mini|hochkant=1.3|Verbreitung der Anishinaabe(g)-Stammesgruppen um 1800 (inklusive der Ojibwa/Chippewa) mini|hochkant=1.3|Dorf der Ojibwa bei Sault Sainte Marie 1846, Gemälde von Paul Kane mini|hochkant=1.3|Der Wildreis ist bei den Anishinabe immer noch eine der wichtigsten subsistenz- und marktwirtschaftlichen Einnahmequellen.
Die Anishinabe () sind eine der heute größten indigenen Ethnien Nordamerikas. Der Name wird heute in doppelter Weise verwendet:
Im weiteren Sinne – korrekter im Plural – Anishinaabeg/Anishinabek („Erstes Volk“, „Originales Volk“, oder „Wesen, geschaffen aus dem Nichts“) – werden die kulturell sowie historisch eng verwandten Indianerstämme der Algonkin, Nipissing, Mississauga, Potawatomi, Odawa, Oji-Cree (Severn Ojibwa), Saulteaux (Salteaux) und die Ojibwa (Chippewa) als Anishinabe bezeichnet. Sie sprechen bzw. sprachen verschiedene Varianten und Dialekte des Anishinaabemowin/Ojibwemowin (ᐊᓂᔑᓈᐯᒧᐎᓐ), einer Algonkin-Sprache.Anishinaabeg oder AnishinabekCarl Waldman: Encyclopedia of Native American Tribes. 3. Auflage, Checkmark Books, New York (USA) 2006, ISBN 978-0-8160-6273-7. S. 65–66. Im engeren Sinne – Anishinabe oder Anishinaabe im Singular – werden gemeinhin nur der in Kanada als Ojibwe oder Ojibwa und in den USA als Chippewa bezeichnete Volksstamm sowie dessen regionale Dialekt- und Stammesgruppen der Mississauga und Saulteaux (Salteaux) als Anishinabe bezeichnet. Früher bezeichneten sie sich selbst als Ojibwe (Plural: Ojibweg), heute jedoch zunehmend als Anishinabe.
Dieser Artikel möchte einen Überblick über den kulturellen Hintergrund bzw. Verwandtschaft aller Stämme der Anishinaabeg geben – nähere Detailauskünfte zu den einzelnen Stämmen sind unter den zugehörigen jeweiligen Artikeln nachzulesen. Wird die Bezeichnung Anishinabe gebraucht, ist hierbei immer der Volksstamm der Ojibwe (Chippewa) gemeint.
Die Anishinaabeg stammten ursprünglich aus der Region rund um die Großen Seen, später erstreckte sich ihr traditionelles Siedlungsgebiet auf Grund ihrer Expansion nach Westen und Südwesten während des Pelzhandels von den Großen Seen über die südlichen kanadischen Prärieprovinzen bis nach Westkanada sowie in die Nördlichen Plains der Vereinigten Staaten.
Die Mehrheit der Anishinaabeg lebt heute in Kanada, der Rest meist im Nordosten der USA, unter ihnen stellen mit heute ca. 335.000 Stammesmitgliedern die Anishinabe bei weitem die größte Gruppe und zählen daher zu den größten Indianervölkern Nordamerikas. Die Anishinabe sind in Kanada in ca. 125 First Nations organisiert, die vom Westen Quebecs bis in den Osten British Columbias zu finden sind – hierbei gibt es ca. 77.940 Ojibwe (Chippewa); 76.760 Saulteaux (Salteaux) und 8770 Mississaugas – sie sind damit nach den Cree die zweitgrößte indigene Gruppe unter den First Nations. Nach dem Census von 2010 gibt es zudem 170.742 Chippewa (Ojibwe) in den USA, die in mehreren auf Bundesebene anerkannten (federally recognized tribes) sowie auf Bundesstaatenebene anerkannten Stämmen (state recognized tribes) organisiert sind und somit die viertgrößte indigene Gruppe unter den Stämmen (übertroffen nur durch die Navajo, Cherokee und Lakota) darstellen.
Mit seinen verschiedenen regionalen Dialekten ist Anishinaabemowin/Ojibwemowin (ᐊᓂᔑᓈᐯᒧᐎᓐ) die zweithäufigste gesprochene indigene Sprache Kanadas (nach Cree) sowie die vierthäufigste in Nordamerika (nach Navajo, Inuit und Cree). Heute sprechen noch ca. 56.531 Anishinaabeg ihre Muttersprache, wobei wiederum mit ca. 33.000 Muttersprachlern die Anishinabe die größte Gruppe darstellen.
Zwischen 1680 und 1800 begann die Ethnie der Anishinaabeg zu expandieren, um weiterhin im Pelzhandel als Mittelsleute zwischen Franzosen und Briten sowie Stämmen im Landesinneren auftreten zu können; nunmehr errichteten viele Gruppen ihre Siedlungen oftmals in der Nähe europäischer Handelsposten, um Handelskompanien mit Wildbret, Fisch, Wasserreis, Beeren, Früchten und Pemmikan zu versorgen, als Kundschafter, Trapper und Jäger zu dienen sowie die Europäer gegen feindliche Stämme (Dakota, Irokesen, Fox u. a.) zu verteidigen. Durch die Notwendigkeit, sich an die jeweiligen Gegebenheiten der verschiedenen Stammesgebiete anzupassen, und durch den engen Kontakt im Zusammenleben mit den Europäern (mit denen es oft Mischehen gab, hieraus entstanden dann die Métis) gliederten sie sich kulturhistorisch in drei Gruppen:
Fischer, Elch- und Karibujäger der subarktischen Wälder Zentral- und Nord-Ontarios; den Cree nahestehend und heute häufig mit jenen vermischt. Diese Gruppe wird heute durch die Severn Ojibwa (Ojicree, Oji-Cree) mit etwa 8.000 Angehörigen (1999) repräsentiert Bisonjäger der nördlichen Prärien; heute West-Ojibwa (Saulteaux, Plains Ojibwa oder Bungi) westwärts des Winnipegsee in Saskatchewan bis zu einigen kleineren Gruppen im Westen British Columbias. Sie verloren mit der Ausrottung des Bisons Ende des 19. Jahrhunderts ihre Subsistenzbasis Wildreis-Ernter, Jäger, Fischer und Gartenbauer zwischen Lake Nipissing im Osten und Winnipegsee im Westen; heute Ost-Ojibwa, Zentral-Ojibwa und Nordwest-Ojibwa. Zu den Letztgenannten gehören die Dialekte Saulteaux (Berens River Ojibwa), Lac Seul Ojibwa, Albany River Ojibwa, Lake of the Woods Ojibwa und Rainy River OjibwaOjibwa. In: Hartmut Motz: Sprachen und Völker der Erde – Linguistisch-ethnographisches Lexikon. Band 2. Projekte-Verlag Cornelius, Halle 2007, ISBN 978-3-86634-368-9, S. 392–395.
In manchen Publikationen werden die nördlichen Anishinabe-Jäger Ojibwa, die Präriejäger Plains-Ojibwa und die südlichen Gruppen Chippewa genannt.
Stammesname (Ethnonym) mini|Historisches Foto einer Gruppe Chippewa-Männer vom Bad River (Oberer See) Die Eigenbezeichnung Anishinabe bedeutet „menschliche Wesen“. Die Herkunft des Wortes ‘Ojibwe’ ist noch nicht eindeutig geklärt. Edmund Danziger (1978) behauptet, der Name leite sich von Ozhibii’oweg (“Those who keep Records of a Vision” – ‚Jene, die ihre Geschichten in Bildzeichen festhalten‘),Eastern Woodland Hunters auf firstpeoplesofcanada.com der Bezeichnung eines benachbarten Stammes her, während Frances Densmore (1929) die heute allgemein anerkannte Interpretation vertritt, bei ‘Ojibwe’ handele es sich um eine sprachliche Variante zu ‘Anishinaabeg’ und komme von einem Verb, das so viel wie ‘rösten, bis es sich kräuselt’ bedeute (ein Hinweis auf die besondere Art dieses Stammes, die Nähte von Mokassins abzudichten). Das Weglassen des O von O'chippewa (einer Variante von ‘Ojibwe’) in fehlerhaften euroamerikanischen Dokumenten führte später zum Entstehen des Wortes Chippewa, das bis heute als offizielle Bezeichnung von der amerikanischen Regierung verwendet wird. auf tolatsga.org
Der Stamm der Chipewyan hingegen hat trotz der Ähnlichkeit des Namens nichts mit den Chippewa/Anishinabe zu tun, sondern gehört zur Völkergruppe der Athabasken.
Geschichte mini|Bandolier-Tasche in der ständigen Sammlung des Children’s Museum of Indianapolis,The Children’s Museum of Indianapolis in der englischsprachigen Wikipedia wahrscheinlich für ein Kind angefertigt, um 1900 Zusammen mit den Ottawa und den Potawatomi bildeten die Anishinabe vor der Ankunft der Europäer die Stammeskonföderation des Rates der drei Feuer, die in der Gegend der Großen Seen Nordamerikas und des Sankt-Lorenz-Stroms bestand und sich gegenüber der Irokesenliga behauptete.
Die euroamerikanische Geschichtsschreibung nimmt im Allgemeinen an, dass die Anishinabe im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert aus ihrem ursprünglichen Lebensraum in die Gegend westlich des Huronsees und östlich des Oberen Sees (heute Michigan) migrierten. Von den Anishinabe im engeren Sinne trennten sich dort die Potawatomi, die sich auf der unteren Halbinsel des Bundesstaats Michigan ansiedelten, und die Ottawa, die sich am Lake Nipissing im nördlichen Teil der Provinz Ontario niederließen. Diese beiden Stämme werden heute als eigenständige Völker angesehen.
Der eigenen Legende nach folgten sie einem Sakralgegenstand, der sogenannten „Miigis“-Muschel, die aus dem Ozean aufgetaucht war. Sie enthielt den Auftrag der Geisterwelt, das Volk der Anishinabe in ein neues Land zu führen, „wo die Nahrung im Wasser wächst“ (Wildreis).Bertram Verhaag (Regisseur) Claus Biegert: Die Donnervogelfrau. Winona LaDuke. DENKmal Filmgesellschaft, München 2003. Nach der Ankunft der Indianer an ihrem Bestimmungsort zeigte sich die Muschel den Anishinabe zum letzten Mal und ist seitdem nicht wieder gesichtet worden. Der Ort dieser letzten Offenbarung wird meist mit Mooningwanekaning (Madeline Island) im Anishinaabe Gichigami (Oberer See) angegeben.
Unter dem Einfluss des Pelzhandels – der bald eine große Rolle in ihrer Kultur spielte – verbreiteten sie sich sehr weiträumig in alle Himmelsrichtungen. Da ihre wichtigsten Handelspartner die Franzosen waren, kämpften sie in den vier nordamerikanischen Kolonialkriegen auf deren Seite gegen die Engländer. Einige Gruppen zogen weiter westwärts und vertrieben gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Dakota aus dem heutigen Bundesstaat Minnesota.
Ab 1840 hatten sie sich in der Gegend nördlich des Oberen Sees und des Huronsees sowie in Teilen von Minnesota, North Dakota, Wisconsin, Manitoba und Saskatchewan niedergelassen. 1850 bis 1923 schlossen die Briten eine Reihe von Landnutzungs-Verträgen mit verschiedenen Anishinabe-Stämmen in Kanada. In den USA begann ab 1854 die Einrichtung von Reservaten, die eine zunehmende Assimilation in der amerikanischen Gesellschaft mit einer Abkehr von den traditionellen Wirtschaftsweisen zur Folge hatte (siehe auch: Kulturwandel).
Kultureller Hintergrund mini|Piktographische Zeichen der Ojibwa Alle Kulturen der Anishinabe basierten in mehr oder weniger großem Umfang auf dem Jagen, Fischen und Sammeln. Während die Bisonjäger der Prärien und die Elch- und Karibujäger der nordischen Wälder reine Wild- und Feldbeuter waren, kam bei den Bewohnern der Seengebiete in geringem Umfang Gartenbau (Mais, Kürbis, Bohnen) sowie vor allem die Ernte von Wildreis (Zizania aquatica) und Ahornsaft hinzu.Barry M. Pritzker: A Native American Encyclopedia. History, Culture and Peoples. Oxford University Press, New York 2000, ISBN 978-0-19-513877-1, S. 406–412. mini|links|Birkenrindenkästchen, angefertigt nach 1865, Peabody Museum
In der Materialkultur spielte die Birkenrinde eine wichtige Rolle: Die meist kuppelförmigen Wigwams, Kanus und zahlreiche Gebrauchsgegenstände wurden daraus gefertigt. Die Wigwams wurden bisweilen auch mit Matten aus Rohrkolben gedeckt.Barry M. Pritzker: A Native American Encyclopedia. History, Culture and Peoples. Oxford University Press, New York 2000, ISBN 978-0-19-513877-1. S. 408. Überdies ritzte man piktographische Zeichen in die Rinde, die in Ritualen als mnemotechnische Hilfen beim Erzählen von Mythen verwendet wurden.
Gesellschaftsorganisation mini|Petition verschiedener Ojibwa-Häuptlinge vom Wisconsin-River von 1849 an den US-Präsidenten 1849. Es geht um zwei gebrochene Verträge. Die hier gezeigten Stämme werden durch die Totems Marder, Bär, Mensch und Wels sowie dem Kranich als Gründerclan repräsentiert. Die Linien zeigen die Verbundenheit der Clans untereinander sowie mit ihrem Seengebiet mini|Ojibwa-Speerfischer 1908