mini|Rogier van der Weyden: Verkündigung an Maria, um 1435 (in einem Schlafzimmer der Entstehungszeit des Gemäldes) mini|Vincent van Gogh: Van Goghs Schlafzimmer in Arles, 1889 mini|Schlafzimmer-Einrichtung, u. a. Frisiertisch mit dreiteiligem Spiegel, 1946 mini|Schlafzimmer in einem HO-Möbelhaus in Ost-Berlin, 1949 miniatur|Musterschlafzimmer, Leipziger Messe, 1952
Das Schlafzimmer, auch Schlafkammer (kleines Schlafzimmer), Schlafstube oder Kubikel genannt, ist ein Zimmer einer Wohnung oder eines Wohnhauses, das von den Benutzern hauptsächlich zum Schlafen genutzt wird. Daneben ist das Schlafzimmer auch der Ort, an dem Paare am häufigsten Sex haben. 32 % aller Deutschen sterben auch zu Hause, meist in ihrem Schlafzimmer.
Die architektonische Abtrennung spezieller Schlafräume, wie sie in wohlhabenden Ländern der westlichen Welt heute die Norm darstellt, ist historisch jung und weltweit auch in der Gegenwart durchaus nicht die Regel. Vielfach schlafen die Bewohner nachts in Räumen, die tagsüber zum Wohnen oder Arbeiten genutzt werden. In Japan wurde die Schlafmatte (敷布団, shiki-buton) traditionell tagsüber weggeräumt. Auch in Kulturen, in denen traditionell in Hängematten geschlafen wird (Lateinamerika), werden diese, um Raum zu sparen, tagsüber weggehängt.
In wohlhabenden Ländern der westlichen Welt wird die Schlaffunktion eines Raumes nur dann mit anderen Funktionen verbunden, wenn die Beengtheit der Wohnverhältnisse eine funktionale Trennung nicht gestattet. Dies gilt etwa für sehr kleine Wohnungen (Garçonnièren) und Wohneinheiten in Studentenwohnheimen, Altenheimen und Ähnlichem, aber etwa auch für Kinderzimmer; in Ländern wie den Vereinigten Staaten haben Kinder neben ihrem Schlafzimmer häufig auch ein Spielzimmer (playroom, family room).
In weiten Teilen Europas enthalten Schlafzimmer neben Betten oft einen Nachttisch zur Aufbewahrung diverser Utensilien mit Nachttischlampe und Wecker sowie einen Schrank zur Aufbewahrung von Kleidung. Der Fußboden ist oft ganz oder teilweise mit Teppich ausgelegt, weil man darauf mit nackten Füßen angenehmer läuft als auf Parkett oder Fliesenbodenbelag.
In großen Wohnungen und Häusern werden manche Schlafzimmer nur zum Schlafen genutzt; zum Ankleiden gibt es dann einen begehbaren Kleiderschrank oder einen separaten Raum.
Überblick über die geschichtliche Entwicklung des Schlafzimmers Schlafzimmer sind in Mitteleuropa eine vergleichsweise moderne Entwicklung. Einen Raum allein zum Schlafen zu nutzen, war lange Zeit eine fremdartige Vorstellung. Die Historikerin Judith Flanders weist darauf hin, dass es für die Entwicklung des Schlafzimmers im heutigen Sinne nicht entscheidend war, ob ein hinreichend großer Teil der Bevölkerung in Häusern lebte, die genug Räume hatten, sondern dass es dazu der Entwicklung eines ganz anderen Konzeptes des Zusammenlebens bedurfte. Dieses Konzept teilte Wohnraum auf nach seinen Funktionen (Essen, Schlafen, Kochen oder Waschen), nach Geschlechtern (Männer und Frauen beziehungsweise Jungen und Mädchen), nach sozialer Hierarchie (Herrschaft und Gesinde oder Dienstboten) und nach Generationen (Eltern und deren Nachwuchs). Das Mittelalter kannte eine solche Trennung nicht. Dort war die große Halle der mittelalterlichen Burg oder der einzige Raum der Kate der Lebensraum, den unabhängig von sozialer Stellung, Verwandtschaftsgrad, Alter und Geschlecht alle als Wohn-, Ess- und Schlafraum teilten. Dies war oft auch der einzige beheizte Raum. Erste Anzeichen für die Entwicklung eines Konzeptes, das eine Trennung von Räumen nach Personen oder Funktionen erkennen lässt, sieht Flanders nicht vor dem 15. Jahrhundert: Die großen Stadthäuser, die in Italien während der Renaissancezeit neu gebaut wurden, umrahmten einen Innenhof, und öffentliche und private Funktionen waren unterschiedlichen Flügeln des Gebäudes zugewiesen.Flanders: The Making of Home. Kapitel: A Room of One’s Own, Ebook-Position 1157.
Selbst als ein nach Funktionen aufgeteiltes Haus bereits das Ideal häuslichen Zusammenlebens war, war dessen Umsetzung für einen sehr großen Teil der Bevölkerung nicht realisierbar. Über einen Raum zu verfügen, den eine einzelne Person oder ein Paar einzig dazu nutzt, um dort zu schlafen, wurde für große Teile der Bevölkerung der westlichen Welt erst im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts zur gelebten Realität.Worsley: If Walls Could Talk: An intimate history of the home. Vorwort Entscheidender Treiber war dabei die Industrialisierung, die mit einer Urbanisierung und der Entstehung neuer Wohnhäuser einherging, die einer wachsenden Bevölkerungsschicht ein Leben nach diesem Ideal ermöglichte.Flanders: The Making of Home. Kapitel: A Room of One’s Own, Ebook-Position 1285. Entsprechend findet man Schlafzimmer früher im städtischen als im ländlichen Raum, konnten wohlhabende Schichten dieses moderne Ideal des häuslichen Zusammenlebens eher umsetzen als arme.
Wohnen ohne Schlafzimmer: Realität großer Bevölkerungsanteile bis weit ins 20. Jahrhundert Judith Flanders vertritt die Ansicht, dass der heutige Mensch der westlichen Welt so sehr an einen durch Industrialisierung und Verstädterung allmählich entstandenen Wohnstandard gewöhnt ist, dass das Bewusstsein für seine Besonderheit verloren gegangen ist. Historische Realität für die Mehrzahl der westlichen Bevölkerung war bis ins 20. Jahrhundert ein Leben auf engstem Raum ohne separate Schlafgelegenheiten.Flanders: The Making of Home. Kapitel: A Room of One’s Own, Ebook-Position 982. miniatur|Familie vor einem einräumigen Grassodenhaus, dem typischen Wohnhaus bei der Besiedlung der nordamerikanischen Prärie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts miniatur|Bett in einem nordamerikanischen Blockhaus, 19. Jahrhundert. Die Wohnsituation der Arbeiterschicht war im 18. und 19. Jahrhundert länderübergreifend sehr beengt. In Philadelphia teilten gegen Ende des 18. Jahrhunderts sieben Personen einen einzigen Raum.Flanders: The Making of Home. Kapitel: A Room of One’s Own, Ebook-Position 1037. Noch im ausgehenden 19. Jahrhundert nahmen in Berlin beispielsweise viele Familien der Arbeiter und unteren Mittelschicht sogenannte Schlafgänger auf, weil im Rahmen des Bevölkerungswachstums und der Urbanisierung Wohnraum knapp und teuer war. Dienstmädchen in bürgerlichen Haushalten hatten nur selten ein eigenes unbeheiztes Mansardenzimmer als Schlafgelegenheit; häufig schlugen sie ihr Bett am Abend in der Küche, im Bad oder im Flur auf. In allen europäischen Großstädten schliefen Dienstmädchen aber auch in den Hängeböden. Dies waren kleine Gelasse, die dadurch entstanden, dass man in den hohen Wohnräumen eine zusätzliche Decke über der Speisekammer, über dem Bad oder über dem Flur einzog. Eine der treffendsten Beschreibungen eines Hängebodens ist in Theodor Fontanes Roman Der Stechlin (1899) übermittelt, der ein Dienstmädchen folgendes berichten lässt:
Selbst in weitläufigen herrschaftlichen Häusern erwartete man im 19. Jahrhundert von Dienstboten, dass sie ihr Schlafzimmer mit anderen teilten. So berichtet ein Kammerdiener, der in den 1860er Jahren auf einem Landsitz in Irland arbeitete, dass er sein Zimmer mit drei bis vier anderen männlichen Bediensteten teilte. Ein Teil seiner Kollegen schlief auf Klappbetten dort, wo der Schwerpunkt der Arbeit war.Worsley: If Walls Could Talk: An intimate history of the home. S. 7. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war das einräumige Grassodenhaus das typische Wohnhaus von Siedlern der nordamerikanischen Prärie. Um 1890 wurden vom Süden Minnesotas bis nach Texas mehr als eine Million solcher Wohnhäuser gezählt, in denen Familien sich auch nachts einen Raum teilten.Flanders: The Making of Home. Kapitel: A Room of One’s Own, Ebook-Position 1016.
Noch bis in das 20. Jahrhundert hinein waren besondere Schlafzimmer vor allem für Personen der Arbeiterschicht ein unerschwinglicher Luxus. Im Deutschland der Nachkriegszeit waren Schlafzimmer knapp: Die Flächenbombardements der Alliierten hatten viele Wohnungen und Häuser zerstört, Flüchtlinge und Ausgebombte wurden von staatlichen Institutionen zwangsweise einquartiert (Wohnraumbewirtschaftung). So waren viele Menschen gezwungen, im Wohnzimmer zu schlafen, dafür wurden spezielle Bettsessel und Schlafcouches entwickelt. In den 1960er Jahren entspannte sich die Situation, oft konnten neben den Eltern einer Kleinfamilie auch die Kinder ein eigenes Zimmer erhalten.
Geschichte
Mittelalter und Beginnende Neuzeit mini|Das prunkvolle „Große Bett von Ware“, das ca. 1575 bis 1600 gebaut wurde. Es befindet sich heute im Victoria and Albert Museum. miniatur|Prunkvolles Bett im Hintergrund – Jan van Eyck: Arnolfini-Hochzeit, 1434 Im Mittelalter und auch zu Beginn der Neuzeit schliefen Menschen typischerweise dort, wo sie auch den größten Teil ihres Tages verbrachten. Es war nicht ungewöhnlich, seinen Schlafplatz mit anderen Personen zu teilen, mit denen man weder verwandt war noch in einer intimen Beziehung stand.Worsley: If Walls Could Talk: An intimate history of the home. S. 3. Das galt nicht nur für das Gesinde eines Herrenhauses: Betten wie das Große Bett von Ware, das ursprünglich in einem Gasthaus stand, wurden gebaut, um mehrere Schläfer aufzunehmen. Etikettebücher geben noch für das 17. Jahrhundert Hinweise, wie man sich zu verhalten habe, wenn man das Bett mit Fremden teile.Worsley: If Walls Could Talk: An intimate history of the home. S. 5. Strohlager oder mit Stroh gefüllte Säcke waren die typische Schlafunterlage. In mittelalterlichen Burgen zogen sich Burgherr und Burgherrin in der Regel abends in einen separaten Raum zurück, der auch tagsüber als Rückzugsraum diente.
In Mitteleuropa tauchten die ersten Betten im Mittelalter auf; sie waren ein Privileg von Adligen, reichen Bürgern und wohlhabenden freien Bauern. Es handelte sich meist um einfache Holzgestelle. Elaboriert geschnitzte Himmelbetten waren im Mittelalter noch die Ausnahme und in der Neuzeit gewöhnlich das wertvollste Mobiliar eines Haushaltes. Wenn es auch zunehmend gebräuchlicher wurde, befand sich dieses Bett jedoch auch in der Neuzeit in Räumen, die Hausherr und Hausherrin mit Kindern oder besonders geschätztem Gesinde teilten.Worsley: If Walls Could Talk: An intimate history of the home. S. 8. Jan van Eycks im Jahre 1434 entstandene Gemälde Arnolfini-Hochzeit zeigt einen Brügger Kaufmann und seine vermutlich frisch angetraute Ehefrau. Das Gemälde, dem wegen seiner Ikonographie in der Kunstgeschichte eine hohe Bedeutung beigemessen wird, stellt sehr wohlhabende Bürger dar. Darauf weisen die mit Pelz besetzte Kleidung, der Spiegel, der auf dem Tisch liegende Teppich und die Orangen hin, die links im Fenster liegen. Rechts auf dem Gemälde sind die Vorhänge eines großen Himmelbettes zu sehen. Auch dieses symbolisiert den Reichtum dieses Paares. Dass sich dieses in dem Empfangsraum befindet, war zu dieser Zeit typisch: Ein Himmelbett mit seinen wertvollen Stoffbehängen war ein so offensichtliches Zeichen von Wohlstand, dass in den Niederlanden sogar die Zahl der Familien, die dort das Bett aufstellten, zunahm.Flanders: The Making of Home. Kapitel: A Room of One’s Own, Ebook-Position 1109.