mini|Valentin beim Schminken vor dem Schminkspiegel (1936) Karl Valentin [] (* 4. Juni 1882 in München; † 9. Februar 1948 in Planegg), mit bürgerlichem Namen Valentin Ludwig Fey, war ein deutscher Komiker, Volkssänger, Autor und Filmproduzent. Er beeinflusste mit seinem Humor zahlreiche Künstler, darunter Bertolt Brecht, Samuel Beckett, Loriot, Gerhard Polt und Helge Schneider.
Leben mini|Geburtshaus von Karl Valentin in der Unteren Isargasse 45, heute Zeppelinstraße 41 (2011) Karl Valentin war der Sohn von Johann Valentin Fey (geboren 1833 in Darmstadt, Großherzogtum Hessen; gestorben 1902 in München) und dessen Ehefrau Maria Johanna Schatte (geboren 1845 in Zittau, Königreich Sachsen; gestorben 1923 in München).karl-valentin.de, abgerufen am 2. Mai 2024. Er erlebte seine Kindheit in der Zeppelinstraße 41, in der Münchner Vorstadt Au als Einzelkind, da seine zwei älteren Brüder Karl und Max Ende 1882 im Alter von acht bzw. sechs Jahren an Diphtherie starben. Von der Volksschule (1888–1895) sprach er später als „Zuchthaus“. Er machte eine Schreiner- und Tischlerlehre und war bis 1901 Facharbeiter. In diese Zeit fielen auch erste öffentliche Auftritte als „Vereinshumorist“. Eine Beziehung zu Gisela Royes (1881–1956), dem Dienstmädchen im Hause Fey, führte schließlich 1911 zur Heirat. Das Paar hatte zwei Töchter, Gisela (1905–2000) und Bertha (1910–1985).
1902 hatte er ein Gastspiel am Varieté Zeughaus in Nürnberg, wo er erstmals als „Karl Valentin“ auftrat. Nach dem Tod des Vaters übernahm Valentin im selben Jahr mit seiner Mutter die Leitung der Speditionsfirma Falk & Fey. 1906 ging die Spedition bankrott, und er zog mit seiner Mutter in deren Heimatstadt Zittau in Sachsen um, was Valentins Sprachgefühl beeinflusste.
Nach einer erfolglosen Tournee durch verschiedene Städte als Charles Fey mit einem selbstgebauten Musikapparat, als „Lebendes Orchestrion“, kehrte Valentin 1908 nach München zurück, wo er den Monolog Das Aquarium schrieb. Das Engagement an der Volkssängerbühne im „Frankfurter Hof“ beendete seine Geldnöte. Valentin entwickelte in dieser Zeit seine groteske Körpersprache und die sprachspielerische Selbstironie, mit der er auch auf sein Publikum zielte. 1911 traf er Elisabeth Wellano, die als Liesl Karlstadt seine Bühnenpartnerin wurde.
Valentin wandte sich früh dem neuen Medium Film zu. 1912 mietete er in München ein ehemaliges Käselager und richtete es als Filmstudio ein, um als sein eigener Produzent und Hauptdarsteller tätig zu werden. Schon 1913 musste er wegen technischer Schwierigkeiten dieses Projekt aufgeben.Wolfgang Jacobsen: Karl Valentin – Schauspieler, Autor in: CineGraph – Lexikon zum deutschsprachigen Film, Lieferung 3, 1985 Er arbeitete dann meist mit den großen Münchner Filmfirmen wie ARRI und Bavaria zusammen. Ab 1912 war er Darsteller in etwa 40 Kurzfilmen, die teilweise nach seinen Sketchen gedreht wurden. 1929 drehte Valentin seinen letzten Stummfilm Der Sonderling.
Wegen seiner Asthmakrankheit musste er während des Ersten Weltkriegs keinen Militärdienst leisten. In dieser Zeit verfasste er verharmlosende Kriegslieder und Sketche. Auf der Bühne inszenierte Valentin ab 1914 sein Bühnenprogramm Tingeltangel (unter anderem mit dem Sketch Die Orchesterprobe) und zwei Dutzend spätere Versionen. 1915 wurde Valentin Direktor des Münchener Kabaretts Wien-München.
Mit Bertolt Brecht parodierte er 1922 dessen neues Schauspiel Trommeln in der Nacht an den Münchner Kammerspielen. Brecht war eng mit Valentin befreundet, den er auch als Künstler sehr schätzte. Ihre Freundschaft begann 1920, eine erste Zusammenarbeit erfolgte im selben Jahr. Brecht wirkte bei kabarettistischen Sketchen Valentins gelegentlich als Klarinettenspieler mit. Die gemeinsame Arbeit beeinflusste das spätere Schaffen Brechts deutlich. Valentin übernahm in dem surrealistischen Film Mysterien eines Frisiersalons von Brecht und Erich Engel eine Hauptrolle neben Karlstadt und Blandine Ebinger. 1922 und 1923 folgten erste Auslandsauftritte in Zürich und Wien, von 1924 bis 1938 Gastspiele in Berlin. Von Valentins „Sprachakrobatik“ waren auch Alfred Kerr und Kurt Tucholsky, der ihn als „Linksdenker“Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke Bd. 3, S. 474, Rowohlt, Hamburg 1975, ISBN 3-499-29003-0. bezeichnete, begeistert.
1931 eröffnete Karl Valentin ein eigenes Theater (Goethe-Saal) in der Münchner Leopoldstraße, das er allerdings schon nach acht Wochen wieder schließen musste: Valentin beharrte gegenüber der Feuerpolizei auf einem brennenden Zigarettenstummel in einem Sketch. 1932 und 1933 folgten die Mitwirkung Valentins in der Rolle des Direktors eines Wanderzirkus in seinem ersten Tonfilm Die verkaufte Braut, einer Verfilmung der Oper von Bedřich Smetana (Regie: Max Ophüls), und die Verfilmung von Orchesterprobe.
Valentin war auch musikalisch tätig; er hatte als Jugendlicher Zither gelernt und spielte später als Autodidakt auch Gitarre, Mandoline, Akkordeon, Klarinette und diverse Blechblasinstrumente.
Sein 1934 eröffnetes Panoptikum für Nonsens musste er nach zwei Monaten wieder schließen, und auch ein zweiter Versuch 1935 scheiterte. Valentin verlor dadurch seine und Karlstadts Ersparnisse; sie erlitt einen Nervenzusammenbruch und musste lange pausieren. mini|Olympiastadion Berlin 1936: Liesl Karlstadt (links), Karl Valentin (Mitte) und Gisela Fey (rechts) Dem Nazi-Regime stand Valentin naiv-skeptisch gegenüber; öffentlich äußerte er keine eindeutige Kritik. Vielmehr erschienen seine Beiträge wiederholt in der NS-Presse: So erschienen etwa ab 1937 Vorabdrucke seines autobiographischen Buchprojekts Meine Jugendstreiche in dem Satiremagazin Die Brennessel,Ursula E. Koch: Die Brennessel (1931–1938). In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Band 6: Publikationen. Bearb. v. Brigitte Mihok, Berlin: De Gruyter 2013, ISBN 978-3-11-025872-1, S. 81. im Völkischen Beobachter und in den Münchner Neuesten Nachrichten. Während des Zweiten Weltkrieges bestritt Valentin als Autor des Propagandablatts Münchner Feldpost seinen Lebensunterhalt, zumal er nach dem Panoptikum-Desaster mittellos war.
Trotzdem ließ er sich von den Nationalsozialisten nicht vereinnahmen und riskierte satirische Bilder wie „Auf zum Endsieg“ oder „Das letzte Aufgebot“. Bekannt sind auch seine Bühnenworte Oder auch: Einer der „offenen Feldpostbriefe“ – weil er ja nicht jedem Soldaten einzeln schreiben kann – ist in den Erinnerungen seiner Tochter veröffentlicht. Er berichtet über Vorkommnisse, Klatsch und Tratsch in der Nachbarschaft. 1941 schrieb er „Die Laugenbrezel“, eine satirische Polemik im Stil einer Hitlerrede; diese wurde erst im Nachlass gefunden. 2007 berichtete der Spiegel, dass Valentin den Filmemacher Walter Jerven denunziert habe, indem er behauptet habe, er würde in Wirklichkeit Samuel Wucherpfennig (welcher Name auf eine jüdische Abstammung hinweisen könnte) heißen. Walter Jerven konnte jedoch innerhalb von vier Tagen den Ariernachweis erbringen. Aus Gunna Wendts Liesl-Karlstadt-BiographieLiesl Karlstadt. Ein Leben. Piper, München / Zürich 1998, ISBN 3-492-22981-6. geht hervor, dass Karl Valentin auch denunzierende, aber folgenlose Äußerungen gegen den Schriftsteller Eugen Roth vorgebracht haben soll.
Der Regisseur Jacob Geis filmte 1936 mit Valentin und Karlstadt Die Erbschaft, in dem ein Ehepaar am Ende nichts als einen Kerzenstummel besitzt. Das NS-Regime verbot den Film wegen „Elendstendenzen“; er wurde erst 1976 uraufgeführt.
Von 1939 an hatte Valentin eine neue Bühnenpartnerin und Geliebte: die 35 Jahre jüngere Annemarie Fischer ersetzte auf der Bühne Liesl Karlstadt. Er eröffnete die Ritterspelunke, eine Mischung aus Theater, Kneipe und Panoptikum, die er allerdings im Juni 1940 wieder schloss, bevor die NS-Behörde den Lagerraum für Requisiten zum Luftschutzkeller machte. Seinen letzten größeren Auftritt hatte Valentin, nun wieder mit Liesl Karlstadt, 1940 im Deutschen Theater.
Von 1941 bis 1947 hatte Valentin keine öffentlichen Auftritte; er schrieb in dieser Zeit Dialoge und Gedichte, die aber nie aufgeführt wurden. Die Familie zog 1941 in ihr Haus im Münchner Vorort Planegg; die Münchner Wohnung wurde bei einem Bombenangriff zerstört. Für den Lebensunterhalt der Familie begann er 1945 Haushaltsartikel anzufertigen. Die Hörspielserie Es dreht sich um Karl Valentin wurde nach fünf Folgen eingestellt, weil sie den Hörern zu pessimistisch war.
1947 und 1948 trat Karl Valentin nach jahrelanger Trennung wieder gemeinsam mit Liesl Karlstadt auf. Der Erfolg blieb jedoch weitgehend aus. Der unterernährte Valentin starb am 9. Februar 1948, einem Rosenmontag, an einer Lungenentzündung. Diese erlitt er, weil er nach einem Auftritt auf der Bühne des Bunten Würfels versehentlich in der Garderobe dieses Kleinkunsttheaters vergessen und eingesperrt wurde (heutige Preysingstraße Nr. 42). Er musste die Nacht in den unbeheizten, eiskalten Räumen verbringen. Die wenigen Münchner Lokale waren eiskalt, es herrschten starker Frost und extremer Brennstoffmangel. Hinzu kam, dass die Lebensmittelzuteilungen inzwischen auf „Hungerrationen“ von täglich 1275 Kilokalorien abgesenkt worden waren (was nur zwei Drittel des Tagesbedarfs eines Erwachsenen deckte).
„Zwei Tage nach seinem Tod, am 11. Februar 1948, es war der Aschermittwoch, wurde Karl Valentin beerdigt. An seinem Grab sprachen ein evangelischer Geistlicher, ein Abgesandter des Photohauses Schaja und ein Mitglied der Internationalen Artisten-Loge, aber kein Vertreter der Stadt München oder der Münchner Theater. Valentin war schon lange vor seinem Tod vergessen, um viele Jahre später wiederentdeckt zu werden als einer der größten Komiker und Clowns des 20. Jahrhunderts.“ Seine Grabstätte befindet sich auf dem Friedhof in Planegg bei München. mini|Karl Valentin, Grabstätte in Planegg (2015)
Panoptikum Am 21. Oktober 1934 eröffnete Valentin sein Kuriositätenkabinett, das Valentin Panoptikum. Es befand sich im Keller des Hotel Wagner in der Sonnenstraße, und das Konzept war orientiert an im vorigen Jahrhundert gut besuchten Wachsfigurenkabinetten. Was es zu sehen gab, schilderte der Kritiker Herbert Ihering so: Vom Schriftsteller Eugen Roth ist der Satz überliefert.
Die genehmigte Konzession endete am Jahresende 1934. Valentin probierte es mit einer Wiedereröffnung am 4. Mai des darauffolgenden Jahres. Doch das breite Publikum blieb dem Panoptikum fern. Am 16. November 1935 endete dessen Existenz. Finanziell war das Unternehmen ein Fiasko. Das Defizit zehrte Liesl Karlstadts Geldvermögen auf, die Valentin mit ihren Mitteln beisprang. Einen neuen Versuch mit einem „Lachkeller“ startete Valentin am 18. Juni 1937 im Münchner Färbergraben. Auch hier blieb der Erfolg hinter den Erwartungen zurück.
Valentin als Sammler Münchner Fotografien mini|Feuerwächter auf der Peterskirche, Fotografie von Georg Böttger (1865), aus der Sammlung Karl Valentins Ab etwa 1925 sammelte Valentin Fotografien des alten Münchens, wobei Fotos aus den Jahren 1855 bis 1912 den Schwerpunkt seiner Sammlung bildeten. Diese alten Aufnahmen stammten vorwiegend von den Münchner Photographen Franz Hanfstaengl, Georg Böttger, Ernst Reulbach und Franz Neumayer.Bauer/Graf: Karl Valentins München. Ziel seiner Sammelleidenschaft, die er selber in seinem Ausspruch „A oids Buidl vo München is mehra wert ois a Brillant“ („Ein altes Bild von München ist mehr wert als ein Brillant.“) zum Ausdruck brachte, war die fotografische Dokumentation des früheren Erscheinungsbildes Münchens. In diesem Ziel war er mit dem Münchner Fotografen Georg Pettendorfer verbunden, von dem zahlreiche Aufnahmen durch Valentins Sammlung überliefert sind und den er in einem Brief an Max Amann, den damaligen Reichsleiter für die Presse, als die zuverlässigste Quelle zur Münchner Baugeschichte bezeichnete.