t.A.T.u. () ist ein aus Russland stammendes Pop-Duo, bestehend aus den beiden Sängerinnen Jelena Katina und Julija Wolkowa. Das zu den bekannten Stars der modernen russischen Popmusik zählende Duo erregte Medienaufmerksamkeit durch das bewusste Brechen von Tabus, wie offenkundiges Zurschaustellen von Erotik und ihre vorgebliche lesbische Beziehung.

Zwischen 2002 und 2006 waren sie als erste russische Interpreten seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion auch außerhalb des ehemaligen Ostblocks erfolgreich und setzten in diesem Zeitraum über acht Millionen Tonträger ab.End of contractual relationship with Universal/Interscope Music, 30. August 2006 2003 vertraten t.A.T.u. Russland beim Eurovision Song Contest in Riga. Das Duo gilt als die kommerziell erfolgreichste Gruppe der russischen Musikgeschichte.Homophobie? Russland kann auch anders. Welt Online, 18. August 2013

Geschichte 1999–2002: 200 Po Wstretschnoi 1999 organisierte der Musikproduzent Iwan Nikolajewitsch Schapowalow ein Casting in Moskau, um für sein Projekt eine passende Sängerin zu finden. Aus den 500 Bewerberinnen wurde die damals 14-jährige Katina ausgewählt und nach der Produktion erster Demo-Aufnahmen entschied Schapowalow, ein Duo zu formen. Dazu wählte er die damals ebenfalls 14-jährige Wolkowa als zweite Sängerin aus. Das Image des neuen Duos wurde vorgegeben: Lolitas sollten es sein, mit lesbischen Neigungen, die Aufsehen erregen, weil sie sich während ihrer Konzerte teilweise entkleiden. Das Kürzel sollte für (Ta ljubit Tu) stehen, was so viel bedeutet wie „Die eine liebt die andere“. Für den internationalen Musikmarkt musste der Name geändert werden, da es bereits eine australische Gruppe mit dem Namen Tatu gab. Daher wurde als neuer internationaler Name t.A.T.u. gewählt. In dieser frühen Phase war der Entwicklungsprozess der Band auf einige wenige Personen beschränkt. Die frühere NTW-Fernsehreporterin Jelena Wladimirowna Kiper schrieb gemeinsam mit Waleri Poljenko die Liedtexte, der Moskauer DJ Sergio Galoyan komponierte die Lieder, und der mit einer Computerfirma zu Geld gekommene Geschäftsmann Boris Renski finanzierte das Projekt.Eigentümer der Computerfirma R&K Iwan Schapowalow fungierte als Manager, Produzent und Videoregisseur der Gruppe, beteiligte sich ferner aber auch am kreativen Prozess wie dem Schreiben der Liedtexte. Im Sommer 2000 stand das Projekt kurzzeitig vor dem Aus, da Geldgeber Boris Renski nicht an eine erfolgreiche Karriere des Duos glaubte. Schapowalow gelang es jedoch, Renski zur Zahlung einer letzten Geldsumme zu überreden, mit der das Musikvideo zur ersten Single produziert werden konnte.Dokumentation des Senders NTV über t.A.T.u.

Im Dezember 2000 erschien mit (Ja soschla s uma, zu deutsch „Ich habe meinen Verstand verloren“) die erste Single, die in Russland schnell große Popularität gewann. Das zum Lied gehörende Musikvideo greift das Image der Band auf und handelt von der Liebe zwischen zwei Schulmädchen. Am 19. Mai 2001 schlossen das Bandmanagement und Universal Music Russland einen Plattenvertrag ab, in dem t.A.T.u. sich dazu verpflichtete, drei Alben über das Plattenlabel zu veröffentlichen.Bandbiographie auf iTunes.apple.com Kurz darauf erschien die zweite Single, (Nas ne dogonjat – „Sie werden uns nicht kriegen“), die gute Sendewerte im Radio und auf den Musikkanälen Russlands und der ehemaligen Ostblockstaaten erzielen konnte. In ihrer Heimat Russland sowie in den osteuropäischen Staaten Polen, Bulgarien, der Slowakei und Tschechien wurde das am 21. Mai veröffentlichte Debütalbum „200 По Встречной“ (200 Po Wstretschnoi – „200 in Gegenrichtung“) zu einem großen Erfolg und stieg in allen fünf Ländern auf Platz eins der Albumcharts. Am 2. Juni 2001 wurde t.A.T.u. vom Radiosender Hit FM im Moskauer Kreml der 100 Pound Hit Award für Ja soschla s uma verliehen.100 Pound Hit Award MTV Russland zeichnete das Musikvideo als das Beste des Jahres aus.MTV Russland Musikvideo des Jahres Mit (30 minut – „30 Minuten“) erschien im Herbst 2001 die dritte Single des Duos.

Die Gruppe ging auf Tour in Russland, Belarus, der Ukraine, den baltischen Staaten, der Slowakei, Tschechien, Bulgarien, Aserbaidschan, Kasachstan, Israel und Deutschland und gab im Jahr 2001 über 150 Konzerte in zahlreichen Städten. Im Januar 2002 wurde t.A.T.u. von der russischen Sektion der IFPI ausgezeichnet, da ihr Album mit mehr als zwei Millionen verkauften Exemplaren das erfolgreichste des Jahres war. Im Februar 2002 wurde eine Extended Edition veröffentlicht, die mit (Klouny – „Clowns“) ein neues Lied enthielt und sich ähnlich gut vermarktete. Am 15. Mai wurde das Duo erneut mit einem Preis durch die IFPI bedacht: Als ersten und bis heute (Stand: April 2021) einzigen osteuropäischen Interpreten war es t.A.T.u. gelungen, über eine Million Exemplare eines Albums in Europa abzusetzen, wofür das Duo mit dem IFPI Platinum Europe Award geehrt wurde.'200 KM/H in the Wrong Lane' auf Billboard.com Am 30. Mai 2002 erschien (Prostyje dwischenija – „Einfache Bewegungen“) und damit die letzte neue Veröffentlichung, bevor sich t.A.T.u. zur Aufnahme des englischsprachigen Debütalbums ins Tonstudio zurückzog.

2003–2004: 200 km/h in the Wrong Lane Der Schulmädchen-Ruf und das Lesbenklischee wurden nicht nur in ihrem Musikvideo zu All the Things She Said untermauert, in dem Wolkowa und Katina in inniger Umarmung und eindeutigen Stellungen zu sehen sind, sondern auch durch ihre öffentlichen Auftritte, bei denen die beiden Sängerinnen einander oft demonstrativ und intensiv küssten. Der Siegeszug der „Pop-Lolitas“ wurde von einem musikalischen Schwergewicht mitgestaltet: Trevor Horn, dem Macher von Frankie Goes to Hollywood. Unter seiner Führung wurde der t.A.T.u.-Sound komplett überarbeitet, die Texte ins Englische übersetzt und das Produkt auf den europäischen und US-amerikanischen Markt zugeschnitten.

Ende 2002 wurde die erste Single auf Englisch ausgekoppelt, Anfang 2003 erschien dann das ursprünglich russische Album unter dem Titel 200 km/h in the Wrong Lane auf Englisch. Auf dieser CD sind auch zwei russische Lieder enthalten. Die Lieder (Robot – „Roboter“) und (Dostschitai do sta – „Zähle bis Hundert“) fehlen jedoch auf der englischen CD. Ähnlich wie zuvor in Russland stieß das Duo nun auch in Europa und den USA auf ein breites Echo. Die Kontroversen um t.A.T.u. förderten die allgemeine Bekanntheit der Sängerinnen und ließen die Single All the Things She Said wochenlang auf Platz eins vieler europäischer Charts steigen. Auch in den USA, Kanada und Japan erzielte das Duo große Absatzzahlen.

Im Zuge eines im April 2003 geführten Interviews mit dem BBC Radio 1 äußerte sich Julija Wolkowa folgendermaßen zum „Lesben-Image“ des Duos:

mini|Die Sängerinnen von t.A.T.u. küssend während eines Auftritts. 2003 war t.A.T.u. Russlands Kandidat beim Eurovision Song Contest 2003 und erreichte mit dem Titel „“ (Ne wer, ne boisja, ne prossi – „Glaube nicht, fürchte nicht, bitte nicht“) den dritten Platz. Im Vorfeld war gerätselt worden, ob sich die beiden Sängerinnen während ihres Auftrittes küssen würden. Für diesen Fall kündigte die ESC-Leitung an, die Liveübertragung zu unterbrechen und Videomaterial der Generalproben einzuspielen.Song Contest: Beth und t.A.T.u. bei den Buchmachern vorne DiePresse.com Außerdem war die Teilnahme Wolkowas am Song Contest bis zuletzt offengeblieben, da diese bei der Generalprobe ausgefallen war und sich noch wenige Stunden vor dem Auftritt in ärztlicher Behandlung befunden hatte. Wie sich später herausstellte, war der Grund hierfür eine Zyste im Hals, die dazu führte, dass sie die für ihre Stimme charakteristischen hohen Kopfstimmtöne nicht mehr singen konnte.

Am 14. November 2003 erschien die t.A.T.u.-Musik-DVD Screaming for More in Deutschland. Auf dieser DVD sind englische und russische Musikvideos der bis dahin erschienenen Singles, Spezialberichte mit Interviews („Behind the scenes“), ein Poster sowie zwei live gesungene Lieder enthalten. Am 1. und 2. Dezember 2003 gab t.A.T.u. Konzerte im Tokyo Dome in Japan, die als Auftakt für eine Show Me Love World Tour beworben wurden. Die beiden Konzerte wurden jeweils von rund 25.000 Menschen besucht und obwohl t.A.T.u. nur äußerst selten vor so großem Publikum auftrat, wären Medienberichten zufolge mindestens 35.000 Besucher pro Konzert nötig gewesen, um die Shows profitabel zu machen.

2004 startete die 13-teilige Fernsehserie „t.A.T.u. “ (t.A.T.u. w Podnebesnoi – „t.A.T.u. unterm Himmel“), die das Duo im Alltag und bei den Aufnahmen zum neuen Album zeigen sollte. Tatsächlich aber waren Katina und Wolkowa kaum zu sehen. Stattdessen nutzte ihr Produzent Schapowalow die Sendung, um sich selbst und andere Projekte zu vermarkten. Dies und Meinungsverschiedenheiten über die musikalische Entwicklung von t.A.T.u. führten schließlich dazu, dass sich das Duo von Schapowalow trennte.Interview mit Schapowalow: Ich finde es nicht provokant, wenn sich zwei junge Mädchen auf der Bühne küssen. In: Intro 11, 2004. Zur Serie erschien das Album mit dem t.A.T.u.-Schriftzug auf dem Cover. Es enthält allerdings lediglich ein Lied der Band ( – Belotschka, „Eichhörnchen“), das wiederum nur eine Demo-Aufnahme von Katina ist.

Die Trennung von Manager Schapowalow führte neben der Unterbrechung der Albumaufnahmen auch zur Beendigung eines weiteren Projekts. Die für November 2004 geplante Kinopremiere des japanischen Animefilms „t.A.T.u. Paragate“ wurde abgesagt, die seit November 2003 laufenden Arbeiten am Projekt trotz bereits angelaufener Werbemaßnahmen (Filmposter, Stände auf Anime-Conventions, Merchandisingartikel wie T-Shirts und Kappen) eingestellt. Für den 100-minütigen Film waren dem Produzenten Shin’ichirō Watanabe 4,7 Millionen US-Dollar Budget zur Verfügung gestellt worden.Presseberichte zum Film „t.A.T.u. Paragate“ Da lediglich einige Konzeptzeichnungen veröffentlicht wurden, ist unklar, wie weit die Filmproduktion in den zwölf Monaten der Produktion bereits fortgeschritten war.kidfenris.blogspot.de Im Januar 2005 wurde die offizielle Filmhomepage abgeschaltet.

2005–2006: Dangerous and Moving mini|t.A.T.u. bei einem Auftritt im Oktober 2005 in Moskau Die beiden Künstlerinnen arbeiteten ein halbes Jahr lang in Los Angeles an ihrem dritten Album Dangerous and Moving. Auch eine russische Version des Albums wurde fertiggestellt, die den Namen (Ljudi Inwalidy, übersetzt etwa: „Behinderte Leute“) trägt. Das Duo erklärte in der Presse, dass sich der Titel – entgegen den Vermutungen, er sei ein verbaler Angriff auf alle Behinderten – nicht auf körperliche Behinderungen, sondern auf die seelischen und moralischen Unzulänglichkeiten von Menschen beziehe.Gazeta.ru, 22. November 2006 Die Alben setzen sich inhaltlich mit Themen wie Prostitution, Vergewaltigung und Wollust auseinander. Am 12. September 2005 war das Musikvideo zu All About Us, der ersten Single aus dem dritten Album, erstmals auf den Musiksendern zu sehen, am 18. August 2005 erschien die unzensierte Version des Videos. In diesem wird Wolkowa geschlagen und gewürgt. Das Video endet mit einer Erschießung. In Deutschland und den USA wurden diese Szenen zensiert. In Großbritannien und Österreich hingegen darf das Video unzensiert gesendet werden.

Im Herbst 2005 startete t.A.T.u. die bis Dezember 2006 dauernde Dangerous and Moving Tour durch Asien und Europa, um ihr Album Dangerous and Moving zu präsentieren. Im Dezember 2005 coverte die kalifornische Gruppe Flipsyde t.A.T.u.s Lied Gomenasai. Das Lied von Flipsyde heißt Happy Birthday und ist an ein Kind gerichtet, das abgetrieben wurde. („Gomenasai“ ist Japanisch und bedeutet übersetzt „Entschuldigung“, wobei die korrekte Schreibweise „gomen nasai“ wäre.) Klavierpart sowie Katinas und Wolkowas Gesang sind in Happy Birthday übernommen worden.