mini|hochkant|Archetypische Liebhaber Romeo und Julia, Frank Dicksee (1884)
Liebe (über mittelhochdeutsch liep, „Gutes, Angenehmes, Wertes“ von indogermanisch *leubh- gern, lieb haben, begehrenim Deutschen sprachverwandt mit loben: Ge- und Verlöbnis sowie Gelübde; erlauben: Urlaub und Verlaub; sowie glauben: glaubhaft und beglaubigen sowie Gläubiger.) ist eine Bezeichnung für stärkste Zuneigung und Wertschätzung.
Nach engerem und verbreitetem Verständnis ist Liebe ein starkes Gefühl, mit der Haltung inniger und tiefer Verbundenheit zu einer Person (oder Personengruppe), die den Zweck oder den Nutzen einer zwischenmenschlichen Beziehung übersteigt und sich in der Regel durch eine entgegenkommende tätige Zuwendung zum anderen ausdrückt. Liebe kann unabhängig davon empfunden werden, ob sie erwidert wird oder nicht.
Insbesondere in der Entwicklung eines heranwachsenden Menschen ist die Erfahrung liebender Zuwendung unabdingbar. Absoluter Mangel an Liebe führt beim Kind zu Hospitalismus. Fehlentwicklungen der Liebesfähigkeit sind im Sinne des „reinen“ Liebesbegriffes das Besitzdenken (Eifersucht) oder verschiedene Formen der freiwilligen Abhängigkeit bzw. Aufgabe der Autonomie bis hin zur Hörigkeit.
Begriffliches In anderen Sprachen werden verschiedene Begriffe unterschieden. So kennt beispielsweise das Koine-griechische und damit die Bibel neben der Eros-Liebe () die Begriffe der Freundes- oder Nächstenliebe (, auch Bruderliebe: ) und der aufopferungsbereiten, göttlichen Liebe (), die beide in keiner Weise sexuell konnotiert waren (vgl. ). Dazu kommt noch , der poetisch gebrauchte Begriff für Liebe, besonders für jene zwischen Eltern und Kind.
Im Latein wird zwischen auf der einen und auf der anderen Seite unterschieden, wobei letzteres auch für φιλεῖν gebraucht wird.(Originaltitel: De Civitate Dei. 5. Jahrhundert. Übersetzt von Alfred Schröder). Der Dichter Catull (1. Jahrhundert v. Chr.) unterscheidet in seinem carmen 78 diligere, das er mit innerfamilialer Zuneigung assoziiert, vom deutlich erotisch getönten amare und schließlich von benevelle, das in die Sphäre der Freundschaft gehört und Stetigkeit, Verlässlichkeit und Treue impliziert.Hans Peter Syndikus: Catull. Eine Interpretation. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1984, Bd. 3, S. 9–13. Im christlichen Kontext kam noch als Übersetzung der Apage die Caritas dazu, die Liebe Gottes zu den Menschen und gleichzeitig die Liebe des Menschen zu sich selbst und zum Mitmenschen.Paul Schmidle: Caritas, Caritasverband. In: Evangelisches Kirchenlexikon. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1984, Bd. 1, Sp. 634.
mini|hochkant=1.2|„Die Liebe“ (1904), Bild aus dem Zyklus zur Liebe von Ferdinand Hodler Die deutsche Sprache kennt diese Unterscheidung nicht. So wird hier nicht unterschieden, ob es sich um eine tiefe Zuneigung innerhalb eines Familienverbundes (Elternliebe, Geschwisterliebe), eine Geistesverwandtschaft, oder aber um ein körperliches Begehren handelt. Allein dieses Begehren ist als körperliche Liebe eng mit der Sexualität verbunden, die jedoch nicht unbedingt auch ausgelebt zu werden braucht (vgl. platonische Liebe).
Ausgehend von dieser ersten Bedeutung wurde der Begriff in der Umgangssprache und in der Tradition schon immer auch im übertragenen Sinne verwendet und steht dann allgemein für die stärkste Form der Hinwendung zu anderen Lebewesen, Dingen, Tätigkeiten oder Ideen. Diese allgemeine Interpretation versteht Liebe also zugleich als Metapher für den Ausdruck tiefer Wertschätzung.
Kulturgeschichtlich und historisch ist „Liebe“ ein schillernder Begriff, der nicht nur in der deutschen Sprache in vielfältigen Kontexten und in den unterschiedlichsten Konnotationen verwendet wird. Das Phänomen wurde in den verschiedenen Epochen, Kulturen und Gesellschaften unterschiedlich aufgefasst und erlebt. Jede Zeit und jeder soziale Verband setzt je eigene Verhaltensregeln für den Umgang mit der Liebe. Daher können die Bedeutungsebenen der Liebe zwischen der sinnlichen Empfindung, dem Gefühl und der ethischen Grundhaltung wechseln.
Liebe wird schließlich von der Verliebtheit unterschieden. Verliebtheit ist in ihrem sehnsüchtigen Begehren vor allem auf das Wohl der verliebten Person selbst ausgerichtet, während Liebe das Wohl der geliebten Person oder Sache sucht – sogar über das Maß des Eigennutzes hinaus.vgl.
Ebenso vielschichtig wie die Bedeutungen der Liebe sind die Bedeutungen ihrer Antonyme. Im Hinblick auf die emotionale Anziehung zwischen Personen ist es der Hass. Im Sinne der Abwesenheit von Liebe kann aber auch die Gleichgültigkeit als Antagonismus angesehen werden.
Liebe als intersubjektive Anerkennung Liebe wird häufig als eine auf den freien Willen gegründete Beziehung zwischen zwei Personen gesehen, die ihren Wert nicht im Besitz des adressierten Objekts findet, sondern sich im dialogischen Raum zwischen den Liebenden entfaltet. Die Liebenden erkennen einander in ihrer Existenz wechselseitig an und fördern sich „zueinander strebend“ gegenseitig.
Liebe wird teilweise als anomisches und entgrenzendes Gegenmodell zu den Beschränkungen, Anforderungen, Funktionalisierungen und Ökonomisierungen der menschlichen Alltags- und Arbeitswelt aufgefasst. Liebe ist kein bewusster oder rationaler Entschluss der Liebenden; gleichwohl ist sie nicht irrational.
Im Sinne des Diskurses der Anerkennung (zum Beispiel John Rawls, Axel Honneth) enthält Liebe die von Hegel betonte „Idee der wechselseitigen Anerkennung“, was ihr ein moralisches Fundament verleiht. Liebe ist daher für Honneth neben dem Recht und der Solidarität eines der drei „Muster intersubjektiver Anerkennung“.Axel Honneth: Intersubjektive Bedingungen personaler Integrität: ein formales Konzept der Sittlichkeit. In: Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte. 1. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1994, ISBN 978-3-518-28729-3, S. 274–288. Liebe zeichnet sich demnach in Freundschaften und in auf Liebe gegründeten Beziehungen durch emotionale Zugewandtheit und Wohlwollen aus. Das praktische Erleben von Liebe ermöglicht Selbstvertrauen und ist identitätsstiftend. Das heißt, dass im Sozialisationsprozess Forderungen an Identitätsbildung geltend gemacht werden. Zu deren Erfüllung leistet Liebe einen Beitrag, indem einer Person positive Eigenschaften zugeordnet werden und die Persönlichkeit Zustimmung erfährt. Somit bestärkt die durch Liebe erfahrene soziale Anerkennung die Herausbildung einer intakten Identität. Darüber hinaus unterscheidet beziehungsweise erweitert die moralische Grundierung Liebe auch vom reinen Trieb.
Liebesbegriffe in der Antike A2Determinativ von Tätigkeiten, die mit dem Mund oder dem Kopf ausgeführt werden, wie z. B. „essen“ (wnm), „trinken“ (sw(r)j), „sprechen“ (mdwj), „denken“ (k3j), „fühlen“ (jb), „berichten“ (smj), „schweigen“ (sgr) und „lieben“ (mrj)N36Determinativ und Ideogramm für Kanal, lieben, Fluss, See und Nil.U6!U7(mr) Determinativ und Ideogramm für lieben (nur Ideogramm), aufhacken und Boden kultivieren. Die ägyptische Antike hat Schriftzeugnisse hinterlassen, die einem gänzlich von dem unseren verschiedenen Sprachkonzept folgen, während die mündlichen Äußerungen dieser Sprache nur mühsam rekonstruiert werden können. Immerhin sind einige Zeichen, wie nebenstehend, bekannt. (Siehe Gardiner-Liste)
Altgriechisch unterscheidet mehrere Wörter für Liebe. Zwar war es historisch teilweise schwierig, die Bedeutungen dieser Wörter vollständig zu trennen; so hat der altgriechische Text der Bibel Beispiele dafür, dass das Verb agapao () ähnlich wie phileo () verstanden werden konnte. Doch wird die abendländische Auffassung von Liebe von der Dreiteilung der antiken Terminologie geprägt. Diese umfasst drei Begriffe, die unterschiedliche Formen von Liebe bezeichneten: Philía – bezeichnet die Freundesliebe, wie auch die Bruderliebe. Agápe – bezeichnet die selbstlose und fördernde Liebe, auch Nächstenliebe und Feindesliebe. Éros – bezeichnet eine begeisterte, leidenschaftliche Liebe, die zunächst einem schönen Körper, dann aber auch einer schönen Seele und schließlich höheren Zielen im Allgemeinen gelten kann.
Zu Éros beschreibt Platon in seinem Symposion eine „Liebesleiter“, auf der ein Mensch mit der Liebe zu einem konkreten schönen Leib () beginnen und dabei schöne Worte hervorbringen soll. Dann aber soll er sich zunächst zu schönen Körpern allgemein und nach Zwischenschritten schließlich über Schönheit von Erkenntnis hin zur Schönheit im Allgemeinen wenden. Der in diesen Aussagen verwendete Begriff der „Schönheit“ ist dabei regelmäßig und meint auch „das Gute“ und wird bei ihm ebenfalls eingehend beschrieben.
Neben Philía, Agápe und Éros ist dann noch Verwandtschaft oder Vertrautheit () zu nennen. Wie nah sich die Begriffe waren, zeigt sich wohl darin, dass dem Middle Liddell zufolge in antiken Texten mit „liebevoll behandeln, liebkosen, lieben“ zu übersetzen ist. Später wird in dieses Wort für eine Übersetzung des hebräischen gebraucht.
Dieser hebräische Begriff, den Jesus hier im Gebot, „Liebe Deinen Nächsten, wie dich selbst“ aus zitiert, unterscheidet wiederum nicht zwischen Nächstenliebe, innerfamiliärer Liebe und dem sexuellen Aspekt, der wiederum jedoch meist mit einem ganzheitlichen, also auch aktiv handelnden Erkennen , wie in ausgedrückt wird.
Die lateinische Sprache hat verschiedene Wörter, die ins heutige deutsche Wort Liebe übersetzt werden können. Amo ist das grundlegende Verb, das „ich liebe“, mit dem Infinitiv amare (lieben), wie es heute noch auf Italienisch heißt. Die Römer benutzten es sowohl im Sinne einer innig wohlwollenden Zuwendung, als auch im Sinne sexuellen Begehrens. Das entsprechende Substantiv ist amor (die Bedeutung dieses Begriffs für die Römer wird dadurch deutlich, dass der Name der Stadt Rom – lateinisch: Roma – ein Anagramm für amor ist, das in der Antike in weiten Kreisen als geheimer Name der Stadt verwendet wurde) und auch in der Pluralform verwendet wird, um Liebesaffären oder sexuelle Abenteuer anzuzeigen. Dieselbe Wurzel produziert auch amicus (Freund) und amicitia (Freundschaft, oft zum gegenseitigen Vorteil, womit es manchmal eher „Verschuldung“ oder „Einfluss“ entspricht). Cicero schrieb eine Abhandlung mit dem Titel Laelius de amicitia, die den Begriff ausführlich diskutiert. Ovid schrieb einen Leitfaden mit dem Namen Ars amatoria (Die Kunst der Liebe), in dem er Hinweise für beide Geschlechter gab, wo und wie ein (außerehelicher) Liebespartner zu finden sei, und wie sich die Beziehung dauerhaft gestalten ließe.
Die genauen Bedeutungen und Schwerpunkte der Begriffe haben sich im Laufe der Zeit verändert, sodass – im Gegensatz zum ursprünglich Gemeinten – unter „platonischer Liebe“ heute ein rein geistig-seelisches Prinzip ohne körperliche Beteiligung und Besitzwunsch verstanden wird, dem das leiblich-erotische Modell von geschlechtlicher Liebe schroff gegenübergestellt wird.