mini|hochkant=1.3|Ulmer Münster (2008)

Das Münster Unserer Lieben Frau zu Ulm, kurz Ulmer Münster, ist ein gotischer Sakralbau in der baden-württembergischen Stadt Ulm und Pfarrkirche der dort ansässigen evangelischen Gemeinde. Die Kirchengemeinde als Teil der Gesamtkirchengemeinde Ulm gehörte bis Ende 2025 zum Kirchenbezirk Ulm und gehört seit 1. Januar 2026 zum Kirchenbezirk Ulm/Alb-Donau der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Der 1890 vollendete 161,53 Meter hohe Hauptturm war für rund 135 Jahre der höchste Kirchturm der Welt. Am 30. Oktober 2025 übertraf ihn der zu diesem Zeitpunkt noch unvollendete Christus-Turm der Sagrada Família in Barcelona; der Christus-Turm hat jedoch keine Glocken, so dass derjenige des Ulmer Münsters nach wie vor der höchste Glockenturm der Welt ist.

Der Grundstein des Münsters wurde 1377 gelegt, als Ulm eine Reichsstadt und noch vorreformatorisch römisch-katholisch war. Die Predigten des Ulmer Reformators Konrad Sam (ab 1524) begleiteten die graduelle Einführung der Reformation in Ulm. 1530 fiel die Entscheidung in einer Bürgerabstimmung zugunsten des evangelischen Bekenntnisses mit einer Mehrheit von sieben Achteln. So wurde das Ulmer Münster ein Gotteshaus der evangelischen Kirche. Es war bis 1894 im Besitz der Stadt Ulm und kam danach in den Besitz der evangelischen Kirchengemeinde Ulm. Das Münster überstand die Luftangriffe auf Ulm 1944/1945 in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs weitgehend unbeschädigt, abgesehen vom Einschlag eines Sprengbomben-Blindgängers in den Chorraum und der Zerstörung zahlreicher Kirchenfenster.. In: ulm.de, abgerufen am 17. Oktober 2016.

Bedeutung mini|Luftbild des Ulmer Münsters mini|Höhenvergleich: Ulmer Münster, Kölner Dom, Münchner Frauenkirche, Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin, Aachener Dom mini|Lage des Münsters in Ulm

Das Ulmer Münster ist der größte gotische Sakralbau in Süddeutschland, größte protestantische Kirche Deutschlands und Kulturdenkmal. Es hat mit 161,53 m Höhe den bis 2025 lange Zeit höchsten Kirchturm der Welt. Der Chorraum des Münsters wird von den beiden Chortürmen flankiert, die mit ihrer Höhe von 86 m zur Gruppe der besonders hohen Türme gehören. Das Kirchengebäude ist 123,56 Meter lang und 48,8 Meter breit. Das Mittelschiff hat eine Höhe von 41,6 Metern, die Höhe der Seitenschiffe beträgt 20,55 Meter. Das Münster hat ein Volumen von rund 190.000 Kubikmeter, und der hohe Westturm belastet die Fundamente mit einer Masse von 51.500 Tonnen.[A] Bei der Grundsteinlegung 1377 plante man die Pfarrkirche als eine Kirche der Bürger. Sie wurde von den weniger als 10.000 Bürgern der Stadt finanziert. Das Münster war nie ein Bischofssitz. Deswegen waren von Beginn an nur ein zentraler Westturm und zwei Chortürme vorgesehen (vgl. Abbildung des Grundsteinreliefs). Hauptfassaden mit zwei flankierenden Türmen waren im Allgemeinen Bischofskirchen und Abteien vorbehalten. Aus ähnlichem Grund besitzt das Ulmer Münster auch keine Krypta, die als Herrscher- oder Bischofsgrablege hätte dienen können. Als Grablegen dienten im Münster andere Bereiche und zahlreiche an die Kirche angebaute Kapellen für Patrizierfamilien, die heute teilweise nicht mehr erhalten sind.

mini|Sandstein und Backstein in der Westfassade

Zweckdienlich sind die verwendeten Baumaterialien: Alle Kanten des Kirchenschiffs und fast alle Teile der Türme sind aus Sandstein (in neugotischen Teilen teilweise auch Kalkstein) mit üppigen Steinmetzarbeiten. Dadurch fällt wenig auf, dass die Außenmauern größtenteils aus Backstein errichtet sind, der auch offen in den Fassaden zutage tritt. Damit steht das Münster einerseits stilistisch den klassischen Werksteinbauten der Gotik der Île de France und der Champagne ebenso nahe wie das Freiburger Münster oder der Frankfurter Dom, lässt sich andererseits aber auch als Backsteinkirche betrachten. Unter diesen liegt sie im Volumen dann hinter San Petronio in Bologna, aber etwa gleichauf mit der Münchner FrauenkircheVolumenberechnungen der Münchener Frauenkirche und der Danziger Marienkirche auf gebaut.eu und der Danziger Marienkirche. Inwieweit diese Backsteinsichtigkeit jedoch ursprünglich als Stilmittel beabsichtigt war, ist aufgrund des ästhetisch wenig absichtsvoll wirkenden, rein bautechnisch bedingten Wechsels zwischen Stein- und Ziegelmauerwerk, der weitestgehend fehlenden plastischen Gestaltung des Ziegelmauerwerks und zahlreicher Putzreste mit aufgemaltem Mauerwerk fraglich. Vielmehr muss – zumindest für den mittelalterlichen Bauabschnitt – davon ausgegangen werden, dass für die Verwendung des Ziegelmauerwerks weniger ästhetische, sondern rein bautechnische bzw. bauphysikalische Gründe entscheidend waren und ein großer Teil des heute offen zutage tretenden Ziegelmauerwerks ursprünglich nicht „auf Sicht“ angelegt war, sondern unter Putz und einem gemalten „Steinquaderwerk“ verborgen lag.

Das Münster bot im Mittelalter ohne Sitzgelegenheiten Platz für 20.000 bis 22.000 Menschen im Stehen. Heute bietet es 2.000 Sitzplätze in der normalen Bestuhlung. Beim Württembergischen Landesposaunentag, der alle zwei Jahre in Ulm stattfindet, haben durch zusätzliche Sitzgelegenheiten 4.500 Bläser mit Instrumenten Platz im Münster.

Der Hauptturm kann normalerweise über 768 Stufen bis zu einer Galerie im oberen Drittel des Turmhelms in einer Höhe von 143 m bestiegen werden.Wolfgang Lipp: Begleiter durch das Ulmer Münster. Evang. Gesamtkirchengemeinde Ulm (Hrsg.), Ulm 1977, S. 3. Aktuell ist ein Aufstieg aus Sicherheitsgründen nur bis zur zweiten Ebene über 520 Stufen auf 102 m Höhe möglich (Stand: 2025). Von hier bietet sich ein Panorama der Stadt und ihrer Umgebung. An einigen Tagen im Jahr ist bei Föhn der Blick über ganz Oberschwaben bis zu den Alpen möglich.

Geschichte alternativtext=Ulmer Münster mit Kloster Wiblingen|mini|331x331px|Seitenansicht des Ulmer Münsters, fotografiert aus dem Ulmer Stadtteil Jungingen. Im Hintergrund zu erkennen ist das Kloster Wiblingen mini|Ulmer Münster von Westen mini|Gründungsrelief im Münster mit dem Datum der Grundsteinlegung: 30. Juni 1377 mini|Turmspitze von innen (vom Treppenaufgang zur Aussichtsplattform) Pfarrkirche vor 1377 Die alte Stadtpfarrkirche Ulms lag außerhalb der Stadtummauerung nördlich des Michelsbergs, der, wie viele nach dem Erzengel Michael benannte Erhebungen, in vorgeschichtlicher Zeit wahrscheinlich ein Wotansheiligtum trug.Friedrich Pressel: Ulm und sein Münster, Ulm 1877, S. 6–8 Sie war eine Liebfrauenkirche, weshalb die zu ihr hinausführende Straße Frauenstraße und das Tor Frauentor hieß. Der Grund für diese außergewöhnliche Situation ist nicht bekannt. Friedrich Pressel nimmt an, dass die Kirche, die erst 1092 erstmals in einer Urkunde genannt wird, vorkarolingischen Ursprungs war und zu den Mutterkirchen der Region gehörte. Die legendarische Ortsüberlieferung, die die Gründung der Ulmer Pfarrkirche in das Jahr 600 verlegt, habe insofern einen historischen Kern. Erst danach seien weiter südlich die Königspfalz und der Reichenauer Klosterhof als Siedlungskerne der späteren Stadt entstanden.

Felix Fabri († 1502) berichtet, die alte Pfarrkirche sei zeitgleich mit dem Neubau abgerissen und ihre Steine für das Münster verwendet worden. Die Existenz der alten Kirche ist jedoch bis ins 15. Jahrhundert belegt, und erst 1532 schreibt ein Zeitzeuge, sie sei gänzlich verschwunden.Friedrich Pressel: Ulm und sein Münster, Ulm 1877, S. 15

Erste Bauperiode 1377–1543 mini|hochkant|links|Mittelschiff nach Osten mini|Grundriss

Da die Stadt Ulm im 14. Jahrhundert immer wieder in kriegerische Konflikte verwickelt war, ihre Pfarrkirche aber vor den Toren der Stadt stand (heute liegt dort der Hauptfriedhof), strebten die Bürger an, innerhalb der Stadtmauern eine neue Kirche zu errichten. Sie waren es leid, von der Kirche abgeschnitten zu sein, wie es zum Beispiel 1376 bei der Belagerung Ulms durch Kaiser Karl IV. geschehen war. Außerdem wollten sie sich vom Kloster Reichenau unabhängig machen, das sich die Kirche 1327 inkorporiert hatte und von den Einkünften ihrer Güter profitierte, ohne die Baulast zu tragen.Friedrich Pressel: Ulm und sein Münster, Ulm 1877, S. 12

Die Ulmer beschlossen also, die Kirche innerhalb der Stadtmauer neu zu bauen, finanziert durch die Einwohner selbst. Die Stadt hatte zu jener Zeit kaum 10.000 Bewohner. Am 30. Juni 1377 (nach der Inschrift auf dem Gründungsrelief im Münster) fand die Grundsteinlegung durch den Bürgermeister Ludwig Krafft und unter dem Baumeister Meister Heinrich II. Parler statt. Dieser hatte zuvor Erfahrungen am Heilig-Kreuz-Münster in Schwäbisch Gmünd gesammelt. Von Meister Heinrich II. Parler, der bereits vorher an der alten Pfarrkirche Ulms mitgearbeitet hatte, stammt offensichtlich auch der Bauplan für das Ulmer Münster. Dieser Plan beinhaltete eine Hallenkirche mit drei etwa gleich hohen Schiffen, einem Westturm und zwei Chortürmen. Er erbaute den Chor und die unteren Teile der Chorflankentürme.Johann Josef Böker, Anne-Christine Brehm, Julian Hanschke, Jean-Sebastien Sauve: Architektur der Gotik. Ulm und der Donauraum. Ein Bestandskatalog der mittelalterlichen Architekturzeichnungen aus Ulm, Schwaben und dem Donaugebiet. Salzburg, Wien 2011 (hier mit digital erstellten Bauphasenmodellen). Anne-Christine Brehm: Netzwerk Gotik. Das Ulmer Münster im Zentrum von Architektur- und Bautechniktransfer. Stuttgart 2020.

Der Chor, der eine Länge von 29 Metern und eine lichte Breite von 15 Metern hat, ließ bereits damals die Ausmaße des geplanten Projektes erkennen. An der Grundsteinlegung wirkten auch die Frauen der Ulmer Sammlung mit, was auf einer späteren Darstellung dieses Ereignisses zu sehen ist.

1381 wurde die Baustelle von Meister Michael Parler übernommen, der zuvor an der Dombauhütte in Prag gewirkt hatte. Er führte den Bau im Langhaus weiter, das zunächst als dreischiffige Hallenkirche mit annähernd gleich breiten und hohen Schiffen konzipiert wurde. Von 1387 bis 1391 übernahm Meister Heinrich III. Parler die Leitung der Bauhütte.

1392 wurde Ulrich Ensinger, auch Ulrich von Ensingen genannt, die Bauleitung übertragen, der zuvor in Prag und am Straßburger Münster gewirkt hatte. Er träumte von einem über 150 m hohen Hauptturm. Damit die Proportionen ausgewogen waren, sollte nun das Schiff deutlich höher werden, als die Parlers vorgesehen hatten, also eine Basilika errichtet werden. Die Planänderung ist gut zu erkennen am Höhenunterschied zwischen Mittelschiff und Chor. Am 25. Juli 1405 wurde das Münster geweiht, lediglich bedeckt durch ein provisorisches Notdach. Mit Matthäus Ensinger übernahm 1446 der Sohn von Ulrich die Bauleitung (bis 1463). Er vollendete 1449 das Chorgewölbe und 1452 das Gewölbe des Nordschiffes. Nach Matthäus’ Tod 1463 übernahm dessen Sohn Moritz Ensinger die Bauleitung. Er wölbte das Mittelschiff ein und errichtete bis 1471 das neue Sakramentshaus. Nach dem Konzept seines Großvaters war das Münster nun vollends eine Basilika.

Der neue Baumeister Matthäus Böblinger änderte 1477 die Pläne, vor allem die des Hauptturms. In seine Zeit (bis 1494) fielen die ersten massiven Schäden: Die nun unterschiedlich hohen, aber gleichermaßen ausladenden Gewölbe drohten 1492 die Pfeiler zu verbiegen und das Bauwerk zum Einsturz zu bringen. Die Nordwand des Mittelschiffs weist noch heute eine Abweichung aus dem Lot von bis zu 27 cm auf. Der Baumeister Burkhard Engelberg aus Augsburg übernahm den Bau und führte die notwendigen Sicherungen durch: Verstärkung der Fundamente des Westturms, Abbruch der schweren Seitenschiffgewölbe, Unterteilung der Seitenschiffe durch schlanke Pfeiler und Aufbau von leichteren Gewölben. Die schlanken Gewölbe der neuen paarigen Seitenschiffe liegen etwa in derselben Höhe wie die abgebrochenen breiten. Obwohl man mit einigem Aufwand eine Katastrophe abgewendet hatte, stand das Gemäuer noch dreieinhalb Jahrhunderte lang ohne die bei den meisten gotischen Basiliken üblichen Strebebögen.