Altenglisch, auch Angelsächsisch (Eigenbezeichnung: Ænglisc , Englisc) oder altenglische Sprache, ist die älteste schriftlich bezeugte Sprachstufe der englischen Sprache und wurde bis zum 12. Jahrhundert geschrieben und gesprochen. Das Altenglische entstand, als sich die Sachsen, Friesen, Angeln und Jüten ab ca. 400 in Britannien ansiedelten. Für Sprecher des Neuenglischen ist diese Sprachstufe ohne gezieltes Erlernen nicht mehr verständlich. Sie ist eine eng mit dem Altsächsischen und Altfriesischen verwandte westgermanische Sprache und gehört der Gruppe der germanischen Sprachen an, einem Hauptzweig der indogermanischen Sprachfamilie.
Geschichte
mini|Karte der angelsächsischen Königreiche und des dänischen Einflussbereichs
Die altenglische Sprache spaltete sich ab dem 5. Jahrhundert vom kontinentalen Westgermanisch ab, als Sachsen, Friesen, Angeln und Jüten, germanische Stämme aus dem Norden des heutigen Deutschlands und aus Dänemark, in Britannien einfielen und sich dort ansiedelten (Schlacht von Mons Badonicus). Die Sprache der Neuankömmlinge in Britannien verdrängte die keltischen Sprachen der einheimischen Bevölkerung und wird als „angelsächsisch“ bezeichnet (wobei in heutiger Literatur eher der Ausdruck „Altenglisch“ benutzt wird). Diese Sprache bildet die Grundlage für die englische Sprache. Vom 8. Jahrhundert an ist Altenglisch schriftlich belegt und erreicht um 1000 ein gewisses Maß an Standardisierung (der altenglische Dialekt des Spätwestsächsisch der „Schule von Winchester“).
Zur Zeit des Altenglischen bildete das Englische ein Dialektkontinuum mit den westgermanischen Sprachen auf dem Festland. Die Dialektsprecher auf dem Festland und der Insel konnten sich miteinander verständigen, aber seitdem haben sich die Sprachen auf beiden Seiten des Ärmelkanals so weit auseinanderentwickelt, dass dieses einstige Dialektkontinuum nicht mehr existiert.
Von den vorher auf der Insel gesprochenen keltischen Sprachen übernahm das Altenglische nur sehr wenige Lehnwörter. Allerdings wird teilweise die Meinung vertreten, dass die keltischen Sprachen einen gewissen Einfluss auf die Syntax des späten Altenglischen gehabt hätten.
Ein weiteres wichtiges Ereignis für die Entwicklung des Altenglischen ist die Christianisierung Britanniens ab dem 6. Jahrhundert. Durch die Christianisierung fanden viele lateinische Lehnwörter Eingang in die altenglische Sprache, insbesondere im Bereich des religiösen Wortschatzes.
Neben lateinischen Lehnwörtern findet man auch skandinavische Lehnwörter im Englischen: Dies hängt mit der Invasion des Nordostens Englands durch Wikinger aus Norwegen zusammen. (Viele Invasoren wurden als „Dänen“ bezeichnet, aber tatsächlich stammten sie aus der Region Horthaland in Norwegen.) Die Wikingereinfälle begannen im 8. Jahrhundert und setzten sich im 9. und 10. Jahrhundert fort. So wurde 793 der Nordosten in größerem Stil überfallen und die Priorei Lindisfarne, ein wichtiges Zentrum der Gelehrsamkeit zu altenglischer Zeit, verwüstet. 866 wurde East Anglia geplündert, 867 fiel die Stadt York. Die Ausbreitung der Wikinger in Richtung Süden und Westen wurde erst durch König Alfred von Wessex nach längeren kriegerischen Auseinandersetzungen gestoppt. Im Vertrag von Wedmore 878 wurde eine Grenzziehung zwischen dem Königreich Wessex im Südwesten und dem Herrschaftsbereich der Wikinger (genannt „Danelag“) festgelegt. Durch die dänische und norwegische Einwanderung ab dem 8. Jahrhundert hat das Altenglische neben altsächsischen auch zahlreiche nordgermanische Elemente integriert, die allerdings erst in den mittelenglischen Texten in größerer Zahl auftauchen.
Nach der Eroberung Englands durch französischsprachige Normannen (1066) ging die Zeit des Altenglischen zu Ende. Mit der Herrschaft der Normannen über England begann der Einfluss des normannischen Französisch auf die englische Sprache, der prägend für die Periode des Mittelenglischen ist. Von großer Bedeutung für die weitere sprachliche Entwicklung des Englischen war aber auch die große Zahl flämischer Einwanderer (Soldaten, Mönche, Kaufleute), die in der Zeit während und nach der Eroberung der Insel durch Wilhelm den Eroberer nach England kamen. Ihre altniederländische/altniederfränkische Muttersprache war eine mit dem Altenglischen eng verwandte, kontinentale westgermanische Sprache, die auch fünf Jahrhunderte nach der sprachlichen Trennung immer noch sehr große Ähnlichkeit und zum Teil Austauschbarkeit mit dem Angelsächsischen aufwies und dementsprechend leicht in das Englische eindrang.Emil Chamson: Revisiting a millenium of migrations. Contextualizing Dutch/Low-German influence on English dialect lexis. In: Simone E. Pfenninger u. a. (Hrsg.): Contact, Variation, and Change in the History of English (= Studies in Language Companion Series, Band 159). John Benjamins Publishing Company, Amsterdam u. Philadelphia 2014, S. 281–304.
Geografische Verteilung mini|Verteilung der altenglischen Dialekte
Die vier Hauptdialekte der altenglischen Sprache waren Nordhumbrisch, Merzisch (Südhumbrisch), Kentisch und Westsächsisch, wobei es aber noch eine Vielzahl kleinerer Dialekte gab. Jeder der Hauptdialekte lässt sich ursprünglich jeweils einem unabhängigen Königreich auf der Insel zuordnen. Im 9. Jahrhundert wurden jedoch Northumbria und der größte Teil von Mercia von den Wikingern überrannt, und die anderen Teile von Mercia und ganz Kent wurden in das Königreich Wessex integriert.
Nach der Vereinigung mehrerer angelsächsischer Königtümer durch den westsächsischen König Alfred den Großen im Jahre 878 erhob Alfred den Dialekt von Wessex zur Verwaltungssprache, so dass die Bedeutung des Westsächsischen zunahm. Aus diesem Grund sind die schriftlich überlieferten altenglischen Texte größtenteils westsächsisch geprägt, und das späte Westsächsisch wird als eine Art Standard betrachtet, der aufgrund seiner guten Überlieferung auch in vielen Textbüchern des Altenglischen als Grundlage verwendet wird.
Phonetik und Phonologie Die folgenden Tabellen geben einen Überblick über die Vokale und Konsonanten des Altenglischen: Vokale vorne fastvorne zentral fasthinten hinten ung. ger. ung. ger. ung. ger. ung. ger. ung. ger. geschlossen : : : fast geschlossen halbgeschlossen : : : mittel halboffen fast offen : æ offen : ɑ ɒ̃ Jedem Langvokal entsprach ein Kurzvokal, z. B. /æ:/ und /æ/. Allerdings waren manche Kurzvokale in leicht tieferer oder zentralerer Position als die entsprechenden Langvokale, z. B. /u:/ und /ʊ/.
Der frühe westsächsische Dialekt des Altenglischen hat die folgenden Diphthonge:
Diphthonge Kurz Lang Erstes Element ist geschlossen Beide Elemente sind mittel Beide Elemente sind offen
Konsonanten Die Konsonanten des Altenglischen sind:
BilabialLabiodentalDentalAlveolarPostalveolarPalatalVelarGlottalPlosive Affrikaten Nasale ɲ Vibranten Frikative Approximanten Laterale
Die eingeklammerten Laute sind Allophone: ist ein Allophon von , das nach und bei Gemination auftritt. ist ein Allophon von , das vor und auftritt. sind Allophone von , die zwischen Vokalen und/oder stimmhaften Konsonanten auftreten. sind Allophone von , die im Silbenauslaut auftreten, nach Vorderzungenvokal und nach Hinterzungenvokal. ist ein Allophon von , das zwischen Vokalen und/oder stimmhaften Konsonanten auftritt.
Die genaue Natur des altenglischen r ist unbekannt. Es könnte ein alveolarer Tap oder ein alveolarer Vibrant gewesen sein.
Grammatik
Wie auch andere westgermanische Sprachen dieser Zeit war Altenglisch eine flektierende Sprache mit fünf Kasus (Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ und Instrumental, der allerdings meist mit dem Dativ zusammengefallen ist), einem in den Personalpronomen der 1. und 2. Person noch erhaltenen Dual zusätzlich zu Singular und Plural. Außerdem hatte das Altenglische wie das Deutsche ein grammatisches Geschlecht bei allen Nomen, z. B. sēo sunne (dt. ‚die Sonne‘) und se mōna (dt. ‚der Mond‘).
Wortschatz Der altenglische Wortschatz besteht überwiegend aus Wörtern germanischen Ursprungs. Es gibt nur wenige Lehnwörter aus anderen Sprachen, nach Schätzungen nur ca. 3 % des altenglischen Wortschatzes. Die Lehnwörter stammen hauptsächlich aus dem Lateinischen, ferner aus dem Altnordischen und dem Keltischen, was auf den Kontakt der Angelsachsen mit Römern bzw. der lateinischsprachigen christlichen Kirche, Skandinaviern und Kelten zurückzuführen ist.
Trotz des Kontaktes zwischen den eingewanderten Angelsachsen mit der keltischen Urbevölkerung Britanniens sind keltische Lehnwörter selten im Altenglischen. Die meisten überlieferten Lehnwörter sind geografische Bezeichnungen, speziell Flussnamen, Ortsnamen oder Teile von Ortsnamen: So geht der Name des altenglischen Königreichs Kent auf das keltische Wort Canti oder Cantion zurück, dessen Bedeutung allerdings unbekannt ist. Die Namen der nordhumbrischen Königreiche Deira und Bernicia gehen auf keltische Stammesnamen zurück. Themse und Avon sind keltische Flussnamen. Ferner findet man keltische Wortbestandteile wie cumb (dt. ‚tiefes Tal‘) als Teile von Ortsnamen wie Duncombe, Holcombe oder Winchcombe. Abgesehen von Ortsnamen gibt es nur etwa ein Dutzend Beispiele für Lehnwörter, die einigermaßen zuverlässig auf einen keltischen Ursprung zurückgeführt werden können: Wahrscheinliche Kandidaten sind unter anderem binn (dt. ‚Korb, Krippe‘), bratt (dt. ‚Mantel‘), brocc (dt. ‚Dachs‘) und crag bzw. luh (beides dt. ‚See‘). Andere mögliche Beispiele für keltische Lehnwörter wie carr (dt. ‚Felsen‘) oder dunn (dt. ,dunkel‘) sind umstritten. Die keltischen Lehnwörter stammen meist aus dem Altbritischen. Daneben gibt es noch einige wenige Lehnwörter aus dem Altirischen, dazu zählt drȳ (dt. ‚Zauberer‘).
Lateinische Lehnwörter sind im Altenglischen weitaus häufiger, und sie stammen vor allem aus den Bereichen Handel, Militär und Religion. Einige lateinische Lehnwörter haben die angelsächsischen Stämme schon vom europäischen Kontinent vor ihrer Einwanderung nach England mitgebracht, etwa camp (dt. ‚Feld, Kampf‘, lat. campus) oder ċĕaster (dt. ‚Burg, Stadt‘, lat. castra). Ein großer Teil lateinischer Wörter kommt mit der Christianisierung Englands in die englische Sprache. Beispiele für lateinische Lehnwörter aus dem religiösen Bereich, die auf die altenglische Zeit zurückgehen sind abbot, hymn, organ, priest, psalm und temple. Die lateinische Kirche übte auch einen Einfluss auf den Alltag der altenglischen Zeit aus, so dass man auch Lehnwörter für Haushaltsgegenstände wie cap, chest oder map, ferner Lehnwörter für Lebensmittel wie caul (dt. ‚Kohl‘) oder lent (dt. ‚Linsen‘) vorfindet. Auch Wörter aus dem Bereich der Bildung und Gelehrsamkeit findet man, so z. B. school, master oder verse. Durch den Benediktinerorden in England fanden eine weitere Menge von lateinischen Lehnwörtern Eingang in das Altenglische, dazu zählen Antichrist, apostle, demon und prophet. Insgesamt schätzt man die Zahl der lateinischen Lehnwörter aus dem religiösen Bereich auf etwa 350–450 Wörter.