mini|Heinrich Graetz, circa 1885 Heinrich Graetz (Hirsch Graetz) (geboren am 31. OktoberEntspricht dem 21. Cheschwan 1817 in Xions, Großherzogtum Posen; gestorben am 7. September 1891 in MünchenWährend eines Besuchs bei seinem Sohn Leo; Graetz’ Leichnam wurde dann nach Breslau überführt und drei Tage später dort unter großer Anteilnahme seiner Schüler und weiterer Mitmenschen bestattet) war ein deutscher Historiker jüdischer Abkunft. Seine Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ist ein Standardwerk der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts und eine der wirkmächtigsten Gesamtdarstellungen der jüdischen Geschichte überhaupt.
Leben Heinrich Graetz wurde als Erstgeborener von drei Kindern des Inhabers eines kleinen Fleischereibetriebes, Jakob Graetz (gest. 1876), in Xions in der preußischen Provinz Posen geboren. Jiddisch war seine Muttersprache.
Nicht zuletzt wegen der ärmlichen Verhältnisse innerhalb der Familie wurde er 1831 zu Verwandten nach Wollstein geschickt, wo er die talmudischen Vorträge des Rabbiners Samuel S. Munk besuchte.
Vom 8. Mai 1837 bis Ende Juli 1840 lebte er als Schüler und literarische Hilfskraft („Famulus“) im Hause von Samson Raphael Hirsch, des damaligen Landesrabbiners von Oldenburg, des führenden Vertreters der (Neo-)Orthodoxie im deutschen Judentum des 19. Jahrhunderts.
Nach dem Abschied aus dem Hause Hirschs nahm er gegen Ende 1840 (bis Juli 1842) in Ostrowo einen Hofmeisterposten an, um sich finanzielle Mittel für den Universitätsbesuch zu verschaffen.
Anschließend ging er nach Breslau, wo er sich auch publizistischIn verschiedenen Nummern des von Dr. Fürst wöchentlich herausgegebenen Der Orient, beginnend im Hauptblatt des Orient, Jahrgang 1844; Geiger reagierte äußerst scharf und ins Persönliche übergreifend im Israelit des 19. Jahrhunderts in die dortigen Auseinandersetzungen innerhalb der jüdischen Gemeinde einschaltete und insbesondere als Gegner des die Reform vorantreibenden Gemeinderabbiners Abraham Geiger, der zu dieser Zeit als charismatische Persönlichkeit und gewaltiger Kanzelredner gefürchtet war, auftrat. Ab 1842Immatrikulation Oktober 1842 hatte er als Autodidakt mit ministerieller Sondererlaubnis die Universität Breslau besucht, trieb dort geschichtliche, philosophische, orientalische und physikalische Studien und wurde im April 1845 an der Universität Jena zum Dr. phil. promoviert mit der in Latein verfassten Arbeit De autoritate et vi, quam gnosis in Judaïsmum habuerit (unter anderem auch das Sefer Jetzira behandelnd), deren deutsche Fassung 1846 unter dem Titel Gnostizismus und Judentum veröffentlicht wurde. In Breslau besuchte er das katholische Schullehrerseminar und erhielt am 4. November 1847 das Befähigungszeugnis.Zuvor hatte er erwogen, Rabbiner zu werden, sein schriftstellerischer und persönlicher Ruf war bereits so verbreitet, dass die zweitgrößte Gemeinde Schlesiens, Gleiwitz, ihm den kürzlich frei gewordenen Rabbinatsposten in ehrenvollster Weise anbot, Graetz sich dieses Angebot aber verscherzte, weil er, trotz aller sonst vorhandenen Fähigkeiten und obwohl sich schon alle Entscheidungsträger der Gemeinde für ihn erklärt hatten, im öffentlichen Auftreten kläglich versagte (misslungene Predigt zum Versöhnungsfest 1845/5606 in der Gleiwitzer Synagoge, bei der er vergaß, was er hatte sagen wollen, nach Worten rang und schließlich nach wenigen Minuten von der Kanzel abging) mini|Grab von Heinrich Graetz Im Winterhalbjahr 1852/1853 hielt er in Berlin Vorlesungen über jüdische Geschichte. Nach Stationen als Leiter einer Religionsschule in Breslau,Religionsschule der orthodoxen Partei unter Leitung der Rabbiners Gedaljah Tiktin, des Sohnes des Salomo (Salman) Tiktin dann 1849 in NikolsburgProvisorisch in untergeordneter Stellung an der dortigen Religionsschule, wiederum bei Hirsch, der mittlerweile das Landrabbinat Emdens mit dem Nikolsburgs getauscht hatte und dort eine Rabbinerschule errichten wollte, die aber nicht zustande kam, wurde er am 12. September 1850Beginn der Anstellung; Arbeitsaufnahme am 15. Oktober 1850; Anfang Oktober 1850 hatte er geheiratet, 1851 wurde eine Tochter geboren, es folgten noch vier Söhne Leiter der jüdischen Schule in Lundenburg, Mähren (die Stelle hatte ihm Hirsch, der inzwischen Landesrabbiner im mährischen Nikolsburg geworden war, besorgt). 1853 wurde er von Zacharias Frankel, mit dem ihn seit 1846In diesem Jahr hatte Frankel Graetz auch die formelle Autorisierung zur Ausübung rabbinischer Funktionen (התרת הוראה) erteilt eine enge Freundschaft und Gesinnungsgenossenschaft verband, zum Dozenten für jüdische Geschichte an das neu gegründete Jüdisch-Theologische Seminar in Breslau berufenDienstaufnahme am 1. Juli 1853 und wirkte hier 37 Jahre bis zu seinem Tode als der „vielgefeierte und hochverehrte Dozent“ (Salomon Wininger) für jüdische Geschichte und Bibelkritik. Im Dezember 1869 wurde er von der preußischen Regierung auch zum Honorarprofessor an der Universität Breslau ernannt, an jener Universität, an der er einst erst nach Überwindung großer Schwierigkeiten zur Immatrikulation zugelassen worden war. Die königliche spanische Akademie der historischen Wissenschaften zu Madrid ernannte ihn, auch in Anerkennung seiner objektiven Darstellung der Judenvertreibung aus Spanien, zu ihrem Ehrenmitglied (27. Oktober 1888).
Von 1869 bis 1887 gab er auch die Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums heraus.
Graetz besuchte 1872 im Auftrag der Alliance Israélite Universelle Palästina und gründete in Jerusalem ein Waisenhaus.
Im Oktober 1850 heiratete er Marie Monasch (gestorben am 31. Mai 1900). Der Physiker Leo Graetz (1856–1941) war sein ältester Sohn. Daneben hatten sie drei weitere Söhne und eine Tochter.
Das Grab von Heinrich Graetz befindet sich auf dem Alten Jüdischen Friedhof in Breslau (Wrocław).
Die Geschichte der Juden Seine elfbändige Geschichte der Juden von den Anfängen bis auf die Gegenwart ist das erste moderne umfassende jüdische Geschichtswerk des späten 19. Jahrhunderts und wurde in mehrere Sprachen übersetzt.Vorangegangen waren Versuche von Basnage (1706–1711), von Hannah Adams, einer christlichen Amerikanerin aus Boston (erschienen 1818), sowie das ebenfalls unzulängliche Werk Isaak Markus Josts (erschienen 1820–1847) Es bot ein neuartiges Bild der jüdischen Geschichte: Für ihn war sie keine reine Religionsgeschichte, sondern hatte einen überreligiösen Zusammenhang, der sich zwar vor allem in der Ethik widerspiegelte, der aber auch national verstanden werden sollte. Den Ereignissen der jüdischen Geschichte gab Graetz eine neue Bedeutung. So wurden z. B. die Hasmonäer bzw. Makkabäer, die eigentlich für die Freiheit der jüdischen Religion kämpften, in seinen Büchern „Nationalgesinnte“, „Männer (…), welche ihr Vaterland liebten“. Er übertrug somit die moderne Nationalstaatsidee des 18. und 19. Jahrhunderts auf frühere Zeiten. Graetz wurde durch sein Werk zu einem der Vorläufer des Zionismus, wenn er selbst auch die Beteiligung an der Chibbat-Zion-Bewegung abgelehnt hatte und nicht an die Möglichkeit der Wiedererrichtung eines jüdischen Staates in Palästina glaubte.
Ausgaben Geschichte der Juden. Von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Aus den Quellen neu bearbeitet (11 Bände, Berlin 1853–1875, mehrere Ausgaben und Übersetzungen; Ausgabe letzter Hand Leipzig 1890–1909; gekürzt Volkstümliche Geschichte der Juden, 3 Bände, viele Auflagen); die Ausarbeitung seines Hauptwerkes hat Graetz nicht chronologisch fortschreitend, sondern punktuell, teilweise rückschreitend vorgenommen:
Geschichte der Juden …, Band IV.: Vom Untergang des jüdischen Staates bis zum Abschluss des Talmud, Berlin 1853 Geschichte der Juden …, Band III.: Von dem Tode Juda Makkabis bis zum Untergange des judäischen Staates, 1855 (1856?) Geschichte der Juden …, Band V.: Vom Abschluss des Talmuds 500 bis zum Aufblühen der jüdisch-spanischen Kultur 1027, Magdeburg 1860 Geschichte der Juden …, Band VI.: Vom Aufblühen der jüdisch-spanischen Kultur 1027 bis Maimunis Tod, Leipzig 1861 Geschichte der Juden …, Band III., 2. Auflage. Leipzig 1862 (mit dem neuen Kapitel zur Entstehung des Christentums, das in der 1. Auflage. wegen allzu skrupolöser [sic] Bedenklichkeit des Verlegers ausgelassen war [Vorwort]) Geschichte der Juden …, Band VII.: Von Maimunis Tod 1205 bis zur Verbannung der Juden aus Spanien und Portugal. Erste Hälfte, Leipzig 1863 Geschichte der Juden …, Band VIII.: Von Maimunis Tod 1205 bis zur Verbannung der Juden aus Spanien und Portugal. Zweite Hälfte, Leipzig 1864 Geschichte der Juden …, Band IV., 2. Auflage. Leipzig 1866 Geschichte der Juden …, Band IX.: Von der Verbannung der Juden aus Spanien und Portugal 1494 bis zur dauernden Ansiedelung der Marranen in Holland 1618, 1866 Geschichte der Juden …, Band X.: Von der dauernden Ansiedelung der Marranen in Holland 1618 bis zum Beginne der Mendelssohnschen Zeit 1750, Leipzig 1868 Geschichte der Juden …, Band XI.: Vom Beginne der Mendelssohnschen Zeit 1750 bis in die neueste Zeit 1848, Leipzig 1870 [der umstrittenste Band, da u. a. in die aktuelle Tagespolitik eingreifend]So schrieb Graetz von einem neuen Feinde der Juden: Ein anderer Erzfeind ist für die Juden in den letzten Jahrzehnten aufgetaucht, nicht unter dem Zeichen des Kreuzes, sondern unter der Maske der Rassenüberhebung. Ein Phrasenheld hatte in der Tagesliteratur ein zündendes Wort hineingeworfen, dass die angeblichen Abkömmlinge von Sem, die Juden, Araber und andere sprachverwandte Völkerschaften, Semiten genannt, an Geisteskraft, Leistungsfähigkeit, schöpferischer Erfindungsgabe tiefer stünden als die Arier, die indoeuropäischen Völkerschaften … Aus dieser verderblichen Vorspiegelung entnahmen die Judenfeinde – sie nennen sich heute Antisemiten – die Berechtigung, die Juden zu ächten und sie allenfalls in untergeordneter Stellung als Gäste zu dulden, da die Erde … von Rechts wegen den Ariern gehöre (Seite 553 f.) Geschichte der Juden …, Band V., 2., verb. Auflage. Leipzig 1871 Geschichte der Juden …, Band VI., 2., verb. Auflage. Leipzig 1871 Geschichte der Juden …, Band VII., 2., verb. Auflage. Leipzig 1873 Geschichte der Juden …, Band I.: Geschichte der Israeliten von ihren Uranfängen (um 1500) bis zum Tode des Königs Salomo (um 977 vorchristl. Zeit), Leipzig 1874 [von Graetz verfasst, nachdem sich sein Traum einer Palästinareise erfüllt hatte: Ich möchte nicht eher an die Schilderung dieser grundlegenden, gnadenreichen Zeit, von Mose bis Jeremia, von dem flammenden Sinai bis zu den rauchenden Trümmern Jerusalems und von der babylonischen Gefangenschaft bis zu den Kämpfen der Makkabäer herangehen, bis ich den Schauplatz dieser Begebenheiten mit eigenen Augen gesehen habe]Vorwort des 11. Bandes, Seite VI. Geschichte der Juden …, Band II., erste Hälfte: Vom Tode des Königs Salomo bis zum babylonischen Exile 586, Leipzig 1875 Geschichte der Juden …, Band II., zweite Hälfte: Vom babylonischen Exile 586 bis zum Tode des Juda Makkabi 160, Leipzig 1876 Geschichte der Juden …, Band III. (1. u. 2. Hälfte), dritte, verbesserte u. stark vermehrte Auflage. Leipzig 1878 Geschichte der Juden …, Band III., (1. u. 2. Hälfte), vierte, verbesserte u. stark vermehrte Auflage. Leipzig 1888 Geschichte der Juden …, Band VIII. (2. Hälfte), dritte Auflage. Leipzig 1890 Geschichte der Juden …, Band IX., dritte Auflage. Leipzig 1891
Nach Graetz’ Tod: Geschichte der Juden …, Band IV., bearbeitet durch Rabbiner Dr. F. Rosenthal, 1893 Geschichte der Juden …, Band VI., bearbeitet durch Rabbiner Dr. F. Rosenthal, 1894 Geschichte der Juden …, Band VII., bearbeitet durch Rabbiner Dr. J. Guttmann, 1894 Geschichte der Juden …, Band V., dritte verb. Auflage. 1895 (mit Zusätzen v. Prof. A. Harkavy in Petersburg über die Entstehung des Karäismus und mit Fußnoten von S. J. Halberstam in Bielitz) Für die folgenden Ausgaben/Auflagen vgl. bei M. Brann Nach den von Brann besorgten Ausgaben: