Als Scheinanglizismus (auch Pseudoanglizismus) werden in der Linguistik Wörter in der deutschen oder einer anderen Sprache bezeichnet, die lexikalische Elemente des Englischen benutzen und einen Neologismus schaffen, der im Englischen unbekannt ist oder nur in einer anderen Bedeutung verwendet wird.Definition nach

Allgemeines Scheinanglizismen sind dem Gebiet der Scheinentlehnungen (Pseudoentlehnungen) zuzuordnen. Während Anglizismen aus der englischen Sprache übernommen wurden, trifft dies bei Scheinanglizismen nicht zu, weil diese Wörter nicht oder nicht in dieser Form Bestandteil der englischen Sprache sind.Любовь Нефёдова: Das Fremdwort im heutigen Deutsch, 2013, S. 42 ff. Scheinanglizismen können deshalb zu Problemen bei der Verständigung mit Muttersprachlern führen. Falls der Scheinanglizismus im Englischen zwar existiert, aber nur mit einer anderen Bedeutung, handelt es sich um einen Fall von falschen Freunden.

Scheinanglizismen kommen in vielen Sprachen vor, so zum Beispiel im Deutschen, im Niederländischen, im mexikanischen Spanisch, im Französischen und im Japanischen. Im Japanischen wurde mit Wasei Eigo ein eigener Begriff hierfür geprägt.

„Die Herkunft solcher Ausdrücke bleibt zu untersuchen. Möglicherweise wurden sie geprägt von Sprechern des Deutschen, die für das Gemeinte einen englischen Ausdruck gebrauchen wollten und – auf Basis des Deutschen oder durch Imagination – einen solchen selbst geprägt haben. Dabei kann es sein, dass sie die tatsächlich existenten englischen Wörter […] nicht kannten oder dass die eigene Prägung den Zweck besser zu erfüllen schien.“Christian Lehmann: Sprachwandel: Scheinanglizismus.

Beispiele Deutsch Handy (ausgesprochen []) bezeichnet im Deutschen ein Mobiltelefon. Es wird im englischsprachigen Raum nicht als Bezeichnung für solche Geräte benutzt. Das Adjektiv handy bedeutet im Standardenglischen „bequem, handlich, nützlich, passend oder praktisch“, in der Umgangssprache ist es auch als Substantiv die Umschreibung für den Handjob. Ein ähnlicher Begriff diente z. B. zur Unterscheidung zweier militärisch genutzter mobiler Funkgeräte von Motorola. Das Rucksackfunkgerät wurde Walkie-Talkie genannt, das Handsprechfunkgerät Handie-Talkie. Bereits im Mobilfunklexikon von Gusbeth (1990) war zu lesen: „Handheld-Telefone (oder Handy)“. Auch die im selben Verlag erschienene Funkschau schrieb: „Soll in den USA Konkurrenz durch NECP3-Mobiltelefon bekommen: Motorolas Handy MicroTac“.Gusbeth-Verlag (Hrsg.): Funkschau, Heft 1/1990, S. 16. Die Unternehmen Bosch und Hagenuk vertrieben ihre Mobiltelefone im Jahr 1993 ebenfalls als Handy. Es handelt sich also ursprünglich um die Kurzform einer Produktbezeichnung, die zwar aus dem englischsprachigen Raum stammt, dort aber nicht mehr gebräuchlich ist. Sie geht auf eine Umschreibung (handy „handlich“, „praktisch“ oder „gelegen“) zurück. Im britischen Englisch bezeichnet man ein Mobiltelefon als mobile phone (kurz mobile), im amerikanischen Englisch als cellular phone (kurz cell phone oder schlicht cell), in Singapur und Indonesien findet man den Ausdruck handphone. Beamer als Synonym für Video-Projektor. Das Wort kann von Englischsprechern leicht als „Anstrahler“ (von ) verstanden werden, wird so jedoch ebenfalls nicht verwendet. In der Umgangssprache bezeichnen bimmer, beemer und beamer (alle identisch ausgesprochen) verschiedene Fahrzeuge von BMW, In Großbritannien ist beamer ein Fachausdruck für eine bestimmte Art des Wurfs beim Cricket. In der technischen Fachsprache der Weberei steht es für Kettenanschärerhttps://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/35GBLTSELQLFLAP5UBDGNPFSKSSUOC6U: Kettenschermaschine zum Aufwickeln der durchgezogenen Fäden. Ein Video-Projektor heißt im Englischen video projector bzw. digital projectorde.pons.eu – Stichwort „Beamer“ oder einfach projector. Ein Oldtimer, ein historisches Fahrzeug, meist Kraftfahrzeug, auch Schiff oder Flugzeug, heißt im englischsprachigen Raum antique, classic oder vintage car. Old-timer bedeutet im Englischen „älterer Mensch“.Collins Dictionary – Definition of 'old-timer' Homeoffice hat zum einen dieselbe Bedeutung wie englisch home office – ein kleines Heimbüro. Zum anderen kann mit Homeoffice gemeint sein, zu Hause statt beim Arbeitgeber zu arbeiten (Telearbeit).Homeoffice, Home-Office bei duden.de. Dies wird im Englischen anders genannt: remote work oder work from home oder work at home. Im Fall der Bedeutung „Telearbeit“ ist Homeoffice ein Scheinanglizismus. Home Office ist auch der Name des britischen Innenministeriums. Box, im Deutschen eine übliche Bezeichnung für eine Lautsprecherbox, ist im Englischen mit dieser Bedeutung nicht üblich. Weitere Beispiele: Scheinanglizismus Beschreibung Bedeutung im Englischen Bezeichnung im Englischen Barkeeper Bedienung hinter der Theke einer Bar oder Gastwirtschaft Betreiber, Inhaber oder Gastwirt Basecap Kopfbedeckung – Bodybag am Körper getragene Tasche LeichensackTypisch Englisch? Denglische Wörter, die nur Deutsche verstehen, spotlight-online.de , messenger bag checken verstehen to check: prüfen, unterdrücken , umgangssprachlich , Cola light zuckerfreie, kalorienarme Coca-Cola - Diet coke Cornern Kommunikation und Trinken an Straßenecken to corner im Börsenjargon: durch Großkäufe Marktenge herbeiführen, um Kurssteigerungen zu verursachenFAZnet Börsenlexikon, Stichwort: Cornern – Cutter eine Person, die das bei Dreharbeiten entstandene Rohmaterial durch den Schnitt gestaltet Schneider, Schneidwerkzeug Dressman männliches Model kann als Transvestit interpretiert werden Drive-in In einem Drive-in werden Dienstleistungen angeboten, ohne dass der Kunde hierfür sein Auto verlassen muss Autokino; Schnellrestaurant, wo im geparkten Auto bedient wird drive-through (verkürzt drive-thru) Evergreen älteres Musikstück, das immer noch Airplay erhält immergrüne PflanzeEvergreen, filmlexikon.uni-kiel.de flashen begeistern to flash somebody: jemandem unerwünscht seine Geschlechtsteile zeigen Flipper Spielautomat mit Metallkugeln Schwimmflosse Headquarter Zentrale oder Hauptquartier – Homestory Berichterstattung über das Privatleben von Prominenten – – Hometrainer Übungsgerät zu Hause, meist ein stationäres Fahrrad – , stationary bicycle Jobticket Fahrkarten eines Sondertarifs, die Unternehmen oder Behörden bei einem Verkehrsunternehmen erwerben und die sie entgeltlich oder unentgeltlich an ihre Mitarbeiter für deren Fahrten mit dem ÖPNV weitergeben Job und Ticket sind nicht in dieser Kombination bekannt etwa Mailim Deutschen als Kurzform von E-Mail, bezeichnet im Englischen aber die klassische PostBriefposte-mail Mailbox „Postfach“ beim Telefon/Handy Hausbriefkasten Longseller Bücher, die lange Zeit in den Bestseller-Listen stehen – etwa Mobbing wiederholte Schikanen physischer oder psychischer Art to mob, mobbing: als Menschenmenge jemanden oder einen Ort umringen oder zu einem Ort vordringenmob (Verb) im englischen Wiktionary. Nicknapping Form des Identitätsdiebstahls – – Partnerlook die gleiche Kleidung eines Paares – PeelingDavid Eisermann, Sprachbar: Englisch, wie es nur die Deutschen kennen, dw.com, 22. Mai 2007 kosmetische oder dermatologische Behandlung, bei der oberflächliche Schichten der Haut flächig entfernt werden Rinde; Schalen oder förmlicher Public Viewing öffentliche Liveübertragung von Sportereignissen oder anderen Events auf Videowänden public viewing, meist aber einfach viewing genannt (amerikanisches Englisch): öffentliche Aufbahrung eines Leichnams fan zone, big screen, public screening Shooting Fotoaufnahmen von Models Schießerei mit Waffen photo shoot Showmaster Moderator einer Fernsehshow – Slip Unterhose Unterrock oder im amerikanischen Englisch panties (jeweils Pluraletantum) Smoking Abendanzug für Männer, meist schwarz Rauchen; englisch smoking jacket bezeichnet einen Vorgänger des Smoking Spleen leichte Verrücktheit oder fixe Idee Milz Talkmaster Moderator einer Talkshow – Trampen per Anhalter Auto fahren to tramp: trampeln, marschieren, wandern, umherziehen Walkingschnelles Gehen als Sportart oder Kurzform von Nordic Walking, häufig mit Stöckenjede Form des Gehens, auch ohne besondere Anstrengung oder Geschwindigkeitpower walking, nordic walking

Andere Sprachen In vielen Sprachen ist Happy End ein Ausdruck für „einen [unerwarteten] glücklichen Ausgang eines Konflikts oder einer Liebesgeschichte“. Im Englischen lautet der Ausdruck jedoch happy ending.Joachim Grzega: Introduction to linguistics from a global perspective. An alternative approach to language and languages (= Lincom coursebooks in linguistics, 19). Lincom Europa, München 2011, S. 45. Ein weiterer europäischer Scheinanglizismus ist Smoking. In den meisten europäischen Sprachen bezeichnet dieses Wort einen „meist schwarzen Abendanzug mit seidenem Revers für kleinere gesellschaftliche Veranstaltungen“. Im Englischen ist diese Bedeutung von Smoking aber inexistent. Im Englischen bedeutet smoking „das Rauchen“, der Abendanzug heißt im amerikanischen Englisch tuxedo, im britischen Englisch dinner suit oder dinner jacket. Eine smoking jacket ist eine ältere, informelle Form von Männerjacke, die beim Rauchen getragen wurde und sich zum heutigen Smoking entwickelte. Im Französischen lässt sich das Beispiel footing finden, das von der [inexistenten] Verlaufsform des englischen Wortes foot (= „Fuß“) abgeleitet ist und für „Laufen in mäßigem Tempo als Fitnesstraining“ steht. Im Englischen wird dieser Vorgang aber – wie im Deutschen auch – mit jogging (bzw. deutsch Jogging) bezeichnet. Weitere Begriffe sind pressing für „Bügeln“ (engl. ironing) oder training für den Sportanzug (engl. tracksuit). In der japanischen Sprache gibt es die Ausdrücke Salaryman und Office Lady, die im Englischen unbekannt sind.

Bewertung Im sprachpolitischen und besonders im sprachkritischen Diskurs werden Scheinanglizismen oft als Beleg für eine Bedrohung der deutschen Sprache durch angloamerikanischen Einfluss angeführt (siehe auch Denglisch, Sprachpflege). Die Ästhetik des Ausdrucks und die kulturelle Eigenständigkeit des Deutschen leide unter der Verwendung von Anglizismen und Scheinanglizismen.

Von anderer Seite wird die Bildung von Scheinanglizismen als Zeichen der Lebendigkeit der Sprache und ihrer Fähigkeit gesehen, die expressiven Möglichkeiten durch kreative Nutzung fremder Einflüsse zu erweitern. Zudem seien viele Anglizismen und Scheinanglizismen Modewörter und verschwänden mit dem Abebben der Mode wieder aus dem Sprachgebrauch.

Siehe auch Scheingallizismus Scheinslawismus Übersetzungsschwierigkeit Xenismus

Literatur Petra Braselmann: Anglizismen. In: Ingo Kolboom, Thomas Kotschi, Edward Reichel (Hrsg.): Handbuch Französisch. Sprache, Literatur, Kultur, Gesellschaft. Schmidt, Berlin 2002, S. 204–208, ISBN 978-3-503-06126-6; N.A.: 2008, ISBN 978-3-503-09830-9. Joachim Grzega: Zu den pseudo-englischen Fremdwörtern im Deutschen (und zum Einfluss des Englischen auf das Deutsche generell). In: Joachim Grzega: Sprachwissenschaft ohne Fachchinesisch. 7 aktuelle Studien für alle Sprachinteressierten. Shaker, Aachen 2001, S. 57–70, ISBN 978-3-8265-8826-6. Ageliki Ikonomidis: Anglizismen auf gut Deutsch: Ein Leitfaden zur Verwendung von Anglizismen in deutschen Texten. Buske, Hamburg 2009, ISBN 3-87548-560-2.

Weblinks

Robbin D. Knapp: Erfundene englische Wörter im Deutschen. In: Robb: Menschliche Sprachen. Matthias Heine: Pseudoenglisch ist die gemeinsame Sprache Europas welt.de, 6. April 2015 Beliebter Anglizismus. Wo das Homeoffice zu Hause ist, von Katja Scholtz, FAZ 18. April 2020

Einzelnachweise

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