mini|Karl Böhm (um 1950)class=notpageimage|rahmenlos Karl August Leopold Böhm (* 28. August 1894 in Graz, Österreich-Ungarn; † 14. August 1981 in Salzburg) war ein österreichisch-deutscher Dirigent.
Leben Frühe Jahre mini|Böhm-Schlössl in Graz mini|Mit Frau Thea und Sohn Karlheinz in seiner Wiener Wohnung
Karl Böhm wurde als Sohn des Grazer Rechtsanwalts Leopold Böhm (1865–1933) und seiner Frau Sophie, geb. Franz (1873–1952), im Böhm-Schlössl im Grazer Stadtbezirk Gries (heute: Maria-Stromberger-Gasse) geboren.Wer ist wer? Das deutsche Who’s Who. XVI. Ausgabe (1969/70), Bd. 1: Bundesrepublik Deutschland/West-Berlin, Berlin 1969, S. 106. Böhm stammte väterlicherseits von Deutschböhmen aus dem Egerland und mütterlicherseits von Elsässern ab. Er studierte zunächst wie sein Vater die Jurisprudenz und promovierte zum Doktor der Rechte. Sein Ziel war es in seiner frühen Jugend noch, Pianist zu werden, doch erkannte er, für den Dirigentenberuf geschaffen zu sein. Er studierte am Wiener und am Grazer Konservatorium Klavier und Musiktheorie.
Böhms Dirigentenkarriere begann 1917 in seiner Heimatstadt Graz. Mit der Unterstützung von Bruno Walter berief man ihn 1921 an die Oper München. 1927 wurde er Generalmusikdirektor in Darmstadt. Im selben Jahr heiratete er die Sopranistin Thea Linhard. Das einzige Kind aus dieser Ehe war der Schauspieler Karlheinz Böhm (1928–2014), der die Hilfsorganisation „Menschen für Menschen“ gründete. Die Schauspielerinnen Kristina Böhm und Katharina Böhm sind seine Enkelinnen.
Zeit des Nationalsozialismus 1931 wurde Böhm Generalmusikdirektor an der Hamburger Oper. Auf Fürsprache Adolf HitlersFred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945. CD-ROM-Lexikon, Kiel 2009, 2. Auflage, S. 650. wurde Böhm Anfang 1934 aus seinem Vertrag in Hamburg mit der Absicht entlassen, umgehend an die Semperoper in Dresden zu wechseln, um dort Nachfolger von Fritz Busch (1890–1951) zu werden, den das NS-Regime aus politischen Gründen zum Rücktritt und zur Emigration genötigt hatte. Die Stelle in Dresden hatte Böhm bis 1943 inne.
Böhm war kein Mitglied der NSDAP,Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945. CD-ROM-Lexikon, Kiel 2009, 2. Auflage, S. 650. äußerte aber zur Amtseinweisung Anfang Januar 1934 in Dresden, er kenne nur eine Einstellung im nationalsozialistischen Sinne.Der neue Dresdner Generalmusikdirektor. In: Der Freiheitskampf. 8. Januar 1934, S. 4. Er war Mitglied in dem (von Alfred Rosenberg gegründeten) Kampfbund für deutsche Kultur,Joachim Riedl: Wer war Karl Böhm? In: Zeit Online. 17. November 2005. der im Juni 1934 im Zuge der gesellschaftlichen Gleichschaltung mit anderen Organisationen fusionierte.
Am 2. August 1935 schrieb Böhm dem Reichsdramaturgen Rainer Schlösser: „Da ich von Geburt aus Österreicher bin, jetzt seit zwölf Jahren reichsdeutscher Staatsangehöriger, und natürlich in Wien viele Anhänger, besonders im nationalsozialistischen Lager habe, glaube ich, daß diese Konzerte propagandistisch von größtem Vorteil für Deutschland sein können (...)“Bundesarchiv R 55/1186 Blatt 132, zit. nach Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945. CD-ROM-Lexikon, Kiel 2009, 2. Auflage, S. 653. In einem weiteren Schreiben zur Erlangung der Auftrittsgenehmigung in Wien vom 13. August 1935 erklärte er: „Es ist sicher im Sinne der Regierung gelegen, wenn ich als deutscher Dirigent nach Wien gehe, um dort den zahlreichen Anhängern der nationalsozialistischen Idee neue Anregung zu geben, umsomehr als ich gebürtiger Österreicher bin. […] Heil Hitler!“Opfer, Täter, Zuschauer. 70 Jahre danach – Die Wiener Staatsoper und der „Anschluss“ 1938. Ausstellungskatalog der Wiener Staatsoper. Wien 2008, S. 62.
Auf dem Reichsparteitag der NSDAP dirigierte er am 8. September 1936 Wagners Die Meistersinger von Nürnberg. In: Der Freiheitskampf, Dresdner Stadtausgabe. 4. September 1936, S. 5, ID: 54955, (SLUB Dresden, 1. Mifi.Z.126,30), zitiert im Forschungsprojekt des Hannah-Arendt-Institutes der TU Dresden.
Kurz nach dem Anschluss Österreichs dirigierte Böhm am 30. März 1938 im Wiener Konzerthaus die Wiener Symphoniker beim „Ersten festlichen Konzert im neuen deutschen Reich“, begrüßte das Publikum mit dem Hitlergruß (ohne dazu verpflichtet gewesen zu sein)Anweisung des Propagandaministeriums an die Reichsmusikkammer vom 28. Dezember 1936, AZ I.B.1375: „Die Begrüßung des Publikums mit dem deutschen Gruß bei Symphonie-Konzerten ist bisher nicht üblich gewesen; jedoch ist der deutsche Gruß auch bei solchen Gelegenheiten erwünscht. Ein Zwang auf die Dirigenten wegen der Form, in der sie das Publikum begrüßen, ist aber keinesfalls auszuüben.“ In: Amtliche Mitteilungen der Reichsmusikkammer. IV/3, 4. März 1936. und ließ einleitend das Horst-Wessel-Lied spielen. Zur „Volksabstimmung“ über den Anschluss Österreichs schrieb Böhm im April 1938: „Wer dieser Tat des Führers nicht mit einem hundertprozentigen JA zustimmt, verdient nicht, den Ehrennamen Deutscher zu tragen.“Zitat bei Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-10-039326-5, S. 62.
In einem Artikel (veröffentlicht April 1939) schrieb Böhm, dass „der Weg der heutigen Musik […] gebahnt ist durch die Weltanschauung des Nationalsozialismus“, und befürwortete, dass „alle etwaigen künstlerischen ‚Entgleisungen‘, die dem Volksempfinden nicht Rechnung trügen, von vornherein unmöglich gemacht werden“.Der Weg der heutigen Musik. In: Sonderheft der „Kameradschaft Deutscher Künstler“. 20. April 1939.
1941 wurde Böhm im Buch Künstler plaudern wie folgt zitiert: „In München hatte ich ein unvergessliches Erlebnis: Es war an jenem denkwürdigen 9. November 1923, da die braunen Kolonnen Adolf Hitlers zum Marsch nach der Feldherrnhalle antraten. […] dort spielten sich die erschütternden Ereignisse ab, die einen Markstein in der deutschen Geschichte bilden. […] Wir sahen das Blut, das für die Idee vergossen wurde, die siegreich geworden ist.“Harry Erwin Weinschenk (Hrsg.): Künstler plaudern. Limpert, Berlin 1941, S. 48 (Es ist übrigens die einzige politische Stellungnahme in diesem Buch).Dazu Böhm in seiner Autobiographie Ich erinnere mich ganz genau. Neuauflage. Wien 1974, S. 148: „Dieser Satz ist so dumm, daß ich ihn ganz sicher nie gesagt habe. Aber da er im Buch stand, hat man mir daraus den Strick gedreht.“
1943 wechselte Böhm von Dresden nach Wien, wo er Direktor der Wiener Staatsoper wurde. Infolge der Intervention von Reichsleiter Baldur von Schirach erhielten Karl Böhm und seine Frau Thea eine „arisierte“ Villa in Wien 18, Sternwartestraße 70. Deren rechtmäßige Eigentümer wurden nach dem Krieg entschädigt.Markus Kristan, Gabriela Gantenbein (Hrsg.): Hubert Gessner. Passagenverlag, 2011, ISBN 978-3-85165-975-7, S. 108 f.
1944, in der Endphase des Zweiten Weltkriegs, als viele Künstler zum Kriegsdienst eingezogen oder zum Arbeitseinsatz an der „Heimatfront“ verpflichtet wurden, nahm ihn Hitler in die Gottbegnadeten-Liste als einen der 15 wichtigsten Dirigenten auf,Namen bei Oliver Rathkolb: Führertreu und gottbegnadet. Künstlereliten im Dritten Reich. Österreichischer Bundesverlag, Wien 1991, S. 176. was einer Freistellung gleichkam.
Später schrieb Böhm in seinen Memoiren: „Die Tatsache, daß ich nicht emigriert bin, hat man mir später ebenfalls verübelt. […] Ich hatte damals leider kein Angebot von der Met oder von Covent Garden. […] Ich […] glaube aber im Verlaufe meiner Tätigkeiten sowohl in Dresden sowie später in Wien bewiesen zu haben, auf welcher Seite ich immer gestanden bin.“Karl Böhm: Ich erinnere mich ganz genau. Neuauflage. Molden, Wien 1974, , S. 70.
Ob Böhm sich jemals antisemitisch geäußert hat, ist umstritten. Laut dem Historiker Oliver Rathkolb ist (Stand 2010) von Böhm „keine antisemitische Äußerung bekannt“.Georg Markus: . In: Kurier. 25. August 2010. Ein 2001 erschienenes Buch zitiert Böhm allerdings wie folgt: „Solange noch ein Jude in der Ostmark lebt, werde ich nicht zum Taktstock greifen.“Stephan Templ, Tina Walzer: Unser Wien. „Arisierung“ auf österreichisch. Aufbau Verlag, Berlin 2001, ISBN 3-351-02528-9, S. 189.
Nachkriegszeit mini|Aufnahme aus dem Salzburger Festspielhaus (1947) mini|Grabstätte von Karl Böhm
1945 entfernten ihn die alliierten Besatzungsbehörden wegen zu großer Nähe zum NS-Regime aus dem Amt des Direktors der Wiener Staatsoper und belegten ihn mit einem Auftrittsverbot (ähnlich wie es Herbert von Karajan erhielt). Von 1955 (genau nach Ende der Besatzungszeit) bis 1956 war er ein zweites Mal mit diesem Amt betraut. Vorwürfe, er sei zu wenig in Wien präsent, sowie Protestkundgebungen während von ihm dirigierter Vorstellungen bewogen Böhm schließlich, das Amt niederzulegen. Sein Nachfolger wurde Karajan. In einem offenen Brief bestritt Böhm anschließend Probleme zwischen ihm und dem Ensemble und sprach diesem und dem Wiener Publikum ausdrücklich Dank und Anerkennung aus.
Vor allem ab den 1960er Jahren trat er wieder in der Wiener Staatsoper als Dirigent auf. Im Juni 1979 leitete er seine letzte Premiere an diesem Haus: Die Entführung aus dem Serail von Wolfgang Amadeus Mozart (Regie Dieter Dorn, Bühnenbild und Kostüme Jürgen Rose; mit Edita Gruberová, Horst Laubenthal und Rolf Boysen als Bassa Selim). 1980 dirigierte er bei einer Staatsopern-Tournee in Japan Ariadne auf Naxos von Richard Strauss. Im Frühjahr 1981 fanden seine letzten Auftritte in der Öffentlichkeit statt, als er in der Wiener Staatsoper eine Reihe von Aufführungen von Mozarts Le nozze di Figaro leitete. Wenige Wochen vor seinem Tod dirigierte Böhm noch einmal die Wiener Philharmoniker, bei der Einspielung der Tonspur für die Elektra-Verfilmung von Götz Friedrich.
Den Termin für sein ursprünglich geplantes Abschiedskonzert Anfang September anlässlich der Wiedereröffnung der Alten Oper in Frankfurt am Main erlebte Böhm nicht mehr. Er starb 86-jährig am 14. August 1981 während der Proben zu Richard Strauss’ Oper Ariadne auf Naxos. Wolfgang Sawallisch übernahm die musikalische Leitung und dirigierte diese Produktion auch im folgenden Festspielsommer. Böhms Grabstätte ist auf dem Steinfeldfriedhof in Graz.
Schaffen Gegenüber progressiven Opernregisseuren zeigte sich der allgemein als schwierig bekannte Böhm – dessen sarkastische oder zynische Bemerkungen legendär sind – bis zuletzt sehr aufgeschlossen. Er konzentrierte sich auf die musikalischen Aspekte einer Inszenierung und vermied es, sich in die Inszenierung einzumischen. So arbeitete er problemlos und wiederholt mit Wieland Wagner, Günther Rennert, Otto Schenk, Jean-Pierre Ponnelle, August Everding oder Dieter Dorn. Seine kongeniale Zusammenarbeit mit Wieland Wagner bei den Bayreuther Festspielen machte ihn insbesondere in Wagnerianerkreisen als einen der großen Wagner-Interpreten bekannt.
Karl Böhm dirigierte zahlreiche berühmte Orchester – vor allem die Wiener Philharmoniker, machte aber auch viele Plattenaufnahmen mit den Berliner Philharmonikern, darunter eine Gesamtaufnahme aller Mozart-Sinfonien – sowie an vielen namhaften Opernhäusern in Europa und den USA – etwa an der Metropolitan Opera in New York. Jahrzehntelang verbunden war er auch der Deutschen Oper Berlin und vielen bedeutenden Musikfestspielen (u. a. den Bayreuther Festspielen und vor allem den Salzburger Festspielen). Besonders eng war seine jahrzehntelange Beziehung zu den Wiener Philharmonikern, mit denen er zahlreiche Plattenaufnahmen realisierte, von denen einige auch als Film erhalten sind.