mini|Blick vom Heidelberger Schloss auf die Heiliggeistkirche mini|Heiliggeistkirche Heidelberg bei Nacht vom Schlossgarten aus fotografiert. Die Heiliggeistkirche ist die größte und bedeutendste Kirche in Heidelberg. Mit der Apsis zum Marktplatz steht sie mitten in der Heidelberger Altstadt. Ihr Turm beherrscht und prägt – mit dem achteckigen Glockenturm des Schlosses – das Stadtbild.Hans Gercke: Heiliggeist – Mittelpunkt und Wahrzeichen. In: Gottfried Seebaß u. a. 2001, S. 116. Die aus rotem Neckartäler Sandstein gebaute gotische Hallenkirche mit barockem Dach und barocker Turmhaube gilt als „völlig singuläres Bauwerk von hohem künstlerischen Rang“.Anneliese Seeliger-Zeiss: Heidelberger Kirchenbaukunst. In: Elmar Mittler (Hrsg.): Heidelberg. Geschichte und Gestalt. Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 1996, ISBN 3-921524-46-6, S. 209.
Die Kirche wurde von 1398 bis 1515 errichtet und war als Grablege der Kurfürsten von der Pfalz und als repräsentatives Gotteshaus der kurpfälzischen Residenzstadt geplant. Bei schweren Zerstörungen im Pfälzischen Erbfolgekrieg wurden die Fürstengräber verwüstet, sodass sich heute nur noch das Grab des Erbauers des Chors der Kirche, Kurfürst Ruprecht III., der als Ruprecht I. deutscher König war, in der Kirche befindet. Bekannt ist die Heiliggeistkirche auch als einstiger Standort der Bibliotheca Palatina sowie wegen ihrer wechselvollen, eng mit der Geschichte Heidelbergs verknüpften, konfessionellen Geschichte. Von 1706 bis 1936 war die Kirche durch eine Scheidemauer in zwei Teile geteilt. Das Langhaus war protestantisch, der Chor katholisch. Seit 1936 gehört die gesamte Kirche zur Evangelischen Landeskirche in Baden.
Kirchenrechtliche Stellung Die Heiliggeistkirche war ursprünglich eine von der Peterskirche kirchenrechtlich abhängige Kapelle. Kurfürst Ruprecht III. erreichte im Zusammenhang mit der Gründung der Universität Heidelberg bei Papst Bonifatius IX., dass die Heiliggeistkirche aus der Abhängigkeit von der Peterskirche gelöst und zur Stiftskirche erhoben wurde. Verschiedene Pfründen, die ursprünglich an anderen Kirchen bestanden, wurden auf die Heiliggeistkirche übertragen und dienten der Finanzierung der jungen Universität, deren Professoren zugleich Stiftsherren an der Heiliggeistkirche waren. Die Einrichtung des Kollegiatstifts war 1413 abgeschlossen. Gleichzeitig fungierte die Heiliggeistkirche als Pfarrkirche für die Altstadt, während die Peterskirche die Funktion einer Pfarrkirche für die Neustadt (die nach der Stadterweiterung von 1392 hinzugekommenen Teile der heutigen Altstadt) übernahm.
Kurfürst Ottheinrich löste nach seinem Amtsantritt 1556 das Stift auf und übertrug die Pfründen an die Universität, die Heiliggeistkirche wurde zur evangelischen Pfarrkirche.
Die Heiliggeistkirche blieb der Universität seit ihrer Gründung, die mit einer Messe in der (damaligen) Heiliggeistkirche gefeiert wurde, verbunden. In der Folgezeit blieb die Heiliggeistkirche Universitätskirche, ihre Tür diente als Schwarzes Brett der Universität.Mathias Köhler: Heiliggeistkirche Heidelberg. 2006, S. 4 Im 19. Jahrhundert übernahm die Peterskirche die Funktion als Universitätskirche.
Baugeschichte mini|Heiliggeistkirche, noch mit original gotischem Kirchturm, mit Spitzhelm versehen, auf einem Gemälde von Jacques Fouquières um 1618. Links im Bild, das Heidelberger Schloss vor seiner Zerstörung 1693. Eine dem Heiligen Geist geweihte Kirche am Heidelberger Marktplatz wurde im Jahr 1239 in einer Urkunde des Klosters Schönau zum ersten Mal erwähnt.Richard Benz: Heidelberg. Schicksal und Geist. 2. Auflage. Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1975, ISBN 3-7995-4008-3, S. 49. Weitere Erwähnungen folgen erst in den Jahren 1353 und 1358.Wolfgang von Moers-Messmer: Heidelberg und seine Kurfürsten. Die große Zeit der Geschichte Heidelbergs als Haupt- und Residenzstadt der Kurpfalz. Ubstadt-Weiher 2001, ISBN 3-89735-160-9, S. 11.
Bei der im Jahr 1239 erwähnten Kirche handelte es sich um eine spätromanische Basilika, von welcher im Jahr 1936 eine Apsis ausgegraben wurde. Um 1300,Mathias Köhler: Heiliggeistkirche Heidelberg. 2006, S. 14. vielleicht aber auch schon zwischen 1278 und 1288,Wolfgang von Moers-Messmer: Heidelberg und seine Kurfürsten. Die große Zeit der Geschichte Heidelbergs als Haupt- und Residenzstadt der Kurpfalz. Ubstadt-Weiher 2001, ISBN 3-89735-160-9, S. 12. wurde sie zu einer dreischiffigen spätromanischen oder bereits gotischen Kirche umgestaltet.Anneliese Seeliger-Zeiss: Heidelberger Kirchenbaukunst am Beispiel der Heiliggeistkirche. In: Gottfried Seebaß u. a., 2001, S. 27. Diese Kirche war halb so lang wie die jetzige und ist durch Ausgrabungen in den Jahren 1886 sowie 1936 bis 1942 gut dokumentiert.Mathias Köhler: Heiliggeistkirche Heidelberg. 2006, S. 15 Als Grund für diesen Umbau wird ein Brand vermutet, dem ein Hochwasser vorausgegangen sein soll.
Kurfürst Ruprecht III. ließ anstelle des bisherigen Chores ab 1398 einen hohen und lichten Hallenchor erbauen. Da Heidelberg unter der Herrschaft Ruprechts I. die alten Zentren Bacharach, Alzey und Neustadt verdrängt hatte und alleinige kurpfälzische Residenzstadt geworden war,Andreas Cser: Kleine Geschichte der Stadt und Universität Heidelberg. Karlsruhe 2007, ISBN 978-3-7650-8337-2, S. 19f. Davon, dass Heidelberg zur Zeit Ruprechts I. Residenzstadt war, spricht auch Meinrad Schaab: Geschichte der Kurpfalz. Band 1, 2. Auflage. Stuttgart 1999, ISBN 3-17-015673-X, S. 112, 120. sollte es, seinem Rang entsprechend, eine große und repräsentative Kirche erhalten, die auch als künftige Grablege der Pfälzer Kurfürsten bestimmt war. Diese repräsentative Funktion erhielt besonderes Gewicht, als Ruprecht III. zum deutschen König gewählt wurde und der Chor der Heiliggeistkirche dereinst das Grab eines Königs aufnehmen sollte. Der Chor wurde vermutlich schon 1410 zur Beisetzung von Ruprecht III. vollendet.
Ursprünglich war der Bau eines neuen Langhauses nicht vorgesehen. Die Kombination eines hohen, stattlichen Chores mit einem älteren und kleineren Langhaus findet man heute noch bei der Sebaldus-Kirche in Nürnberg. Unter Kurfürst Ludwig III. wurde dann doch mit dem Bau eines neuen Langhauses begonnen, das 1441 fertiggestellt und genauso hoch wie der Chor war. Chor und Langhaus bilden äußerlich eine Einheit. Wahrscheinlich schon im Jahr 1441 wurde auch mit dem Bau des Westturms begonnen. Die Arbeiten mussten jedoch bis 1508 unterbrochen werden. Wahrscheinlich 1515 wurde der Turm – damals mit einem spitzen gotischen Helm – vollendet.Marlis Keller: Die Heiliggeistkirche. Ein Spaziergang zum Kennenlernen. in: Gottfried Seebaß u. a., 2001, S. 125
Als Baumeister nennen Urkunden einen Heidelberger Bürger namens Arnold Rype, der zeitweilig auch Bürgermeister der Stadt war. Im damaligen Sprachgebrauch meinte man mit Baumeister jedoch nicht den Architekten, sondern den – oft ehren- oder nebenamtlich tätigen – Finanzkoordinator.Herbert Derwein: Zur mittelalterlichen Baugeschichte Heidelbergs. In: Karl Schwingel (Hrsg.): Festschrift für Karl Lohmeyer. West-Ost-Verlag, Saarbrücken 1954, S. 10–13, hier S. 10 f. Von den Architekten der Heiliggeistkirche kennt man lediglich Hans Marx, welcher 1423 in einer Urkunde erwähnt wird und bis 1426 an der Kirche arbeitete, sowie Jorg, der bis 1439 zuständig war. Beide beaufsichtigten wahrscheinlich die Arbeiten am Langhaus. Unter Friedrich dem Siegreichen kam der berühmte Turmbauspezialist Niclaus Eseler aus Mainz nach Heidelberg, der vermutlich den Großteil der Arbeiten am Turm der Heiliggeistkirche durchführte, der jedoch erst in der letzten Bauphase von Lorenz Lechler vollendet wurde.
Am 22. Mai 1693 wurde die Kirche während des Pfälzischen Erbfolgekrieges schwer beschädigt. Französische Truppen sperrten eine große Menschenmenge in der Heiliggeistkirche ein und steckten die Kirche in Brand. Erst als bereits Glocken, Balken und Gewölbeteile herabstürzten, wurde auf Bitten des jungen reformierten Pfarrers Johann Daniel Schmidtmann eine Tür geöffnet. Bei der Flucht aus der Kirche wurden viele Menschen erdrückt, andere von französischen Soldaten, die die Kirche plünderten, misshandelt.Oliver Fink: Kleine Heidelberger Stadtgeschichte. Regensburg 2005, ISBN 3-7917-1971-8, S. 72f.
In den Jahren 1698 bis 1700 wurde das Dach in damals moderner gebrochener Form wiederhergestellt. Bei dem Dach handelt es sich um eines der frühesten noch komplett erhaltenen Mansarddächer in Deutschland.Alexander Wiesneth: Eines der frühesten Mansarddächer Deutschlands. Anmerkungen zum Dachwerk der Heiliggeistkirche in Heidelberg. In: Frieder Hepp, Hans-Martin Mumm (Hrsg.): Heidelberg im Barock. Der Wiederaufbau der Stadt nach den Zerstörungen von 1689 und 1693. Heidelberg 2009, ISBN 978-3-88423-323-8, S. 181. 1709 erhielt der Turm seine barocke welsche Haube.Mathias Köhler: Heiliggeistkirche Heidelberg. 2006, S. 17. Zwischenzeitlich angebrachte Seitenkapellen wurden bei dem Wiederaufbau entfernt.
Von 1978 bis 1985 wurde die Kirche umfassend restauriert; dabei wurde die ursprüngliche, auf Rottönen basierende Farbgebung wiederhergestellt.
Architektur Die Heiliggeistkirche ist aus sorgfältig behauenen Sandsteinquadern aus dem Neckartal erbaut.Mathias Köhler: Heiliggeistkirche Heidelberg. 2006, S. 18. Der Hallenumgangschor ist mit einer dreischiffigen Emporenhalle unter einem durchlaufenden Dach verbunden.Anneliese Seeliger-Zeiss: Heidelberger Kirchenbaukunst am Beispiel der Heiliggeistkirche. In: Gottfried Seebaß u. a., 2001, S. 29. Eine derartige Emporenhalle findet man in Süddeutschland äußerst selten.Mathias Köhler: Heiliggeistkirche Heidelberg. 2006, S. 16 Den Durchgang vom Mittelschiff zu den Seitenschiffen bilden sechs Arkaden mit schlanken, kapitelllosen Rundpfeilern.Mathias Köhler: Heiliggeistkirche Heidelberg. 2006, S. 20. Der gesamte Kirchenraum ist von einem einfachen Kreuzrippengewölbe überdeckt.
Das Niveau der nördlichen Empore liegt über dem der Südempore.Anneliese Seeliger-Zeiss: Heidelberger Kirchenbaukunst am Beispiel der Heiliggeistkirche. In: Gottfried Seebaß u. a., 2001, S. 30. Ungewöhnlich ist, dass die Seitenschiffe breiter als das Mittelschiff sind. Dies beruht darauf, dass die Emporen der Seitenschiffe von Anfang an dazu bestimmt waren, die Bibliothek des Kurfürsten Ludwig III. aufzunehmen. Eine weitere Besonderheit liegt darin, dass die Hauptblickachse nicht wie üblich auf ein Fenster im Chor, sondern auf einen Strebepfeiler gerichtet ist. Dieses kühne Motiv der Achsenverschränkung ist bei Kirchenbauten der Parler-Schule oft zu finden. Eine baugeschichtliche Besonderheit stellt die Einziehung des Chormittelschiffs zum Triumphbogen dar.
An den Längsseiten der Kirche befinden sich gestufte, bis auf einige Wasserspeier schmucklose Strebevorlagen, dazwischen jeweils zwei übereinander angeordnete Maßwerkfenster, die großen am Chor mit drei oder vier Pässen. Der schlanke Westturm ist in den Baukörper eingezogen und besitzt ein achteckiges Glockengeschoss mit einer markanten Barockhaube.
Äußeres mini|Allianzwappen von Kurfürst Johann Wilhelm und Gemahlin Anna Maria de’ Medici mini|Blick von der Hauptstraße über den Wochenmarkt auf dem Rathausplatz auf die Heiliggeistkirche Kennzeichnend für das Äußere der Heiliggeistkirche ist eine gewisse Monumentalität unter Verzicht auf Architekturdetails. An der Nordseite des Chors ist eine Sakristei angebaut mit einer gemalten Strahlenkranzmadonna an der Nordostecke als einzigem Schmuck. Das Gemälde stammt aus dem späten Mittelalter und wurde im 19. Jahrhundert sowie im Jahre 1987 restauriert.Marlis Keller: Die Heiliggeistkirche. Ein Spaziergang zum Kennenlernen. In: Gottfried Seebaß u. a., 2001, S. 126.