mini|Nikolaus Lenau, Ölgemälde von Friedrich Amerling rahmenlos mini|Das 1820 an Lenaus Großvater verliehene Wappen Nikolaus Lenau, ausgesprochen [ˈleːnaʊ̯]Die Betonung liegt bei „Lenau“ auf der ersten Silbe, s. Webster's Biographical Dictionary. Springfield 1958, S. 883., amtlich bis 1820 Nikolaus Franz Niembsch und ab 1820 Nikolaus Franz Niembsch Edler von Strehlenau (* 13. August 1802 in Csatád, Königreich Ungarn; † 22. August 1850 in Oberdöbling, Kaisertum Österreich), war ein österreichischer spätromantischer Schriftsteller, vor allem Lyriker.
Lenau ist der wichtigste deutschsprachige Dichter des Weltschmerzes und Pessimismus, einer europaweit umgreifenden Stimmung in der Restaurationszeit, die in der Philosophie ihren Ausdruck in Arthur Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung finden sollte und in der deutschen Literatur in Friedrich Hebbel einen weiteren Vertreter unter den Schriftstellern fand. Als Skepsis und Verlust metaphysischer Welterklärungen wie Einsicht in die Unbehaustheit des modernen Subjekts handelt es sich hierbei nicht um ein Abbild der Schwermut, sondern um eine Anschauung, welche die Transformation in der Moderne als metaphysische Verzweiflung reflektiert. Dies schloss bei Lenau beispielsweise die Idealisierung Savonarolas mit ein, ein Schwanken zwischen Pantheismus und Christentum wie das Einsehen in die unaufhaltsame politische Entwicklung.
Der Spätromantiker gilt neben dem an der Klassik sich orientierenden Franz Grillparzer als der bedeutendste Dichter Österreichs im 19. Jahrhundert. Zu seinen hervorragenden Werken zählen die Schilflieder, einige Sonette und Lieder.
Leben Frühe Jahre Nikolaus Lenaus Vater, der habsburgische Beamte Franz Niembsch, war der Spielsucht verfallen. Als er in Pest im Jahre 1807 gestorben war, ließ er die Familie verarmt zurück. Die Kinder blieben unter der Obhut der Mutter, die sich 1811 wieder verheiratete. Durch den Einsatz ihres Erbes ermöglichte die Mutter dem Sohn Nikolaus, das Piaristengymnasium in Pest zu besuchen. Sein Großvater väterlicherseits, der 1820 als „Edler von Strehlenau“ geadelte Oberst Joseph Maria Niembsch (1752–1822), holte seine Enkelkinder schließlich aus Ungarn zu sich. Er finanzierte Nikolaus das Studium.Norbert Otto Eke: Werke und Briefe. Band 5, Teil 1: Text. Teil 2: Kommentar. Deuticke, 1992, ISBN 3-608-95724-3, S. 20. ()
Studium und erste Werke mini|Von links: Theobald Kerner, Nikolaus Lenau, Gustav Schwab, Graf Alexander von Württemberg, Karl Mayer, Justinus Kerner, Friederike Kerner, Ludwig Uhland, Karl August Varnhagen von Ense (im Garten des Kernerhauses in Weinsberg) 1822 ging Lenau an die Universität Wien und später nach Pressburg und studierte Philosophie, Landwirtschaft und Medizin.Nikolaus Lenau. In: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Kindlers Literatur Lexikon. 18 Bände, Band 9. 3., völlig neu bearbeitete Auflage. Metzler, Stuttgart/Weimar 2009, ISBN 978-3-476-04000-8, S. 797–801 (Biogramm und fünf Werkartikel). Er konnte sich für keinen Beruf entscheiden. Schon als Jugendlicher hatte er begonnen, Verse zu schreiben. Seine ersten Gedichte erschienen 1827 in der Zeitschrift Aurora des jungen Verlegers Johann Gabriel Seidl. Nach dem Tod seiner Mutter im Jahre 1829 versank er in Schwermut. Eine Erbschaft seiner Großmutter 1830 erlaubte es ihm, sich ganz der Poesie zu widmen.
Anfang November 1831 kam Lenau nach Heidelberg, um hier die medizinische Doktorprüfung abzulegen. Er wohnte im „König von Portugal“ (Hauptstraße 146). In Heidelberg lernte er Gustav Schwab kennen, der ihm die Veröffentlichung seiner Gedichte bei Cotta vermittelte. 1832 widmete Lenau ihm seinen ersten Gedichtband.Nikolaus Lenau: Gedichte. Cotta, Stuttgart/Tübingen 1832. () Die Widmung „Dem Dichter Gustav Schwab, meinem Freunde.“ findet sich auf S. III. Hilfreiche Kontakte fand Lenau auch zu Ludwig Uhland und Justinus Kerner, die der Schwäbischen Dichterschule sowie dem Seracher Dichterkreis angehörten.Hans Guggenbühl: Nikolaus Lenau. Zum 100. Todestag (22. August). In: Neue Zürcher Zeitung, 23. August 1950, Fernausgabe Nr. 231, Blatt 3 u. 4. Für Lenau begann eine kreative Schaffensphase, die bis zum Jahr 1844 anhielt.
Lenau hatte schon ab 1820 in Wien Kontakt zu Burschenschaftern. Unmittelbar nach seiner Ankunft in Heidelberg muss er ihn wieder aufgenommen und weiter gepflegt haben. Eine verbotene Burschenschaft, die nach ihrem damaligen Kneiplokal, dem „Goldenen Fäßchen“ (Ingrimstraße 16), den Namen FäßlianerHelge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band II: Künstler. Winter, Heidelberg 2018, ISBN 978-3-8253-6813-5, S. 450–453. trug, nahm ihn auf, wovon ein Brief vom 1. Dezember 1831 an Karl Mayer Zeugnis ablegt. Lenau war auch Mitbegründer der Burschenschaft Frankonia Heidelberg, die am 13. Dezember 1831 nach anfangs vergeblichen Mühen vom Senat die Zulassung erhielt.
Amerikareise
Nach einer Fehlspekulation an der Börse, bei der er die Hälfte seines großen Erbes verlor, beschloss Lenau, sich in die USA einzuschiffen, Land zu kaufen und Pächter für sich arbeiten zu lassen.Vgl. Anton X. Schurz: Lenau’s Leben: Großentheils aus des Dichters eigenen Briefen. Erster Band. Cotta, Stuttgart/Augsburg 1855, S. 200. Lenau schrieb nach seiner Ankunft in Amerika in einem Brief: „Die Idee, in Amerika Land zu kaufen und durch einen Pächter bearbeiten zu lassen, hab’ ich nicht aufgegeben; es ist dieß auf jeden Fall eine sichere Art, sein Geld anzulegen und sehr gut zu verzinsen.“ Er war wohl auch inspiriert durch überschwängliche Reisebeschreibungen Nordamerikas wie die von Gottfried Duden.Gottfried Duden: Bericht über eine Reise nach den westlichen Staaten von Nordamerika. Bonn 1829. Lenau schrieb im März 1832 in einem Brief an seinen Schwager Anton Schurz: „Nämlich ich will meine Phantasie in die Schule – in die nordamerikanischen Urwälder schicken; den Niagara will ich rauschen hören und Niagaralieder singen.“Anton X. Schurz: Lenau’s Leben: Großentheils aus des Dichters eigenen Briefen. Erster Band. Cotta, Stuttgart/Augsburg 1855, S. 161 f.
Am 27. Juli 1832 brach Lenau auf dem Ostindienfahrer Baron von der Kapellen von Amsterdam aus auf. Aufgrund einer Kollision vor der holländischen Küste bei Texel verzögerte sich die Überfahrt.Anton X. Schurz: Lenau’s Leben: Großentheils aus des Dichters eigenen Briefen. Erster Band. Cotta, Stuttgart/Augsburg 1855, S. 189. Er landete erst am 8. Oktober 1832 in Baltimore,Anton X. Schurz: Lenau’s Leben: Großentheils aus des Dichters eigenen Briefen. Erster Band. Cotta, Stuttgart/Augsburg 1855, S. 198. wo er etwa zehn Tage blieb. Auf seinem Weg nach Pittsburgh machte er Station in Bedford (Pennsylvania). In Pittsburgh bekam er von deutschen Gastgebern, denen er seinen Plan vortrug, die Empfehlung zur Weiterreise in das rund 25 Kilometer nordwestlich gelegene Economy am Ohio River (heute Old Economy Village in Ambridge, Pennsylvania). In dieser von dem Deutschen Johann Georg Rapp gegründeten Siedlung fand Lenau deutschsprachige Ansprechpartner, die ihn beim Kauf von Land beraten konnten.Homer D. Blanchard: Lenau’s Ohio Venture. In: Ohio History Journal, Vol. 78, 1969, Nr. 4, S. 237–251, hier S. 239. Lenau kaufte schließlich in Crawford County (Ohio) 400 Morgen Land, um das er sich allerdings in der Folge bis zu seinem Tod nur noch widerwillig kümmerte.George A. Mulfinger: Lenau in Amerika. In: German American Annals. Band 1, Nr. 2, 1899. Die Niagarafälle beeindruckten den Romantiker sehr (Gedichte Niagara, Die drei Indianer). Vermutlich im April/Mai 1833 schiffte er sich von New York City aus auf einem Segler ein und reiste zurück nach Europa.
In seinen Briefen aus Amerika übte Lenau heftige Kritik an dem Land und seinen Leuten. Er beklagte mit polemischem Spott den Mangel an Kultur und den Materialismus. Schon kurz nach seiner Ankunft in Baltimore schrieb er an seinen Schwager Schurz in Wien: „Bruder, diese Amerikaner sind himmelan stinkende Krämerseelen. Todt für alles geistige Leben, maustodt. […] Man darf diese Kerle nur im Wirthshause sehen, um sie für immer zu hassen. […] Da erschallt die Freßglocke, und hundert Amerikaner stürzen herein, keiner sieht den andern an, keiner spricht ein Wort, jeder stürzt auf eine Schüssel, frißt hastig hinein, springt dann auf, wirft den Stuhl hin, und eilt davon, Dollars zu verdienen.“Anton X. Schurz: Lenau’s Leben: Großentheils aus des Dichters eigenen Briefen. Erster Band. Cotta, Stuttgart/Augsburg 1855, S. 199. Im März 1833 schrieb er über die Amerikaner: „Ihre Rauheit ist aber nicht die Rauheit wilder, kräftiger Naturen, nein, es ist eine zahme, und darum doppelt widerlich.“ Er habe in Amerika noch keinen leidenschaftlichen Menschen gesehen. Auch die Natur sei hier „entsetzlich matt“. So gebe es „keine Nachtigall, überhaupt keine wahren Singvögel“.Anton X. Schurz: Lenau’s Leben: Großentheils aus des Dichters eigenen Briefen. Erster Band. Cotta, Stuttgart/Augsburg 1855, S. 204. Zusammenfassend urteilte Lenau, Amerika sei „das wahre Land des Unterganges“.Anton X. Schurz: Lenau’s Leben: Großentheils aus des Dichters eigenen Briefen. Erster Band. Cotta, Stuttgart/Augsburg 1855, S. 206. In einem weiteren Brief schrieb Lenau: „Ich war häufig in musikalischen Gesellschaften, wo junge Damen sich singend (?) hören ließen. Ihr Ton war […] ein sonderbares Geschrille, das höchstens dem einer Möve ähnlich kommt. […] Die Bildung der Amerikaner ist bloß eine merkantile, eine technische. Hier entfaltet sich der praktische Mensch in seiner furchtbarsten Nüchternheit.“ Industrie und Handel seien ebenso „bodenlos“ wie die politischen Institutionen. Jeder sei nur auf seinen Privatbesitz bedacht: Der Amerikaner „kennt nichts, er sucht nichts, als Geld, er hat keine Idee“.Anton X. Schurz: Lenau’s Leben: Großentheils aus des Dichters eigenen Briefen. Erster Band. Cotta, Stuttgart/Augsburg 1855, S. 207 f. Lenaus Verachtung für Amerika klingt auch in dem Ausdruck „das englische Talergelispel“ in seinem Gedicht Das Blockhaus (1839) an.Lenaus Gedicht Das Blockhaus bei zeno.org. Justinus Kerner berichtete 1850 in einem Brief, Lenau habe nach seiner Rückkehr aus Amerika gesagt: „Das sind verschweinte, nicht vereinte Staaten von Amerika.“Anton X. Schurz: Lenau′s Leben: Großentheils aus des Dichters eigenen Briefen. Erster Band. Cotta, Stuttgart/Augsburg 1855, S. 214.
Ferdinand Kürnbergers Roman Der Amerika-Müde (1855) spielt auf Lenaus Enttäuschung über Amerika an, ist aber nicht dokumentarisch. Vielmehr schöpfte Kürnberger aus zeitgenössischen Reisebeschreibungen.George A. Mulfinger: Ferdinand Kürnberger’s Roman „Der Amerikamüde“, dessen Quellen und Verhältnis zu Lenaus Amerikareise. Philadelphia 1903. Laut Dietmar Herz sind Lenaus Amerika-Kritik und Kürnbergers Roman Beispiele für die Zunahme einer skeptischen Sicht der Europäer auf Amerika ab etwa 1830: Amerika sei damals von einer Utopie zu einer Dystopie geworden. Der Grund war, dass immer mehr Auswanderer, die ähnlich wie Lenau mit überhöhten Erwartungen dorthin gefahren waren, über ihre Enttäuschung klagten.Dietmar Herz: Amerika – fremdes Land. Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung Amerika – fremder Freund an der Universität Erfurt, 20. Mai 2003 (online). Laut dem Historiker Dan Diner beruhte Lenaus Amerika-Kritik auf einer Projektion: Lenau habe bei seiner „Geschäftsreise“ finanziellen Gewinn angestrebt und dann seine eigene Motivation in die Amerikaner hineingedeutet. Lenaus angebliche Absicht auszuwandern und seine pathetischen Klagen seien „fingiert“ gewesen, „eine bloße Legende, wenn auch eine gut erfundene“. Seine Rückkehr sei von Anfang an eingeplant gewesen.Dan Diner: Feindbild Amerika. Über die Beständigkeit eines Ressentiments. Propyläen, Berlin 2002, ISBN 3-549-07174-4, S. 45 f.
Schriftstellerischer Erfolg
mini|Nikolaus Lenau, gemalt von Johann Umlauf, ca. 1844 mini|Grabmal von Nikolaus Lenau im Friedhof Weidling