Die Akustik (von griechisch ‚hören‘ bzw. , ‚das Gehör betreffend‘) ist die Lehre vom Schall und seiner Ausbreitung. Im Wissenschaftsgebiet sind eine Vielzahl damit zusammenhängender Gesichtspunkte enthalten, so die Entstehung und Erzeugung, die Ausbreitung, die Beeinflussung und die Analyse von Schall, seine Wahrnehmung durch das Gehör und die Wirkung auf Menschen und Tiere. Akustik ist ein interdisziplinäres Fachgebiet, das auf Erkenntnissen aus zahlreichen Fachgebieten aufbaut, unter anderem der Physik, der Psychologie, der Nachrichtentechnik und der Materialwissenschaft. Akustik wird auch (unscharf) in drei Teilgebiete unterteilt:H. Backhaus: Akustik (Handbuch der Physik, Band 8), 1927; Nachdruck online in Auszügen verfügbar: Die physikalische Akustik (oft auch nur als „Akustik“ bezeichnet) umfasst insbesondere Teilgebiete der klassischen Mechanik, die physiologische Akustik behandelt Schallaufnahme und Schallübertragung in den Gehörorganen und die psychologische Akustik die Umsetzung der akustischen Nervenreizung in die Hörempfindung.
Zu den wichtigsten Anwendungen der Akustik gehören die Erforschung und Minderung von Lärm, das Bemühen, einen Wohlklang hervorzurufen oder eine akustische Information, etwa einen Ton, zu übertragen. Außerdem ist der Einsatz von Schall zur Diagnose oder zu technischen Zwecken eine wichtige Anwendung der Akustik.
Geschichte
Antike und Mittelalter
mini|Helmholtz-Resonator aus Messing von ca. 1900Als eine erste systematische Beschäftigung mit der Akustik gilt die Einführung von Tonsystemen und Stimmungen in der Musik im 3. Jahrtausend v. Chr. in China. Aus der abendländischen Antike ist eine wissenschaftliche Beschäftigung mit der Akustik unter anderem von Pythagoras von Samos (ca. 570–510 v. Chr.) überliefert, der den Zusammenhang von Saitenlänge und Tonhöhe beim Monochord mathematisch analysierte, manche ihm zugeschriebene Erkenntnisse, wie etwa Pythagoras in der Schmiede, sind allerdings eher als Legende einzustufen.
Im 8. Kapitel seines Werkes De Anima (Von der Seele) beschrieb Aristoteles um 350 v. Chr. den physikalischen Wellencharakter des Schalls als „räumliche Bewegung“, „Erschütterung“ und durch periodischen Druck erzeugtes „Ausdehnen und Zusammenziehen“ der Luft, ebenso wie die Abhängigkeit des Schalls von einem Medium, in dem er sich ausbreiten kann, wie etwa Luft oder Wasser.Eric J. Heller: How sound propagates, S. 1, aus: ders., Why You Hear What You Hear, Princeton University Press 2012, ISBN 978-0-691-14859-5. Heller und andere englischsprachige Quellen zitieren das 8. Kapitel von De Anima als Treatise on Sound and Hearing, obwohl das Kapitel in deutschen Übersetzungen keinen Titel außer den Nummer hat. Die hier zitierte deutsche Übersetzung der Stellen erfolgt nach Von der Seele und von der Welt, übers. von C. H. Weiße, 1829, bis auf das: „Ausdehnen und Zusammenziehen“ der Luft, das in der englischen Übersetzung bei Heller als „air being contracted and expanded“ auftaucht, von Weiße jedoch als: „das Fließen von vieler und zusammengedrängter Luft“ bzw. „daß die Luft in Masse abspringt und erschüttert wird“ übersetzt wird. Es ist schwer, die genaue Stelle für „air being contracted and expanded“ in der deutschen Übersetzung zu finden, obwohl dieses Aristoteleszitat seit dem 19. Jahrhundert in diversen englischen Abhandlungen zum Thema auftaucht, wie etwa der in der nächsten Fußnote genannten Quelle Whewell.Whewell, William: History of the inductive sciences: From the earliest to the present times. Buch 2, Cambridge, ISBN 978-0-511-73434-2, S. 295. Im um c. 290 v. Chr. entstandenen, früher Aristoteles und heute allgemein Straton von Lampsakos zugeschriebenen, allein in Auszügen im Kommentar zur Harmonielehre des Ptolemaios von Porphyrios überlieferten Werk De audibilibus (Von hörbaren Dingen) findet sich eine Abhandlung über die Abhängigkeit der Tonhöhe von der Schwingungsfrequenz der Schallwellen in der Luft.Barker, Andrew. Greek musical writings, Cambridge 2004, Cambridge University Press, ISBN 0-521-38911-9, S. 98. .
Chrysippos von Soli (281–208 v. Chr.) beschrieb den Wellencharakter von Schall durch einen Vergleich mit Wellen auf der Wasseroberfläche. Der römische Architekt Vitruv (ca. 80–10 v. Chr.) analysierte die Schallausbreitung in Amphitheatern und vermutete die Ausbreitung von Schall als Kugelwelle. Er beschrieb ebenfalls die Wirkungsweise von Helmholtz-Resonatoren zur Absorption tieffrequenten Schalls.
Dem islamischen Gelehrten al-Bīrūnī wird für die Zeit um 1000 die Entdeckung zugeschrieben, dass der Schall sich um ein Vielfaches langsamer bewege als das Licht.Sparavigna, Amelia Carolina (2013): The Science of Al-Biruni, International Journal of Sciences, Nr. 2, Dezember 2013, S. 52–60.Abu Arrayhan Muhammad ibn Ahmad al-Biruni, School of Mathematics and Statistics, University of St. Andrews, Schottland, November 1999.
Frühe Neuzeit
Leonardo da Vinci (1452–1519) war unter anderem bekannt, dass Luft als Medium zur Ausbreitung des Schalls erforderlich ist und dass sich Schall mit einer endlichen Geschwindigkeit ausbreitet. Von dem Priester, Mathematiker und Musiktheoretiker Marin Mersenne (1588–1648) stammt neben anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Natur des Schalls auch die erste Angabe einer experimentell bestimmten Schallgeschwindigkeit. Galileo Galilei (1564–1642) beschrieb den für die Akustik wichtigen Zusammenhang zwischen Tonhöhe und Frequenz. Galilei und Mersenne entdeckten etwa zeitgleich eine beim Instrumentenbau eingesetzte Formel zur exakten Berechnung der benötigten Masse (Dicke), Spannungsgrad und Schwingungsfrequenz einer Saite zur Hervorbringung bestimmter Töne.
Joseph Sauveur (1653–1716) führte die Bezeichnung „Akustik“ für die Lehre vom Schall ein. Isaac Newton (1643–1727) berechnete als erster die Schallgeschwindigkeit auf Grund theoretischer Überlegungen, während Leonhard Euler (1707–1783) eine Wellengleichung für Schall in der heute verwendeten Form fand. Ernst Florens Friedrich Chladni (1756–1827) gilt als Begründer der modernen experimentellen Akustik; er fand die Chladnischen Klangfiguren, die Eigenschwingungen von Platten sichtbar machen.
19. Jahrhundert
Mit Beginn des 19. Jahrhunderts setzte eine intensive Beschäftigung mit der Akustik ein und zahlreiche Wissenschaftler widmeten sich dem Thema. So fand Pierre-Simon Laplace (1749–1827) das adiabatische Verhalten von Schall, Georg Simon Ohm (1789–1854) postulierte die Fähigkeit des Gehörs, Klänge in Grundtöne und Harmonische aufzulösen, Hermann von Helmholtz (1821–1894) erforschte die Tonempfindung und beschrieb den Helmholtz-Resonator und John William Strutt, 3. Baron Rayleigh (1842–1919) veröffentlichte die „Theory of Sound“ mit zahlreichen mathematisch begründeten Erkenntnissen, die den Schall, seine Entstehung und Ausbreitung betreffen.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden erste akustische Mess- und Aufzeichnungsgeräte entwickelt, so der Phonautograph von Édouard-Léon Scott de Martinville (1817–1897) und später der Phonograph von Thomas Alva Edison (1847–1931). August Kundt (1839–1894) entwickelte das Kundtsche Rohr und setzte es zur Messung des Schallabsorptionsgrades ein.
20. Jahrhundert
Ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts kam es zur breiten Anwendung der vorhandenen theoretischen Erkenntnisse zur Akustik. So entwickelte sich die von Wallace Clement Sabine begründete wissenschaftliche Raumakustik mit dem Ziel, die Hörsamkeit von Räumen zu verbessern. Die Erfindung der Elektronenröhre 1907 ermöglichte den breiten Einsatz elektroakustischer Übertragungstechnik. Paul Langevin (1872–1946) verwendete Ultraschall zur technischen Ortung von Objekten unter Wasser (Sonar). Heinrich Barkhausen (1881–1956) erfand das erste Gerät zur Messung der Lautstärke. Seit etwa 1930 erscheinen wissenschaftliche Fachzeitschriften, die sich ausschließlich Themen der Akustik widmen.
Zu einer der wichtigsten Anwendungen der Akustik entwickelt sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch die Minderung von Lärm, so wird zum Beispiel der Schalldämpfer für die Abgasanlage von Kraftfahrzeugen immer weiter verbessert. Mit der Einführung von Strahltriebwerken um 1950 und der für den erfolgreichen Einsatz notwendigen Lärmminderung entwickelte sich die Aeroakustik, die wesentlich durch die Arbeiten von Michael James Lighthill (1924–1998) begründet wurde.
Teilgebiete mini|Abgasschalldämpfer an einem Pkw Innerhalb der Akustik werden eine Vielzahl unterschiedlicher Aspekte behandelt: Aeroakustik beschäftigt sich mit der Entstehung und Ausbreitung aerodynamisch erzeugter Geräusche und deren Minderung Audiometrie dient in der Medizin zur Vermessung von Parametern des menschlichen Gehörs Bioakustik bezeichnet das Forschungsfeld der Tierstimmenforschung Elektroakustik beschäftigt sich mit der Aufnahme, Verarbeitung und Wiedergabe von Schall Fahrzeugakustik behandelt alle Fragestellungen zum Thema Innen- und Außengeräusch von Fahrzeugen Hydroakustik beschäftigt sich mit Wasserschall Lärmforschung beschäftigt sich mit allen Aspekten der Lärmerzeugung, -minderung und -wahrnehmung Musikalische Akustik befasst sich mit der Erzeugung und Wahrnehmung von Musik Optoakustik Ozeanische Akustik als Teil der Meereskunde befasst sich mit Signalen aus der Unterwasserwelt der Meere, das Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven unterhält eine entsprechende Arbeitsgruppeawi.de, Ozeanische Akustik (4. März 2017)deutschlandfunk.de, Hörspiel, 17. Dezember 2017: In darkness let me dwell – Lieder aus der Finsternis (4. März 2017) Phonetik beschäftigt sich mit der Sprachverarbeitung und -kommunikation Physikalische Akustik behandelt die physikalischen Grundlagen der Akustik Psychoakustik behandelt Themen zur Schallwahrnehmung und zur subjektiven Beurteilung von Schall und zur Objektivierung der subjektiven Wahrnehmung, in der Musikwissenschaft auch mit Hilfe der Musikpsychologie Raumakustik und Bauakustik behandeln die Fragestellungen der Schallübertragung in Gebäuden und der Beschallung von Zuhörerräumen Technische Akustik behandelt Geräusche von Maschinen und Anlagen Thermoakustik behandelt die Wechselwirkung von thermischer Energie und akustischen Schwingungen
Analysemethoden Frequenzanalyse Neben der Betrachtung zeitgemittelter Schallfeld- und Schallenergiegrößen wird oft die zeitliche Auslenkung gemessen, z. B. das Drucksignal, und einer Frequenzanalyse unterzogen. Für den Zusammenhang des so erhaltenen Frequenzspektrums mit dem Klang siehe Klangspektrum. Die zeitliche Veränderung innerhalb eines Schallereignisses wird durch Kurzzeit-Fourier-Transformation zugänglich. Die Veränderungen des Spektrums beim Prozess der Schallabstrahlung, -ausbreitung und Messung bzw. Wahrnehmung werden durch den jeweiligen Frequenzgang beschrieben. Den Frequenzgang des Gehörs berücksichtigen Frequenzbewertungskurven.
Resonanzanalyse
Die akustische Resonanzanalyse wertet die entstehenden Resonanzfrequenzen aus, wenn ein Körper durch eine impulshafte Anregung wie etwa einen Schlag in Schwingung versetzt wird. Ist der Körper ein schwingungsfähiges System, so bilden sich über einen gewissen Zeitraum bestimmte charakteristischen Frequenzen aus, der Körper schwingt in den so genannten natürlichen Eigen- oder Resonanzfrequenzen – kurz Resonanzen.
Ordnungsanalyse
Bei der Ordnungsanalyse werden Geräusche oder Schwingungen von rotierenden Maschinen analysiert, wobei im Gegensatz zur Frequenzanalyse hierbei der Energiegehalt des Geräusches nicht über der Frequenz, sondern über der Ordnung aufgetragen wird. Die Ordnung entspricht dabei einem Vielfachen der Drehzahl.
Laborräume mini|Reflexionsarmer Raum (Freifeldraum) der TU Dresden – 1000 m³ Gesamtvolumen
Reflexionsarmer Raum