mini|270px|Lagekarte der Romandie (rot hervorgehoben) mini|270px|Sprachgebiete der Schweiz – Mehrheitsverhältnis nach der Erhebung des BFS 2010; Karte mit einem Gemeindebestand per 1. Januar 2026

Als Romandie [] bzw. Suisse romande []Christophe Büchi: Nur ein bisschen Brüder. Der Begriff Romandie. In: Neue Zürcher Zeitung, 19. August 2016. (auch französischsprachige Schweiz bzw. französische Schweiz, welsche Schweiz, Welschland oder Welschschweiz; unscharf auch Westschweiz) werden die frankophonen Gebiete der Schweiz bezeichnet.

Die Romandie besteht aus den Kantonen Genf, Jura, Neuenburg und Waadt mit Französisch als Amtssprache sowie den frankophonen Teilen der zweisprachigen Kantone Bern (Biel/Bienne, Berner Jura), Freiburg und Wallis (Unterwallis). Die ca. 2,2 Millionen Einwohner der Romandie stellen rund ein Viertel der schweizerischen Gesamtbevölkerung dar. Genf ist nach Zürich die zweitgrösste und Lausanne nach Basel die viertgrösste Stadt des Landes.

Kulturelle Identität, Innen- und Aussensicht Da die Sprachregionen im politischen System der Schweiz keine Bedeutung haben, handelt es sich bei der Romandie oder Westschweiz um eine eher diffuse kulturelle «Einheit», die hauptsächlich durch die gemeinsame Sprache definiert ist.

Die Bewohner der Romandie nennen sich selbst Suisses romands oder (kurz) Romands. Dadurch grenzen sie sich einerseits explizit von der restlichen Schweizer Bevölkerung ab, andererseits von den Franzosen. Die Einwohner werden im schweizerischen Deutsch als Welsche oder Romands bezeichnet; Westschweizer können auch nicht-frankophone Menschen sein.

Obwohl der Landesteil von Deutschschweizer Seite oft als kulturell einheitlich und mit einer eigenen Mentalität ausgestattet angesehen wird, betrachten sich die Romands oft mehr ihrem Herkunftskanton zugehörig als der Romandie. Eine gemeinsame Identität bildete sich erst im Gefolge der Spannungen zwischen der deutschen und der welschen Schweiz zu Anfang des 20. Jahrhunderts; vorher war diese in eine liberal-protestantische (Genf, Waadt, Neuenburg, Südjura) und eine katholisch-konservative (Freiburg, Wallis, Nordjura) geteilt.Christophe Büchi: Die welsche Schweiz: Romandie – mehr als nur ein ungeliebtes Wort. In: Neue Zürcher Zeitung, 30. Mai 2015. Heute jedoch wird die Existenz eines politisch-kulturellen sogenannten Röstigrabens als Grenze zur Deutschschweiz kaum je in Frage gestellt.

Politisch ist die Verbindung der Suisses romands zu Frankreich gering, doch kulturell (im engeren Sinne) naturgemäss stärker, während sich die Deutschschweiz eher nach Deutschland und die italienische Schweiz eher an Oberitalien orientieren.

Sprache

In der Romandie wird generell eine auf dem Standardfranzösischen basierende Umgangssprache gesprochen. In der Aussprache und im Vokabular finden sich allerdings eine Reihe Unterschiede zur französischen Standardsprache und zur in Frankreich gesprochenen Umgangssprache. So heisst es in der Romandie beispielsweise septante (70), huitante (80, dies nur in den Kantonen Freiburg, Waadt und Wallis) und nonante (90) statt «soixante-dix», «quatre-vingts» und «quatre-vingt-dix». Frequent sind auch Germanismen (die sich häufig hinter Lehnübersetzungen wie papier-ménage für «Haushaltspapier» verbergen), eigenständige Regionalismen (wie roille für «Regenguss») und Archaismen (wie déjeuner für «Frühstück» und dîner für «Mittagessen»). Die angestammten Dialekte (Patois) der frankoprovenzalischen Sprache und im Kanton Jura sowie Berner Jura der Langues d’oïl sind hingegen vom Aussterben bedroht (1990 sprachen nur noch 2 % der frankophonen Bevölkerung der Schweiz Patois).

Gebärdensprache In der Romandie wird die Westschweizer Gebärdensprache verwendet, die Langue des signes Suisse romande (LSF-SR). Sie ist ein Dialekt der Langue des signes française (LSF). LSF-SR gehört wie die Deutschschweizer Gebärdensprache und die Tessiner Gebärdensprache zur Familie der französischen Gebärdensprachen.

Kultur miniatur|Orchestre de la Suisse Romande in der Genfer Victoria Hall Die französische Schweiz ist einerseits sprachlich eng mit dem Kulturleben des Nachbarstaats Frankreich verbunden, jedoch auch stark durch den Austausch mit den anderen Sprachregionen, vornehmlich der Deutschschweiz, geprägt. Obwohl der Landesteil kulturell sehr vielfältig und durch eine Vielzahl jeweils unterschiedlicher Einflüsse geprägt ist, lassen sich als allgemeine Kulturzentren der französischen Schweiz die Städte Genf und Lausanne nennen. In Genf befindet sich demnach der Sitz des Orchestre de la Suisse Romande, das regelmässig in der Victoria Hall und dem Conservatoire der Stadt auftritt. Im Kanton Waadt hingegen findet jährlich das Montreux Jazz Festival statt, das ein hohes internationales Ansehen geniesst. In Prangins, zwischen den beiden Städten gelegen, findet sich zudem der Westschweizer Sitz des Schweizerischen Nationalmuseums, das Schloss Prangins.

Museen In Genf befinden sich unter anderem das Musée d’art et d’histoire, das Musée Ariana (Porzellanmuseum), die Bibliotheca Bodmeriana (in Cologny), die seit dem Jahr 2015 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe zählt, die Maison Tavel, das Voltaire-Museum, das Internationale Museum der Reformation, das Musée d’art moderne et contemporain (MAMCO) sowie das Museum für Ethnographie, das im Jahr 2017 mit dem Europäischen Museumspreis ausgezeichnet wurde. mini|Die Fondation de l’Hermitage in Lausanne

Lausanne ist Sitz des Museums für Fotografie, des Musée de l’Elysée, der Fondation de l’Hermitage, einer städtischen Kunstsammlung, sowie des Olympischen Museums. Weiter befinden sich im Kanton das Schloss Prangins, das vom Bund als Nationalmuseum betrieben wird, und seit 2016 auch Chaplin’s World am früheren Wohnsitz des Schauspielers Charlie Chaplin in Corsier-sur-Vevey.

In Neuenburg ist das Musée d’ethnographie de Neuchâtel angesiedelt, das seinen Forschungsschwerpunkt auf den afrikanischen Kontinent legt und zu den grössten ethnographischen Museen des Landes gehört. Zu nennen ist ebenfalls das Laténium, das kantonale archäologische Museum, sowie das Centre Dürrenmatt, das die Gemälde und Zeichnungen des ehemals in Neuenburg lebenden Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt ausstellt.

In Freiburg im Üechtland sind das Gutenberg Museum angesiedelt, das seinen Sitz bis zum Jahr 2000 in Bern hatte, das Museum für Kunst und Geschichte im Ratzéhof, das Naturhistorische Museum sowie der Espace Jean Tinguely-Niki-de-Saint-Phalle.

In den Kantonen Jura und Wallis werden zum einen La Traction, ein Depot für alte Eisenbahnen in Montfaucon (JU), und zum anderen in Martigny die Fondation Gianadda, samt Skulpturengarten, betrieben.

Kulturschaffende mini|211x211px|Bildnis der Germaine de Staël nach François Gérard um 1810, die in Coppet ein Refugium für Intellektuelle der europäischen Aufklärung schuf Zu den namhaften Kulturschaffenden der Region zählen unter anderem der in Genf geborene Schriftsteller und Philosoph der Aufklärung Jean-Jacques Rousseau und zeitgleich auch Voltaire, der sich in der Region Genf und später in Lausanne niederliess und das kulturell-politische Leben der französischen Schweiz stark mit zu beeinflussen wusste. Während der Helvetik und Mediationszeit prägte dann vor allem die um Germaine de Staël versammelte Groupe de Coppet auf Schloss Coppet am Genfersee das Geistesleben des heutigen Landesteils. Besondere Bekanntheit erhielt Germaine de Staël als Schriftstellerin durch ihr Werk Über Deutschland von 1813, in dem sie einem nichtdeutschsprachigen Publikum die Verdienste und Werke des deutschsprachigen Kulturraumes näherzubringen versuchte. Weiter wirkte sie aber auch als Salonnière, bei der sich zahlreiche Grössen des europäischen Intellektuellenkosmos wiederfanden. Zu nennen sind u. a. die Namen von Lord Byron, Chateaubriand, Benjamin Constant (mit dem sie auch eine Liebesbeziehung verband), Wilhelm von Humboldt, Jean-Jacques Rousseau, August Wilhelm Schlegel oder Jean de Sismondi. In minderem Masse beeinflusste auch Isabelle de Charrière in Neuenburg als Salonnière das Westschweizer Geistesleben im Sinne der Aufklärung.

Im 19. Jahrhundert zeichnete sich vor allem der Raum Genf mit seinem See als Anziehungsort für englischsprachige Literaten aus. So sind etwa mit dem Genfer Nobelvorort Cologny Mary Shelley, die in der dortigen Villa Diodati ihren Roman Frankenstein schrieb, der Schriftsteller John Polidori und der Dichter Lord Byron verbunden, nach dem in der Gemeinde noch immer eine prominente Aussichtsplattform benannt ist. mini|Félix Vallottons «Le Ballon» (1899) zählt zu den berühmtesten Werken des Waadtländer Künstlers und wird heute im Musée d’Orsay in Paris ausgestellt Des Weiteren ist der aus der Waadt stammende Schriftsteller und Dichter Charles-Ferdinand Ramuz zu nennen, der zuweilen als Schweizer Nationaldichter bezeichnet wird. Zu den fünf frankophonen Schriftstellern der Schweiz, die in die prestigeträchtige Bibliothèque de la Pléiade des Gallimard-Verlags aufgenommen wurden, gehören neben Jean-Jacques Rousseau und Charles-Ferdinand Ramuz auch Blaise Cendrars, der sich vor allem als Abenteuer-Schriftsteller (u. a. zahlreiche Reisen nach Brasilien, die Chinesische Republik und Kalifornien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts) für Erwachsene einen Namen machte, sowie Albert Cohen, der mit seinem Roman Die Schöne des Herrn im Jahr 1968 den Prix Goncourt gewann, als auch der Lyriker und Übersetzer Philippe Jaccottet, der ausserdem zur kleinen Gruppe von Autoren gehört, die bereits zu Lebzeiten in die Reihe des Verlags aufgenommen wurden. Der Gründer der Reihe war dabei der russisch-jüdische Verleger und Journalist Jacques Schiffrin, der an der Universität Genf in den 1920er-Jahren das Studium der Rechtswissenschaften abschloss.

Weiter zu erwähnen sind die Genfer Philosophin und Autorin Jeanne Hersch, der Waadtländer Dichter und Schriftsteller Jacques Chessex, der im Jahr 2004 den Prix Goncourt für Dichtung erhielt, und der in Montreux ansässige russisch-amerikanische Schriftsteller Vladimir Nabokov.

Im Bereich der bildenden Künste ist es im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert hingegen vor allem der in Lausanne geborene Félix Vallotton, der international eine hohe Anerkennung für sein Schaffen erhielt. Nach seiner in der waadtländischen Hauptstadt verbrachten Kindheit und Jugend entschloss er sich, nach Paris zu übersiedeln, wo er sich im Quartier Saint-Germain-des-Prés niederliess und durch seine Immatrikulation an der Académie Julian schnell Eingang in die Künstlerszene der Hauptstadt fand. Seine zahlreichen Ausstellungen während der Pariser Universalausstellungen zur Jahrhundertwende erlaubten es ihm, seine Werke mit Erfolg auch international sichtbar zu machen. Sein Œuvre, das sich sowohl aus Bildern als auch zahlreichen Holzstichen zusammensetzt, befindet sich heute über alle Kontinente hinweg in den einschlägigen Kunstmuseen ausgestellt.

Hochschulwesen mini|Der Campus der ETH Lausanne bildet zusammen mit der Universität Lausanne eines der grössten Hochschulzentren der Schweiz Im Gegensatz zur Deutschschweiz betreiben alle Westschweizer Kantone mit Ausnahme der Kantone Jura und Wallis eine eigene Universität. Im Jahr 1537 wurde in Lausanne die Académie de Lausanne gegründet, die zuerst als Ausbildungsstätte für Pastoren konzipiert war und massgeblich vom französischen Theologen und Reformator Théodore de Bèze geprägt wurde. Im Jahr 1890 erhielt die Hochschule dann endgültig den Status einer Universität und wurde zur Université de Lausanne umgewandelt. Gemeinsam mit der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL respektive ETH Lausanne) unterhält die Waadtländer Hauptstadt somit heute eines der grössten Hochschulzentren der Schweiz.