mini| rahmenlos|zentriert|klasse=notpageimage skin-invert-image|hochkant=0.6|Unterschrift Paul Heyse

Paul Johann Ludwig Heyse, ab 1910 von Heyse (* 15. März 1830 in Berlin; † 2. April 1914 in München), war ein deutscher Schriftsteller, Dramatiker und Übersetzer. Neben vielen Gedichten schuf Heyse rund 180 Novellen, acht Romane und 68 Dramen. Heyses Biograf Erich Petzet rühmte die „Umfassenheit seiner Produktion“. Die Ausgabe der Werke, die Petzet 1924 besorgte, umfasst drei Reihen von je fünf Bänden, von denen jeder rund 700 Seiten zählt (darin sind nicht alle Werke enthalten). Der einflussreiche Münchener „Dichterfürst“Heyse wurde und wird oft als „Dichterfürst“ bezeichnet. Vgl. Sigrid von Moisy: Paul Heyse. Münchner Dichterfürst im bürgerlichen Zeitalter. Ausstellung in der Bayerischen Staatsbibliothek, 23. Januar bis 11. April 1981. Beck, München 1981 (Ausstellungs-Kataloge der Bayerischen Staatsbibliothek 23), ISBN 3-406-08077-4. Heyse pflegte zahlreiche Freundschaften und war auch als Gastgeber berühmt.

Theodor Fontane glaubte 1890, dass Heyse seiner Epoche „den Namen geben“ und ein „Heysesches Zeitalter“ dem Goetheschen folgen werde. 1910 wurde Heyse als erster deutscher Autor belletristischer Werke mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. mini|Urkunde zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Paul Heyse, 1910

Leben Elternhaus und Schulzeit Am 15. März 1830 wurde Heyse in Berlin in der Heiliggeiststraße geboren. Der Vater Karl Wilhelm Ludwig Heyse, außerordentlicher Professor für klassische Philologie und Allgemeine Sprachwissenschaft, war von 1815 bis 1817 Erzieher von Wilhelm von Humboldts jüngstem Sohn sowie von 1819 bis 1827 von Felix Mendelssohn Bartholdy.Unter Kunst, Wissenschaft und Literatur: Biografisches zu Paul Heyse; aus Anlass seines 50-jährigen akademischen Jubiläums, in: Königlich Privilegierte Berlinische Zeitung, 9. Juni 1902. Die Mutter, Julie Heyse geb. Saaling (1788–1863), stammte aus der begüterten und kunstinteressierten Familie des preußischen Hofjuweliers Jakob Salomon, der sich nach seinem Übertritt vom Judentum zum Christentum Saaling nannte. Sie war eine Cousine von Lea Salomon, der Mutter von Felix Mendelssohn Bartholdy. In Paul Heyses Elternhaus traf sich die kultivierte Gesellschaft, um sich über Musik und Kunst zu unterhalten.Sigrid von Moisy: Paul Heyse. Münchner Dichterfürst im bürgerlichen Zeitalter. Ausstellung in der Bayerischen Staatsbibliothek, 23. Januar bis 11. April 1981. Beck, München 1981 (Ausstellungs-Kataloge der Bayerischen Staatsbibliothek 23), ISBN 3-406-08077-4, S. 18 ff. Heyse war bis 1847 Schüler des renommierten Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums. Sein Reifezeugnis weist ihn als Musterschüler aus.Sigrid von Moisy: Paul Heyse. Münchner Dichterfürst im bürgerlichen Zeitalter. Ausstellung in der Bayerischen Staatsbibliothek, 23. Januar bis 11. April 1981. Beck, München 1981 (Ausstellungs-Kataloge der Bayerischen Staatsbibliothek 23), ISBN 3-406-08077-4, S. 22 f. Schon als Gymnasiast trat er mit eigenen poetischen Versuchen hervor und war an der Gründung eines Dichterklubs beteiligt.

Durch die Mutter erlangte Heyse Zutritt zu den künstlerischen Salons Berlins. 1846 lernte er seinen späteren literarischen Mentor kennen, den 15 Jahre älteren Emanuel Geibel, einen damals populären Dichter. Heyse zeigte Geibel seine Gelegenheits- und Liebesgedichte vor. Zwischen den beiden Literaten entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft, aus der auch einige gemeinsame Arbeiten entstanden. Geibel führte Heyse in das Haus des Kunsthistorikers und Schriftstellers Franz Kugler ein, der später Heyses Schwiegervater wurde. Dort lernte er auch Jakob Burckhardt kennenWalter Rehm: Paul Heyse und Jacob Burckhard In: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Bd. 61, 1961, S. 131–143.

Studienjahre Nach seinem Schulabschluss begann Paul Heyse 1847 mit dem Studium der klassischen Philologie in Berlin. Frühlingsanfang 1848, das erste gedruckte Gedicht Heyses, drückt seine Begeisterung für die Märzrevolution aus.Sigrid von Moisy: Paul Heyse. Münchner Dichterfürst im bürgerlichen Zeitalter. Ausstellung in der Bayerischen Staatsbibliothek, 23. Januar bis 11. April 1981. Beck, München 1981 (Ausstellungs-Kataloge der Bayerischen Staatsbibliothek 23), ISBN 3-406-08077-4, S. 37 f. Nach einem schwärmerischen Ausflug zu den Studentengarden zog er sich bald wieder aus deren Kreis zurück, vermutlich auch aus Rücksicht auf seine Eltern und Geibel. Er kam in Kontakt mit Adolph Menzel, Theodor Fontane und Theodor Storm. 1849 schloss Heyse sich ihrem Dichterkreis an, dem Tunnel über der Spree.

Nach zwei Studienjahren in Berlin wechselte er im April 1849 zum Studium der Kunstgeschichte und Romanistik an die Universität nach Bonn. 1850 entschied er sich endgültig für den Dichterberuf und begann seine Dissertation bei Friedrich Diez, dem Begründer der Romanischen Philologie in Deutschland. Wegen einer Liebesaffäre mit der Frau eines seiner Professoren musste Heyse Ostern nach Berlin zurückkehren. Noch im selben Jahr erschien sein Erstling Der Jungbrunnen (Märchen und Gedichte) anonym, vom Vater herausgegeben. Heyse bekam vom Verleger Alexander Duncker ein Manuskript des noch unbekannten Theodor Storm. Seine begeisterte Rezension der Sommergeschichten und Lieder wurde zum Grundstein einer dauerhaften Dichterfreundschaft.

mini|Heyse-Porträt von Adolph Menzel (1853)

1851 gewann Heyse mit seiner Ballade Das Tal von Espigno einen internen Balladenwettstreit des Tunnels. Heyses erste Novelle Marion wurde 1852 im Tunnel ausgezeichnet. Im selben Jahr erschien das später mehrfach vertonte Spanische Liederbuch mit Übersetzungen von Geibel und Heyse. Es war der Beginn einer lebenslangen Übersetzertätigkeit, in der Heyse vor allem als Vermittler der italienischen Literatur (Leopardi, Giusti) Hervorragendes leistete. Um den steifen Umgangsformen im Tunnel zu entgehen, fanden sich einige der Mitglieder im Dezember 1852 im Dichterverein Rütli zusammen.

Reise nach Italien Im Mai 1852 war Heyse mit einer Arbeit über den Refrain in der Poesie der Troubadoure promoviert worden. Dank eines preußischen Staatsstipendiums konnte er im Anschluss eine Italienreise zur Untersuchung alter provenzalischer Handschriften unternehmen. In der Bibliothek des Vatikans erhielt er 1852 Hausverbot, weil er sich Notizen von ungedruckten Handschriften machte.

Heyse erlebte in Italien ein glückliches Studienjahr und freundete sich mit zahlreichen Künstlern, unter anderen Arnold Böcklin und Joseph Victor von Scheffel,Sigrid von Moisy: Paul Heyse. Münchner Dichterfürst im bürgerlichen Zeitalter. Ausstellung in der Bayerischen Staatsbibliothek, 23. Januar bis 11. April 1981. Beck, München 1981 (Ausstellungs-Kataloge der Bayerischen Staatsbibliothek 23), ISBN 3-406-08077-4, S. 44 f. an. Unter dem Eindruck der italienischen Landschaft entstanden Werke, die ihn weithin als Schriftsteller bekannt machen, unter anderen die Tragödie Francesca von Rimini. Heyses berühmteste Novelle, L’Arrabbiata (1853), und seine Lieder aus Sorrent (1852/53) erschienen als Beitrag in der Argo, dem Jahrbuch des Rütli.

Heyse in München 1852 war Emanuel Geibel zum literarischen Ratgeber des bayerischen Königs Maximilian II. berufen worden. 1854 überredete er den König, den jungen Paul Heyse, der damals noch ein talentierter, aber unbekannter Anfänger war, mit einer hohen Pension nach München zu berufen. So erhielt der 24-jährige Heyse von Maximilian II. zu seiner Überraschung das Angebot, für eine jährliche Pension von zunächst 1000 Gulden nach München überzusiedeln und dort zu dichten.Sigrid von Moisy: Paul Heyse. Münchner Dichterfürst im bürgerlichen Zeitalter. Ausstellung in der Bayerischen Staatsbibliothek, 23. Januar bis 11. April 1981. Beck, München 1981 (Ausstellungs-Kataloge der Bayerischen Staatsbibliothek 23), ISBN 3-406-08077-4, S. 46 ff. Heyse sollte an den vom König veranstalteten Symposien teilnehmen. Zudem wurde ihm ein Vorlesungsrecht an der Universität gewährt (Professur in romanischer Philologie). Nach der Heirat mit Margaretha Kugler (1834–1862) traf Heyse am 25. Mai 1854 in München ein. Bei seiner ersten Audienz beim König überreichte Heyse diesem seine Verserzählungen Hermen. Wie sich später zeigte, musste Heyse seinen Dienstherrn auch auf Reisen begleiten und bei den Teeabenden der Königin lesen. Sein Vorlesungsrecht übte er dagegen nicht aus.

Heyse durfte sich nun zur geistigen Elite des drittgrößten deutschen Teilstaates zählen und genoss ein reges geselliges Leben. Bei den königlichen Gesprächsrunden, den Symposien, saß der junge Dichter gleichberechtigt neben Geibel und Friedrich Bodenstedt, neben den besten Wissenschaftlern Münchens wie dem Chemiker Justus von Liebig, dem Philologen Friedrich Thiersch, den Historikern Heinrich von Sybel und Wilhelm Heinrich Riehl und dem Arzt Max von Pettenkofer. Die Teilnehmer an den Symposien verkehrten häufig mit dem König und zwangloser als mancher Minister.

In der Ehe mit Margaretha geb. Kugler wurden vier Kinder geboren: Franz, Julie (genannt „Lulu“), Ernst, Clara.

mini|Paul Heyses Tochter Julie „Lulu“ von Heyse gemalt von Franz von Lenbach

Zwischen 1855 und 1874 war Heyse Mitglied der Zwanglosen Gesellschaft München.Zwanglose Gesellschaft: Hundertfünfzig Jahre Zwanglose Gesellschaft München 1837–1987, Universitätsdruckerei und Verlag Dr. C. Wolf und Sohn KG, München 1987, 159 Seiten Mit den ebenfalls nach München berufenen „Nordlichtern“ Geibel und Riehl gründete er 1856 den Dichterverein Die Krokodile. Zu den Mitgliedern der Vereinigung gehörte auch der Komponist Robert von Hornstein, in dessen Haus Heyse zeitweise wohnte und dem er einige Libretti lieferte.

In Zürich lernte Heyse 1857 Gottfried Keller kennen, mit dem er schon bald in einen Gedankenaustausch trat, vorwiegend in Form eines Briefwechsels (1859–1888), woraus sich eine dauerhafte Freundschaft entwickelte.Briefwechsel von Gottfried Keller, siehe unter Paul Heyse Seit Dezember 1854 pflegte Heyse auch eine langjährige Korrespondenz mit Eduard Mörike.

Ab 1859 musste Heyse einige Mitglieder der Familie Kugler versorgen und deshalb den ungeliebten Redakteursposten beim Literaturblatt zum deutschen Kunstblatt annehmen. Er sagte einem verlockenden Angebot des Großherzogs Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach ab, der ihn zur Übersiedlung nach Thüringen bewegen wollte. In diese Zeit fiel der Beginn einer Freundschaft mit dem schwäbischen Dichter Hermann Kurz.

Angeregt durch ein Bild seines Freundes Bonaventura Genelli schrieb Heyse 1860 für die Argo die Novelle Der Centaur. Im selben Jahr erschien die Sammlung italienischer Volkslieder Italienisches Liederbuch, die später von Hugo Wolf unter demselben Titel vertont wurde.

1861 lernte Heyse bei einem Besuch in Wien Grillparzer und Hebbel kennen. Auf Heyses Zureden übernahm der Verleger Wilhelm Ludwig Hertz Fontanes Balladen in seinen Verlag.

1862 entstand das Schauspiel Ludwig der Bayer. Heyse gab Ein Münchner Dichterbuch zusammen mit Emanuel Geibel heraus. Andrea Delfin erschien in der Sammlung Neue Novellen. Am 30. September 1862 erlag Heyses Frau Margaretha in Meran einer Lungenkrankheit.

mini|Paul Heyses zweite Frau Anna gemalt von Franz von Lenbach, 1867

1867 heiratete Heyse die junge Münchnerin Anna Schubart (* 25. Mai 1849; † 26. Juli 1930).Anna Heyse Eintrag im Kalliope-Verbund Die Novelle Beatrice erschien. 1868 entzog Ludwig II. Geibel die Pension wegen des Gedichtes An König Wilhelm, das den preußischen König als zukünftigen Kaiser feierte. Daraufhin verzichtete Heyse auf seine eigene Pension und erklärte freimütig, er sei der gleichen Meinung wie Geibel. Von 1868 bis 1870 entstanden Das Mädchen von Treppi, Die Stickerin von Treviso (Novellen), Moralische Novellen und Die Göttin der Vernunft (Tragödie).Die Göttin der Vernunft: Trauerspiel in 5 Akten; Berlin 1869 Verlag Wilhelm Hertz Internet Archive