mini|hochkant|Klaus Mann als US-Sergeant in Italien, 1944. An der Wand hängen Flugblätter, die zum Teil von ihm verfasst worden sind.
Klaus Heinrich Thomas Mann (* 18. November 1906 in München; † 21. Mai 1949 in Cannes, Frankreich) war ein deutsch-amerikanischer Schriftsteller. Der älteste Sohn von Thomas Mann begann seine literarische Laufbahn in der Zeit der Weimarer Republik als Außenseiter, da er in seinem frühen Werk Themen verarbeitete, die zur damaligen Zeit als Tabubruch galten. Nach seiner Emigration 1933 wegen der NS-Machtübernahme folgte eine wesentliche Neuorientierung in der Thematik seiner Werke: Klaus Mann wurde zum kämpferischen Literaten gegen den Nationalsozialismus. Als Exilant nahm er 1943 die US-Staatsbürgerschaft an. Die Neuentdeckung von Manns Werk in Deutschland fand erst viele Jahre nach seinem Tod statt. Er gilt heute als einer der wichtigsten Repräsentanten der deutschsprachigen Exilliteratur nach 1933.
Leben Familie mini|hochkant|Thomas und Katia Mann, 1929
Klaus Mann wurde als zweites Kind und ältester Sohn von Thomas Mann und dessen Ehefrau Katia in großbürgerlichen Verhältnissen in München geboren. Sein Vater hatte die einzige Tochter der vermögenden jüdischen Münchner Familie PringsheimRuth Klüger: Verleugnetes Judentum. In: Die Welt, 31. Dezember 2005. Buchbesprechung über Viola Roggenkamps Erika Mann. Eine jüdische Tochter (abgerufen am 22. Juli 2008) geheiratet, als er mit seinem Roman Buddenbrooks bereits große schriftstellerische Anerkennung erzielt hatte. In der Familie Mann wurde Klaus Mann „Eissi“ (oder „Aissi“)Rainer Schachner: Im Schatten der Titanen. Königshausen & Neumann 2000, S. 67, abgerufen am 16. Dezember 2010. genannt, ursprünglich ein Kosename seiner älteren Schwester Erika für Klaus, der später auch in Briefwechseln und dem Tagebuch Thomas Manns Anwendung fand.
Seine Abstammung bezeichnete Klaus Mann als „die bitterste Problematik meines Lebens“, da er als Schriftsteller zeitlebens am Werk des berühmten Vaters gemessen wurde, dessen Popularität andererseits bewirkte, „daß mein Name und der Ruhm meines Vaters, den man mitmeint, wenn man ihn denkt, mir den ersten Start erleichtert haben. […] Ich habe meinen unvoreingenommenen Leser noch nicht gefunden.“Klaus Mann: Kind dieser Zeit. S. 251. Seine erste Veröffentlichung im Alter von 18 Jahren im Jahr 1924 in der Wochenzeitschrift Die Weltbühne hatte Klaus Mann allerdings unter Pseudonym eingereicht.
Die Beziehung zu seinem distanziert wirkenden Vater war stets ambivalent. Früh beklagte er in seinem Tagebuch „Z.’s [des Zauberers] völlige Kälte, mir gegenüber.“Klaus Mann: Tagebuch 3. S. 110. Thomas Mann, der in der Familie „Zauberer“ genannt wurde, formulierte jedoch kurz nach dem Tode seines Sohnes Klaus:
„Wie viele Raschheiten und Leichtigkeiten seinem Werk abträglich sein mögen, ich glaube ernstlich, daß er zu den Begabtesten seiner Generation gehörte, vielleicht der Allerbegabteste war.“Vorwort zu Klaus Mann zum Gedächtnis.
Mit seiner Mutter Katia Mann, „Mielein“ genannt, und besonders zu seiner Schwester Erika (im Familienkreis „Eri“ genannt) hatte er hingegen ein enges Vertrauensverhältnis, was sich an den zahlreichen Briefen zeigt, die er bis zu seinem Tod an sie geschrieben hat.
Kindheit und Jugend
mini|Nachbau der ehemaligen Villa Mann (Poschi) im Münchner Stadtteil Herzogpark mini|Das Landhaus in Bad Tölz, Foto aus dem Jahr 2022 Klaus Mann wurde im Münchner Stadtteil Schwabing geboren. Ab 1910 lebte die Familie in der Mauerkircherstraße 13 in Bogenhausen in zwei miteinander verbundenen Vierzimmer-Wohnungen, um die inzwischen sechsköpfige Familie mit den Geschwistern Erika, Klaus, Golo und Monika sowie das Hauspersonal zu beherbergen. 1914 zog die Familie in das Poschi genannte Haus in der Poschingerstraße 1 am Herzogpark.
mini|links|Golo Mann als Baby mit seinen Eltern vor dem Sommerhaus in Bad Tölz 1909; links unten auf der Treppe sitzend seine Geschwister Klaus und Erika Mann.
Die Sommermonate verbrachte die Familie überwiegend in ihrem 1908 erbauten Landhaus bei Bad Tölz. Das Tölzer Sommerhaus verkaufte Thomas Mann im Kriegsjahr 1917 jedoch zugunsten einer Kriegsanleihe. Im April 1918 kam Elisabeth („Medi“) zur Welt und ein Jahr darauf das sechste Kind der Familie Mann, Michael („Bibi“). Den jüngsten Familienzuwachs beschrieb Klaus Mann in seiner zweiten Autobiografie: „Angesichts der winzigen Kreaturen kamen wir uns recht würdig und überlegen vor, fast wie Onkel und Tante.“Klaus Mann: Der Wendepunkt. S. 101.
In Klaus Manns Elternhaus gab es vielfältige kulturelle Anregungen. Schriftsteller wie Bruno Frank, Hugo von Hofmannsthal, Jakob Wassermann und Gerhart Hauptmann waren Gäste, ebenso wie der Verleger Thomas Manns, Samuel Fischer. Nachbar Bruno Walter war Generalmusikdirektor von München und brachte Klaus und seinen Geschwistern klassische Musik und die Oper nahe. Ihre Eltern lasen ihnen aus der Weltliteratur vor, später rezitierte der Vater aus seinen eigenen Werken. Mit zwölf Jahren las Klaus Mann nach eigenen Zeugnissen jeden Tag ein Buch. Seine Lieblingsautoren als Sechzehnjähriger waren bereits anspruchsvolle Literaten: „In unverminderter Glorie strahlt das Vierergestirn, das um diese Zeit meinen Himmel beherrschte und dem ich mich noch heute gerne anvertraue: Sokrates, Nietzsche, Novalis und Walt Whitman.“Klaus Mann: Der Wendepunkt. S. 144 f.
Dem Dichter Stefan George fühlte er sich ebenfalls verbunden: „Meine Jugend verehrte in Stefan George den Templer, dessen Sendung und Tat er im Gedicht beschreibt. Da die schwarze Woge des Nihilismus unsere Kultur zu verschlingen droht, […] tritt er auf den Plan – der militante Seher und inspirierte Ritter.“ Später lehnte er jedoch den nationalistischen Kult ab, der um den Dichter getrieben wurde.Klaus Mann: Der Wendepunkt. S. 158 f. Die Werke seines Vaters und die seines Onkels Heinrich Mann, der zu einem seiner literarischen und politischen Vorbilder werden sollte, hatten ebenfalls einen starken Einfluss auf seine spätere schriftstellerische Tätigkeit.
mini|Katia Mann mit ihren sechs Kindern (von links nach rechts: Monika, Golo, Michael, Klaus, Elisabeth und Erika), 1919.
Von 1912 bis 1914 besuchte Klaus Mann mit seiner Schwester Erika eine Privatschule, das Institut von Ernestine Ebermayer, anschließend für zwei Jahre die Bogenhausener Volksschule. Zusammen mit seiner Schwester und Ricki Hallgarten, dem Sohn einer jüdischen Intellektuellenfamilie aus der Nachbarschaft, gründete er 1919 ein Ensemble, das sich den Namen Laienbund Deutscher Mimiker gab. Weitere Mitspieler waren neben den jüngeren Geschwistern Golo und Monika auch befreundete Nachbarskinder. Die Gruppe existierte drei Jahre lang und inszenierte acht Vorstellungen, darunter Klaus Manns Stück Ritter Blaubart aus dem Jahr 1921. Die Vorführungen fanden in privatem Rahmen statt; die Beteiligten legten viel Wert auf Professionalität, so ließen sie sich beispielsweise von einem Maskenbildner schminken. Zu dieser Zeit wollte er Schauspieler werden und beschrieb viele Schulhefte mit Theaterstücken und Versen. Seinem Tagebuch vertraute er an: „Ich muß, muß, muß berühmt werden.“Klaus Mann: Der Wendepunkt. S. 112.
Nach der Volksschule wechselte Klaus Mann auf das Wilhelmsgymnasium in München. Er war ein mittelmäßiger bis schlechter Schüler und zeigte nur beim Verfassen von Aufsätzen sehr gute Leistungen. Er empfand die Schule als „stumpfsinnig und bedeutungslos – eine lästige Notwendigkeit“.Klaus Mann: Der Wendepunkt. S. 102. Außerhalb der Schule fiel er durch ambitionierte und zum Teil bösartige Streiche als Kopf der im Wohnviertel berüchtigten „Herzogpark-Bande“ auf. Sie bestand aus den ursprünglichen Mitgliedern der Mimiker, zu denen außer Ricki Hallgarten auch Gretel und Lotte Walter, Töchter von Bruno Walter, gehörten. Seine Eltern beschlossen daraufhin eine Internatserziehung. Ab April bis Juli 1922 besuchte er zusammen mit seiner Schwester Erika die Bergschule Hochwaldhausen, eine Reformschule im hohen Vogelsberg in Oberhessen. Da die oberen Klassen wegen des „anarchistischen“ Ungehorsams der älteren Schüler aufgelöst wurden,Nicole Schaenzler: Klaus Mann. Eine Biographie. S. 30. kehrte Erika Mann nach München zurück, während Klaus sich in Salem vorstellte. Dort machte er den Eindruck eines „selbstgefälligen, frühzeitig gereiften und fähigen Jungen“, und seinen Eltern wurde die freie Schulgemeinde der Odenwaldschule in Ober-Hambach des Reformpädagogen Paul Geheeb empfohlen.
mini|hochkant|links|Paul Geheeb, 1909 mini|Die Odenwaldschule mit den um 1911 errichteten Schulgebäuden am Waldrand, von links: „Herder“-, „Fichte“-, „Schiller“- und „Humboldthaus“, rechts daneben abgesetzt: „Max-Cassirer-Haus“ und „Drude-Haus“ (1927 „Pestalozzihaus“). Zeitgenössische Ansichtskarte, um 1920. mini|Das Goethehaus in der Odenwaldschule (mit Speisesaal, Bibliothek und Musikzimmer zu Manns Zeiten), 2008 Die Odenwaldschule besuchte er von September 1922 bis Juni 1923 und verließ sie auf eigenen Wunsch trotz vieler positiver Erlebnisse und neuer Freundschaften, beispielsweise die mit der späteren Tänzerin und Bildhauerin Oda Schottmüller. Einiges deutet darauf hin, dass er an diesem Ort seine ersten homoerotischen Begegnungen hatte. In seiner zweiten Autobiografie schrieb er, dass er sich an der Odenwaldschule in den Mitschüler Uto Gartmann verliebte: „Seine Stirne war glatt und kühl. Er war einsam und ahnungslos, wie die Tiere es sind und die Engel. Ich schrieb auf einen Fetzen Papier: ‚Ich liebe dich‘.“Klaus Mann: Der Wendepunkt. S. 166. In der Odenwaldschule entwickelte er das Selbstverständnis eines Künstlers und emotionalen Außenseiters. Dieses Gefühl kommt zum Beispiel in seinem Brief an den geschätzten Gründer und Schulleiter Paul Geheeb zum Ausdruck, dem er zum Abschied schrieb: „Überall werde ich – Fremdling sein. Ein Mensch meiner Art ist stets und allüberall einsam.“Klaus Mann: Briefe und Antworten. S. 15. In Manns früher Erzählung Der Alte, veröffentlicht 1925, lässt sich eine Beschreibung Paul Geheebs erkennen; der Protagonist, Schulleiter eines Landerziehungsheims und mit den äußeren Erscheinungsmerkmalen Geheebs, wird dahingehend charakterisiert, dass er bei seinen regelmäßigen privaten Treffen mit Schülerinnen zu „Zärtlichkeiten“ drängte: „Wenn ungefähr eine Viertelstunde vorüber war, ging er zu Zärtlichkeiten über. Er begann das Mädchen zu streicheln, ja, er bettet sogar seinen Kopf, seinen weißen, unausdenkbar alten Kopf mit dem Faunsmund, in ihren Schoß, und wenn sie, zitternd und mit heißen jungen Händen seine Liebkosungen erwiderte, stammelte er: «Du Liebe, – daß du zu einem alten Manne so lieb noch sein magst», und, hinter dem weißen Barte zuckend, sucht sein großer, roter und alter Mund den ihren.“Klaus Mann: Der Alte. In: Klaus Mann: Vor dem Leben Erzählungen. Enoch, Hamburg 1925, S. 131–141. Diese Erzählung führte zu schweren Verstimmungen zwischen Klaus Mann und Paul Geheeb, der sich in einem Brief bei Thomas Mann beschwerte; mit Thomas Manns vermittelnder Antwort konnte die Angelegenheit schließlich ausgeräumt werden. Der Odenwaldschule und ihrem Leiter blieb Klaus Mann trotz seines plötzlichen Abgangs verbunden. Er kehrte zunächst ins Elternhaus zurück und erhielt Privatunterricht zur Vorbereitung auf das Abitur, den er Anfang 1924 jedoch abbrach.
Während der wirtschaftlichen und politischen Krisenzeit des Inflationsjahrs 1923 hatte die junge Generation das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, die Werte der Väter hatten keine Bedeutung mehr. Um das Gefühl zu verdrängen, einer „verlorenen Generation“ anzugehören, hielt sich Klaus Mann oft in Berlin und München in Kabaretts und Bars auf und schilderte seine Erlebnisse in seinem Tagebuch:
mini|Stift Neuburg