Der Begriff Realismus umfasst eine Vielzahl philosophischer Positionen, nach denen vom menschlichen Bewusstsein unabhängige Phänomene existieren, die auf uns einwirken und die wir sprachlich bezeichnen können. Realistische Thesen werden in verschiedenen Problembereichen und bezüglich verschiedener Thesen diskutiert, sodass jeweils von einem bestimmten Realismus gesprochen wird. Als metaphysischer oder ontologischer Realismus wird die Annahme einer denkunabhängigen Existenz einer Realität bezeichnet, wie z. B. ein Universalienrealismus oder ein Realismus bezüglich natürlicher Arten, oder anderer ontologischer Untersuchungsgegenstände. Erkenntnistheoretischer Realismus behauptet, dass die Welt „wirklich erkennbar“ ist, d. h. dass unsere Meinungen und Überzeugungen es prinzipiell mit beobachtungsunabhängig existierenden Objekten zu tun haben können, in einer für alle Beobachter – soweit es relevant ist – identisch gegebenen Welt, und dass dies im Falle von Wissen auch wirklich so ist.
In der Sprachphilosophie spricht man von einem semantischen Realismus, wenn die Beschreibung der Außenwelt mit Sätzen (Aussagen, Gedanken) erfolgt, die eine eindeutige Interpretation sind, also mit wahr oder falsch beurteilt werden können.siehe Holger Lyre: Epistemischer versus semantischer Realismus, in: Christoph Halbig, Christian Suhm (Hrsg.): Was ist wirklich. Neuere Beiträge zu Realismusdebatten in der Philosophie, ontos, Frankfurt 2004, 183 - 200, hier 184 Soweit in der Erkenntnistheorie angenommen wird, dass Erkenntnisse nur sprachlich zu fassen sind, fallen erkenntnistheoretischer und semantischer Realismus zusammen.
Von einem wissenschaftlichen Realismus spricht man bezüglich der These, dass die Einzelwissenschaften letztlich zu Wissen von Gegenständen führen, die unabhängig von bestimmten Theorien oder Konventionen existieren und so strukturiert sind, wie wir dies wissen können. Dies setzt im weitesten Sinne eine „beobachtungsunabhängige Außenwelt“ voraus.
Als moralischen Realismus bezeichnet man eine Grundposition der Metaethik, nach der es prinzipiell objektive Tatsachen bezüglich moralischer Fragen gibt. Analog dazu und zu Positionen des wissenschaftlichen Realismus spricht man beispielsweise auch von theologischem Realismus bezüglich religiöser Wahrheiten.An den jüngeren Debatten zum Thema sind u. a. beteiligt Michael Scott, Andrew Moore, Jerome Gellman, Alexander_Bird, John B. Cobb, Michael_Rea, Christopher Knight, Alister McGrath, Hans-Peter Großhans.
Historisch gibt es vielfältige Formen des Realismus. In unterschiedlichen historischen Epochen stellten sich philosophische Fragen, auf die die verschiedenen Formen des Realismus eine Antwort darstellten. Im Mittelalter und in der Antike stand dabei die Frage im Zentrum, inwiefern allgemeine Begriffe „real“ sind (Universalienproblem). In der Neuzeit rückten dann Fragen bzgl. der Realität der Wahrnehmung und Außenwelt ins Zentrum und in der zeitgenössischen Epoche werden vor allem Fragen hinsichtlich der Realität wissenschaftlicher Entitäten diskutiert.
Der Realismus steht im Gegensatz zu bestimmten Formen des (subjektiven) Idealismus, Instrumentalismus und Nominalismus.
Definition Der Realismus kann verschiedene philosophische Positionen bezeichnen, abhängig von den Entitäten oder Merkmalen, deren Realität postuliert wird, oder abhängig von den Bereichen, in denen diese Position beansprucht wird. Der philosophische Realismus umfasst mindestens fünf Formen:
Ontologischer oder metaphysischer Realismus Erkenntnistheoretischer Realismus Semantischer Realismus Ethischer Realismus Ästhetischer Realismus
Der metaphysische oder ontologische Realismus postuliert die reale Existenz von Entitäten in einer subjektunabhängigen Außenwelt. Diese These kann zwar nicht verifiziert werden, wird aber jedes Mal vorausgesetzt, wenn wir behaupten, eine Entität zu erforschen, die bereits vor ihrer Entdeckung existierte.
Der erkenntnistheoretische Realismus ist eine Position bezüglich des Wissens, die davon ausgeht, dass es sich auf „reale“ Objekte bezieht, die außerhalb des Subjekts liegen und von ihm unabhängig sind. Diese Form impliziert die Fähigkeit, zumindest teilweise und schrittweise Erkenntnisse über die Realität zu erlangen. Wissenschaftlicher Realismus ist ein erkenntnistheoretischer Realismus und wird implizit von allen akzeptiert, die glauben, dass Wissenschaft uns eine korrekte Darstellung der Welt liefern kann.
Der semantische Realismus geht davon aus, dass in einer Sprache artikulierte Aussagen oder Ausdrücke, wenn sie wahr sind, Tatsachen oder Sachverhalte in der Welt bezeichnen. Eine Aussage ist wahr, wenn sie die Beschreibung bestimmter Dinge oder Ereignisse beschreibt, die unabhängig von der Sprache in der Welt existieren oder auftreten. Beim semantischen Realismus handelt es sich um eine metaphysische Auffassung der Referenz von Wörtern oder sprachlichen Ausdrücken.
Der moralische Realismus geht davon aus, dass es moralische Wahrheiten gibt, die moralischen Tatsachen entsprechen. Um diese Position zu präzisieren, spricht man auch von moralischem Naturalismus.
Schließlich verteidigt der ästhetische Realismus die Idee, dass die ästhetischen Eigenschaften der Dinge real sind.
Bedeutung der Realismusfrage Abstrakt geht es in der Realismusfrage darum, ob das Sein das menschliche Bewusstsein oder ob das Bewusstsein das Sein bestimmt (Primat des Objekts oder des Subjekts). In der Alltagswelt ist es für den Menschen völlig klar, dass es Tische, Steine und andere Menschen gibt. Den meisten Menschen ist auch bewusst, dass die Dinge, so wie diese durch sie wahrgenommen werden, durch die Sinne und Verarbeitungsprozesse im Gehirn beeinflusst werden. Erst durch die philosophische Reflexion wird die Wirklichkeit fraglich. Die Realismusfrage wurde schon früh in der griechischen Philosophie diskutiert. Oftmals wird hierzu der „Homo-Mensura-Satz“ des Protagoras zitiert: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge, des Seienden, wie es ist, des Nicht-Seienden, wie es nicht ist.“ Ebenso berühmt ist die These von George Berkeley: „Esse est percipi“ (Sein ist Wahrgenommenwerden). In beiden Zitaten steckt die Überlegung, ob die Realität überhaupt unabhängig vom menschlichen Denken existiert. Es sind dabei drei Aspekte, die in der Realismus-Debatte untersucht werden: die Existenz von Dingen, deren Unabhängigkeit vom menschlichen Bewusstsein sowie die Frage eines kausalen oder begrifflichen Zusammenhangs zwischen Realität und Wahrgenommenem.
Die praktische Bedeutung dieser Frage liegt darin, dass es ohne die Annahme einer Realität nicht möglich ist, zweifelsfrei wahre Aussagen über Dinge oder Sachverhalte zu machen. Die Realität dient für den Realisten als notwendiger Maßstab dafür, ob Aussagen wahr oder falsch sind. Wenn man die Erkennbarkeit der Realität überhaupt bestreitet, bleibt als alternative Weltsicht nur der Skeptizismus mit der Konsequenz des Relativismus. Die Wirklichkeit als „Wahrmacherin“ steht dem Skeptiker oder Relativisten nicht zur Verfügung. Die Klärung der Frage des Realismus ist daher Voraussetzung, um einen möglichen Begriff der Wahrheit zu bestimmen.
Um Aussagen über die Wirklichkeit zu machen, muss man diese zunächst erkennen können. Die Realismusfrage in der Philosophie ist daher insbesondere ein Thema der Erkenntnistheorie. Aber auch in der Wissenschaftsphilosophie, in der der Wahrheitsgehalt von Theorien bedeutsam ist, spielt die Realismusfrage eine grundlegende Rolle. Durch die Fortschritte in den Naturwissenschaften im 20. Jhd. sind neue Fragestellungen in der Realismusdebatte aufgetaucht.
Der Physiker Hans-Peter Dürr beschreibt die Problematik der Realismusfrage wie folgt:
„Unter dem starken Einfluss der Naturwissenschaft … haben wir uns daran gewöhnt, unsere Wahrnehmung von der Wirklichkeit mit der Wirklichkeit gleichzusetzen und diese Wirklichkeit sogar im Sinne einer materiell fundierten, in Teile zerlegbaren Realität zu interpretieren. Die moderne Physik hat uns da jedoch eine interessante Lektion erteilt, die zu einer tief greifenden Korrektur dieser Vorstellung führte. Sie hat uns bedeutet, dass die Vorstellung einer objektiven Realität, einer materiell ausgeprägten Wirklichkeit wohl in einer gewissen Näherung angemessen, aber als absolutes Naturprinzip unzulässig und falsch ist, ja, dass diese Vorstellung uns sogar einen tieferen Einblick in das Wesen der eigentlichen Wirklichkeit versperrt.“Hans Peter Dürr auf der Tagung Geist und Natur 1988, zitiert nach: Fritz Schäfer: Der Buddha sprach nicht nur für Mönche und Nonnen. 2. Aufl. Kristkeitz, Heidelberg-Leimen 2000, ISBN 978-3-921508-80-0, S. 10
Geschichte Der Realismus war eine Antwort auf philosophische Fragen, die je nach historischer Epoche unterschiedlich formuliert wurden. Man kann drei wichtige Perioden in der Geschichte des philosophischen Realismus unterscheiden, die drei Arten von Debatten entsprechen:
Antike und Mittelalter: der Universalienstreit, von Platon bis Ockham. Fragen zur Realität werden nur für einen bestimmten Diskurs- bzw. Denkbereich gestellt, den der Universalien (Kategorien oder allgemeine Begriffe). Neuzeit: Fragen im Zusammenhang mit dem wissenschaftlichen Realismus im Gegensatz zum naiven Realismus, von Descartes bis Kant. Diese Periode ist geprägt von einer Debatte zwischen Realismus und Antirealismus in den Wissenschaften (Kopernikus, Galileo, Descartes) und dem gesunden Menschenverstand (Kartesianer, Locke, Berkeley, Hume, Kant) hinsichtlich ihrer metaphysischen Reichweite. Zeitgenössische Periode: Fortführung der Debatte über den wissenschaftlichen Realismus, von Comte bis in die Gegenwart. Die Debatte über die ontologische Reichweite des Denkens findet in der heutigen Wissenschafts- und Erkenntnistheorie unabhängig von metaphysischen Spekulationen und großen philosophischen Systemen statt.
Antike und Mittelalter Als Realismus bezeichnet man in der Antike eine allgemein vertretene Position gegenüber bestimmten Kategorien von Dingen in Kombination mit einer antirealistischen oder skeptischen Position gegenüber anderen Kategorien von Dingen. Diese Kombination aus Realismus und Antirealismus ist alt und geht auf Platon zurück, der sowohl die Existenz von „Ideen“ (eîdos) als auch den illusorischen Charakter einzelner wahrgenommener Dinge bekräftigte. Aristoteles, ebenfalls ein Realist in Bezug auf Wesenheiten, milderte diese Position, indem er argumentiert, dass Wesen nicht getrennt von einzelnen wahrgenommenen Dingen existieren können. Die Atomisten Demokrit, Epikur und Lucrez waren der Ansicht, dass die Erscheinungen von Phänomenen auf der Kombination einfacher Elemente – Atome – beruhen, die die Realität der Welt ausmachen.
Der neuplatonische Philosoph und Logiker Porphyrios von Tyrus hinterließ in seinem Isagoge, welches von den Gelehrten des Mittelalters gemeinsam mit Aristoteles’ Organon (Reihe logischer Abhandlungen) diskutiert wurde, das Problem der Universalien und ihrer Realität. Porphyrios schrieb dort:Was, um gleich mit diesem anzufangen, bei den Gattungen und Arten die Frage angeht, ob sie etwas Wirkliches sind oder nur auf unseren Vorstellungen beruhen, und ob sie, wenn Wirkliches, körperlich oder unkörperlich sind, endlich, ob sie getrennt für sich oder in und an dem Sinnlichen auftretend, so lehne ich es ab, hiervon zu reden, da eine solche Untersuchung sehr tief geht und eine umfangreichere Erörterung fordert, als sie hier angestellt werden kann.
Mittelalter: Das Universalienproblem mini|Mittelalterliche Abbildung von Boethius und der Philosophie: Seine Übersetzung des Organons des Aristoteles und der Isagoge des Porphyrios ins Lateinische hatten einen weitreichenden Einfluss auf die mittelalterliche Philosophie.