für das SED-Regime und im DDR-Fernsehen als „aktuelle, streitbare Polemik“. Spöttische Beinamen waren fester Bestandteil seines Stils, aber auch des DDR-Witzes. So nannte er den ehemaligen Regierenden Bürgermeister Berlins und späteren Bundeskanzler Willy Brandt im DDR-Fernsehen „Willy Weinbrand“, eine Anspielung auf angebliche Alkoholprobleme. Diese Bemerkung wirkte auf viele DDR-Bürger unfreiwillig ironisch, da sie den hohen Alkoholkonsum innerhalb des Politbüros kannten oder zumindest vermuteten.Vom Adelsspross zum Kommunisten. In: mdr.de. 11. Juni 2021.

„Sudel-Ede“ Schnitzler, der als Hardliner galt, erhielt den Spitznamen „Sudel-Ede“ Anfang Februar 1961 vom SFB-Kommentator Günther Lincke in der Sendung Mitteldeutsches Tagebuch.Schwarzer Kanal. Chronik der Wende. Dies war eine Replik auf Schnitzlers Verbalattacke gegen das Magazin („Schwarze Kanäle mögen sudeln …“), in dem zuvor berichtet worden war, dass der Chefkommentator des DDR-Fernsehens regelmäßig mit D-Mark in West-Berlin einkaufe und dort Nachtlokale besuche. Schnitzler hingegen ging auf die Vorwürfe nicht ein, sondern polemisierte lediglich: „Ein Günter Lincke – der Name Lincke steht im krassen Gegensatz zur Ideologie dieses Herrn. Mit ‚Sudel-Ede‘ hat er sich für mich etwas Hübsches einfallen lassen.“ In der DDR wurde der Spitzname Sudel-Ede vor allem als Flüsterwitz „unter vorgehaltener Hand“ verwendet.

„Karl-Eduard von Schnitz-“ Der MDR behauptete in einer Sendung vom 19. März 2021, wie zahlreiche Medien zuvor in unterschiedlichen Varianten, für DDR-Zuschauer sei Karl-Eduard von Schnitzler nur „Karl-Eduard von Schnitz“ gewesen, da sie beim „…ler“ bereits umgeschaltet hätten. Diese verkürzte Darstellung verdichtete verschiedene Interpretationen und Variationen des eigentlichen Ausspruchs zu einem Bonmot über die DDR.

Historisch geht diese Wendung auf den Sketch Wetterbericht des Ost-Berliner Kabaretts Distel von 1972 zurück, der 1974 als Mitschnitt auf SchallplatteLITERA, Platten-Nr. 8 65 201, Veranstaltungsmitschnitt des Programms Der Freizeit eine Gasse (gleichzeitig Titel der Schallplatte) vom 8. und 9. Dezember 1972, Seite B, Nr. 3. veröffentlicht wurde und seit 1973 auch als Text frei zugänglich war.

Der Sketch karikierte, dass der Ansagerin Schnitzlers vollständiger Name – etwa durch frühes Umschalten – unbekannt sei. Da direkte Kritik in der DDR-Kleinkunst Zensur unterlag, musste Satire zwischen den Zeilen stattfinden.

Die Rolle der Ansagerin spielte regelmäßig die Kabarettistin Hanna Donner, der Text stammte von Hans Rascher. Neben Schallplatte und Druckausgabe verbreiteten zahlreiche Amateurkabaretts die Szene in verschiedenen Abwandlungen.