mini|Bild von Krim-Karäern von Auguste Raffet 1837
Die Karäer (karaimisch Qarajm, Qarajmler) (auch oder als ) verstehen sich als jüdische / israelitische Religionsgemeinschaft, die sich seit dem 7./8. Jahrhundert n. Chr. als Oppositionsbewegung gegen die Auslegung der jüdischen Gebote mit dem Talmud im dominierenden rabbinischen Judentum herausbildete und sich bis zum 12. Jahrhundert in den meisten orientalisch-jüdischen Gemeinschaften, auch im Byzantinischen Reich vom islamischen Spanien und dem Balkan bis nach Mittelasien (aber nicht in West- und Mitteleuropa) verbreitete, ab dem 16. Jahrhundert aber viele Anhänger verlor. Im 19. Jahrhundert existierten größere Anhängerschaften des Karäertums nur noch auf der Krim und in einigen osteuropäischen Regionen, deren Vorfahren im Spätmittelalter auch von der Krim gekommen waren, sowie in Ägypten. Sehr kleine Restgemeinschaften bestanden daneben noch in Istanbul, Jerusalem und im Irak. Die meisten Karäer, besonders die orientalischen, wanderten im 20. Jahrhundert vorwiegend nach Frankreich und Israel aus.
Aus historisch gewachsenen Gründen wird besonders die turksprachige Volksgruppe der Krim und Osteuropas als Karäer bezeichnet, entstanden aus einer Gruppe Anhänger der karäischen (nicht-rabbinischen) jüdischen Religion, deren Sprache auf der Krim entstand. Sie breitete sich im Spätmittelalter durch Ansiedlung von Gemeinden anfangs nach Trakai (Litauen, polnisch Troki), von dort auch nach Panevėžys (in Litauen) und Wizebsk (heute Belarus), sowie nach Luzk (heute Ukraine, Region Podolien) und Halytsch (mit dem Vorort Salukwa; Galizien/Ukraine), früher auch in einzelne Dörfer der näheren und ferneren Umgebung (wie Šėta/Westlitauen oder Kukesiw, westlicheres Ostgalizien) aus. Mit der Verstädterung entstanden kleine karäische Gemeinden in Vilnius, Warschau, Kiew, Odessa, Charkiw, Jewpatorija und anderen osteuropäischen Städten, wo ihre traditionelle Umgangssprache oft außer Gebrauch kam. Diese Karäische oder Karaimische Sprache gehört zur pontisch-aralischen Untergruppe des nordwestlichen Zweiges der Turksprachen und unterteilt sich in den östlichen Dialekt auf der Krim mit nur noch wenigen aktiven Sprechern, den südwestlichen Dialekt in Galizien und Podolien (letzte Sprecher in Halytsch und Salukwa) und einen nordwestlichen Dialekt in Litauen und Belarus (letzte Sprecher in Trakai). Die früher ebenfalls im Alltag turksprachigen rabbinischen Juden der Krim sind die Krimtschaken. Über den Ursprung der Krim-Karäer und osteuropäischen Karäer gibt es mehrere Gründungslegenden.
Namensvarianten Die Karäer waren in ihren Anfangszeiten auch unter der Bezeichnung Ananiten bekannt. Das bezog sich auf Anan ben David, unter dem sie sich im 8. Jahrhundert n. Chr. vom heutigen Irak und Iran aus nach Palästina ausbreiteten. Heute werden sie meist Karaim, Karäim oder Karaiten genannt. Dieser Name stammt von der althebräischen Bezeichnung und dann kara in der Bedeutung „die (Heilige) Schrift lesen“.
Religionsgemeinschaft Einige sehen als Ursprung der Karäer einen Konflikt, der im zweiten vorchristlichen Jahrhundert im jüdischen Priestertum zwischen der Mehrheit und einer Minderheit von Gläubigen aufbrach, die als „Söhne Zadoks“ – möglicherweise Sadduzäer (hebräisch: Zaduquim, arabisch: Saduqiyah) oder einer anderen Gruppe, die von den Griechen als Essener bezeichnet wurden, welche die übrige Priesterschaft als ungläubig und unrein betrachteten. Zu einer deutlich vom rabbinischen Judentum abgrenzbaren Religionsgemeinschaft wurden die Karäer wohl spätestens im 8. Jahrhundert n. Chr. unter Anan ben David, der vermutlich allerdings selbst kein Karäer war. In dieser Zeit übernahmen sie vermutlich einige Anschauungsweisen des Islam in ihr philosophisches und wissenschaftliches Weltbild. Besonders im Reich der turkstämmigen Chasaren sollen sie erfolgreich Anhänger geworben haben; andere dagegen glauben, dass die Chasaren überwiegend zum rabbinischen Judentum konvertierten. Einige halten erst Aaron ben Moses ben Asher ( ʾAhărôn ben Mōšeh benʾĀšēr), der etwa 960 n. Chr. starb, für den Gründungsvater der Karäer. Das ausgehende 10. und beginnende 11. Jahrhundert n. Chr. gilt jedenfalls als Goldenes Zeitalter der Karäer: So bildeten sie in Jerusalem in einer eigenen Akademie zahlreiche Wissenschaftler aus. Im 9.–12. Jahrhundert hatten sie im Orient einen großen Einfluss und „konnten das dortige Judentum großenteils für sich gewinnen.“Georg Fohrer: Geschichte Israels. Von den Anfängen bis zur Gegenwart (= UTB. 708). 2. Auflage. Quelle & Meyer, Heidelberg 1979, ISBN 3-494-02073-6, S. 263. Es gab vor allem in Palästina in fast jedem größeren Ort eine karäische Gemeinde.
Die Karäer verstehen den jüdischen Glauben als strikte Buchreligion. Sie interpretieren die Gebote (hebräisch Mitzwot) ausschließlich aus dem Tanach und nicht aus der mündlichen Tora des rabbinischen Judentums, d. h. dem Talmud, den sie als Abweichung von der dem jüdischen Volk historisch gesehenen göttlichen Offenbarung sehen. Der Talmud gilt ihnen als „von Menschen gemachte […] Lehre“, die Rabbinen dementsprechend als „Talmudisten“. Dem rabbinischen Judentum gaben sie „Anstöße zur Pflege und Auslegung des Bibeltextes, zur philosophischen Untermauerung der Theologie und zu einer […] eindringenden Beschäftigung mit der Tradition“.
Gemäß ihrer Ansicht sind nicht die Karäer, sondern die anderen Zweige des Judentums von der göttlichen Offenbarung abgewichen. Sie berufen sich darauf, die originale Form des Judentums auszuüben, da im Tanach keinerlei Andeutungen auf ein mündliches Gesetz vorzufinden sind und diese Idee erst Jahrhunderte nach der Offenbarung entstand. Daher werden heutzutage die Karäer in Israel als nichtreligiöse Juden eingestuft. Ihrerseits laden Karäer Mitglieder des rabbinischen Judentums ein, sich ihrer Deutung der Glaubensquellen anzuschließen, was keine Konversion bedeute.
Ein verbindliches Lehramt kennen die Karäer nicht, sondern betonen, dass jeder Gläubige das religiös Gebotene durch eigenständiges Lesen der Tora selbst erkennen müsse. Diese Einstellung war wohl maßgeblich dafür, dass die Karäer die Tora erstmals auch sprachwissenschaftlich untersuchten. Sie verglichen Übersetzungen der Tora in Aramäisch, Hebräisch und Arabisch und entdeckten dabei die nahe Verwandtschaft dieser semitischen Sprachen.
Entsprechend ihrer Kritik am Talmud haben die Karäer keine Jeschiwot (Talmud-Schule) wie rabbinische Juden. Ihre Gebetshäuser nennen sie Kenesa statt Synagoge, ähnlich dem hebräischen Begriff Beit Knesset ( = Versammlungshaus). Darin stehen sie statt zu sitzen, und ihre Gebete verrichten sie nach Süden statt Osten gewandt und ohne Tefillin (Gebetsriemen) anzulegen. Etliche weitere Riten werden von den Karäern anders ausgeführt als von anderen jüdischen Gemeinschaften. Der Kalender der Karäer richtet sich strenger nach dem Mond als der rabbinische und weist zahlreiche weitere Abweichungen vom traditionellen jüdischen Kalender auf.
Ursprung mini|Die Große Kenessa (links, 14. Jahrhundert) und die Kleine Kenessa (rechts, 17. Jahrhundert) in Çufut Qale (krimtatarisch für „Jüdische Burg“)
Einige vermuten als ethnischen Ursprung Teile des israelitischen Volkes, die nicht nach Palästina zurückgekehrt seien, nachdem sie um 720 v. Chr. aus dem Nordreich Israel von den Assyrern verschleppt worden waren oder nachdem das Babylonische Exil des Südreichs um 540 v. Chr. geendet hatte. Als Vorfahren der heutigen Karäer werden meist die Krim-Karäer vermutet, eine Volksgruppe, die im frühen Mittelalter (8.–10. Jahrhundert) in den Gebieten des Schwarzen und des Mittelmeeres siedelte. Diskutiert wird auch, ob sie Nachfahren oder lediglich Zeitgenossen der Chasaren (7.–11. Jahrhundert) sind, die zum Judentum übergetreten sind und zu den Turkvölkern zählen.
Jehuda ha-Levi erwähnt in seinem Buch Sefer haKuzari unter anderem folgendes: Die Tatsache, dass der damalige Oberbefehlshaber der chasarischen Armee, Bulan Bek, zu einer Art „nicht-normativem“ Judentum konvertierte und dass im Chasarenreich eine der ältesten Karäerschulen der „Tiflissim“ aktiv war, verweisen darauf, dass der Chasarenfürst selbst, seine Gefolgschaft und später auch der Kagan (Herrscher) zum Karäertum konvertierten. Außerdem berichtet der Chasarenkönig Joseph in seiner Korrespondenz mit Chasdai ibn Schaprut, dass das so genannte „normative“ Judentum erst vom Khan Obadiah, d. h. nach gut 200 Jahren eingeführt worden war.
Erstmals erwähnt wurden die Krim-Karaiten von Aaron ben Joseph im Jahr 1294, als die Krim von der Goldenen Horde beherrscht wurde. Genetische Analysen einer kleinen Stichprobe zeigen eine Verwandtschaft der Krim-Karäer mit den Juden, in geringerem Maße mit Turkvölkern. Enge genetische Beziehungen zu den Völkern des alten Chasarenreichs waren nicht feststellbar. Kevin Brook zufolge gebe es keine Beziehung zum Chasarenreich; die Karäer auf der Krim seien aus dem Byzantinischen bzw. Osmanischen Reich zugewandert.Kevin Alan Brook: The Genetics of Crimean Caraites. In: Karadeniz Araştırmaları. Journal of Black Sea Studies. 2014, Nr. 42, , S. 69–84 ( [PDF; 491 kB; abgerufen am 1. Oktober 2018]).
Die Karäer im heutigen Litauen und Polen (Karaimen) gehen auf Soldatenfamilien zurück, die von Vytautas dem Großen, Großfürst von Litauen, im Jahr 1397/1398 aus dem Schwarzmeergebiet angeworben und als Burgwachen in der Nähe der alten litauischen Hauptstadt Trakai angesiedelt wurden.Eine tatarisch-jüdische Minderheit in Europa: die Karaimen. In: gfbv.de. Gesellschaft für bedrohte Völker, 5. Februar 2010.
mini|Traditionelle Kleidungs- und Einrichtungsgegenstände der Krim-Karäer (Karäisches Museum Trakai, Litauen)
Ethnische Gruppe Bedeutende Zentren waren neben der Halbinsel Krim auch Anatolien. Heute gibt es weltweit etwa 45.000 Karäer, von denen (2002) rund 25.000 in Israel leben, die restlichen vor allem in Polen, der Ukraine und Australien. Die Gesamtzahl der Karäer in der Ukraine und in Litauen wird (2002) auf etwa 3000 bis 4000 Menschen geschätzt. Bei der Volkszählung der UdSSR im Jahre 1989 gaben 2602 Menschen an, zur ethnischen Gruppe der Karäer zu gehören. Die Karäer können als Ethnisch-religiöse Gruppe betrachtet werden.Mikhail Kizilov: The Karaites of Galicia. An Ethnoreligious Minority Among the Ashkenazim, the Turks, and the Slavs, 1772–1945. In: Studia Judaeoslavica. 2009, , S. 340.
Sprachgruppe Während ihrer Ausbreitung auf der Krim haben die Karäer zwar die hebräische Schreibweise beibehalten, aber die tatarische Sprache übernommen. Die karaimische Sprache gehört daher zu den Turksprachen und zerfällt in verschiedene Dialekte oder Lokalsprachen. Sie ist vom Aussterben bedroht oder wird bereits nicht mehr gesprochen. In der UdSSR von 1989 gaben 503 Menschen an, die karaimische Sprache als Muttersprache zu haben. In Litauen gibt es Ansätze, die Sprache als kulturelles Erbe und als Sakralsprache (ähnlich dem Latein der Katholiken) zu erhalten. Auf der Krim benutzen die Karäer ihre Muttersprache neben dem Hebräischen beim Gottesdienst.
Geschichte und Schwerpunkte mini|Nachweisbare Ausbreitung der karäischen Strömung. Im Nahen Osten: Lila: 8.–9. Jahrhundert, helles rot: 9.–11. Jahrhundert, dunkelrot: 12. Jahrhundert. In Osteuropa: dunkleres violett: 8.–11. Jahrhundert (?), helleres violett: 13.–14. Jahrhundert. Schwarze Städte: religiöse Zentren, gelbe Orte: weitere nachgewiesene Gemeinden.
Byzantinisches Reich Während des Ersten Kreuzzugs wurden die Karäer wie die rabbinischen Juden verfolgt. Um 1099 wanderten sie daher in großer Zahl nach Konstantinopel aus. Dort galten sie wegen ihres Bezugs auf die Tora als „bibeltreu“ und erschienen insofern nicht im Widerspruch zur christlichen Religion. Daher wurden sie im byzantinischen Reich im Gegensatz zu den Juden nicht als Häretiker verfolgt.
Im 13./14. Jahrhundert erlebte die Bewegung in den christlichen Siedlungsgebieten Kleinasiens sowie rund um Konstantinopel eine „Blüte auf literarischem Gebiet“.
Osmanisches Reich