Die Ogham- oder (altirisch) Ogam-Schrift (mittelirisch [], neuirisch []) wurde in Irland und einigen westlichen Teilen Britanniens bzw. Schottlands (Schottisch-Gälisch Oghum) vorwiegend vom 5. bis 7. JahrhundertSabine Ziegler: Die Sprache der altirischen Ogam-Inschriften (= Historische Sprachforschung. Ergänzungsheft. 36). Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1994, S. 1. dazu benutzt, an den Kanten von Oghamsteinen oder auf anderem Trägermaterial kurze Texte, in den meisten Fällen Personennamen, anzubringen. Der Name der Schrift weist starke etymologische Parallelen zu Ogma oder Ogmios auf, dem altirischen Gott der Redekunst. Ob dieser Gott jedoch der Namensgeber der Schrift ist oder ob die Volksetymologie den Bezug im Nachhinein herstellte, konnte bisher nicht geklärt werden.Sylvia und Paul F. Botheroyd: Lexikon der keltischen Mythologie. Diederichs, München 1992, ISBN 3-424-01077-4. class=skin-invert-image|mini|350px|Alle 20 Ogham-Zeichen in ihren vier Zeichenfamilien (aicmi) sowie sechs spätere Zusatzzeichen (forfeda)
Beschreibung der Ogham-Schrift Die Ogham-Schrift bestand ursprünglich aus 20 Zeichen, die im Altirischen feda (Singular fid) genannt wurden. Diese 20 Zeichen wurden in vier Zeichenfamilien, altirisch aicmi (Singular aicme) genannt, zu jeweils fünf Zeichen zusammengefasst. In den Jahrhunderten nach dem Höhepunkt der Ogham-Verwendung wurden noch verschiedene Zusatzzeichen, die im Altirischen als forfeda (Singular forfid) bezeichnet werden, hinzugefügt. Auch ihre äußere Form weist auf eine spätere Hinzufügung hin. Sie wurden in einer eigenen Zeichenfamilie zusammengefasst. Dabei wurden die beiden Forfeda ᚕ (für EA und K) und ᚖ (für OI und TH [θ]) relativ früh hinzugefügt.Ziegler, S. 13 Diese Forfeda sollten im Altirischen (etwa 600 – 900 n. Chr. gesprochen) Laute abdecken, die im urtümlichen Irisch (Verwendung etwa vor 600 n. Chr.) noch nicht vorhanden waren. Außer dem häufigeren Forfid ᚕ gibt es für die anderen Forfeda, abgesehen von literarischen Erwähnungen (zum Beispiel Auraicept na nÉces) jeweils nur höchstens zwei sichere Vorkommen in ursprünglichen Ogham-Inschriften.
Die ursprünglichen 20 Zeichen sind aus je einem bis zu fünf Strichen zusammengesetzt. Die Ogham-Zeichen der Zeichenfamilie mit den Selbstlauten werden oft auch durch Punkte direkt auf der Linie dargestellt. Jedes Zeichen ist an einer Stammlinie angeordnet. Die eckigen Kanten der Ogham-Steine bildeten eine natürliche Stammlinie. Die Schreib- und Leserichtung erfolgte von unten nach oben. Bei den Abbildungen in der Literatur (auch in der Tabelle unten) entspricht dies der Leserichtung von links nach rechts. Diese Linie wird in Handschriften auch mit ᚛ ᚜ dargestellt. Somit entsprechen zum Beispiel bei waagrechter Darstellung die Striche unterhalb der Stammlinie denen rechts der Stammlinie bei senkrechter Darstellung des Textes. Für die senkrechte Darstellung wird die waagrechte Stammlinie mit den Ogham-Zeichen somit um 90 Grad gegen den Uhrzeigersinn gedreht.
Bei den Bezeichnungen (siehe Tabelle unten) werden die altirischen Wortformen verwendet. Die Bedeutungen der altirischen Bezeichnungen stimmen oft nicht mit den überlieferten Pflanzennamen überein, wie sie in der Tradition von mittelalterlichen Handschriften, so auch im Auraicept na nÉces, überliefert werden. Diese nicht übereinstimmenden Bezeichnungen sind in der unteren Auflistung dann gesondert vermerkt. Gemäß der irischen Überlieferung werden alle Zeichen nach Bäumen und Pflanzen benannt. Fälschlicherweise ist in heutiger Literatur oft nur von Baumnamen die Rede.ausführliche Beschreibung der Ogham-Schrift: Ziegler, S. 7 – S. 9 sowie McManus, S. 36 – S. 43 und S. 141 – S. 146 (Forfeda)
Zeichen Altirischer Name des ZeichensLateinische ÜbertragungLautwertDeutsche Übersetzung des NamensB-Aicme30x30px|class=skin-invertBeitheB[b]Birke30x30px|class=skin-invertLuisL[l]altirisches Wort für Flamme oder Kraut, Tradition überliefert Eberesche30x30px|class=skin-invertFernF, V, W[f], [v], [w]Erle30x30px|class=skin-invertSailS[s]Weide30x30px|class=skin-invertNinN[n]altirisches Wort für Astgabel und Gabel, in der Tradition Esche überliefertH-Aicme30x30px|class=skin-invertHuath, ÚathH[h]altirisches Wort für Furcht, Schrecken, in der Tradition Weißdorn überliefert30x30px|class=skin-invertDairD[d]Eiche30x30px|class=skin-invertTinneT[t]altirisches Wort für Furcht, Schrecken; in der Tradition Stechpalme überliefert30x30px|class=skin-invertCollC[k]Haselnussstrauch30x30px|class=skin-invertCert, QuertQ[kw]Wortbedeutung unsicher, in der Tradition Apfelbaum überliefertM-Aicme30x30px|class=skin-invertMuinM[m]altirisches Wort bedeutet sowohl Hals als auch List sowie Zuneigung u. a., die Tradition überliefert Weinrebe, Weinstock30x30px|class=skin-invertGortG[g]Wort bedeutet Feld, als Pflanzenname wird Efeu überliefert30x30px|class=skin-invertGétalGG, NG[gw] und [ŋ]altirisches Wort bedeutet Tötung, Mord; die Tradition überliefert Ginster30x30px|class=skin-invertStraifZ[ts], [st], [sw]Wort bedeutet Schwefel, nach der Pflanzentradition Schwarzdorn, Schlehe30x30px|class=skin-invertRuisR[r]altirisches Wort für Röte, in der Tradition Holunder überliefertA-Aicme30x30px|class=skin-invertAilmA[a]Kiefer, Föhre30x30px|class=skin-invertOnnO[o]altirisches Wort für Esche, als Pflanzenname jedoch Stechginster überliefert30x30px|class=skin-invertUrU[u]Wort bedeutet Erdboden, Erde, Lehm; Tradition überliefert Heidekraut30x30px|class=skin-invertEdadE[e]Wortbedeutung unbekannt, Tradition überliefert Espe30x30px|class=skin-invertIdadI[i]EibeForfeda (spätere Zusatzzeichen)30x30px|class=skin-invertEbhadhEA,Verwendung erfolgt z. B. auf Ballyspellan-Fibel (sieben Mal); Macalister (S. 32) überträgt E, Ziegler (S. 93) EA. Weiteres Beispiel der Anwendung: Ogham-Runenstein von Killaloe; Ziegler überträgt wieder EA und Macalister ebenfalls wieder E. ÉO, Kz. B. Macalister, CIIC 124, S. 122: ᚛ᚐᚕᚓᚏᚐᚄ᚜ (AKERAS) sowie ᚛ᚕᚑᚔ᚜ (KOI)[ea], [eo], [k]Bedeutung des alitirischen Wortes unbekannt, nach der Tradition Espe30x30px|class=skin-invertOirOI,z. B. Macalister, CIIC 235, S. 229: ᚛ᚋᚖᚂᚓᚌᚖᚋᚏᚔᚇ᚜ (MOLEGOMRID); Ziegler, S. 28 und S. 272: MOILEA-GOIMRID sowie MOILEAGOIMRID ÓE, THMacalister, CIIC 7, S. 9 u. S. 10: ᚛ᚐᚖᚓᚉᚓᚈᚐᚔᚋᚔᚅ᚜ (ATHECETAIMIN); auch Introduction, S. V[ɔɪ̯], [oe], [θ]altirisches Wort für Gold, gemäß Tradition Spindelstrauch, Pfaffenhütchen oder Efeu30x30px|class=skin-invertUilleandUI,z. B. Macalister, CIIC 240, S. 234: ᚛ᚃᚂᚔᚄᚐᚉᚓᚄᚗᚉᚋᚔᚏ᚜(VLISACESUICMIR); Ziegler, S. 19 ÍA[ui], [ia]uilleand – altirisch 2334: Ellbogen, in der Tradition Geißblatt30x30px|class=skin-invertIphinIA, IO, ÚA, UI, Pz. B. Macalister, CIIC 327, S. 315: ᚛ᚈᚒᚏᚘᚔᚂᚔ᚜ (TURPILI)[ia], [io], [ua], [ui], [p]Stachelbeere oder Stachel, Dorn30x30px|class=skin-invertEamhanchollZeichen nicht auf Ogham-Steinen belegt, sondern lediglich durch die irische literarische Überlieferung bekannt; Ziegler, S. 13AE, X[æ], [ks]Zaubernuss30x30px|class=skin-invertPeithP[p]gemäß Beithe analog ohne jegliche Wortbedeutung gebildet
Texte mini|links|Einschlagen von Oghamzeichen in eine Steinsäule – 1911 veröffentlichte Zeichnung des irischen Illustrators und Malers Stephen Reid (1873–1948), in: Myths & Legends of the Celtic Race von T. W. Rolleston (1857–1920), S. 288 mini|Dunloe-Stein 1, Grafschaft Kerry, Irland; Höhe 2,05 m, 500 n. Chr. mini|Ballaqueeney-Stein I, Insel Man, 520 n. Chr. Der eingeritzte Name wurde stets im Genitiv angegeben, um den Bezug des Steins zur Person zu kennzeichnen („Dies ist der Stein des …“). Nicht vollständig geklärt ist bisher, was die Steine letztlich kennzeichnen sollten. Entweder zeigten sie den Landbesitz an oder waren, was wahrscheinlicher ist, Grabmal der bezeichneten Person. Nach einem mittelirischen (also wesentlich späteren) Text wird Etarcomol begraben und an seinem Grab ein Stein mit Oghamschrift aufgestellt. Ein weiteres Beispiel ist ein Ogham-Stein in Arraglen (County Kerry), der neben einem Tatzenkreuz die Inschrift „Rónán der Priester, Sohn des Comgán“ trägt.
Die Schrift läuft von unten nach oben und gegebenenfalls auf der anderen Seite wieder nach unten. Die meisten Namen sind in urtümlichem Irisch (vor etwa 600 n. Chr.), also der Sprachstufe vor dem Altirischen gehalten. Seltener, und vor allem in Wales, sind die Inschriften zweisprachig: Irisch-Latein. Auf einigen Steinen befinden sich auch Runeninschriften oder Kreuze. Bisweilen sind den Namen knappe Kommentare beigefügt. So wurden je ein Abt, ein Bischof und ein Priester erwähnt. Das Wort für Priester erscheint in der Form QRIMITIR (Genitiv von *QRIMITER < Latein presbyter; vgl. altirisch cruimther). Dies wirft die Frage auf, inwieweit Ogham als „heidnisches“ Schrifttum anzusehen ist. Die Forschung ist sich in diesem Punkt nicht einig. Die Ogham-Schrift wurde anhand einer Aufzeichnung im um 1400 entstandenen „Leabhar Bhaile an Mhóta“ („Das Buch von Ballymote“)James Christopher MacDonagh: History of Ballymote and the Parish of Emlaghfad. Hodges, Figgis & Co, Dublin 1936 (Online-Zusammenfassung), zitiert im Artikel Book of Ballymote in der englischsprachigen Wikipedia (Stand 11/2006).Auraicept na nÉces. („Leitfaden für den gelehrten Dichter“) entziffert. Mit Kreuzen versehene Oghamsteine liefern widersprüchliche Hinweise, da Kreuz und Oghamzeichen sich manchmal (fast oder ganz) überlagern, ohne dass festzustellen wäre, welche „Felsritzung“ die ältere ist. Einen klareren Hinweis gibt möglicherweise ein Stein bei Ballyferriter auf der Dingle-Halbinsel, auf dem einer der Oghamstriche offenbar absichtlich kurz gehalten wurde, um das (bereits vorhandene?) Kreuz nicht zu beschädigen. Ein solches Beispiel ist der Priest Stone (östlich von Dingle). Aus Nordirland sind nur zwei Oghamsteine, beide ohne christliche Symbole, bekannt. In Schottland existieren Oghaminschriften in nicht zu entziffernder piktischer Sprache.
Beispiel für eine Inschrift: ᚉᚑᚔᚂᚂᚐᚁᚑᚈᚐᚄᚋᚐᚊᚔᚉᚑᚏᚁᚔ COILLABOTAS MAQI CORBI ᚋᚐᚊᚔᚋᚑᚉᚑᚔᚊᚓᚏᚐᚔ MAQI MOCOI QERAI
Daraus ergibt sich dann: „(Der Stein von) Coílub, Sohn von Corb, Sohn (Abkömmling des Stammes) der Ciarraige“. Die hier erwähnten Ciarraige sind im Namen der Grafschaft Kerry verewigt.
Ursprünge Das Oghamsystem stellt kein eigenständiges Alphabet dar. Die Zuordnung der Zeichen ist höchstwahrscheinlich eine Codierung eines der den damaligen Kelten bekannten Alphabete, also entweder des lateinischen oder griechischen Alphabets. Versuche, das Alphabet auf die germanischen Runen zurückzuführen, konnten nicht überzeugen. Die Zeichen wurden wohl aus den auf den britischen Inseln seit der Altsteinzeit belegten Zählhölzern (engl. tally sticks) abgeleitet (vgl. Abbildung inThe National Archives (Hrsg.): Thirteenth century tally sticks.). Mit deren Hilfe wurden Gegenstände (meist wohl Handelswaren) in 20er Gruppen gezählt. Auch die Oghamzeichen sind in vier Gruppen zu je fünf (also 20) geordnet. Zudem gibt es starke graphische Parallelen zwischen beiden Zeichensystemen. Die einzelnen Buchstaben werden mit Baumnamen bezeichnet, die mit dem zugehörigen Laut beginnen.
Im Lebor Gabála Érenn, einem Sammelwerk der keltischen Mythologie Irlands aus dem 9. Jahrhundert, wird die Erfindung des Ogham-Alphabets dem legendären skythischen König Feinius Farsaidh zugeschrieben.
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