mini|Dōgen beim Betrachten des Mondes Dōgen Zenji (, Dōgen Zenji – „Meister Dōgen“), auch Kigen oder Eihei nach dem von ihm gegründeten Tempel Eihei, (* 26. Januar 1200 in Uji; † im Spätsommer 1253 in Kyōto) war ein Lehrer und Zen-Meister des japanischen Zen-Buddhismus, Autor und einflussreicher Abt. Er übertrug die Chan-Schule mit der rituell und kollektiv geübten Sitzmeditation Zazen aus dem Kaiserreich China nach Japan. Da er die Anerkennung als Meister von einem Patriarchen der Caodong-Richtung erhielt, gilt er als der erste japanische Patriarch des sog. Sōtō-Zen, doch betrachtete er sich nicht als Gründer einer neuen „Sōtō-Schule“, sondern als Erneuerer der ursprünglichen, authentischen Buddha-Lehre, die er auf einer Chinareise entdeckt zu haben meinte.

Leben Kindheit Dōgen wurde am 26. Januar 1200 geboren, wahrscheinlich in Kobata, das heute zur Stadt Uji südlich von Kyōto gehört.Zur Bestimmung von Geburtsort und Geburtstag siehe Laube (1987) S. 123; Oliver Göbel: Das Samâdhi bei Zen-Meister Dôgen, Neuried 2001, S. 49. Sein Vater war Michichika Koga (oder Kuga), ein Nachkomme des Tennō Murakami; seine Mutter Ishi war eine Nebenfrau seines Vaters.Göbel (2001) S. 49. Michichika gehörte zur Sippe der Minamoto (Genji), die seit 1185 politisch, militärisch und wirtschaftlich im japanischen Kaiserreich eine führende Rolle spielte. Allerdings waren die Zweige der Minamoto-Sippe untereinander zerstritten. 1192 setzte sich Minamoto no Yoritomo durch und errichtete eine Militärregierung (Bakufu) in Kamakura, wodurch der Kaiser weitgehend entmachtet wurde. Dōgens Vater war der Hauptgegner dieses Machthabers; er wollte die Macht für das Kaisertum zurückgewinnen, um sie dann faktisch selbst auszuüben. 1198 gelang es ihm, seinen noch unmündigen Enkel Tsuchimikado zum Kaiser zu machen. Somit war Dōgen ein Onkel dieses Kaisers, der bis 1210 regierte, wobei zunächst Dōgens Vater am Hof in Kyōto die dominierende Stellung einnahm. Zu einer drastischen Änderung der Lage kam es jedoch, als Michichika 1202 starb. Nun konnte sich die Gegenpartei in Kyōto durchsetzen. Die Witwe des verstorbenen Machthabers, Ishi, musste mit ihrem zweijährigen Sohn Dōgen den Hof verlassen und sich nach Kobata zurückziehen, wo ihre Eltern ein Landgut besaßen. Sie starb im Winter 1207, so dass Dōgen als Vollwaise zurückblieb.

Wie Dōgen selbst mitteilt, stellte der Tod seiner Mutter in seinem Leben einen Wendepunkt dar. Nachdem er schon vorher eine Neigung zum Mönchsleben verspürt hatte, war ihm nun die Vergänglichkeit aller Dinge so deutlich vor Augen getreten, dass er eine endgültige Entscheidung in diesem Sinn fällte. Sein Onkel Moro-ie, der ihn adoptieren und für das Leben eines Aristokraten gewinnen wollte, konnte ihn nicht umstimmen. Heimlich verließ er das Haus in Kobata und begab sich zum Berg Hiei (Hiei-zan), wo sich das berühmte Tempelzentrum der Tendai-Richtung befand. Am Fuß des Berges lebte der Mönch Ryōkan, ein Bruder von Dōgens Mutter. An diesen Onkel wandte er sich mit der Bitte um Unterstützung seines Plans, Tendai-Mönch zu werden. Ryōkan gab ihm eine Empfehlung mit. Eines der Klöster des Berges nahm ihn auf. Im Frühjahr 1213 legte er die Bodhisattva-Gelübde ab.Laube (1987) S. 124. Erst bei diesem Anlass erhielt er den Namen Dōgen („Ursprung des Weges“) als Mönchsnamen.Göbel (2001) S. 50f.

Erste Lehrzeit Als Tendai-Mönch studierte Dōgen die buddhistischen Schriften und wurde von gelehrten Mönchen unterrichtet. Allerdings war das Leben auf dem Berg Hiei damals nicht mehr hauptsächlich von religiösen Zielen geprägt, sondern von heftigen Machtkämpfen zwischen Mönchsgruppen. Die führenden Mönche stammten aus Geschlechtern der Hofaristokratie, die einen Teil ihrer männlichen Nachkommen in Klöstern unterzubringen pflegte. Daher wurden die Konflikte der Adelsfamilien auch in den Mönchsgemeinschaften gewaltsam ausgetragen; manche Mönche waren bewaffnet und fungierten als Soldaten. Es bestanden starke Spannungen zwischen den Gemeinschaften von Mii-dera und Enryaku-ji, deren Abtsposten machtpolitische Schlüsselstellungen waren; daher pflegte die Neubesetzung dieser Posten zu Auseinandersetzungen zu führen. Neben persönlichen Rivalitäten hatten auch religiöse Meinungsverschiedenheiten Gewalttätigkeiten zur Folge. Für Dōgen war ein Klosterleben unter solchen Umständen nicht akzeptabel, daher verließ er den Berg Hiei schon 1214.Laube (1987) S. 124f.

Damals beschäftigte sich Dōgen mit der Buddha-Natur. Nach der Überzeugung der Mahayana-Buddhisten ist die Buddha-Natur allen Menschen angeboren. Dabei stellte sich für Dōgen die Frage, warum ein Entschluss und Übungen nötig sind, um etwas zu erreichen, was eigentlich von Natur aus immer schon gegeben ist. Diese Frage konnte ihm der Abt Kōin von Mii-dera nicht befriedigend beantworten. Kōin empfahl ihm, sich an den Abt Eisai des Klosters Kennin-ji in Kyōto zu wenden. Eisai hatte als einer der Ersten das Zen (chinesisch Chan) aus China nach Japan gebracht. Ob Dōgen noch Gelegenheit hatte, den Rat Kōins zu beherzigen, ist unklar, denn Eisai starb schon 1215. Helfen konnte ihm jedenfalls Eisais Dharma-Nachfolger Myōzen (1184–1225), den er 1217 zu seinem Ratgeber machte und dessen Gemeinschaft er sich anschloss. Die beiden Mönche fassten den Entschluss, in China nach der authentischen Buddha-Lehre zu suchen. Zunächst konnten sie ihren Plan aber wegen des in Japan herrschenden Bürgerkriegs zwischen dem Kaiserhaus und der Militärregierung nicht verwirklichen. Erst als der militärische Konflikt zugunsten der Militärregierung entschieden war, konnten sie im Frühjahr 1223 in See stechen. Sie landeten in der Hangzhou-Bucht.

Aufenthalt in China Dōgen blieb vier Jahre im Kaiserreich China und suchte eine Anzahl von Chan-Klöstern auf, in denen er sich an den Übungen der Mönche beteiligte. Dabei suchte er stets nach der authentischen Lehre des Shakyamuni-Buddha. Zu diesem Zweck pflegte er sich jeweils nach der Überlieferungslinie zu erkundigen, um herauszufinden, ob er es mit Äbten zu tun hatte, die ihre Traditionskette lückenlos bis zum Gründer des Buddhismus zurückverfolgen konnten. Als Myōzen 1225 starb, plante Dōgen eine vorzeitige Rückkehr nach Japan, da er trotz aller Bemühungen nicht gefunden hatte, was er suchte. Er entschied sich dann aber, einen weiteren Versuch zu unternehmen, als 1225 der Meister Tendō Nyojō (chinesisch Tiantong Rujing 天童如浄, 1163–1228), der zur Caodong-Linie des Chan zählte, Abt eines Chan-Klosters auf dem Berg Tiantong-shan (japanisch Tendōsan) wurde. Nyojō nahm den Japaner als Schüler an. Zwei Jahre blieb Dōgen bei seinem neuen Meister. In dieser Zeit wurde ihm ein fundamentales Erlebnis zuteil, das für ihn die Erfahrung der Buddha-Natur war (Satori). Es geschah plötzlich, als der Meister während der Meditation einem schläfrigen Mönch einen Schlag versetzte und rief: „Leib und Seele fallen ab“ (chinesisch Shēnxīn tuōluò, japanisch shinjin datsuraku). Diese Worte charakterisieren das, was sich aus der Sicht des Betroffenen bei einer solchen Erfahrung der Buddha-Natur ereignet. Mit dem Begriff shin, der mit „Seele“, „Herz“ oder „Geist“ übersetzt wird, sind dabei im Buddhismus mentale Funktionen gemeint, nicht etwa eine immaterielle Substanz im Sinne des abendländischen Substanz-Begriffs. Nyojō anerkannte die Echtheit des Erlebnisses seines Schülers. Nun konnte Dōgen nach Erreichung seines Ziels nach Japan zurückkehren.Zum China-Aufenthalt siehe Laube (1987) S. 125f.

Rückkehr nach Japan und Klostergründung Bei seiner Rückkehr im Jahr 1227 brachte Dōgen die Urne seines in China verstorbenen Gefährten Myōzen mit, damit sie in dessen Kloster Kennin-ji rituell bestattet werden konnte. Ansonsten gehörten zu seinem Gepäck aber keine kulturellen und religiösen Güter, wie sie japanische Reisende aus China mitzubringen pflegten. Vielmehr kam er, wie er selbst feststellte, „mit leeren Händen“. Das einzige Gut, das er mit sich führte, war die Belehrung, die er bei Nyojō empfangen hatte, insbesondere seine Kenntnis des Zazen (Praxis der gegenstandslosen Sitzmeditation), der er die entscheidende Erfahrung seines Lebens verdankte.

Gleich nach seiner Rückkehr ins Kloster Kennin-ji begann Dōgen mit der Verbreitung der Lehre, die er in China studiert hatte. Mit der Radikalität seines neuen Gedankenguts erregte er bei den Mönchen von Kennin-ji und besonders bei denen vom Berg Hiei Anstoß; man sah darin eine Herausforderung für das traditionelle Mönchtum und dessen Gepflogenheiten. Da der Buddhismus aus China nach Japan gelangt war und die chinesischen Äbte traditionell angesehener waren als die japanischen, konnte Dōgen, der sich auf seinen chinesischen Meister berief, mit beträchtlicher Autorität auftreten, was den Konflikt verschärfte. 1230 zog sich Dōgen aus Kennin-ji zurück, um in Fukakusa (Fushimi, heute ein Stadtteil von Kyōto) sein Konzept konsequent zu verwirklichen. Er gründete 1233 den Tempel und das Kloster Kōshō-(Hōrin)-ji mit dem ersten Zendō (Zen-Halle) nach chinesischem Vorbild in Japan. Dort wurde ausschließlich Zazen praktiziert.

Nun wurde Dōgens Lehre sehr populär. Ganze Mönchsgruppen, teils sogar samt ihrem Abt, schlossen sich seiner Klostergemeinschaft an. Unter den Mönchen zeichnete sich besonders Ejō aus, den Dōgen zu seinem Sekretär machte. Ejō kam 1234 zu Dōgen und blieb in den folgenden zwei Jahrzehnten bis zum Tod des Meisters dessen engster Mitarbeiter.

Dōgens Erfolg veranlasste seine Gegner, die Tendai-Mönche, zu massivem Vorgehen gegen ihn. Den Anlass dazu bot seine Schrift Gokuku-Shōbōki („Abhandlungen über die Beschützung des Landes durch das rechte Dharma“), die nicht erhalten geblieben ist. Dort empfahl er Zazen als rechte Form der buddhistischen Praxis für das ganze Land Japan. Die Tendai-Mönche legten diese Schrift dem Kaiserhof zur Prüfung vor und erreichten, dass die darin vertretene Auffassung als irrig und schädlich verurteilt wurde. Dies war wohl einer der Gründe dafür, dass Dōgen nun einen größeren Abstand zum Hof von Kyōto suchte. Er verließ 1243 das Kloster Kōshō-ji, das er gegründet hatte, und unternahm einen Neuanfang in den Bergen der Provinz Echizen.Zu verschiedenen möglichen Gründen für diesen Schritt Dōgens siehe Laube (1987) S. 128.

Letzter Lebensabschnitt im Eihei-ji Dōgen folgte einer Einladung des Adligen Yoshishige Hatano, der ihn bei der Neugründung einer Mönchsgemeinschaft in Echizen großzügig unterstützte. Dank diesem Gönner und der Förderung durch weitere Helfer konnte er schon 1244 seinen neuen Zen-Tempel eröffnen. Er gab der Anlage, die vorher als Daibutsu-ji bekannt war, den Namen Eihei-ji („Ewiger Friede“). Mit diesem Namen nahm er auf die Epoche der chinesischen Geschichte Bezug, in welcher der Buddhismus erstmals von Indien nach China gelangt war. Der Eihei-ji wurde noch zu seinen Lebzeiten mit Unterstützung seiner Laienanhänger weiter ausgebaut. Außer der Zen-Halle übernahm Dōgen auch andere Einzelheiten des Klosteraufbaus und der Organisation des Klosterlebens aus China. Ab 1248 führte er nicht mehr den Namen Dōgen, den er als Tendai-Mönch erhalten hatte, sondern nannte sich Kigen.