mini|hochkant=1.8|Die Hauptschauplätze der Blumenstraßenkrawalle (rot markiert) lagen am damaligen östlichen Stadtrand von Berlin: Die Blumenstraße und die Skalitzer Straße waren die Ausgangspunkte der Proteste, viele der Demonstranten kamen aus dem Barackenviertel am Frankfurter Tor und zogen Richtung Arbeitshaus am Alexanderplatz. Ausschnitt aus dem Neuesten Plan Berlins 1872 von Julius Straube.
Die Blumenstraßenkrawalle waren dreitägige gewaltsame Unruhen, die sich vom 25. bis 27. Juli 1872 in der damaligen Stralauer Vorstadt in Berlin ereigneten.
Sie sind nach der Blumenstraße im heutigen Ortsteil Friedrichshain benannt. Die Straße war Ausgangspunkt eines Kampfes zwischen Fabrikarbeitern, Handwerksgesellen und Obdachlosen einerseits und der Berliner Polizei andererseits. Anlass war zum einen die Unzufriedenheit über hohe Mietpreise und damit verbundene häufige Zwangsräumungen, bei denen Mieter samt Mobiliar auf der Straße landeten. Ein weiterer Anlass war das Niederreißen von slumartigen Barackensiedlungen durch Polizei und Feuerwehr sowie die als demütigend empfundene Einweisung in das Arbeitshaus am Alexanderplatz, die damals einzige kommunale Notunterkunft für Obdachlose. Die sozialdemokratischen Parteien, Zeitungen und auch Gewerkschaften distanzierten sich von den Unruhen. In der Forschung besteht Unklarheit darüber, ob die Ausschreitung, wie es die Zeitgenossen vielfach taten, weiterhin als bloßer „Krawall“ (vereinzelt sprachen zeitgenössische Presseberichte sogar von „Straßenkämpfen“) oder neutraler als Protest bezeichnet werden sollte.
Vorgeschichte und Vorbedingungen In den ersten drei Jahren des Deutschen Kaiserreiches kam es nach den Recherchen des Historikers Lothar Machtan mindestens zwanzigmal zu städtischen Unruhen. Die meisten davon waren Protestaktionen gegen die Verteuerungen von Lebensmitteln und Mieten. Den Berliner Blumenstraßenkrawall vom Juli 1872 und den Frankfurter Bierkrawall vom April 1873 stuft Machtan als die „spektakulärsten ‚Krawalle‘ dieser Art in der Gründerzeit“ ein. Ihnen gemeinsam sei, dass „die Ruhestörer dem Privateigentum von Lebensmittelhändlern und -herstellern sowie von Wohnungsvermietern mit Brachialgewalt zu Leibe rückten“. Außerdem entwickelten sich diese Auseinandersetzungen oft zu „Straßenschlachten“ mit der Polizei und teils sogar dem Militär.Lothar Machtan: Warum und wofür im 19. Jahrhundert gestreikt wurde. In: Streik – Realität und Mythos [Ausstellungskatalog des Deutschen Historischen Museums], Berlin 1992, S. 3.
mini|zentriert|600 px|Übersicht bekannter städtischer Unruhen im Deutschen Kaiserreich während der Gründerzeit (1871–1873)Lothar Machtan, René Ott: „Batzebier!“ Überlegungen zur sozialen Protestbewegung in den Jahren nach der Reichsgründung am Beispiel der süddeutschen Bierkrawalle vom Frühjahr 1873. In: Heinrich Volkmann, Jürgen Bergmann (Hrsg.): Sozialer Protest. Studien zu traditioneller Resistenz und kollektiver Gewalt in Deutschland vom Vormärz bis zur Reichsgründung. Westdeutscher Verlag, Opladen 1984, S. 128–166, hier S. 129.
Wohnungsnot und drohende Obdachlosigkeit mini|Obdachlosenbaracken in Berlin 1872, Holzstich nach einer Zeichnung von Georg Koch
Mieter und ihre Wohnungseinrichtung landeten Ende des 19. Jahrhunderts in Berlin recht häufig auf den Straßen. Hierfür gab es mehrere Gründe. So nahm während der 1870er Jahre die Einwohnerzahl Berlins im Jahr durchschnittlich um 40.000 Menschen zu. Insbesondere aus ländlichen Gebieten in den östlichen Provinzen Preußens zog es Menschen nach Berlin. Die große Mehrzahl hoffte, in einer der dortigen Fabriken Beschäftigung zu finden. Mit dem dynamischen Bevölkerungswachstum konnte die Infrastruktur jedoch nicht mithalten. Auch die sich in der Gründerzeit verschärfende Wohnungsspekulation führte dazu, dass die Mieten drastisch stiegen und gleichzeitig neue Wohnungen in nicht ausreichender Zahl gebaut wurden.Axel Weipert: Krawall im Kiez. Wie es 1872 zu Unruhen in den Arbeitervierteln kam. In: Philipp Mattern (Hrsg.): Mieterkämpfe vom Kaiserreich bis heute – das Beispiel Berlin. Bertz + Fischer, Berlin 2018, S. 9–25, hier S. 9–10. Der Historiker David Clay Large schätzt, dass sich die Mietpreise in Berlin verglichen mit der Situation 1869 in den Gründerjahren im Schnitt verdreifachten.David Clay Large: Berlin. Biographie einer Stadt. Beck, München 2002, S. 31.
Infolge unzureichender Wohnungsvorschriften existierten vor allem mehrgeschossige Mietshäuser mit einem oder mehreren Innenhöfen in dichter Bebauung, die berüchtigten Mietskasernen. Ihre Bewohner hatten, wie der Historiker Axel Weipert einschätzt, unter „wenig Licht, schlechten sanitären Anlagen und vor allem eine[r] hoffnungslose[n] Überbelegung“ zu leiden.Axel Weipert: Krawall im Kiez. Wie es 1872 zu Unruhen in den Arbeitervierteln kam. In: Philipp Mattern (Hrsg.): Mieterkämpfe vom Kaiserreich bis heute – das Beispiel Berlin. Bertz + Fischer, Berlin 2018, S. 9–25, hier S. 11. Die Mietverträge waren wiederholt so formuliert, dass sie es den Hauseigentümern erleichterten, Mieter aus ihren Wohnungen auszuquartieren, oft noch vor dem eigentlichen Vertragsende. So war es häufig untersagt, Untermieter aufzunehmen oder Haustiere zu halten. Mietvereinbarungen wurden in der Regel nur für einige Monate abgeschlossen. Danach konnte der Vermieter die Mieten deutlich erhöhen. Die meisten der Verträge endeten am 1. April oder 1. Oktober. In dieser Zeit waren die Berliner Straßen voller Wohnungssuchender, die mit ihren Habseligkeiten auf Karren oder Wagen durch die Stadt zogen.Axel Weipert: Krawall im Kiez. Wie es 1872 zu Unruhen in den Arbeitervierteln kam. In: Philipp Mattern (Hrsg.), Mieterkämpfe vom Kaiserreich bis heute – das Beispiel Berlin. Bertz + Fischer, Berlin 2018, S. 9–25, hier S. 13–14.
Die Blumenstraßenkrawalle fielen zeitlich mit Obdachlosigkeitsunruhen zusammen. Einwohner Berlins, die keine Miete zahlen konnten, hatten bislang zumindest eine Bleibe in Notunterkünften gefunden. Diese öffentlich oder privat finanzierten Einrichtungen waren ab 1872 jedoch so stark belegt, dass keine neuen Aufnahmen mehr möglich waren. Viele Berliner mieteten daraufhin als sogenannte Schlafgänger gegen ein geringes Entgelt ein Bett nur für einige Stunden. Für größere Familien war dieses Untermieterdasein jedoch keine Lösung. Sie wohnten daher in Rohbauten, unter Brücken oder errichteten für sich provisorische Holzbaracken am Rande der Stadt. Diese illegalen Siedlungen wurden immer wieder von der Polizei und Feuerwehr geräumt und abgerissen, insbesondere im Bereich des Kottbusser, des Frankfurter und des Landsberger Tors.David Clay Large: Berlin. Biographie einer Stadt. Beck, München 2002, S. 31 f. Da die Berliner Kommune, abgesehen von dem unpopulären Arbeitshaus am Alexanderplatz, keine weiteren Notunterkünfte besaß, entschieden sich viele Obdachlose für die Barackenquartiere.Florian Bielefeld: Am Rande Berlins. Das städtische Obdach „Palme“ 1887–1940. be.bra Verlag, Berlin 2021, S. 23. Eine weitere Alternative war das sogenannte Trockenwohnen. Die Mieter bezogen hierbei Neubauten, deren Wände aufgrund des verwendeten Mörtels noch feucht waren. Die Mietpreise waren dementsprechend zwar moderater, das Trockenwohnen belastete jedoch die GesundheitFlorian Bielefeld: Am Rande Berlins. Das städtische Obdach „Palme“ 1887–1940. be.bra Verlag, Berlin 2021, S. 16. und die Mieter hatten nur kurzzeitig eine bezahlbare Wohnung. Im April 1872 zählte Berlin mehr als 15.000 Obdachlose.Alexander Vasudevan: Metropolitan Preoccupations: The Spatial Politics of Squatting in Berlin. Blackwell, Oxford 2015, S. 34. Institutionen, die sich für die Rechte der Mieter einsetzten, entstanden erst gegen Ende der 1880er Jahre. Bis dahin waren gemeinsame Proteste der Fabrikarbeiter, Obdachlosen und Handwerksgesellen die einzige Möglichkeit, um auf soziale Missstände aufmerksam zu machen.Felizitas Schaub: Stadtnomaden. Mobilität und die Ordnung der Stadt Berlin und Prag (1867–1914). Vandenhoeck & Ruprecht Dissertation, Göttingen 2023, S. 57 f.
Vorhergehende Proteste in Berlin Zu einem den Blumenstraßenkrawallen ähnelnden Vorfall kam es bereits im Juni 1863 im Umfeld des Berliner Moritzplatzes. Ein Kneipenbetreiber wurde per Zwangsräumung aus seiner Wohnung und seinem Lokal an der OranienstraßeIlko-Sascha Kowalczuk: „Wohnen ist wichtiger als das Gesetz.“ Historische Streiflichter zu Wohnungsnot und Mieterwiderstand in Berlin. In: Susan Arndt u. a. (Hrsg.), Berlin Mainzer Straße. Wohnen ist wichtiger als das Gesetz. BasisDruck, Berlin 1992, S. 231–259, hier S. 240. geworfen. Der Hauseigentümer hatte ihm Lärmbelästigung und den verbotenen Einbau zweier Eisenöfen vorgeworfen. Der Kneipenbetreiber machte mit einem Plakat an dem Lokal auf seine unmittelbar bevorstehende Zwangsräumung aufmerksam. Kurz darauf schlug eine Menschenmenge Fenster des Vermieterhauses ein. Es brachen mehrtägige Kämpfe mit der Berliner Polizei aus.Thomas Lindenberger: Berliner Unordnungen zwischen den Revolutionen. In: Manfred Gailus (Hrsg.): Pöbelexzesse und Volkstumulte in Berlin. Verlag Europäische Perspektiven, Berlin 1984, S. 43–78, hier S. 46–49.
Vergleichbare Straßenkämpfe hatte es – wenn auch aus anderen Anlässen – in den 1860er Jahren in Berlin bereits mehrere gegeben, etwa 1861 auf dem Alexanderplatz und 1869 in Moabit. Die den Unterschichten angehörenden Akteure bewarfen dabei die Polizei von Balkonen und Fenstern aus mit Steinen, Flaschen und sonstigem auf den Straßen zu findendem Material. Hinterhöfe, Kneipen und die Flure der Häuser dienten als Operationsbasen für Angriffe.Thomas Lindenberger: Berliner Unordnungen zwischen den Revolutionen. In: Manfred Gailus (Hrsg.): Pöbelexzesse und Volkstumulte in Berlin. Verlag Europäische Perspektiven, Berlin 1984, S. 43–78, hier S. 56–57.
Dass Obdachlose von Seiten der Stadtbehörden in das Städtische Arbeitshaus eingewiesen wurden, empörte am 24. September 1871 eine Volksversammlung. Sie erklärte, dass es „im Hinblick auf die gegenwärtige Wohnungsnoth in Berlin […] eine Beleidigung des Volks von Berlin [sei], wenn die Behörden sich unterstehen sollten, den unverschuldet obdachlos werdenden Arbeiterfamilien statt einer menschenwürdigen provisorischen Unterkunft das Arbeitshaus anzuweisen“.Jürgen Scheffler: „Weltstadt“ und „Unterwelt“. Urbanisierung, Armenpolitik und Obdachlosigkeit in Berlin 1871 bis 1914. In: Internationale Wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der Deutschen Arbeiterbewegung 26 (1990), S. 158–181, hier S. 167. Die aus den Wohnungen gewiesenen Arbeiter nahmen Anstoß daran, auf gleiche Weise behandelt zu werden wie Bettler und fahrende Leute, die dauerhaft auf der Straße lebten.Jürgen Scheffler: „Weltstadt“ und „Unterwelt“. Urbanisierung, Armenpolitik und Obdachlosigkeit in Berlin 1871 bis 1914. In: Internationale Wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der Deutschen Arbeiterbewegung 26 (1990), S. 158–181, hier S. 168.
Vorgehen der Polizei