mini|Die mittelalterliche Mystikerin Birgitta von Schweden (14. Jahrhundert)

Der Ausdruck Mystik (von mystikós ‚geheimnisvoll‘, zu myein ‚Mund oder Augen schließen‘) bezeichnet Berichte und Aussagen über die Erfahrung einer göttlichen oder absoluten Wirklichkeit sowie die Bemühungen um eine solche Erfahrung.

Das Thema Mystik ist Forschungsgegenstand innerhalb der Theologien der Offenbarungsreligionen und der Religionswissenschaften, in Kultur-, Geschichts- und Literaturwissenschaft, Philosophie und Psychologie. Allerdings besteht kein übergreifender fachwissenschaftlicher Konsens zur Begriffsbestimmung.

Im alltäglichen Sprachgebrauch oder besser in einem auch wissenschaftlich weiter gefassten Sinne sowie in populärer Literatur versteht man unter Mystik meist spirituelle Erlebnisse und Aussagen, die als solche wissenschaftlich schwer objektivierbar sind („echte“ mystische Erfahrung). Die Literatur, in der der Ausdruck Mystik auch in unterschiedlichem Sinne verwendet wird, ist vielfältig. Trotz aller definitorischen Unklarheiten lassen sich charakteristische Merkmale bestimmen.

Begriffsbestimmung Religionsgeschichtlich versteht man unter Mystik ein religiöses Erleben, das auf „ein Wirklichkeitsganzes“ oder auf eine Gotteswirklichkeit hin ausgerichtet ist. Mystische Erfahrungen werden unter Verwendung kontextspezifischer Begriffe, Bilder und Formulierungen ausgedrückt.

In monotheistischen Religionen wie Christentum, Judentum und Islam ist mystische Erfahrung als Gotteserfahrung bzw. Glaubens­erfahrung auf die göttliche Wirklichkeit bezogen. Sie findet in unterschiedlichen Begriffen und Wendungen (Theologeme) Ausdruck, die oftmals auch in Grundschriften dieser Religionen Verwendung finden: Licht, Geistestaufe, Feuer (Brennender Dornbusch), Pfingstwunder, Liebe (Briefe des Johannes), göttliches Du, Gott als innerstes Innen (bei Augustinus), Dhikr.

Nichttheistische Traditionen wie Buddhismus, Jainismus und Daoismus bringen mystische Erfahrungen zum Ausdruck, ohne sich auf eine göttliche Person, Wesenheit oder übernatürliches Geistwesen zu beziehen. Auch Vertreter des Hinduismus berichten von mystischen Erlebnissen, unter anderem Ramakrishna.

Mystische Erfahrung wird in der christlichen Mystik auch als Mysterium oder unio mystica bezeichnet, im Zen buddhistischen Kulturraum wird sie etwa als Satori oder Kenshō benannt, im hinduistischen Raum als Nirvikalpa Samadhi.

Die ‚mystische Erfahrung‘ kann als eine ‚kognitiv-emotionale transzendierende Erfahrung‘ gesehen werden. In diesem Konzept wird die komplexe und schwer fassbare Natur mystischer Erlebnisse in den Kontext der Kognition (Wahrnehmung und Denken) und der Emotion (Gefühle und affektive Zustände) eingeordnet. Aus dieser Perspektive wird ‚mystische Erfahrung‘ als ein intensiver, tiefgreifender Zustand beschrieben, der über die gewöhnliche Wahrnehmung und den normalen emotionalen Zustand hinausgeht und in einen transzendenten Bereich führt – eine Erfahrung, die den Menschen mit einer höheren, göttlichen oder universellen Realität in Verbindung bringt.„Emotionale Reaktionen“ lassen sich durch verschiedene Einzelkomponenten beschreiben, die unterschiedlich erfasst werden können, u. a. als Gefühl, Ausdruck, Motivation, Kognition, Verhalten und Somatik, etwa psychophysiologische Reaktionen. Siehe Sven Barnow: Kognition versus Emotion? Ein Versuch zur Überwindung dualistischer Konzepte. Auszug aus dem Jahresbericht „Marsilius-Kolleg 2011/2012“, auf marsilius-kolleg.uni-heidelberg.de S. 157Henryk Machon: Religiöse Erfahrung zwischen Emotion und Kognition. (Münchner Beiträge zur Psychologie), Herbert Utz Verlag, München 2005, ISBN 3-8316-0523-8, Teilabdruck, inklusive Inhaltsverzeichnis auf utzverlag.de

Je nach Tradition und Definition werden mystische Erfahrungen von ihrer jeweiligen Auswirkung (z. B. in Form von Prophetie oder göttlichen Eingebungen) abgegrenzt.

Begriffsgeschichte Der deutsche Ausdruck Mystik geht zurück auf das altgriechische μυστικός (mystikós), „geheimnisvoll“, das sich auf das griechische Substantiv μυστήριον (mysterion), lateinisch mysterium („Geheimnis“, aber auch „Geheimlehre“ oder „-kult“) bezieht. In diesem Zusammenhang steht auch das griechische Verb μυέειν (myéein), was „einweihen“, „beginnen“ oder „initiiert werden“ bedeutet. Das Stammwort ist aber im Griechischen μύειν (myein) zu sehen, „sich schließen“, „zusammengehen“ heißt, wie die Lippen und Augen der Teilnehmer an den Mysterien von Eleusis.Bernhard Uhde: West-östliche Spiritualität. Die inneren Wege der Weltreligionen. Eine Orientierung in 24 Grundbegriffen (unter Mitarbeit von Miriam Münch), Freiburg 2011, 66-76 (Mystik), hier S. 66.

Im J.B. Metzler-Lexikon PhilosophieMetzler Lexikon Philosophie: Mystik. spektrum.de wird die begriffliche Bedeutung in Bezug auf eine „unmittelbare Erfahrung des Absoluten“ erstmals in den Schriften des alexandrinischen Philosophen Origenes, aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. nachweisbar. Ziel seiner Vorstellungswelt, die im Übergang vom Mittelplatonismus zum Neuplatonismus einzuordnen ist, war eine „Gottesschau“, eine implizierte „mystischen Schau“ (). Mit dem Titel der Schrift über die „mystische Theologie“ (Peri mystikes theologias) des Pseudo-Dionysius Areopagita, um 500 n. Chr., wurde „Mystik“ dann zu einem zentralen Begriff für eine auf eine spirituelle Erfahrung bezogene Theologie geprägt.

Der Ausdruck Mysterium wurde anfangs nur auf die Geheimlehre und den Geheimkult selbst bezogen und später auch generell im Sinne von etwas Dunklem und Geheimnisvollem verwendet (siehe etwa auch das Wort „mysteriös“). Im Alten Testament bezeichnet mystes abwertend die Kultpraxis der Kanaaniter und mystikós einen geheimnisvollen, nämlich mysteriösen Ort.Ute Mauch: Hildegard von Bingen und ihre Abhandlungen zum dreieinen Gott im ‚Liber Scivias‘ (Visio II, 2). Ein Beitrag zum Übergang vom sprechenden Bild zu Wort, Schrift und Bild. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 23, 2004, S. 146–158; hier: S. 149. Im Neuen Testament, wo diese Begriffe nicht vorkommen, bezieht sich der Ausdruck Mysterium hingegen auf den in den Gleichnissen formulierten verborgenen göttlichen Heilsplan, den Gott in Menschwerdung, Tod und Auferstehung Jesu Christi erfüllt und offenbart hat (; ; 3,4-9; 5,32f; ). Weil dieses Mysterium schon im „inneren“ oder „mystischen“ Sinn des Alten Testaments vorausgebildet sei, kommt es zur Ausbildung einer mystischen Schriftauslegung, so schon in den Evangelien (vgl. bes. ) und bei Paulus (vgl. ; ), dann vor allem bei Origenes, Ambrosius und Augustinus. Das lateinische Sacramentum nimmt den griechischen Begriff Mysterion wieder auf, woraus sich dann die drei christlichen Initiationssakramente herausbilden: Taufe, Firmung (Myronsalbung) und Eucharistie. Die klassische Zeit der Taufe ist die Osternacht, ihr Ort die Oster-Feier.

Auch mystisch-esoterische Geheimlehren konnten nicht auf eigene Initiative erfahren werden, sondern bedurften immer der rituellen Einweihung durch einen Führer oder esoterischen Lehrer. Dieser hieß Mystagoge (von griechisch agogein, „führen“, „leiten“).Benseler: Griechisch deutsches Wörterbuch; Pape: Griechisch Deutsch; Duden: Herkunftswörterbuch In der Spätantike findet der Ausdruck auch im philosophischen Kontext Verwendung, wenn der verborgene Sinn einer Äußerung angesprochen ist, und wird insbesondere von Proklos auf den Bereich des Göttlichen bezogen.Vgl. Historisches Wörterbuch der Philosophie, Artikel Mystik, mystisch. In: Band 6, 628 mit exemplarischen Belegen

Im Mittelalter lebt die persönliche mystische Gotteserfahrung vor allem in den Klöstern. Höchstes Ziel des monastisch-mystischen Strebens bleibt diese Gotteserfahrung in der unio mystica, der mystischen Vereinigung mit Gott, im weiteren Sinn die Suche nach einem „Bewusstsein der unmittelbaren Gegenwart Gottes“ (Bernard McGinn). Die mystisch-geistliche Schriftauslegung bleibt dabei Grundlage bei der Suche nach unmittelbarer Gottesnähe, so insbesondere die Auslegung des Hohenliedes (etwa durch Bernhard von ClairvauxVgl. etwa Regine Hummel: Mystische Modelle im 12. Jahrhundert: „St. Trudperter Hoheslied“, Bernhard von Clairvaux, Wilhelm von St. Thierry (Göppinger Arbeiten zur Germanistik, Band 522). Kümmerle Verlag, Göppingen 1989, ISBN 3-87452-762-X.).

In der Zeit der Reformation wird in der protestantischen Theologie der vierfache Schriftsinn weitgehend auf den Literalsinn eingeschränkt. Im katholischen Raum kann sich die spanische Mystik (Ignatius von Loyola, Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz) entwickeln.

Im 17. Jahrhundert bildete sich die substantivische Verwendung des Begriffs heraus im Sinne einer spezifischen Variante religiöser Praxis und einer spezifischen Sorte religiöser Literatur: Es wird seitdem nicht mehr von „mystischer Theologie“ als einem konstitutiven Bestandteil religiösen Denkens gesprochen, sondern von „Mystik“ als einem Typus außergewöhnlicher Verfahren, so der Mystikforscher Michel de Certeau. Ähnlich wie hin und wieder Mystik selbst bezeichnen davon abgeleitete Ausdrücke wie Mystizismus und mystisch in der heutigen Umgangssprache bei abwertender Einstellung auch als „unverständlich“ oder „rätselhaft“ empfundene Darstellungen. Aber erst im 17. Jahrhundert emanzipierte sich das Adjektiv „mystisch“ als eigenständiger Begriff.Metzler Lexikon Philosophie: Mystik. spektrum.de

Mystik in den Weltreligionen

Buddhistische Mystik „Mystisch“ verstanden in einem weiter gefassten Sinne, ist der Buddhismus insofern, als in ihm durch eine spirituelle Erfahrung und Meditation die eigentliche Grundlage generiert wird. Dennoch ist eine im engeren Sinne gefasste „Gleichsetzung von Buddhismus und Mystik“ nur bedingt zulässig, denn in der buddhistischen Meditation, als eine der buddhistischen Erkenntnis- bzw. Geistesschulungen, geht es nicht um die Weckung von mystischen Erlebnissen und Zuständen und sie erstrebt auch keine Vereinigung des Meditanten mit einer letzten Wirklichkeit.Francesco Ficicchia: Mystik (Buddhismus). religion verstehen, Comenius Institut, auf relilex.de In der buddhistischen Mystik, die insbesondere in den Strömungen des Mahayana verbreitet ist, geht es wie in allen buddhistischen Schulen nicht um direkte Erfahrung eines göttlichen Wesens. Die Natur des Geistes wird als nicht-dual verstanden. Dies ist jedoch in der Regel nicht bewusst und wird durch das Anhaften am Ich verschleiert. Aus dieser grundlegenden Unwissenheit entsteht die Vorstellung eines unabhängig von anderen Phänomenen existierenden Ichs. Damit geht das Auftreten der Geistesgifte Verwirrung/Unwissenheit, Hass, Gier, Neid und Stolz einher, die Ursachen allen Leidens. Ziel ist es, die Geistesgifte in ursprüngliche Weisheit umzuwandeln, die Ich-Vorstellung aufzulösen und die den unerleuchteten Wesen eigene Aufspaltung der Phänomene in Subjekt und Objekt zu überwinden. Die den fühlenden Wesen innewohnende, bis dahin verschleierte Buddha-Natur wird als immer schon zugrunde liegend erkannt. Wer dies erreicht, wird erleuchtet oder schlicht Buddha genannt. Praktiken wie Meditation, Gebet, Opferdarbringungen, verschiedene Yogas und spezielle tantrische Techniken sollen dies ermöglichen.Josef Thomas Götz (OSB), Thomas Gerold (Hrsg.): Die Mystik im Buddhismus und im Christentum und Aspekte des interreligiösen Dialogs. EOS, St. Ottilien 2006, ISBN 978-3-8306-7232-6Michael von Brück: Zeitlichkeit und mystische Einheitserfahrung. In: Hans-Peter Dürr, Walther Ch. Zimmerli (Hrsg.): Geist und Natur. Über den Widerspruch zwischen naturwissenschaftlicher Erkenntnis und philosophischer Welterfahrung. Scherz, Bern / München / Wien 1989, ISBN 978-3-502-13170-0, Textauszug PDF S. 265–269

Christliche Mystik