mini|Renaturierung des alten Flugplatzes in Frankfurt-Bonames mini|Errichtung eines Streichwehrs an der Nidda als Ersatz für das Sossenheimer Wehr (im Hintergrund noch erkennbar) sowie (Wieder-)Anschluss eines Altarmes (links) mini|Begonnene Maßnahmen zur Renaturierung der Weschnitz bei Lorsch im Juni 2007

Unter Renaturierung wird die Rückführung vor allem von landwirtschaftlich oder industriell genutzten Flächen und Gewässern in einen naturnahen Zustand verstanden.

Begrifflich ist zwischen Renaturierung und Rekultivierung zu unterscheiden. Eine Rekultivierungsmaßnahme hat grundsätzlich eine wirtschaftliche Nutzung zum Ziel, hingegen wird bei einer Renaturierung die Schaffung naturnaher Lebensräume angestrebt.

Renaturierung als wissenschaftlicher Teilbereich der Biologie Theorie und Praxis der Habitat-Wiederherstellung mit definierten Ansprüchen ist Gegenstand der wissenschaftlichen Teildisziplin der Renaturierungsökologie und wird zu den Umweltwissenschaften gezählt. Gegenstand der Maßnahmen können, unter anderem, landwirtschaftliche Flächen, Meliorationsgebiete, aufgelassene Industrie- und Verkehrsanlagen oder Bergbaufolgelandschaften sein. Ziel ist ein Ökosystem, das sich auf lange Sicht weitgehend ohne menschliche Hilfe regeneriert und selbst erhält.

Die internationale Fachgesellschaft für Renaturierung ist die Society for Ecological Restoration (SER). Folgende Studiengänge, Lehrstühle und Fachgruppen befassen sich im deutschsprachigen Bereich schwerpunktmäßig mit Renaturierung (Auswahl):

Aquatische Ökologie an der Fakultät für Biologie der Universität Duisburg-EssenAquatischeÖkologie, Fakultät für Biologie, Renaturierung Universität Duisburg-Essen, abgerufen am 17. Juli 2021. Lehrstuhls für Renaturierungsökologie an der Technischen Universität MünchenForschungsbereichedes Lehrstuhls für Renaturierungsökologie Technische Universität München, abgerufen am 17. Juli 2021. Arbeitsgruppe Vegetationskunde und Landschaftsökologie Hochschule Anhalt Gewässerökologie und Naturschutz an der Carl von Ossietzky Universität OldenburgGewässerökologie und Naturschutz Universität Oldenburg, abgerufen am 17. Juli 2021. Ökosystemforschung: Renaturierung von Flussauen an der Universität Koblenz-LandauCampusLandau. Fachbereich 7: Natur- und Umweltwissenschaften. iES Landau. Ökosystemforschung Anlage Eußerthal. Auen. Schutz und Renaturierung. Renaturierung von Flussauen Universität Koblenz-Landau, abgerufen am 17. Juli 2021.

In der Schweiz wird die Renaturierung von Flüssen und Bächen auch Revitalisierung genannt.

SER-Standards für Renaturierungen Die Standards der Society for Ecological Restoration haben acht Prinzipien. Renaturierungen...

...berücksichtigen sämtliche Interessensvertreter und versuchen insbesondere lokale einzubeziehen, um einen Vorteil für Natur und Gesellschaft zu erreichen. ...beziehen unterschiedliches Wissen ein wie das Wissen von Praktikern, traditionelles und lokales Wissen sowie wissenschaftliche Erkenntnisse. ...finden in Bezug auf natürliche Referenzökosysteme statt, während gleichzeitig der globale Wandel berücksichtigt wird. ...unterstützen Regenerationsprozesse von Ökosystemen. ...werden anhand einer Vision, klarer Ziele und kleinerer Teilziele, die anhand von festgelegten Indikatoren gemessen werden können. ...streben das höchstmögliche praktikable Level für die Regeneration von Ökosystemen an. ...gewinnen an Wert, wenn sie in großem Maßstab angewendet werden, da dadurch Landschaftseffekte verändert werden können. ...sind Teil eines Kontinuums an Wiederherstellungstätigkeiten, die von der Reduzierung von Beeinträchtigungen über Revitalisierung hin zur vollen Wiederherstellung von natürlichen Ökosystemen reicht.

Bedeutung für Mensch und Natur mini|Vom Biber gestalteter Lebensraum

Für Anwohner geht von naturnah renaturierten Flüssen und Bächen eine geringere Hochwassergefahr aus. Außerdem steigt die Lebensqualität überall dort, wo ein möglichst vielfältiger Lebensraum für Tiere und Pflanzen entsteht, der darüber hinaus für den Abbau umweltbelastender Stoffe, wie Abwasser oder Dünger eine wichtige Rolle spielt.Infoportaldes UBA zur Renaturierung von Fließgewässern Umweltbundesamt, abgerufen am 17. Juli 2021.

Die Durchführung erster Renaturierungsmaßnahmen begann in Deutschland in den 1970er-Jahren. Das vorrangige Ziel war es dabei, die ökologische Vielfalt in Auenlandschaften und Fließgewässern zu erhalten oder wiederherzustellen. Leider wurde der Erfolg der jeweiligen Projekte in der Anfangszeit nur selten ausreichend dokumentiert, zudem hatten diese den Ruf, zu teuer zu sein. Im Laufe der Zeit wurde bei Renaturierungsprojekten verstärkt darauf gesetzt, der Natur in gewissen Schutzzonen mehr Eigendynamik zuzugestehen. Dies erwies sich nicht nur als finanziell günstiger, auch waren positive Effekte deutlicher nachweisbar.

Da – nicht nur in Deutschland – nahezu alle Gewässer sowohl aus struktureller als auch ökologischer Sicht als „stark beeinträchtigt“ gelten, fordert die im Jahr 2000 erlassene Europäische Wasserrahmenrichtlinie umfangreiche Renaturierungs- und Verbesserungsmaßnahmen. Neben der Sicherung der Wasserqualität gewinnen auch die Verbesserung des gesamten ökologischen Zustandes, der Erhalt der Biodiversität und Aspekte des Klimaschutzes an Relevanz. Im Zusammenhang mit dem Klimaschutz werden Renaturierung und Erhalt von Mooren als besonders wichtiger Aspekt des Natur- und Umweltschutzes definiert.DerBiber (Castor fiber) als Leitart für eine integrative Naturraumentwicklung Uni Freiburg, abgerufen am 17. Juli 2021.

Der stellenweise erfolgreich wieder angesiedelte Biber leistet durch seinen Beitrag zur Landschaftsgestaltung einen so wichtigen Beitrag zur Wiederherstellung intakter Ökosysteme, dass er mittlerweile als Leitart für manche Gewässerschutzprojekte gilt. Durch seine Bautätigkeit staut der Biber Fließgewässer an, was zahlreichen weiteren Arten eine Ansiedlung ermöglicht und so maßgeblich zur Aufwertung von Gewässern sowie zur Renaturierung von Mooren beiträgt. In Bayern gelang die Auswilderung und Wiederansiedlung von Bibern (ab 1969), nachdem sie dort bereits 100 Jahre ausgerottet waren.EuropäischerBiber: Verbreitung in Bayern Bund Naturschutz in Bayern e. V., abgerufen am 17. Juli 2021.

Ein weiterer Ansatz beinhaltet das Rewilding, die Renaturierung von Naturgebieten mittels der Wiedereinführung der in der jeweiligen Region ehemals vertretenen Megafauna. Die Wiederansiedlung großer Weidetiere, wie z. B. dem Wisent, würde unter anderem die Voraussetzungen für die Schaffung von Feuchtwiesen begünstigen.LebensraumFeuchtwiesen. Großwildtiere oder Maschinen? Naturefund, abgerufen am 17. Juli 2021.

Anlässlich des schweren Hochwassers in West- und Mitteleuropa, das im Juli 2021 allein in Deutschland über 150 Menschenleben gefordert hat,Hochwasser-Ticker:Zahl der Todesopfer steigt auf 156 BR, abgerufen am 17. Juli 2021. fordert der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) einen konsequenten Ausbau des ökologischen Hochwasserschutzes, um derartige Ausmaße in Zukunft zu verhindern. Überflutungsflächen müssten hierfür konsequent ausgewiesen werden und dürften nicht bebaut, landwirtschaftlich genutzt oder durch Straßenbau versiegelt werden.KünftigeHochwasserschäden verringern: BUND fordert Maßnahmenpaket für ökologischen Hochwasserschutz BUND, abgerufen am 17. Juli 2021.

Insbesondere durch den Klimawandel hat der Mensch einen wesentlichen Anteil an der Häufigkeit und der Heftigkeit, mit der Hochwasser und Überflutungen auftreten. Durch ihn kam es daher ab dem Jahr 2000 gehäuft zu Überflutungen, wie sich auch an der Liste von Hochwasser-Ereignissen deutlich ablesen lässt.Hochwasser- vom Menschen verstärkt (S. 16 ff) Umweltbundesamt, abgerufen am 19. Juli 2021.

Der Verlust ursprünglicher Überschwemmungsflächen führt insbesondere bei lang anhaltendem Starkregen zu Überschwemmungsereignissen, die gravierender sind als vor der Verbauung und Begradigung der meisten Flüsse. In zahlreichen Projekten wurde daher überall auf der Welt damit begonnen, Fließgewässer zu renaturieren, Uferbepflanzung wiederherzustellen und die Gewässer in einen naturnaheren Zustand zurückzuführen. Auch der Rückbau von Deichen spielt in diesem Kontext eine entscheidende Rolle.MehrRaum für den Fluss (S. 16 ff) Umweltbundesamt, abgerufen am 19. Juli 2021.

Renaturierung in unterschiedlichen Bereichen Wald und Forst Die Wiederaufforstung von natürlichen Wäldern, die nicht der wirtschaftlichen Nutzung dienen, wird als Renaturierung, hingegen die Herstellung eines Forstes als Rekultivierung bezeichnet.

Gewässer und Feuchtgebiete

Fließgewässer mini|Ein begradigter Bach mit künstlichem (rekultivierten) Flussbett; hier ein Abschnitt der Rantzau in Schleswig-Holstein

Ob naturbelassen, rekultiviert oder renaturiert; Fließgewässer beherbergen als Ökosysteme zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Außerdem schwächen Flüsse Hochwasserwellen überall dort ab, wo ihnen genug Raum gelassen wird, um über die Ufer zu treten. Naturnahe Gewässerabschnitte in Städten leisten darüber hinaus einen Beitrag zur Verbesserung des Stadtklimas und des Wohnumfeldes.

Bei der Renaturierung von begradigten und kanalisierten Flussläufen wird versucht, die Eigenschaften von Flussbett und -ufer als Lebensraum wiederherzustellen, z. B. die Wiederansiedlung ursprünglicher Tier- und Pflanzenarten durch die Schaffung unterschiedlicher Strömungsgeschwindigkeiten im Fluss zu ermöglichen. Um bei insgesamt niedrigerer Strömungsgeschwindigkeit keine erhöhte Hochwassergefahr zu erhalten, wird im Regelfall der Fließquerschnitt vergrößert. Üblicherweise wird hierfür die Neigung der Böschungen angepasst oder der Flusslauf insgesamt verbreitert. (Beispiele in Deutschland: Emscher, Isar, Jagst,Fränkische Nachrichten: Renaturierung: Nach Jagstkatastrophe großen Maßnahmenkatalog umgesetzt / Widerstandskraft des Gewässers stärken. Eine Umleitung gehört zum Progamm [sic]. 19. Oktober 2016. Online auf www.fnweb.de. Abgerufen am 18. Dezember 2016. Menach, Schlatbach, Schwalm, Sieg, Tauber,Fränkische Nachrichten: Renaturierung der Tauber: Aufwändige Baumaßnahme des Regierungspräsidiums Stuttgart steigert die ökologische Vielfalt / Kosten von über einer Million Euro. Neues Flussbett nimmt immer mehr Gestalt an. 27. Oktober 2016. Online auf www.fnweb.de. Abgerufen am 18. Dezember 2016. Untere Havel,NABU: Untere Havel. Online auf www.nabu.de. Abgerufen am 17. Dezember 2016. Weschnitz, Wuhle oder Wupper und in der Schweiz: Aare, Aire, Linth, Simmi oder Zihl) Beispielhafte Maßnahmen sind die Mäandrierung des Flussbetts, die Schaffung von Kiesbänken, Flussteilungen, Inseln und Eisvogel-Wänden.

Eine Sonderform der Renaturierung in Städten ist die Offenlegung unterirdisch kanalisierter Gewässer (Dole) zur Aufwertung der Lebensqualität.Kramer: Offenlegung von Stadtbächen weltweit

Konkrete Maßnahmen im Flussufer- und Auenbereich mini|Kontrollierte Flutung des Leipziger Auwaldes mini|Blick auf den Unterbereich der Havel

Flussauen, Auwälder und Bruchwald werden zunehmend als Biotope wahrgenommen, deren Zerstörung für die Menschen schwere Nachteile hat, da diese Überschwemmungsflächen vor Hochwasser geschützt hätten und dieser Schutz fehlt.