mini|hochkant|Solon zugeordnete Büste späterer Zeit (Archäologisches Nationalmuseum Neapel)
Solon (; * wohl um 640 v. Chr. in Athen; † vermutlich um 560 v. Chr.) war ein athenischer Staatsmann und Lyriker. Angesichts der ansonsten spärlichen und gerade mit Blick auf chronologische Fragen unsicheren ÜberlieferungSiehe zum Beispiel Norbert Ehrhardt: Athen im 6. Jh. v. Chr. Quellenlage, Methodenprobleme und Fakten. In: Euphronios und seine Zeit. Staatliche Museen, Berlin 1992, S. 12–23; Mortimer Chambers: Exkurs: Zur Chronologie Solons. In: Mortimer Chambers: Aristoteles, Staat der Athener. Übersetzt und erläutert von Mortimer Chambers. Berlin 1990, S. 161–163; Pamela-Jane Shaw: Discrepancies in Olympiad Dating and Chronological Problems of Archaic Peloponnesian History. Stuttgart 2003 (Rezension). zu den Akteuren und Entwicklungen im archaischen Griechenland sind die erhaltenen Zeugnisse von Solons Wirken vergleichsweise reichhaltig.Kurt Raaflaub: Einleitung und Bilanz. In Konrad Kinzl (Hrsg.): Demokratia. Der Weg zur Demokratie bei den Griechen. Darmstadt 1995, S. 9 f. Daraus ergibt sich der Eindruck, dass Solon als Gesellschaftsanalytiker, Politiker und Reformer in einer tiefgreifenden Krise der attischen Polis, aber auch als Dichter, Philosoph und Redner früh ein außergewöhnliches Ansehen gewann, das bis heute ausstrahlt.Hartwin Brandt: Solon. In Kai Brodersen (Hrsg.): Große Gestalten der griechischen Antike. München 1999, S. 84 f.
In der Antike wurde Solon unter die sieben Weisen Griechenlands gezählt. Die moderne Forschung beschäftigt vor allem sein politisches Denken und Handeln als Wegbereiter einer Entwicklung, die in Athens klassischer Zeit zur attischen Demokratie führte. Herausragende Merkmale des von ihm vermittelten Politikverständnisses waren zum einen Verbot, Rückabwicklung und Ächtung der Schuldsklaverei in Athen, zweitens Mitverantwortung und Einsatz jedes einzelnen Bürgers für die gerechte Ordnung (Eunomie) im Polisverband sowie drittens die dauerhafte Bindung der Gesamtbürgerschaft an die Herrschaft eines schriftlich fixierten Gesetzeswerks.
Statt seine herausgehobene Stellung als Neuordner und Gesetzgeber der Athener mit dem Streben nach Alleinherrschaft (Tyrannis) zu verbinden, wie es seine Mitbürger wohl teils von ihm erwarteten, verließ Solon seine Heimatstadt nach Vollendung des Reformwerks für lange Zeit und ging auf Reisen. Die neue Ordnung war somit in die Eigenverantwortung der Bürger gelegt und hinsichtlich ihrer Wirksamkeit auf deren Umgang damit angewiesen.
Unklare Überlieferung Manche Aspekte der Überlieferung zu Solon sind zweifelhaft, sind bis zur Unwahrscheinlichkeit unsicher und umstritten. Die Ungewissheiten betreffen sowohl Aspekte der Vita, der Reformtätigkeit und der Gesetzgebung Solons als auch die erhaltenen Fragmente seiner Dichtung, die erst in Zeugnissen späterer Jahrhunderte überliefert sind.
Gleichwohl gehören auch die problematischen Überlieferungsbestandteile zu einer Gesamtdarstellung Solons; denn die Bedeutung einer solchen aus weit entfernter Vergangenheit nachwirkenden historischen Persönlichkeit beruht nicht allein auf dem, was sie war und tat, sondern auch auf dem, was ihr zugeschrieben wurde und wird. Bei Solon betrifft dies insbesondere Rolle und Anteil am Zustandekommen der attischen Demokratie. Beide Dimensionen – recht gut Gesichertes wie auch stark Bezweifeltes – werden nachstehend wiedergegeben, wo möglich in passender Zuordnung. Ein Aufriss der mit den Unklarheiten der Quellenlage verbundenen Deutungsspielräume gemäß neuerem Forschungsstand findet sich unten.
Weltoffener Athener Solon soll als Sohn des Exekistides dem Geschlecht der Medontiden entstammen, das sich auf den mythischen letzten athenischen König Kodros zurückführte.Pavel Oliva: Solon – Legende und Wirklichkeit. Konstanz 1988, S. 37; Hartwin Brandt: Solon. In: Kai Brodersen (Hrsg.): Große Gestalten der griechischen Geschichte. München 2001, S. 85; Chambers äußert sich sehr zweifelnd dazu in: Aristoteles: Der Staat der Athener. Übersetzt und erläutert von Mortimer Chambers. Darmstadt 1990. S. 162 f. Auch die Mutter Solons entstammte nach dem Zeugnis Plutarchs einem aristokratischen Geschlecht und war die Cousine der Mutter des späteren Tyrannen Peisistratos. Zu den besonders Reichen in der adligen Athener Führungsschicht soll Solon jedoch nicht gehört haben. Im Gegensatz zu vielen seiner Standesgenossen, die andere als landwirtschaftliche Einkünfte für unwürdig ansahen, scheint sich Solon auch in überregionalen Handelsgeschäften engagiert zu haben.Hartwin Brandt: Solon. In: Kai Brodersen (Hrsg.): Große Gestalten der griechischen Geschichte. München 2001, S. 85. Zur Diskussion um Solons Handelstätigkeit Björn Onken: Ein Seehändler unter den sieben Weisen? Anmerkungen zur Biographie des Solon. In: Kai Ruffing, Kerstin Droß-Krüpe (Hrsg.): Emas non quod opus est, sed quod necesse est. Beiträge zur Wirtschafts-, Sozial-, Rezeptions- und Wissenschaftsgeschichte der Antike. Festschrift für Hans-Joachim Drexhage zum 70. Geburtstag (= Philippika. Band 125). Harrassowitz, Wiesbaden 2018, ISBN 978-3-447-11087-7, S. 37–44. Schon gegen Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. sind athenische Töpferkunst und Vasenmalerei vereinzelt im Nildelta und bei Massilia (Marseille) nachweisbar. Möglicherweise begann zu dieser Zeit der Export athenischen Olivenöls.Pavel Oliva: Solon – Legende und Wirklichkeit. Konstanz 1988, S. 29.
Beredter Militärstratege An der Griechischen Kolonisation des Mittelmeerraums nicht beteiligt und im Handelsverkehr noch unbedeutend, etwa im Vergleich zu Korinth und Megara, besaß Athen bis zur Zeit Solons nur einen im Osten Attikas gelegenen, handelsstrategisch unbedeutenden Seehafen. Verbesserte Entwicklungsmöglichkeiten für den attischen Seehandel hingen davon ab, dass die Athen vorgelagerte Insel Salamis, die die Megarer in ihrem Besitz hatten, unter attische Kontrolle gelangte. Für diesen Plan intensiv werbend und die Mitbürger mit hohem eigenen Einsatz in diesem Ziel einend, spielte Solon bei der Eroberung von Salamis auch als Militärstratege eine Hauptrolle.
Die diesbezüglichen Auseinandersetzungen der Athener mit den Megarern verliefen jedoch anscheinend wechselhaft und zogen sich in die Länge. Die Entscheidung zugunsten Athens fiel möglicherweise erst im zweiten Viertel des 6. Jahrhunderts v. Chr. unter wichtiger Mitwirkung von Solons entferntem Verwandten Peisistratos.Pavel Oliva: Solon – Legende und Wirklichkeit. Konstanz 1988, S. 40–45. Jedenfalls erlangte Solon in diesem Zusammenhang Aufmerksamkeit, Ansehen und Einfluss unter seinen Mitbürgern.
Im Bund mit dem Orakel von Delphi Zu Solons besonderer Stellung unter den Athenern soll auch sein Engagement bei der Verteidigung der berühmten antiken Orakelstätte in Delphi beigetragen haben, für die er sich energisch einsetzte. Die delphischen Priester hatten um Hilfe gegen die Krisäer gebeten, die den Zugang zum Heiligtum vom Meer aus kontrollierten und den nach Delphi Anreisenden mit erzwungenen Abgaben hart zusetzten. Einige dem Orakel besonders nahestehende Poleis, darunter auch das von Solon vertretene Athen, erklärten den Krisäern im Namen der Delphischen Amphiktyonie den Ersten „Heiligen Krieg“, an dessen Ende die Zerstörung Krisas stand.Pavel Oliva: Solon – Legende und Wirklichkeit. Konstanz 1988, S. 45 f.
Über seine Verbindungen nach Delphi hatte Solon Anschluss an die außerathenischen geistigen Strömungen seiner Zeit. Im Zuge der griechischen Kolonisation war die Orakelstätte zu einem wichtigen Umschlagplatz für Gedanken und Informationen aus der gesamten griechischen Poliswelt geworden. Neben technischen und geographischen Fragen der Koloniegründung spielten dabei Probleme der politischen Organisation sowie sozial- und wirtschaftspolitische Maßnahmen eine wichtige Rolle. Krisenhafte Entwicklungen in diversen Poleis und mögliche Lösungen wurden in Delphi und von den in diesem Umkreis aktiven Denkern reflektiert. In Bezug auf Probleme der politischen Ordnung könnte Solon dabei eine besondere Rolle gespielt haben, womöglich die eines Vorreiters.Christian Meier: Entstehung und Besonderheit der griechischen Demokratie. In Konrad Kinzl (Hrsg.): Demokratia. Der Weg zur Demokratie bei den Griechen. Darmstadt 1995. S. 269 f.
Vordenker des Politischen
Hinweise auf die politisch-programmatischen Kernvorstellungen Solons ergeben sich hauptsächlich aus den überlieferten Fragmenten seiner Elegien.Hartwin Brandt: Solon. In: Kai Brodersen (Hrsg.): Große Gestalten der griechischen Geschichte. München 2001, S. 85; Pavel Oliva: Solon – Legende und Wirklichkeit. Konstanz 1988, S. 78. Sie wurden öffentlich vorgetragen und sollten einerseits in der aktuellen Krisenlage der Polis die Zuhörer für die darin enthaltenen Grundsätze gewinnen, andererseits in dieser noch „mündlich“ geprägten Gesellschaft aber auch für deren Verbreitung und dauerhafte Verankerung als Dichtung sorgen.Oswyn Murray nennt Solons Gedichte „eine direkt politische Lyrik“ (Oswyn Murray: Das frühe Griechenland. Übersetzt von Kai Brodersen. München 1982, S. 230). In Solons Versen wurde erstmals das Bild eines durch Gesetze gerecht geordneten und von der Mitwirkung der Bürger getragenen Gemeinwesens entworfen. Die gemeinschaftsbildende Bezeichnung „unsere Polis“ ist zuerst bei ihm zu finden.John Lewis: Solon the Thinker. Political Thought in Archaic Athens. London 2006, S. 1 und 20. Die von Solon angestrebte gute gesellschaftliche Ordnung, die Eunomie, zielte vermeintlich auf Wiederherstellung einer früheren sozialen Ordnung, die aus dem Lot gekommen war. Dennoch waren es etwa für den Historiker Christian Meier große Entdeckungen, die Solon in seinen Elegien vorgetragen hat: sowohl die vom Status quo stark abweichende gerechte Ordnung als auch die unmittelbare Eigenverantwortung der Bürger für Wohl und Wehe der Polis.Christian Meier: Entstehung und Besonderheit der griechischen Demokratie. In Konrad Kinzl (Hrsg.): Demokratia. Der Weg zur Demokratie bei den Griechen. Darmstadt 1995, S. 266.
Krise der Polis als soziale Gemeinschaft Anlass der Berufung Solons in die herausgehobene Funktion des Schlichters und Versöhners der athenischen Bürgerschaft mit weitgehenden Vollmachten für eine Neuordnung der Verhältnisse war eine tiefgreifende gesellschaftliche Spaltung, hervorgerufen durch zunehmende Existenznöte und Schuldsklaverei im verarmten Ackerbürgermilieu. Die Ursachen einer sich offenbar akut zuspitzenden Verschuldungskrise bei Teilen der Bürgerschaft werden in einem unter herrschenden adligen Großgrundbesitzerkreisen verbreiteten, rücksichtslosen Gewinnstreben auf Kosten der Kleinbauernschaft gesehen. Dabei war es dem Reichen möglich, einen bei ihm verschuldeten Mitbürger zu seinem Schuldsklaven zu machen – wenn der seine Schulden nicht begleichen konnte – und ihn sogar nach außerhalb Athens zu verkaufen. Die daraus resultierende verbreitete Furcht anderer Armutsgefährdeter, mit der Existenzgrundlage auch die persönliche Freiheit zu verlieren, löste unter anderem radikale Forderungen nach gleichem Landbesitz (Isomoria) für alle attischen Bürger aus. Das stellte aber die Grundfesten der gesamten bisherigen Sozialordnung in Frage, sodass Solons Berufung zum Schlichter auch von nicht wenigen Vermögenden in der traditionellen Führungsschicht unterstützt wurde.Karl-Wilhelm Welwei: Athen. Von den Anfängen bis zum Hellenismus. Band 1: Athen. Vom neolithischen Siedlungsplatz zur archaischen Großpolis. Bibliographisch aktualisierte einbändige Ausgabe, Darmstadt 2011 (Originalausgabe 1992), S. 154–160.