mini|hochkant|Doryphoros des Polyklet; römische Kopie, Nationalmuseum, Neapel

Polyklet ( „der Vielberühmte“; * um 480 v. Chr. in Argos oder Sikyon; † gegen Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr.) war einer der bedeutendsten griechischen Bildhauer der griechischen Antike. Seine Hauptschaffenszeit umfasst die Jahre von etwa 460 v. Chr. bis 420 v. Chr., in denen er zahlreiche Bronzestatuen schuf, die noch Jahrhunderte nach seinem Tod gerühmt wurden. Von seinem Werk sind keine Originale erhalten, lediglich in Olympia wurden zwei Basen polykletischer Statuen gefunden, ohne dass man sagen kann, Polyklet selbst habe an diese Basen Hand angelegt. Er verfasste eine theoretische Schrift, in der späteren Literatur Kanon genannt, in der er die idealen Maßverhältnisse des menschlichen Körpers beschrieb. Bereits die Antike sah in der von ihm geschaffenen Statue eines Speerträgers, des Doryphoros, die praktische Umsetzung seiner theoretischen Forderungen und übertrug den Namen seiner Schrift auf die Statue als Verkörperung des Kanon.

Leben Die Herkunft Polyklets ist umstritten. Während Platon ihn in seinem Dialog Protagoras einen Argiver nennt,Platon, Protagoras 311 c. stammte er nach Plinius aus Sikyon.Plinius, Naturalis historia 34, 55. In Argos ging er bei dem berühmten Bildhauer Hageladas in die Lehre. Auch scheint sein weiteres Wirken an Argos gebunden gewesen zu sein, er selbst argivisches Bürgerrecht besessen zu haben. Seine Söhne, aber auch weitere seiner Schüler werden in Schriftquellen „Argiver“ genannt. Ob in all diesen Fällen immer die Herkunft gemeint war, ist ungewiss.

Seine Söhne waren Altersgenossen von Paralos und Xanthippos, den Söhnen des Perikles,Platon, Protagoras 328. seine Akme, der Höhepunkt seiner Schaffenskraft, wird von Plinius in die 90. Olympiade, also um das Jahr 420 v. Chr. datiert.Plinius, Naturalis historia 34, 49. Um diese Zeit schuf er das Goldelfenbeinbildnis der Hera im Heraion von Argos, das nach einem Brand im Jahre 423 v. Chr. von Grund auf neu errichtet werden musste.Siehe etwa Pausanias 2, 17, 3–5; Strabon 8, 6, 10; Martial 10, 89; Maximos von Tyros. Dissertationes 14, 6; Tertullian, de corona militis 7, 4. Daher wird Polyklet ein etwas jüngerer Zeitgenosse des Phidias gewesen und um 480 v. Chr. geboren worden sein. Da die schriftliche Überlieferung nach der Hera von Argos keine weiteren Werke kennt, wird er gegen Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. gestorben sein.

Er hinterließ zahlreiche Schüler, zu denen auch seine Söhne gehörten. Allein Plinius zählt folgende auf: Argios, Asopodoros, Alexios, Aristeides, Phrynon, Dinon, Athenodoros, DemeasPlinius, Naturalis historia 34, 50. und nennt des Weiteren Daidalos,Plinius, Naturalis historia 34, 76. Naukydes,Plinius, Naturalis historia 34, 80. KolotesPlinius, Naturalis historia 34, 87. und Patroklos.Plinius, Naturalis historia 34, 91. Weitere Namen lassen sich bei Pausanias entnehmen. Die Relation der genannten Nachfahren zu Polyklet ist nicht sicher zu bestimmen. Die jüngeren unter dem Namen Polyklet überlieferten Bildhauer sind eher seiner Enkelgeneration zuzurechnen. Das Wirken seiner Söhne selbst ist nicht zu greifen, auch wenn sie laut Platon das Handwerk ihres Vaters ergriffen hatten.

Literarische Überlieferung Die literarische Überlieferung zu Polyklet setzt wenige Jahrzehnte nach seinem Tod ein. In Platons etwa um 388/87 v. Chr. entstandenem Dialog Protagoras werden Polyklet und seine Kunst als etwas Konkretes und Erlernbares, für deren Lehre Geld auszugeben vernünftig sei, dem Unterricht eines Sophisten gegenübergestellt.Platon, Protagoras 311. Auch Xenophon greift in seinen Memorabilien, den Erinnerungen an Sokrates, beispielhaft auf Polyklet zurück und stellt dessen Wirken dem Wirken der Götter gegenüber.Xenophon, Memorabilien 1, 4, 2. „Wirkung“ ist auch für Aristoteles Anlass, den Namen Polyklets anzuführen, den er als Beispiel akzidenteller Ursachen nennt: Polyklet als Verursacher einer Statue,Aristoteles, Metaphysik 1013b. ein Zusammenhang, den Seneca unter Nennung zweier Statuen Polyklets wieder aufgreifen wird.Seneca, ad Lucilium 65, 15. In der Nikomachischen Ethik schließlich nennt Aristoteles Polyklet als Beispiel für philosophische Weisheit im Bereich des „praktischen Könnens“.Aristoteles, Nikomachische Ethik 6, 1141 a.

Mit Einsetzen der römischen Kunstgelehrsamkeit ab der späten Republik taucht der Name Polyklets als Vertreter der Epoche größten Kunstschaffens immer häufiger auf, etwa beim Auctor ad Herennium,Auctor ad Herennium 4, 9. oftmals bei Cicero.Cicero, in Verrem 4, 3, 5; de oratore 3, 26; ad Brutum 70; Orator 5; Academica posteriora 146; Tusculanae disputationes 1, 4. Zunehmend wird Polyklet neben anderen als VorbildColumella, De re rustica 1, praefatio 31. oder als Beweis des Niedergangs der Kunst in der eigenen Zeit angeführt.Etwa bei Dionysios von Halikarnassos, Deinarchos 7 und später bei Dion Chrysostomos, Olympikos 82. Seine Werke werden in kunsthistorischen Abrissen,Etwa bei Plinius, Naturalis historia 34, 50 und 34, 55. in geographischen WerkenEtwa bei Strabon 8, 6, 10. und in Reisebeschreibungen aufgelistet.Etwa Pausanias 2, 17, 3–5; 3, 18, 7–8; 6, 2, 6–7 und häufiger in Buch 6. Als witzig-gelehrtes Versatzstück wird die Kennerschaft des polykletischen Werkes in Martials EpigrammenMartial 8, 50 und 9, 59. und Juvenals SatirenJuvenal, Satiren 3, 215–220 und 8, 98–104. mehrfach eingesetzt, schließlich wird ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. das einstige Ideal selbst ins Komisch-Satirische gezogen, etwa wenn Lukian den Kyniker Proteus mit Polyklets Doryphoros vergleichtLukian, Peregrinos 9. oder den Künstler auf den Banausen, den mit seinen Händen arbeitenden Menschen, reduziert.Lukian, Somnium 8–9.

Mehrfach erwähnt Galenos Polyklet, insbesondere dessen theoretisches Werk. Der zeitliche Abstand allerdings wird deutlich, wenn er schreibt: „Irgendwo wird auch ein Standbild Polyklets gelobt, das den Namen »Kanon« trägt...“.Galenos, de temperamentis 1, 9. Und gänzlich anekdotisch wird Polyklet bei Aelianus dargestellt, der Polyklet zwei Statuen herstellen ließ: eine zur Freude der Masse, die andere nach den Gesetzen der Kunst. Bei jener griff er jeden Änderungswunsch, der ihm angetragen wurde, auf und änderte die Statue entsprechend, bei dieser schöpfte er rein aus seinem Können und Wissen. Als er beide Statuen der Masse präsentierte, wurde die nach ihren Wünschen gestaltete verlacht, die andere aber gelobt, worauf er der Menge zurief, die, die sie verspotteten, hätten sie selbst gemacht, die andere aber, die sie lobten, habe er gemacht. Aelian folgt hier anscheinend einem Topos von Künstleranekdoten, der sich ähnlich auch bei Lukian zur Zeus-Statue des Phidias findet.Lukian, pro imaginibus 14.

In byzantinischer Zeit war das Wissen über Polyklet dann arg verunklärt und für Johannes Tzetzes war er ein Plastiker und Maler, unter dessen zahlreichen Werken zwei hervorstechen würden, von denen man das eine als „Kanon“ der Malerei, das andere als „Kanon“ der Bildhauerkunst bezeichne.Johannes Tzetzes, Chiliades 8, 319–324; aber den Gedanken aufgreifend: Andreas Linfert: Die Schule des Polyklet. In: Beck, Bol, Bückling (Hrsg.): Polyklet. Der Bildhauer der griechischen Klassik S. 241 mit Anm. 6.

Werk Das künstlerische Werk Polyklets lässt sich zunächst recht eindrucksvoll in der antiken schriftlichen Überlieferung erschließen. Sicher mit dem Bildhauer des 5. Jahrhunderts v. Chr. verbinden lassen sich hauptsächlich nach Plinius: das Herabildnis im Heraion von Argos der Doryphoros,Cicero, Brutus 86, 296 und Orator 5; Quintilian, institutio oratoria 5, 12, 21; Galenos, de semine 2, 1 p. 606 K; Plinius, Naturalis historia 34, 55. ein Diadumenos ein Apoxyomenos, ein männlicher Akt, der mit ganzer Sohle schreitet die Astragalizonten, zwei würfelspielende Knaben ein Hermes, „der früher in Lysimacheia war“ ein Herakles ein Feldherr, der zu den Waffen greift ein Artemon Periphoretes eine Amazone für Ephesos im Rahmen des berühmten KünstlerwettbewerbsSiehe für alle Plinius, Naturalis historia 34, 53, 55–56. eine Reihe von Statuen olympischer Sieger, die Pausanias Werke eines Polyklet nennt, ohne dass Gewissheit zu erlangen ist, welche hiervon tatsächlich aus der Hand Polyklets, welche aus der Hand seiner Nachfahren stammen.Pausanias 6, 2, 6–7; 6, 4, 11; 6, 7, 10; 6, 9, 2, 6, 13, 6.

Sicher mit Polyklet zu verbinden ist allein die unsignierte Statuenbasis des Kyniskos aus Mantineia in Olympia, die Pausanias als Werk Polyklets benennt und bei der die Buchstabenform der Inschrift auf eine Entstehung um 460 v. Chr. schließen lässt. Die Statue war aus Bronze und wies, nach ihren Einlassspuren in der Basis zu schließen, bereits die getrennte Stellung von Stand- und Spielbein auf, die für Werke Polyklets kennzeichnend ist.Wilhelm Dittenberger, Karl Purgold: Olympia: die Ergebnisse der von dem Deutschen Reich veranstalteten Ausgrabung. Textband 5: Die Inschriften von Olympia. Berlin 1896, Nr. 149; siehe auch Peter C. Bol in: Beck, Bol, Bückling (Hrsg.): Polyklet. Der Bildhauer der griechischen Klassik S. 17. Die Statuenbasis ist das einzige originäre Zeugnis polykletischen Kunstschaffens. Münzabbildungen der Hera von Argos, die teils nur den Kopf, teils das gesamte Sitzbild wiedergeben,Ranuccio Bianchi Bandinelli: Policleto. Sansoni, Florenz 1938, Abb. 68, 72, 73; Paolo Enrico Arias: Policleto. Mailand 1964, Taf. 84; Cornelius Vermeule: Polykleitos. Museum of Fine Arts, Boston 1969, Abb. 22. lassen keine weiteren Schlüsse auf seine Arbeit zu.

Polyklet schuf überwiegend Bronzestatuen, die allesamt verloren sind. Im reichen Denkmälerbestand römischer Marmorkopien nach griechischen Vorbildern konnten jedoch sechs Statuentypen mehr oder weniger sicher identifiziert werden, die mit dem Werk Polyklets zu verbinden sind: der Doryphoros der Diadumenos ein Diskophoros der Hermes der Herakles und die Amazone. Nur sechs Werke, aber angesichts der Tatsache, dass die Herstellung einer einzigen lebensgroßen Bronze im 5. Jahrhundert v. Chr. gut zwei Jahre in Anspruch nahm, liegen somit Zeugnisse eines nicht geringen Teils polykletischen Kunstschaffens vor. Es überwiegen die männlichen Gestalten, was sich mit der schriftlichen Überlieferung deckt. Und abgesehen von der Hera, dem Hermes und dem Herakles war sein Thema der Mensch, weswegen er der Antike bereits der , der Menschenbildner, war, während Phidias, Praxiteles und Skopas als , Götterbildner, galten.Hermann Diels: Laterculi Alexandrini – Aus einem Papyrus ptolemäischer Zeit. Verlag der Königlichen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1904, Nr. 7.

Polyklets Statuentypen zeigen die menschliche Figur, schreitend oder stehend, im klassischen Kontrapost, der sich in der Ponderation des Körperaufbaus durchziehenden Unterscheidung von Stand- und Spielbein. Bekannte Statuen Polyklets, die auf diesem gestalterischen Prinzip beruhen, sind etwa der Diadumenos sowie der Herakles, wohl auch der Hermes, während der Diskophoros des Polyklet das durchgearbeitete Motiv des Kontraposts vermissen lässt.

Das Motiv weisen nicht nur männliche Figuren auf, sondern es tritt ausgeprägt auch bei einem antiken Amazonentypus auf. Plinius berichtet von einem Wettbewerb der berühmtesten Bildhauer klassischer Zeit, an dem außer Polyklet noch Phidias, Kresilas und Phradmon teilnahmen. Polyklet soll bei diesem Vergleich der Künstler untereinander mit seiner Statue der Amazone als Bester hervorgegangen sein.Plinius, Naturalis historia 34, 53. Unter den erhaltenen Typen der verwundeten Amazone, die auf den Wettkampf zurückgehen – die Amazonen vom Typ Sosikles, Mattei und Sciarra –, ist vermutlich die Amazone vom Typ Sciarra dem Polyklet zuzuweisen.Zuletzt mit weiterer Literatur und Neufunden Martha Weber: Neues zu den Amazonen von Ephesos. In: Thetis. Band 15, 2008, S. 45–56 (online mit abweichender Seitenzählung).