mini|Karte des Ghettos mini|Ghetto Riga (ca. 1942) Das Ghetto von Riga war ein kleiner, abgesperrter Bereich im Lettgallischen Viertel der lettischen Hauptstadt Riga, in dem deutsche Besatzer während des Zweiten Weltkriegs ab 1941 Juden internierten.

Im Ghetto Riga waren auf engstem Raum zunächst lettische Juden untergebracht. Ab Ende 1941 wurden auch Juden aus Deutschland in Zügen dorthin deportiert. Fast alle wurden – innerhalb des provisorischen Konzentrations- oder Sammellagers bzw. in den angrenzenden Wäldern oder benachbarten Konzentrationslagern – im Rahmen des Holocausts (der Schoah) ermordet.

Jüdische Vorgeschichte Die ersten Juden siedelten sich im 17. Jahrhundert in Riga an.Zur ausführlichen jüdischen Geschichte in Lettland siehe den Artikel Geschichte der Juden in Lettland. Trotz mehrfacher Vertreibungen1742 befahl die russische Kaiserin Elisabeth Petrowna die Vertreibung der wenigen in ihrem Reich lebenden Juden aus dem Reich. Davon waren auch die Juden in Riga betroffen. Siehe Geschichte der Juden in Russland wuchs die Stadt zum politischen und kulturellen Zentrum der lettischen Juden heran. 1935 betrug der jüdische Anteil an der Stadtbevölkerung 11 % (43.000 Personen); etwa die Hälfte der lettischen Juden lebte in Riga. Es gab ein jüdisches Theater, jüdische Schulen und Krankenhäuser und drei jiddische Tageszeitungen.Gutman, Jäckel, Longerich, Schoeps (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. Band 2, S. 1228 ff. Argon Verlag, Berlin 1993, ISBN 3-87024-300-7. Auch die Deutschen waren eine Minderheit in Lettland, und in der demokratischen Zeit der Unabhängigkeit Lettlands zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg kam es häufig zur Zusammenarbeit zwischen Juden und Deutschen.

Nach dem geheimen Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Pakts 1939 sollte Lettland unter sowjetischen Einfluss kommen, und die deutsche Regierung siedelte präventiv etwa 50.000 Deutschbalten ins Reich um, die meisten davon ins bis dahin polnische Wartheland. Im Sommer 1940 besetzten Truppen der Sowjetunion Riga und begannen im Winter mit Deportationen der politischen und wirtschaftlichen Elite des Landes. Zwischen dem 13. und 19. Juni 1941 kam es zur Verschleppung mehrerer tausend Juden aus Lettland in sowjetische Lager; zumeist handelte es sich dabei um Angehörige jüdischer Organisationen und Zionisten. Der sowjetische Diktator Josef Stalin wollte damit vermutlich auch die Situation Hitler gegenüber entspannen: Eine Belassung der Nationalisten und Juden im Baltikum hätte als Provokation missverstanden und als Kriegsvorwand dienen können.Angrick, Klein: Endlösung, S. 34–36.

1941 bis 1943 Pogrome in Riga Neun Tage nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, am 1. Juli 1941, nahmen deutsche Truppen die Stadt ein. Mehrere tausend Juden, darunter auch Soldaten der Roten Armee, flüchteten. Am selben Tag kam es zu Pogromen gegen Juden, bei denen sich lettische Nationalisten hervortaten und binnen der folgenden drei Monate mehr als 6.000 Personen in Riga und Umgebung ermordeten.

Der Auslöser für die Übergriffe war eine Radiosendung des von den deutschen Truppen übernommenen Rigaer Senders am 1. Juli. Nach der alten lettischen Nationalhymne folgten das Horst-Wessel-Lied sowie mehrere Ansprachen. Unter anderem rief der lettische Nationalist und Kollaborateur Voldemārs Veiss die Bevölkerung zum offenen Kampf gegen die „Verräter“ und den „inneren Feind“ auf – gemeint waren die Sympathisanten mit der Sowjetunion und die Juden; in der nationalsozialistischen Ideologie war die Vorstellung vom „jüdischen Bolschewismus“ verbreitet, das heißt, dass der Bolschewismus in erster Linie ein Projekt von Juden sei. Nach dieser Denkweise erschienen Angriffe auf Juden als sinnvolles Mittel des Kampfes gegen die Sowjetherrschaft. Zu den Federführern des Pogroms gehörte der ehemalige Polizist und Jurist Viktors Arājs, dessen „Kommando Arājs“ von der so genannten „lettischen Hilfspolizei des Sicherheitsdienstes“ etwa die Hälfte der lettischen Juden ermordete.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 18. ISBN 978-3-596-16048-8. (Aktualisierte 2. Auflage)

Von der Eroberung Rigas bis zum 1. September 1941 unterstand die Stadt der Militärverwaltung der Wehrmacht. Sie trug damit eine Mitverantwortung an dem Massaker, da sie den lettischen „Selbstschutz“ anerkannte, seinen Aufbau förderte und dessen Männer zur Mitarbeit heranzog. Nach Eintreffen der Einsatzgruppe A in Riga, als bereits ein Großteil der Rigaer Juden ermordet worden war, befahl deren Leiter, der SS-Brigadeführer Walter Stahlecker, den Selbstschutz abzubauen. An seiner Stelle wurde eine lettische Hilfspolizei organisiert, die den deutschen Polizeistellen unterstellt war.Margers Vestermanis: Der lettische Anteil an der „Endlösung“. Versuch einer Antwort. In: Rainer Zitelmann, Uwe Backes und Eckhard Jesse (Hrsg.): Die Schatten der Vergangenheit. Impulse zur Historisierung des Nationalsozialismus. Ullstein, Frankfurt am Main 1990, S. 431 ff. Bei seinem Eintreffen hatte Stahlecker nach Berlin gemeldet: „Pogrome laufen an.“Angrick, Klein: Endlösung, S. 74 ff., S. 91.

Bildung des Ghettos Riga mini|In der von den Nazis kontrollierten lettischen Zeitung Tēvjia im August 1941 abgedruckte Karte des Ghettos Am 21. Juli 1941 beschloss das Wirtschaftskommando Riga, die jüdischen Arbeitskräfte in einem abgezäunten Gebiet (Ghetto) zu konzentrieren. Alle Juden wurden registriert, mussten den Judenstern tragen, durften keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, nicht auf Bürgersteigen gehen, keine öffentlichen Plätze betreten, keine Bildungseinrichtungen besuchen, keine Berufe ausüben (mit wenigen Ausnahmen). Der Zugang zu Lebensmitteln wurde erschwert, das rituelle Schächten verboten, Zwangsarbeit befohlen. Die Besatzerbehörden setzten einen Judenrat, also eine scheinbare Selbstverwaltung mit geringen Befugnissen ein. Das mit Stacheldraht umzäunte Ghetto entstand im Lettgallischen Viertel, wo traditionell Juden und Russen gelebt hatten. Die Polizeibehörden hatten die Anweisung, auf Menschen, die den Zaun bestiegen, ohne Vorwarnung zu schießen. Nach der Abriegelung des Ghettos lebten am 25. Oktober 1941 um 18.00 Uhr in heruntergekommenen Häusern auf engstem Raum 29.602 JudenKatrin Reichelt: Rettung kennt keine Konventionen. Lukas Verlag, 2016, ISBN 978-3-86732-255-3, S. 7 ()., davon 15.738 Frauen, 8222 Männer und 5652 Kinder.Gutman, Jäckel, Longerich, Schoeps (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust, Band 3, S. 1229.Angrick, Klein: Endlösung, S. 127.

Ermordung lettischer Juden mini|Juden aus dem Ghetto bauen in Zwangsarbeit ein Gebäude des KZ Salaspils (Dezember 1941) Im September 1941 hatte Hitler auf Drängen Heydrichs und Goebbels hin die Deportation deutscher Juden nach dem Osten befohlen. Da das ursprünglich als Zielort geplante Ghetto Minsk schon bald keine Verschleppten mehr aufnehmen konnte, wurden weitere Züge nach Riga umgeleitet. Die Stadt hatte Himmler als Deportationsziel für 20.000 Juden aus dem Altreich, Österreich, Böhmen und Mähren vorgesehen. Aber auch das Ghetto von Riga war überfüllt und konnte die Deportierten aus Deutschland nicht aufnehmen. Ein erster Transportzug mit 1.053 Berliner Juden erreichte die Bahnstation Šķirotava am 30. November 1941. Alle Personen wurden noch am gleichen Tag im Wald von Rumbula bei Riga ermordet.Alfred Gottwald, Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941–1945. Wiesbaden 2005, ISBN 3-86539-059-5, S. 121. Die nächsten vier eintreffenden Transporte mit rund 4.000 Personen wurden auf Befehl Walter Stahleckers auf einem leerstehenden Gutshof – später „Lager Jungfernhof“ genannt – notdürftig untergebracht.

Das Ghetto in Riga wurde am 30. November 1941 „freigemacht“, um für deportierte Juden aus Deutschland Platz zu gewinnen. In der Frühe dieses Tages mussten sich etwa 15.000 Juden in 500er Gruppen über vereiste Straßen auf den Fußweg in die nahen Wäldern von Rumbula machen.Georg Möllers: Schicksal der lettischen Juden. In: Kinderlehrhaus zur Förderung des interreligiösen und interkulturellen Lernens (Hrsg.): Riga. Ort der Opfer – Ort der Täter – Ort des Gedenkens. Recklinghausen 2023, S. 30–31, hier S. 31. Dort wurden sie an Gruben, die sowjetische Kriegsgefangene ausgehoben hatten, von der lettischen SS unter Aufsicht der deutschen SS erschossen.Dazu Angrick, Klein: Endlösung, S. 142–159; Wolfgang Curilla: Schutzpolizei und Judenmord... In: Alfred Gottwaldt und andere (Hrsg.): NS-Gewaltherrschaft. Berlin 2005, ISBN 3-89468-278-7, S. 253–259. Am 8. und 9. Dezember wurden die zunächst im Ghetto verbliebenen 12.500 Juden im Wald von Rumbula ermordet. Die Gesamtleitung für die Exekutionen hatte der Höhere SS- und Polizeiführer Friedrich Jeckeln. Lediglich Facharbeiter aus den Arbeitskommandos überlebten die Mordaktion. Sie wurden im „kleinen Ghetto“, dem nordöstlichen Teil des früheren „großen Ghettos“ (zwischen Kalna iela und Ludzas iela), interniert.

Juden aus Deutschland mini|Juden im Ghetto Riga dürfen die Bürgersteige nicht benutzen, sondern müssen auf der Straße gehen. (1942) Ab Dezember kamen Juden aus Deutschland im Ghetto an, unter ihnen beispielsweise die Künstlerin Alice Haarburger. Der sechste Deportationszug aus Deutschland mit Zielort Riga traf am 10. Dezember 1941Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: Die ‚Judendeportationen‘ aus dem Deutschen Reich 1941–1945. Wiesbaden 2005, ISBN 3-86539-059-5, S. 126. mit Kölner Juden ein und kam im so „freigemachten“ und verkleinerten Ghetto unter. Ein Zeitzeuge berichtete: „Es lagen noch Essensreste auf dem Tisch und die Öfen waren noch warm.“Angrick, Klein: Endlösung, S. 229. Als exemplarisch für die Deportationstransporte kann der vertrauliche Bericht des Transportleiters der Ordnungspolizei Paul Salitter gelten, der im Dezember 1941 mit 15 Polizisten einen Deportationszug von Düsseldorf nach Riga führte.Heiner Lichtenstein: Mit der Reichsbahn in den Tod…, S. 54–59 / Auszug in: Kurt Pätzold, Erika Schwarz: Tagesordnung Judenmord…, S. 97/98.

Bis zum Jahresende trafen weitere 3.000 Juden aus Deutschland ein, darunter rund 1.000 hannoversche Juden und 1.000 Juden aus Kassel.Eugen Kogon: Der SS-Staat, S. 243. Es wurde eine „Selbstverwaltung“ eingesetzt, zu deren Leiter als „Ältestenrat der Reichsjuden im Ghetto zu Riga“ der frühere Leiter des Kölner Wohlfahrtsamtes Max Leiser bestimmt wurde. Dem jüdischen Ghettorat unterstanden später die Ghettopolizei von etwa 70 Personen, die Arbeitseinsatz-Zentrale, ein Schulsystem sowie die Straßenreinigung und Abfallentsorgung. Die deutschen Juden benannten Straßen im Ghetto nach ihren Herkunftsstädten um, möglicherweise, um sie besser aussprechen zu können. Ghetto-Bewohner Max Kaufmann berichtet von einem angespannten Verhältnis zwischen lettischen und deutschen Juden. So habe der aus Köln verschleppte und in Riga internierte jüdische Arzt Hans Aufrecht als Ghetto-Arzt mit der Kommandantur kollaboriert. Bei Abschiebungen von Ghetto-Insassen ins Lager Kaiserwald bei Riga habe er sich dafür eingesetzt, dass vor allem lettische Juden gehen mussten.Judenräte und Ghettopolizei verhielten sich je nach Persönlichkeiten und Ghetto sehr unterschiedlich. Es gab alle Abstufungen, von der Verweigerung der Zusammenarbeit mit den deutschen Vorgesetzten bis zur unterwürfigen Kollaboration. Siehe Gutman, Jäckel, Longerich, Schoeps (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust. Für seine „hartherzige Behandlung der Juden“ wurde er nach Kriegsende verurteilt und hingerichtet. Die Ghetto-Bewohnerin Lilly Menczel sah auch positive Verbindungen: Obgleich es den deutschen Juden verboten war, in den kleinen lettischen Teil des Ghettos zu gehen, seien umgekehrt häufig lettische Juden – mit Genehmigung – in den deutschen Teil gekommen. Bei den Begegnungen hätten sich insbesondere junge Leute kennengelernt, von denen einige Überlebende nach der Befreiung heirateten.Lilly Menczel: Vom Rhein nach Riga, VSA, Hamburg 2012. S. 38, ISBN 978-3-89965-512-4.