mini|hochkant=1.35|Menschen mit Judenstern, Aufnahme des Angehörigen der Propagandakompanie 689 Zermin 1941 Das sogenannte Ghetto Litzmannstadt, auch Ghetto Lodsch, in Polen während der deutschen Besetzung (1939–1945) war im Zweiten Weltkrieg von 1939 bis 1944 ein Sammellager (jüdischer Wohnbezirk/Judenghetto) des NS-Staates. Es war das am längsten existierende Ghetto unter dem Nationalsozialismus und nach dem Warschauer Ghetto das zweitgrößte Polens. Die Stadt Łódź war im April 1940 nach dem früheren General und NSDAP-Reichstagsabgeordneten Karl Litzmann in Litzmannstadt umbenannt worden.Andrea Löw: Juden im Getto Litzmannstadt – Lebensbedingungen, Selbstwahrnehmung, Verhalten, Wallstein Verlag, Göttingen, 2006, S. 7. Es diente, wie auch die anderen NS-Ghettos, vor allem als Zwischenstation vor der Deportation in die Vernichtungslager Kulmhof, Auschwitz II, Majdanek, Treblinka und Sobibor.
Einrichtung des Ghettos mini|Plan des „Ghettos Litzmannstadt“ mini|Deportation von Juden, Aufnahme Dr. Gauss vom März 1940
Mit Ausnahme Warschaus lebten in keiner anderen Stadt Europas vor dem Zweiten Weltkrieg so viele Juden wie in Łódź. Die 223.000 Juden stellten ein Drittel der Einwohner der Textilmetropole.Wartesaal des Todes Stern vom 29. August 2004, abgerufen am 1. März 2020. Davon wohnten bereits vor dem deutschen Überfall auf Polen und vor der Errichtung des Gettos rund 62.000 Juden im Łódźer Armenviertel Baluty unter widrigen Umständen. Die Infrastruktur des Stadtteils war schon vor der Ghettoisierung in einem beklagenswerten Zustand; hier standen überwiegend einstöckige Holzhäuser, die größtenteils über keine Gas- oder Stromversorgung verfügten. Rund 95 % der Gebäude waren ohne Toiletten, Wasser oder einen Kanalanschluss. Durch die Umsiedlung weiterer Juden aus Łódź, dem Umland und später aus dem Reichsgebiet sowie den von den Nationalsozialisten besetzten Ländern verschärften sich die Wohnverhältnisse katastrophal. Sascha Feuchert, Erwin Leibfried, Jörg Riecke: Die Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt. Wallstein, 2016, S. 358.
Am 2. November 1939 besuchte Goebbels Łódź und hielt in seinem Tagebuch fest (Fragmente):
Nach dem Besuch des Propagandaministers teilte die Lodzer Zeitung am 16. November 1939 als amtliches Mitteilungsblatt der deutschen Militär- und Zivilbehörden die Einführung eines Kennzeichens für die jüdische Bevölkerung, bestehend in einer 10 cm breiten gelben Armbinde, mit.Goebbels Tagebuch (nach einem Besuch in Lodz) Chronologie des Holocaust, abgerufen am 1. März 2020. Beachtenswert ist diese lokal für Łódź geltende Anweisung deshalb, da eine reichsweite Polizeiverordnung über die Kennzeichnungspflicht der Juden erst am 1. September 1941 in Kraft trat.RGBl. I, S. 547., ALEX – Historische Rechts- und Gesetzestexte Online, abgerufen am 1. März 2020.
Am 10. Dezember 1939 verschickte der Regierungspräsident von Kalisch (später Litzmannstadt), Friedrich Uebelhoer,auch Friedrich Übelhör. ein Rundschreiben zur Bildung eines Ghettos in der Stadt Lodsch. Das Schriftstück enthielt konkrete Anordnungen zur Errichtung eines Ghettos im Norden der Stadt, zur Abtrennung des Gebiets vom Rest der Stadt und zur Versorgung der Bewohner. Das Schreiben endete mit der Aussage, dass die Errichtung des Ghettos nur eine Zwischenlösung darstellt und am Ende „das Ghetto und damit die Stadt Lodsch von Juden gesäubert“ werden solle.Dokument 54 in: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, Band 4: Polen – September 1939–Juli 1941 (bearb. von Klaus-Peter Friedrich), München 2011, ISBN 978-3-486-58525-4, Zitat S. 174.
Im Februar 1940 erklärte der Polizeipräsident von Łódź, SS-Brigadeführer Johannes Schäfer, die im Norden der Stadt gelegenen besonders rückständigen Viertel Bałuty, Marysin und Stare Miasto (Altstadt) per Verordnung zum Ghetto. Alle nichtjüdischen Bewohner hatten den Bereich bis zum 30. April des Jahres zu verlassen, und gleichzeitig wurden zu den bereits ansässigen 60.000 Juden weitere 100.000 Lodscher Juden per Zwang einquartiert. Das neue, etwa vier QuadratkilometerInge Schlotzhauer: Unser einziger Weg ist Arbeit, in: Semit 3/90, S. 60. große „Judenghetto“ wurde mit Stacheldraht und Mauern versehen, wozu teilweise auch ganze Straßenzüge abgerissen wurden.
Von nun an war es den Juden bei Todesstrafe verboten, ohne Erlaubnis das Ghetto zu verlassen. Die Anweisung des Kommandeurs der Schutzpolizei Litzmannstadts Walter Rudolf Keuck vom 19. Mai 1940 sah vor, dass beim Versuch, das Ghetto illegal zu verlassen, sofort ohne Vorwarnung zu schießen sei. Dasselbe galt für Personen, die beim Schmuggeln angetroffen wurden.S. 16. Für die Kontrolle der Einhaltung dieses Verbotes sorgten an der Grenze des Ghettos in Wachtürmen postierte bewaffnete SS-Wacheinheiten. Der Aufbau des Ghettos erfolgte u. a. durch das Hamburger Reserve-Polizei-Bataillon 101. Die Bewachung erfolgte auch durch Polizeieinheiten, u. a. 1940–1941 durch das genannte Polizeibataillon.
Abtrennung eines Jugendverwahrlagers Um den 30. September 1942 wurde auf Befehl des Reichsführers SS Heinrich Himmler zur Errichtung des Jugendverwahrlagers Litzmannstadt ein Teil des Ghettos geräumt. Dieses neue „Lager“ wurde kurz vor dem ersten Transport von Kindern am 1. Dezember 1942 als separate Einrichtung eröffnet. Der Bau der Baracken wurde zwar Anfang 1943 abgeschlossen; jedoch folgte ein weiterer Ausbau bis Ende 1943. In der ulica Przemysłowa befand sich das so genannte Polen-Jugendverwahrlager der SS, in dem polnische Kinder und Jugendliche Zwangsarbeit verrichten mussten, und in einem ehemaligen Klostergebäude in der ulica Sporna ein so genanntes Germanisierungslager, in dem ausgewählte Kinder zu Deutschen umerzogen beziehungsweise dazu ausgewählt werden sollten.
Zigeunerlager mini|Bild vom „Zigeunerlager“ genannten Bereich. Zwischen dem 5. und 9. November 1941 wurden 5.007 Sinti und Roma ins Ghetto deportiert und in einen separierten Bereich, das „Zigeunerlager“ (zwischen Wojska Polskiego, Obrońców Westerplatte, Sikawska und Głowackiego), gesperrt. Unter diesen Gefangenen waren 2.689 Kinder. Rund 2.000 Menschen wurden aus den im Lager Lackenbach (damals Gau Niederdonau) Internierten ausgewählt, die übrigen 3.015 stammten aus dem Gau Steiermark: 2.011 davon aus dem Bezirk Oberwart (deren Abtransport erfolgte aus dem Sammellager Pinkafeld), 1.004 aus den restlichen Gaubezirken (Abtransport aus dem Sammellager Fürstenfeld). Für die Selektion waren die jeweiligen Landräte verantwortlich.Die Deportationen nach Łódź 1941
Es gab im Lager weder sanitäre Einrichtungen noch Kochgelegenheiten. Innerhalb weniger Wochen starben mehrere hundert Menschen an Hunger und Typhus. Von hier aus erfolgten Deportationen zwischen dem 5. und 12. Januar 1942 zur massenhaften Ermordung ins Vernichtungslager Kulmhof. Der einzige Zugang zu diesem Teil des Lagers befand sich bei Haus Brzezińska-Straße (heute Wojska Polskiego) Nr. 99. Die vor Ort Ermordeten oder Verstorbenen wurden in Massengräbern auf dem Jüdischen Friedhof vergraben (Grabfelder PV und PVI).Lodz-Ghetto.com, The Gypsy Camp (Zigeunerlager), abgerufen am 21. Juli 2010.
Lebensbedingungen mini|Wachtposten an Tor, dahinter Schild „Wohngebiet der Juden. Betreten verboten“. Aufnahme des Angehörigen der PK 689, Zermin, 1941. mini|Straßenszene aus dem Ghetto, Aufnahme von I. Neander, 1940. mini|Übergang über die Hohensteiner Straße (heute Zgierska) bei der Sulzfelder Straße (heute Wojska Polskiego), Aufnahme von Wilhelm Holtfreter, 1940. Von Anfang an waren die Lebensbedingungen im Ghetto unmenschlich: Die Bewohner litten unter Unterernährung, starben massenhaft an Krankheiten oder erfroren im Winter; teilweise starben sie auf offener Straße.Bernd Ulrich: „Vor Hunger starben Alte und Junge.“ (Zeitzeugen schildern die minimalen Lebensbedingungen, d-radio, Sendung vom 30. April 2010) Von der SS wurden immer mehr Menschen wegen ihrer Zurechnung zum Judentum, vor allem aus Westeuropa, in das KZ-Sammellager „Ghetto Litzmannstadt“ deportiert.
Zwischen 1940 und 1944 starben 43.441 Personen innerhalb des Ghettos. Im Mai 1941 gab es rund 20.000 Tuberkulose-Infizierte.S. 32.
1940 gab es im Ghetto 39.559 Kinder, 20.318 Jungen und 19.241 Mädchen unter 14 Jahren. 1941 kamen weitere 2.538 aus anderen Gegenden hinzu. Bis 1942 wurden noch 347 Kinder innerhalb des Ghettos geboren. In diesem Jahr lebten insgesamt nur noch 11.329 Jungen und 10.598 Mädchen im Ghetto Litzmannstadt.N. Grüss: Kinder Martyrologie, Buenos Aires 1947, S. 49; hier nach Josef Wulf, 1962, S. 36.
Formen der Ausbeutung Die Nationalsozialisten sahen in den Menschen lediglich „Menschenmaterial“ mit großem Arbeitspotential, das sie bestmöglich ausbeuten wollten: Zwangsarbeiter aus Litzmannstadt waren für die Auftraggeber billig, ja beinahe kostenlos, denn den fünf Reichsmark, die jeder der 70.000 Zwangsarbeiter an Gewinn einbrachte, standen nur 30 Reichspfennig an Arbeitskosten gegenüber. Zu den Großkunden, die im Ghetto billig produzieren ließen, gehörten die Unternehmen Josef Neckermann und Heinrich Leineweber.
Vor allem Soldatenuniformen, Stiefel, Waffenteile und Munition wurden im „Ghetto Litzmannstadt“ gefertigt. Als wichtigste Transportverbindung nach außen diente der Bahnhof Radegast, über den Rohstoffe und Lebensmittel angeliefert und die fertigen Produkte abtransportiert wurden, bis Radegast schließlich zum Deportationspunkt zu den Vernichtungslagern wurde.
Durch ihre „kriegswichtige“ Tätigkeit hofften viele Juden, der Deportation entrinnen zu können. Regelmäßig wurde auch Besitz der Juden von den Deutschen beschlagnahmt. Hierbei kam es vor allem zu Beginn des Ghettos zu Kompetenzstreitigkeiten zwischen den deutschen Behörden. Unabhängig von Beschlagnahmungen der Güter durch die Wirtschafts- und Ernährungsstelle Ghetto, die vom Bremer Kaufmann Hans Biebow geleitet war und die Güter aus dem Ghetto als ihr Eigentum betrachtete, beschlagnahmten auch verschiedene andere deutsche Stellen Güter aus dem Ghetto. Daran änderte etwas weder eine Bekanntmachung des Polizeipräsidenten vom Dezember 1939, als auch ein Rundschreiben des Regierungspräsidenten vom 4. März 1940. So beschlagnahmte die Kriminalpolizei, deren Aufgabe es war, gegen Schmuggel vorzugehen, hauptsächlich Gold- und Schmuckgegenstände.S. 20–22.
„Jüdische Selbstverwaltung“ Die deutschen Besatzer delegierten fast die gesamte das „Ghetto Litzmannstadt“ betreffende Organisationsarbeit an ihre Opfer – von der Verteilung der ungenügenden und minderwertigen Nahrungsmittelrationen an die Bewohner und der Einteilung zur Zwangsarbeit über den Betrieb von Schulen bis hin zur Zusammenstellung der Transportlisten für die Deportationen in die Vernichtungslager.
Zu diesem Zweck wurde – wie in anderen von den Nationalsozialisten geschaffenen Ghettos auch – ein Judenrat eingesetzt und mit den genannten Aufgaben beauftragt. Die Ernennung des Judenrates erfolgte am 13./14. Oktober 1940. Chaim Rumkowski wurde als „Judenältester von Litzmannstadt“ dessen nach innen wirkender Leiter, der in Wirklichkeit keine selbständigen Entscheidungen zu treffen hatte.
Als Abteilungen bestanden: die „Zentrale“: als zentrales Sekretariat für die Korrespondenz mit den Deutschen und die gesamte Verwaltung zuständig. Meldebüro: eine auf deutschen Befehl eingerichtete Zentrale, welche die Personaldaten aller Ghettobewohner registrierte. Statistik-Abteilung: zur quantitativen Erfassung aller Lebens- und Arbeitsbereiche des Ghettos. Ordnungsdienst (OD): eine Lagerpolizei, die in mehreren Abteilungen 850 bis 1.200 Angehörige hatte und zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit im Ghetto diente.Claude Lanzmann, spricht um 1975 in dem Interview-Film mit Paula Biren als einer Zeitzeugin insbesondere über diese Ghetto-Polizei: Vier Schwestern (Les Quatre Soeurs) (2017)