mini|350px|Das Gebiet der afroasiatischen Sprachen ist auf der Karte in Gelb eingefärbt
Die afroasiatischen Sprachen (traditionell als semito-hamitisch oder hamito-semitisch bezeichnet) bilden eine Sprachfamilie, die in Nord- und Ostafrika sowie in Vorderasien verbreitet ist. Das Afroasiatische besteht aus sechs Zweigen: dem Ägyptischen, Berberischen, Semitischen, Kuschitischen, Omotischen und dem Tschadischen. Sie umfassen insgesamt etwa 350 Sprachen mit etwa 350 Millionen Sprechern. Etwa 40 der ursprünglich bekannten Sprachen sind heute ausgestorben.
Das Afroasiatische ist auch eine der vier großen Familien (Phyla) afrikanischer Sprachen, deren Identifizierung Joseph Greenberg in seinen Arbeiten von 1949 bis 1963 etabliert hat und die heute die Basis aller linguistischen Klassifikationen in Afrika bildet. Das Gebiet der rezenten Sprachfamilie der afroasiatischen Sprachen grenzt im Süden an die Sprachfamilien der Niger-Kongo- und nilosaharanischen Sprachen und im Nordosten an den Sprachraum der indoeuropäischen Sprachen und der Turksprachen.
Bezeichnung Joseph Greenberg führte die Bezeichnung „Afroasiatisch“ (auch „Afro-Asiatisch“) für die Sprachfamilie ein. Sie hat die ältere Benennung „Hamito-Semitisch“ vielfach abgelöst. Diese scheint insofern irreführend, als sie eine Zweiteilung in „semitische“ und „hamitische“ Sprachen suggeriert und im Zusammenhang mit der Hamitentheorie als rassistisch konnotiert empfunden werden kann. Als weitere Benennungen wurden Afrasisch (Igor M. Diakonoff), Lisramisch (Carleton T. Hodge) und Erythräisch (Leo Reinisch) vorgeschlagen; diese Termini haben jedoch, mit Ausnahme von Afrasisch, kaum Anhänger gefunden (Erythräisch ist in diesem Zusammenhang nicht mit der Bezeichnung einer von Christopher Ehret vorgeschlagenen hypothetischen Untergruppe des Afroasiatischen zu verwechseln).
Die ältere, früher weit verbreitete Bezeichnung als hamito-semitisch geht auf die Völkertafel der Bibel zurück, die die Söhne Hams und Sems im hier gemeinten Sprachgebiet verortet. Die Begriffe sind nicht ethnisch gemeint und gruppieren die Sprachen in zwei differierende Zonen: Tatsächlich sind einerseits Koptisch und Berberisch in Nordafrika einander ähnlicher als beispielsweise Koptisch und die semitischen Sprachen Hebräisch, Arabisch, Aramäisch; andererseits weisen die semitischen Sprachen untereinander ein engeres Verwandtschaftsverhältnis auf, das sie von den nordafrikanischen Sprachen abhebt. Auch wenn Hamitisch als Bezeichnung für die offenbar auf afrikanischem Boden entstandenen „afroasiatischen“ Sprachen heute außer Gebrauch kommt, bleibt die Bezeichnung Semitisch weiterhin üblich.
Primärzweige, Gliederung und geografische Ausbreitung mini|hochkant=1.3|Karte der afroasiatischen Sprachen
Man unterscheidet heute in der Regel folgende fünf oder sechs Primärzweige des Afroasiatischen, wobei besonders die Zugehörigkeit des Omotischen umstritten ist:Sprecherzahlen gemäß Ernst Kausen: Die Klassifikation der afroasiatischen Sprachen.
Afroasiatisch > ungefähr 354 Sprachen, davon 43 ausgestorben, 347 Mio. Sprecher: Nordafrika, Vorderasien Ägyptisch-Koptisch † > 1 Sprache: Ägypten. Koptisch ist als Erstsprache ausgestorben, wird aber noch als Liturgiesprache verwendet. Berberisch > ungefähr 24 Sprachen, davon 5 ausgestorben, 40 Mio. Sprecher: Nordwestafrika Semitisch > ungefähr 62 Sprachen, davon 28 ausgestorben, 261 Mio. Sprecher: Nordafrika, Vorderasien, Malta, Äthiopien Kuschitisch > ungefähr 47 Sprachen, davon 2 ausgestorben, 38 Mio. Sprecher: Nordostafrika Tschadisch > ungefähr 193 Sprachen, davon 7 ausgestorben, 31 Mio. Sprecher: Südwest-Tschad, Süd-Niger, Nord-Nigeria Omotisch > ungefähr 27 Sprachen, 4 Mio. Sprecher: Äthiopien, Sudan
Die genaue Zahl der Sprachen ist kaum abschließend zu bestimmen, weil oft unklar ist, was Dialekt einer bestimmten Sprache ist und was eigenständige Sprache.
Die folgenden Beispiele illustrieren die Beziehungen der afroasiatischen Sprachen untereinander sowohl im lexikalischen wie im morphologischen Bereich, wobei besonders bestimmte Verbflexionen („Präformativkonjugation“) einander sehr ähnlich sind (siehe hier die letzten drei Beispiele unten), so sehr, dass es kaum eine andere Erklärung für die Übereinstimmungen zwischen dem Semitischen, Berberischen und Kuschitischen gibt als eine gemeinsame Ursprache. Die Verwandtschaft dieser drei mit dem Ägyptischen und dem Tschadischen ist weniger offensichtlich und wurde auch schon angezweifelt, eine Verwandtschaft mit dem Omotischen ist stark umstritten.
(Grund-)BedeutungBerberischSemitischÄgyptischKuschitischTschadischOmotisch„Zunge“ Kabylisch iləs Arabisch lisān () *lés Bole lisìm Dime lits'- („lecken“)„Wasser“ Kabylisch aman Arabisch māʾ () *máw Dahalo maʔa Bole àmma Mocha amiyo („regnen“)„er“ Kabylisch -s Akkadisch -šu sw Somali isa- Hausa shi Dizi iz-n„zwei“ Kabylisch sin Arabisch ʾiṯn-āni () *sinéwwVj „du (m.) stirbst“ Tuareg tə-mmut Arabisch ta-mūtu () Rendille ta-mut Hausa ka mutù* „er stirbt“ Tuareg yə-mmut Arabisch ya-mūtu () Rendille ya-mut Hausa ya mutù* „wir sterben“ Tuareg nə-mmut Arabisch na-mūtu () Rendille na-mut * vorangestellt: rekonstruiert, nachgestellt: Vergangenheitsform
Die in Äthiopien gesprochene Sprache Ongota (Birale) gehört möglicherweise auch zur afroasiatischen Familie und etabliert nach H. Fleming einen unabhängigen weiteren Zweig.Harold C. Fleming: Ongota: A Decisive Language in African Prehistory. Harrassowitz, Wiesbaden 2006, ISBN 3-447-05124-8. Einige Wissenschaftler halten das Kuschitische nicht für eine genetische Einheit, sondern nehmen an, dass es aus zwei oder mehr direkt dem Afroasiatischen untergeordneten Primärzweigen besteht.
Die früher vorgenommene Teilung in semitische und hamitische Sprachen wird heute nicht mehr vertreten (dazu siehe den Artikel afrikanische Sprachen). Es existieren mehrere Vorstellungen darüber, in welcher Reihenfolge und wann sich die einzelnen Primärzweige vom Proto-Afroasiatischen abspalteten. Ein linguistisch begründetes Szenario liefert Ehret 1995. Danach hat sich zuerst – vor mindestens 10.000 Jahren – der omotische Zweig vom Kern getrennt (dies wird heute nahezu von allen Forschern so gesehen, während die weiteren Stufen durchaus umstritten sind). Als nächste Zweige spalteten sich das Kuschitische und Tschadische ab, die Trennung des Restes (von Ehret Boreafrasisch genannt) in Ägyptisch, Berberisch und Semitisch erfolgte zuletzt. Es ist nach heutigem Kenntnisstand nicht möglich, eine auch nur annähernde absolute Chronologie dieser Abspaltungen anzugeben. Nach dem Modell von Ehret ergibt sich folgender „dynamischer“ Stammbaum des Afroasiatischen:
Stammbaum und interne Gliederung des Afroasiatischen (nach Ehret 1995)
Afroasiatisch Omotisch Erythräisch Kuschitisch Nord-Erythräisch Tschadisch Boreafrasisch Ägyptisch Berberisch Semitisch
Der von Ehret hier eingeführte Name Erythräisch (für Afroasiatisch ohne Omotisch) wurde von anderen Forschern für die gesamte afroasiatische Sprachfamilie verwendet, er konnte sich aber nicht gegen Afroasiatisch durchsetzen.
Ägyptisch
Das Ägyptische stellt eine Ausnahme unter den afroasiatischen Primärzweigen dar, da es aus nur einer einzigen Sprache besteht, die eine lückenlose Überlieferung über fast fünf Jahrtausende aufweist. Seine letzte Stufe, das Koptische, starb in der frühen Neuzeit als Alltagssprache aus, wobei es aus religiösen Anlässen der christlichen Kopten noch heute als Liturgiesprache verwendet wird. Das Ausbreitungsgebiet des Ägyptischen umfasste in historischer Zeit kaum mehr als das nördliche Drittel des Niltales, im 3. Jahrtausend v. Chr. wurde jedoch möglicherweise auch in der ägyptischen Westwüste ein dem Ägyptischen nahe verwandtes Idiom gesprochen, von dem sich einzelne Personennamen in ägyptischer Überlieferung finden.Gerhard Fecht: Die Ḥ3.tjw-ˁ von Ṯḥnw, eine ägyptische Völkerschaft in der Westwüste. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft. Band 106, Heft 1 1956 (= Neue Folge. Band 31). Steiner, Wiesbaden 1956, S. 37–60. Bestritten von: Durch seine lange Überlieferungsdauer ist das Ägyptische von besonderem sprachwissenschaftlichem Interesse, jedoch fehlen ihm trotz der frühen Überlieferung einige grundlegende morphologische und möglicherweise auch phonologische Eigenschaften des Afroasiatischen.
Berberisch
mini|Stopp-Zeichen in arabischer Schrift qif (oben) und Berberschrift bedd (unten) in Marokko
Die Berbersprachen wurden vor der Expansion des Islam und der damit verbundenen Ausbreitung des Arabischen beinahe in der gesamten Sahara gesprochen. Das heutige Hauptverbreitungsgebiet liegt in den Staaten Niger, Mali, Algerien, Marokko, Tunesien und im westlichen Libyen; kleine Sprachinseln haben sich auch im Nordosten der Sahara in Oasen wie Augila (Libyen) und Siwa (Ägypten) sowie im westlichen Mauretanien gehalten. Im Gegensatz zu den anderen Zweigen des Afroasiatischen (außer dem Ägyptischen) sind die Berbersprachen untereinander nahe verwandt und gehören fast vollständig zu zwei Dialektkontinua. Die bekanntesten Berbersprachen sind Kabylisch, Zentralatlas-Tamazight, Taschelhit, Tarifit sowie das Tuareg. Meistens wird auch die kaum bekannte libysche Sprache in aus den letzten vorchristlichen Jahrhunderten stammenden Inschriften in Algerien, Tunesien und Marokko zum Berberischen gerechnet. Ebenso dürfte auch das bis ins 17. Jahrhundert auf den kanarischen Inseln gesprochene Guanche eine Berbersprache gewesen sein.
Semitisch
Das Semitische ist heute mit etwa 260 Millionen Sprechern die sprecherreichste afroasiatische Sprachfamilie und wird in Vorderasien, am Horn von Afrika und weiten Teilen Nordafrikas sowie auf Malta gesprochen, wobei der größte Anteil der Sprecher auf das Arabische entfällt. Einer Überlegung nach wird angenommen, dass die Urheimat der semitischen Sprachen auf der Arabischen Halbinsel lag und sich die Sprachfamilie erst durch die südarabischen Expansionen nach Äthiopien und später durch die arabischen Expansionen über Ägypten und Nordafrika und zeitweise bis nach Spanien ausbreitete. Andere verorten die Urheimat für die semitische Protosprache im nordöstlichen Afrika.Edward Lipiński: Semitic Languages: Outline of a Comparative Grammar. 2. Auflage. Leuven 2001. Das Semitische wird allgemein in zwei Zweige aufgeteilt, wobei einen das ausgestorbene Akkadische bildet, das für die Rekonstruktion des Proto-Semitischen und damit auch der afroasiatischen Protosprache von besonderem Interesse ist. Auf den anderen, westlichen, Zweig entfallen die zentralsemitischen Sprachen wie Aramäisch, Hebräisch, Arabisch und Altsüdarabisch, die äthiosemitischen Sprachen wie Altäthiopisch und die neusüdarabischen Sprachen.
Kuschitisch
Die kuschitischen Sprachen werden in Ostafrika in den heutigen Staaten Sudan, Eritrea, Äthiopien, Somalia, Kenia, Uganda und dem nördlichen Tansania gesprochen. Die Einheit der kuschitischen Sprachen ist nicht unumstritten, da die einzelnen Zweige sich wesentlich unterscheiden; insbesondere die Zugehörigkeit des Bedscha wird diskutiert. Im Allgemeinen werden die folgenden Zweige unterschieden: Nordkuschitisch: umfasst nur das Bedscha (ca. 1,2 Millionen) Zentralkuschitisch/Agaw: Bilen, Quara u. a. (zusammen ca. 585.000) Ostkuschitisch (ca. 35,4 Millionen) Hochlandostkuschitisch: Sidama, Kambaata u. a. (zusammen ca. 4,5 Millionen) Tieflandostkuschitisch Saho-Afar (ca. 1,8 Millionen) Oromoid: Oromo, Konso (zusammen ca. 35 Millionen) Omo-Tana: Rendille, Somali, Arbore u. a. (zusammen ca. 11,2 Millionen) Dullay (zusammen ca. 52.000) Südkuschitisch: Iraqw, Dahalo u. a. (zusammen ca. 483.000)
Omotisch