mini|Alexander Kluge (2020)rahmenlos|zentriert|150px|klasse=notpageimage
Alexander Ernst Kluge (* 14. Februar 1932 in Halberstadt; † 25. März 2026 in München) war ein deutscher Filmemacher, Fernsehproduzent, Schriftsteller, Drehbuchautor, bildender Künstler, Rechtsanwalt und Unternehmer.Ijoma Mangold: Gegner von gestern, Verbündete von heute, Die Zeit vom 27. Januar 2011.
Kluge wurde in den 1960er und 1970er Jahren als einer der einflussreichsten Vertreter des Neuen Deutschen Films bekannt, den er in Theorie und Praxis mitbegründet und weiterentwickelt hat. Als Autor machte er sich vor allem durch Kurzgeschichten einen Namen und gehörte zum Kreis um die Gruppe 47; außerdem verfasste er Schriften zu kulturellen, philosophischen und politischen Themen. 1987 wurde er unternehmerisch tätig und gründete die Produktionsfirma dctp, mit der es ihm gelang, eine Plattform für unabhängige Programme im deutschen Privatfernsehen zu schaffen.
Leben
mini|Alexander Kluge (1983)
Alexander Kluge wurde 1932 als Sohn des Arztes Ernst Kluge und dessen Frau Alice, geb. Hausdorf, in Halberstadt geboren. Er war der ältere Bruder von Alexandra Kluge (1937–2017), die er später in mehreren seiner Filme als Schauspielerin einsetzte. Zunächst in Gotha eingeschult,Thüringer Allgemeine am 20. April 2019, abgerufen am 19. Juni 2019. besuchte er dann das Halberstädter Domgymnasium. Anfang 1945 trennten sich seine Eltern. Am 8. April 1945 erlebte der Dreizehnjährige die Zerstörung seiner Heimatstadt durch den Luftangriff auf Halberstadt. Er überlebte dabei nur knapp, als zehn Meter neben ihm eine Sprengbombe einschlug.Hörspiel: , Bayerischer Rundfunk, 22. November 2009, Ursendung. Bis Kriegsende besuchte Kluge das Domgymnasium zu Halberstadt. Danach zog er mit seiner Mutter nach Berlin-Charlottenburg und machte sein Abitur am Charlottenburger Gymnasium (heute Heinz-Berggruen-Gymnasium).Wolfgang Büscher: „Berlin heilen“. In: Die Welt, 25. Oktober 2003. Ab 1950 studierte er Rechtswissenschaften, Geschichte und Kirchenmusik in Freiburg im Breisgau, Marburg und Frankfurt am Main, dort u. a. bei Theodor W. Adorno. Im Jahre 1956 wurde er in Marburg mit einer von Rudolf Reinhardt betreuten Dissertation über Die Universitäts-Selbstverwaltung. Ihre Geschichte und gegenwärtige Rechtsform zum Dr. iur. promoviert.
Kluge ging nach Frankfurt am Main, um bei Hellmut Becker, dem Justitiar des Instituts für Sozialforschung, sein juristisches Referendariat abzuleisten.Jürgen Kaube: Alexander Kluge. Ein Ingenieur seiner Geschichten. In: FAZ, 11. September 2009; zum Adorno-Preis. Adorno vermittelte Kluge an Fritz Lang, der ihn von seinen literarischen Bestrebungen abbringen sollte, da er die Literatur für ein „abgeschlossenes Gebiet“ hielt.
Nach dem Bestehen seines Assessorexamens 1958 ließ Kluge sich in Berlin und später in München als Rechtsanwalt nieder. Es dauerte jedoch nicht lange und er wandte sich der literarischen Arbeit zu. Ab 1963 lehrte er als Professor an der Hochschule für Gestaltung Ulm und leitete mit Edgar Reitz die Abteilung für Filmgestaltung. Im selben Jahr gründete er auch seine eigene Produktionsfirma Kairos-Film. Im Jahr 1973 wurde er Honorarprofessor an der Universität Frankfurt am Main.
Kluge war ab 1982 mit der Filmproduzentin Dagmar Steurer verheiratet. Das Paar hat zwei gemeinsame Kinder, die Tochter Sophie Kluge (* 1983) und einen Sohn (* 1985)., kluge-alexander.de (archiviert von Internet Archive). Er war zuvor längere Zeit mit Hannelore Hoger liiert,Hannelore Hoger (†82) : Das waren die Männer ihres Lebens. In: OK-Magazin, 28. Dezember 2024, abgerufen am 26. März 2026. die Ende der 1960er Jahre und in den 1970er Jahren Hauptrollen in mehreren seiner Filme spielte. Kluge lebte lange Zeit in München.
2015 übergab Kluge sein Archiv der Akademie der Künste zu Forschungszwecken.
Alexander Kluge starb am 25. März 2026 im Alter von 94 Jahren. Er wurde, wie es sein Wunsch war, am Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin in der Nähe des Grabes seiner 2017 verstorbenen Schwester Alexandra beigesetzt.Lothar Müller: Am Ende spielt Helge Schneider Saxofon. Alexander Kluge ist in Berlin auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beerdigt worden - bei Hegel, Brecht und schräg gegenüber von seiner Schwester Alexandra, in: Süddeutsche Zeitung vom 11./12. April 2026, S. 18.
Schriftsteller, Theoretiker, Filmemacher mini|Alexander Kluge (2009) bei der Dankesrede zum Adorno-Preis
In Zusammenarbeit mit dem Soziologen Oskar Negt verfasste er mehrere Schriften und Bücher, darunter Öffentlichkeit und Erfahrung (1972), Geschichte und Eigensinn (1981) und Maßverhältnisse des Politischen (1992). Diese Bücher wurden 2001 von den beiden Autoren zusammen unter dem Titel Der unterschätzte Mensch neu herausgegeben.
1958 absolvierte Kluge ein Volontariat bei CCC-Film, während Fritz Lang dort den Film Der Tiger von Eschnapur drehte.„Auch blind hätte dieser Mann noch geniale Filme dirigieren können“ - Alexander Kluge über Fritz Lang (2016) auf kluge-alexander.de.Korallenriff im nährstoffarmen Meer – Interview von Joachim Güntner mit Alexander Kluge (2007) auf kluge-alexander.de.Die Geduld der Bücher – Interview von Claus Philipp mit Alexander Kluge (2006) auf kluge-alexander.de. Bei den 8. Westdeutschen Kurzfilmtagen in Oberhausen 1962 war Kluge einer der Initiatoren des Oberhausener Manifestes, einer politischen und ästhetischen Unabhängigkeitserklärung junger deutscher Filmemacher, die die Abkehr vom alten deutschen Film forderte. In den 1960er Jahren wurde Kluge durch Filme wie Abschied von gestern (1966) ein wichtiger Repräsentant des Neuen Deutschen Films und des Autorenfilms.
Kluge gilt als Autorität auf dem Gebiet der Filmtheorie und ist Verfasser diverser Standardwerke zur Filmanalyse. Seine theoretische Konzeption war für den avantgardistisch-intellektuellen Neuen Deutschen Film der 1970er und 1980er Jahre prägend.
Der Großteil seines schriftstellerischen Werkes ist literarischer Natur – zumeist Kurz- und Kürzestgeschichten. Sein Debüt erfolgte 1962 mit dem Buch Lebensläufe im Suhrkampverlag. Die 1962 erfolgte Einladung zur Gruppe 47 kann als Beginn der Karriere gesehen werden. Er selbst sah sich mehr als Autor denn als Filmemacher: „Ich bin und bleibe in erster Linie ein Buchautor, auch wenn ich Filme hergestellt habe oder Fernsehmagazine.“Rede zum Heinrich Böll Preis 1993 in Personen und Reden, Wagenbach, 2012, S. 30. Die im Jahr 2000 erschienene Chronik der Gefühle mit den beiden Teilbänden Basisgeschichten und Lebensläufe ist eine Sammlung seines bis dahin erschienenen literarischen Werks. 2003 erschien mit Die Lücke, die der Teufel läßt eine Zusammenstellung 500 neuer Geschichten, die sich besonders mit den Ereignissen des 11. September 2001 beschäftigen. 2006 veröffentlichte Alexander Kluge 350 weitere Geschichten unter dem Titel Tür an Tür mit einem anderen Leben.
Im Juni 2012 hielt er auf Einladung der Goethe-Universität seine Frankfurter Poetik-Vorlesung, in der er sich mit Theorie und Praxis der Narration auseinandersetzte. Unter dem Titel Theorie der Erzählung hielt Kluge vier Vorträge, die sowohl ausgesprochen gut besucht waren als auch im Feuilleton begeistert besprochen wurden.Uwe Ebbinghaus: Alexander Kluges Poetikvorlesung. Lebensläufe gegen die Allmacht der Krise. In: FAZ, 20. Juni 2012.Die Süddeutsche Zeitung schrieb u. a.: „In seinen Vorlesungen, die von Publikum und Presse begeistert aufgenommen wurden und die nun, um Filmbeispiele ergänzt, auf DVD vorliegen, entfaltet Kluge sein poetisches Programm so «stringent und kompakt wie […] selten zuvor.»“ Im April 2013 erschien die Poetikdozentur auch auf DVD mit ausführlichem Begleitheft sowie einer Lesung im Literaturhaus Frankfurt, die direkt nach der Abschlussvorlesung stattfand und an diese anknüpfte.
Seine Ausstellung Pluriversum. Die poetische Kraft der Theorie, die er 2017 im Essener Folkwang Museum und 2018 in Wien, im Folgejahr im Literaturhaus München zeigte, bot eine Werkschau von Kluges künstlerischem Schaffen.»Pluriversum. Die poetische Kraft der Theorie«, literaturhaus-muenchen.de, abgerufen am 3. Juni 2019. Sein unablässiges Erzählen und Verknüpfen folgte dem Wunderkammerprinzip, wobei er nicht müde wurde zu betonen, wie sehr Hans Magnus Enzensberger ihn beeinflusst habe.Gerrit Bartels: Alexander Kluge und sein „Pluriversum“: Erzählen und verknüpfen, Der Tagesspiegel vom 1. Juni 2019, abgerufen am 3. Juni 2019.
Die Figur des Thomas im Roman Transkription (2026) von Ben Lerner, mit dem Kluge zusammenarbeitete, wurde als Anspielung auf Kluge gedeutet.
Fernsehproduzent Mit der Gründung der dctp (Development Company for Television Program) 1987 gelang es ihm, eine Plattform für unabhängige Programme im deutschen Privatfernsehen zu schaffen. Die Gesellschafter von dctp sind Alexander Kluge (37,5 %), die japanische Werbeagentur Dentsu (37,5 %), der Spiegel-Verlag (12,5 %) und die Neue Zürcher Zeitung AG (12,5 %).
Seitdem war Alexander Kluge verantwortlich für die unabhängigen TV-Kulturmagazine 10 vor 11 und Prime-Time/Spätausgabe in RTL Television, News & Stories in Sat.1 sowie Mitternachtsmagazin, dctp Reportage und teilweise dctp Nachtclub in VOX. Etwa monatlich wurde außerdem Die Stunde der Filmemacher im Nachtprogramm von Sat.1 ausgestrahlt. „Sein Ziel“ sei es, so heißt es auf Kluges Homepage, „das Fernsehen offen zu halten für das, was außerhalb des Fernsehens stattfindet“.Offizielle Seite von Alexander Kluge, 22. August 2008.
Das dctp-Engagement bei RTL trug ihm unter anderem den Vorwurf ein, dass die dctp ungerechtfertigterweise einen privilegierten Zugang bzw. eine Monopolstellung als sogenannter „Drittsendeanbieter“ bei RTL habe. Der frühere ARD-Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert reichte im August 2008 in diesem Zusammenhang eine Klage gegen die zuständige Landesmedienanstalt in Niedersachsen vor dem Verwaltungsgericht Hannover ein. Beigeladen waren RTL und Alexander Kluge. Alle drei Parteien wiesen die Vorwürfe zurück.Michael Hanfeld: , Frankfurter Allgemeine Zeitung 22. August 2008.
Für die dctp-Kulturmagazine führte Kluge zwischen Juni 1988 und November 1995 zahlreiche Interviews und Diskussionen mit dem befreundeten Dramatiker Heiner Müller, die seit 2007 auf einer gemeinsamen Internetseite der Cornell-Universität und der Universität Bremen öffentlich zugänglich sind.Vgl. Heiner Müller, Alexander Kluge et al. (2008), Gespräche zwischen Heiner Müller und Alexander Kluge, ges. 2010-1014-1803 (ed. 2008), passim.
Anlässlich des 75. Geburtstages von Alexander Kluge erschien 2007 eine 16 DVDs umfassende Werkschau aller 57 Kinofilme (Kurz- und Spielfilme, ergänzt durch ausgewählte Fernseharbeiten und Texte); diese gaben das Goethe-Institut, das Filmmuseum München und die Kulturstiftung des Bundes gemeinsam heraus.
Positionen Kluge kritisierte im September 2019 mit rund 250 Kulturschaffenden, dass die Stadt Dortmund die Verleihung des Nelly-Sachs-Preises an die Schriftstellerin Kamila Shamsie wegen deren Unterstützung der Kampagne Boycott, Divestment and Sanctions widerrufen hatte.Streit um Israelkritik, Zeit online, 26. September 2019.